Hinterm Mond gleich links

Letztes Jahr haben wir uns hier auf den Scienceblogs ausführlich mit den sehr abstrusen Vorstellungen gewisser Leute über den neuen Teilchenbeschleuniger LHC am CERN *äh* auseinandergesetzt (auch musikalisch).

Wobei auseinandergesetzt bei mir immer öfter in “Kopf-gegen-Tisch-Knallen” ausartete.

Wir wurden konfrontiert mit:
Frankenstein-Visionen,
was soll der Scheiß? Grundlagenforschung?”,
“Ich will aber 100%ige Sicherheit! Mir egal, dass es das nicht gibt. Ich will, ich will!”,
“ich weiß, dass Ihr keine Ahnung habt und weiß viel mehr als Ihr, auch wenn ich Neutrinos mit Protonen verwechsle”
“diese Webseite *irgendeines Cranks* sagt aber das und das. Das steht im Internet, also muss das stimmen.”
“Nehmt gefälligst meine Sorgen Ernst, auch wenn die Sorgen eingeredet und an den Haaren herbeigezogen sind.”
“Aber der Professor Dings und Dings sagt das so? Das ist doch hier wie im Film, oder? Da hat auch immer der eine verrückte Professor Recht und die 1000 anderen Professoren sind alle doof. Das Leben ist doch genau so wie im letzten Hollywood-Blockbuster dargestellt, oder etwa nicht?”
“Ihr habt mich gar nicht um Erlaubnis gefragt! Was fällt Euch ein? Ihr dürft nur dann mit sowas anfangen, bis alle Menschen auf der Erde das verstehen und Euch grünes Licht geben!”

Etc. pp ad nauseam.

Da hab ich mir ganz spontan dieses T-Shirt gewünscht:

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Inzwischen läuft das LHC seit einigen Monaten (mit ner Pause dazwischen) und fängt so langsam an sein volles Potenzial auszuschöpfen.

Und…?

Die Erde steht noch, die Hysteriker haben sich für ihre Panikmache natürlich nicht entschuldigt, sondern haben sich zumindest vom deutschen Bundesverfassungsgericht eine dicke, fette Abfuhr abgeholt.

Ich stelle daher mal diese glorreiche Pressemitteilung des BVG hier ein (die für mich wichtigen Teile habe ich mal fett hervorgehoben):
Die Beschwerdeführerin ist eine deutsche Staatsangehörige mit Wohnsitz
im Ausland. Mit einem Eilantrag zum Verwaltungsgericht Köln versuchte
sie vergeblich, die Bundesrepublik Deutschland zu verpflichten, gegen
die Versuchsreihen der Europäischen Organisation für kernphysikalische
Forschung (Organisation Européenne pour la Recherche Nucléaire – CERN)
einzuschreiten. In dieser Forschungseinrichtung können nach einer in der
kernphysikalischen Wissenschaft diskutierten Theorie sogenannte
Miniatur-Schwarze-Löcher erzeugt werden. Nach überwiegender
wissenschaftlicher Meinung birgt dieser Versuchsaufbau am CERN kein
Gefahrenpotential. Die Beschwerdeführerin befürchtet allerdings eine
Zerstörung der Erde durch die geplante Versuchsreihe. Mit ihrem Antrag
hatte sie auch in der Rechtsmittelinstanz keinen Erfolg.


Die Beschwerdeführerin rügt mit ihrer Verfassungsbeschwerde insbesondere
eine Verletzung ihres Grundrechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG. Die
Bundesrepublik Deutschland sei wegen ihrer Beteiligung an “CERN” von
Verfassungs wegen verpflichtet, auf diese Organisation einzuwirken, um
die bei der Versuchsreihe eingesetzte Energie auf ein unbedenkliches Maß
zu beschränken. Dies gelte jedenfalls solange, wie die Warnung, die Erde
könne zerstört werden, nicht empirisch widerlegt sei.


Die 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts hat diese
Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen. Sie ist
unzulässig, weil die Beschwerdeführerin nicht substantiiert darlegt,
dass sie durch die ablehnenden Gerichtsentscheidungen in ihrem
Grundrecht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG verletzt ist. Ein schlüssiger
Vortrag der Beschwerdeführerin, der von ihr befürchtete Schaden werde
eintreten, fehlt. Für die Darlegung der Möglichkeit eines solchen
Schadenseintritts genügt es insbesondere nicht, Warnungen auf ein
generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen, also gegenüber
theoretischen Aussagen der modernen Naturwissenschaft zu stützen.
Praktisch vernünftige Zweifel setzen wenigstens die Auseinandersetzung
mit Gegenbeispielen, also Widerlegungsversuchen der jeweiligen Aussagen
voraus. Namentlich im Bereich der theoretisch weit fortgeschrittenen
Naturwissenschaften erfordern vernünftige Zweifel zudem ein
hinreichendes fachliches Argumentationsniveau. Dabei kann man sich nicht
wie die Beschwerdeführerin auf solche Hilfserwägungen beschränken, die
ihrerseits mit dem bewährten, anerkannten Hintergrundwissen des
jeweiligen Faches in Widerspruch stehen und nach ihrem eigenen Vortrag
bislang weder wissenschaftlich publiziert, noch auch nur in Umrissen
theoretisch ausgearbeitet sind.


