Das ist der Text, den die meisten von uns vielleicht bisher zum Thema Gentechmais (nicht Genmais) MON 810 vermisst haben.


Kleine Käfer, große Fragen

Ich werde gar nicht daraus zitieren. Lest es, komplett.

Kann ich nur jedem ans Herz legen. Jörg Albrecht und Volker Stollorz (unter Mitarbeit von Georg Rüschemeyer) haben sich in der FAZ reichlich Platz genommen, um mal herauszuarbeiten, auf welchen wissenschaftlichen Ergebnissen Ministerin Aigner ihre Entscheidung stützt (Torben hat richtig gelegen).

Dabei legen die Autoren so eigenartige Dinge frei wie den Streit darüber, ob Maikäferlarven eigentlich Eier aussaugen oder mit Mundwerkzeugen fressen.

Man erfährt viel über die Soziologie des ganzen, und die mangelnde Klarheit in der ganzen Debatte, die jeden, der