Ebensowenig reicht es für einen schlüssigen Vortrag aus, dass die
Beschwerdeführerin Schadensereignisse als mögliche Folge der
Versuchsreihe ankündigt und diese Ankündigung damit zu begründen sucht,
dass sich die Gefährlichkeit der Versuchsreihe eben in den von ihr für
möglich gehaltenen Schadensereignissen manifestiere. Ein solches
Vorgehen hinzunehmen hieße, Strategien zu ermöglichen, beliebige
Forschungsanliegen durch entsprechend projektspezifische Warnungen zu
Fall zu bringen.


Die Größe eines vermeintlichen Schadens hier die Vernichtung der Erde
erlaubt keinen Verzicht auf die Darlegung, dass ein wenigstens
hypothetisch denkbarer Zusammenhang zwischen der Versuchsreihe und dem
Schadensereignis besteht.


Ob und inwiefern eine staatliche Schutzpflicht zugunsten
Grundrechtsberechtigter auch in den Fällen besteht, in denen wie
vorliegend die behauptete Gefahr von einer Internationalen Organisation
ausgeht, an der Deutschland beteiligt ist, bedarf danach keiner
Entscheidung.


Das Oberverwaltungsgericht konnte sich hier darauf beschränken, die von
der Bundesregierung vorgenommene Einschätzung des Gefährdungspotentials
zu kontrollieren. Für diese Bewertung obliegt der Exekutive im Rahmen
ihrer jeweiligen Zuständigkeit eine gesteigerte Verantwortung für
Entscheidungen, die auf ungewissen Folgenabschätzungen beruhen. Das gilt
insbesondere dann, wenn wissenschaftlich und praktisch noch
unerschlossenes Neuland betreten wird. Es ist nicht Sache der
gerichtlichen Kontrolle, die der Exekutive zugewiesene Wertung
wissenschaftlicher Streitfragen einschließlich der daraus folgenden
Risikoabschätzung durch eine eigene Bewertung zu ersetzen.


Die danach durch die Exekutive pflichtgemäß vorzunehmende Bewertung ist
vorliegend erfolgt. Der wissenschaftliche Meinungsstand zur
Gefährlichkeit der von der Organisation betriebenen Versuche lässt sich
soweit aus den vorgelegten Unterlagen ersichtlich dahingehend
zusammenfassen, dass selbst die Vertreter der Minderheit, die ein
Schadensszenario für möglich halten, lediglich behaupten, dass die von
ihnen aufgezeigten theoretischen Denkmodelle, die von einer Vielzahl
unwägbarer Prämissen abhängen, bisher nicht widerlegt worden seien.
Demgegenüber schließt die Mehrheit der mit dieser Frage befassten
Wissenschaftler schon die Möglichkeit des Eintritts dieser Prämissen
aus. Entsprechende Szenarien sehen sie sogar als widerlegt an.

Ich stelle hiermit fest: Das Bundesverfassungsgericht hat sich mit diesem Text und der Begründung mit Ruhm bekleckert. Und meinen Glauben an die Menschheit wieder ein kleines bisschen wiederhergestellt. Es gibt es also doch! Intelligentes Leben auf diesem Planeten.

Weil es so gut passt, hier ein passendes Comic an alle Typen, die einem mit *nörgel, mimi, ist das denn ne gute Idee* die Träume austreiben wollen (von xkcd):

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Ich glaub das wird mein neues Lieblingscomic

Kommentare

  1. #1 JV
    März 9, 2010

    Erinnert mich so ein kleines bisschen an diese Entscheidung des Verwaltungsgerichts Hannover: http://www.spiegel.de/jahreschronik/0,1518,331269,00.html

    Mit der (für mich) unsterblichen Begründung: “Die Bundesrepublik Deutschland, ihre Länder und Körperschaften haben weder Recht noch Pflicht, die lateinische Sprache fortzuentwickeln”

    Hat zwar mit dem Threadthema wenig zu tun, zitiere ich aber immer, wenn es um Beispiele für vernünftige Gerichtsurteile (in diesem Fall: Klageabweisungen) geht. ;-)

  2. #2 julian
    März 9, 2010

    Unterschreib!
    Es hilft niemanden, sich in ein vermeintliches Optimum hereinzumaximieren.

    1.) Weiss man nie, ob es nur ein lokales ist.
    2.) Ändert sich die Funktion auch über die Zeit

    Schön zu sehen auch an der Evolution.
    Nur weil die Polymerase der Grippe z.B.: soviel Fehler macht/ausprobiert, kann sie uns immer wieder mit einer neuen Version beglücken ;)

    http://www.virology.ws/2009/05/10/the-error-prone-ways-of-rna-synthesis/

    Und was Monokultur bringt, wissen wir ja auch aus Natur und Betriebssystemlandschaft: Anfälligkeit gegenüber Krankheiten ;)

    Man muss eben auch bedenken, dass das Risiko, einen möglichen Schaden anrichten zu können kleiner sein kann, als durch nicht ausprobieren/evolvieren der Evolution zum Opfer zu fallen.

  3. #3 julian
    März 9, 2010

    @JV auch schön.
    Leider muss ich in solchen Fällen auch immer die Schattenseite der Justiz zitieren:

    “Ausnahmen, wie hier in den Raum gestellt, sind wissenschaftlich aber ebensowenig auszuschließen wie das sehr seltene Phänomen [sic!] der Parthogenese, auf welchem immerhin die Kulturgeschichte des christlichen Abendlandes zu einem nicht unerheblichen Teil beruht.”

    http://www.jurawiki.de/UnbefleckteEmpf%C3%A4ngnis

  4. #4 schlappohr
    März 9, 2010

    “Dies gelte jedenfalls solange, wie die Warnung, die Erde könne zerstört werden, nicht empirisch widerlegt sei. ”

    Wie stellt sich die gute Frau denn so eine empirische Widerlegung vor? Das Cern muss so viele Schwarze Löcher erzeugen, dass die Erde zustört wird, und bei den folgenden Exprimenten dann unter der dazu notwendigen Energie bleiben, damit nichts passiert? Das ist wirklich ein cooler Ansatz.

    Aber Hut ab vor der Begründung des BVG. Den ganzen unsäglichen Schwachsinn so treffend in einem relativ kurzen Text zu beschreiben, das ist eine Leistung.

  5. #5 Christian W
    März 9, 2010

    @Ludmila
    Ich bin erschüttert. Du hast ungefähr ausgerechnet exakt den Teil der PM gefettet, der nach dem besten Teil kommt:

    Für die Darlegung der Möglichkeit eines solchen Schadenseintritts genügt es insbesondere nicht, Warnungen auf ein generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen, also gegenüber theoretischen Aussagen der modernen Naturwissenschaft zu stützen.
    Praktisch vernünftige Zweifel setzen wenigstens die Auseinandersetzung mit Gegenbeispielen, also Widerlegungsversuchen der jeweiligen Aussagen voraus. Namentlich im Bereich der theoretisch weit fortgeschrittenen Naturwissenschaften erfordern vernünftige Zweifel zudem ein hinreichendes fachliches Argumentationsniveau. Dabei kann man sich nicht wie die Beschwerdeführerin auf solche Hilfserwägungen beschränken, die ihrerseits mit dem bewährten, anerkannten Hintergrundwissen des jeweiligen Faches in Widerspruch stehen und nach ihrem eigenen Vortrag bislang weder wissenschaftlich publiziert, noch auch nur in Umrissen theoretisch ausgearbeitet sind.

    Kurz: Lies ein Buch und dann beleg’ deinen Scheiß.

    Yeah, Papier ‘n friends for BMBF! :-)

  6. #6 MartinB
    März 9, 2010

    Das Thema “Was soll der Scheiß mit der grundlagenforschung?” wurde ja auch gerade im beliebten Wissenschaftsfeuilleton abgehandelt, wo wir ja alle lernen konnten, dass Großforschung Unsinn ist.

  7. #7 Slammer
    März 9, 2010

    Treffer und versenkt. ;)

    Schön zu lesen, daß es in der Justiz doch noch so etwas wie gesunden Menschenverstand gibt – bei einigen Dingen speziell aus HH konnte man in der Vergangenheit oft daran zweifeln…

  8. #8 michael
    März 10, 2010

    @Ludmilla > Es gibt es also doch! Intelligentes Leben auf diesem Planeten. <

    Ausserhalb von Köln gabs das schon vor langer Zeit. Und wo ? In Düsseldorf!

  9. #9 Webbaer
    März 10, 2010

    Das BVerfG (vs. BVG (Berliner Verkehrs “irgendwas”, Gesellschaft?)) hat sich tatsächlich mit der Sache beschäftigt, es hat in seiner Weisheit erkannt, dass die Annahme einer behaupteten Gefährdungssituation “beliebige Forschungsanliegen durch entsprechend projektspezifische Warnungen zu Fall zu bringen” kann. Gut!

    Die Rolle des BVerfG ist in Deutschland aber grundsätzlich wenig selig, das Primat der Politik wird durch dieses Gericht, das die von Ernst Benda entwickelten Selbstbeschränkungskonzepte längst weggelegt hat und sich in sehr vieles einmischt, gerne auch unter Hinweis auf den ganz vagen Artikel 1 des GG, immer mehr in Frage gestellt.

    Ausscheidende Präsidenten des o.g. Gerichts erdreisten sich auch noch sein permanentes Einmischen mit der Behauptung, dass Politiker nicht mehr willens oder fähig seien verfassungskonforme Gesetze zu beschliessen, zu begründen.
    Man braucht halt Expertenregierungen, gell?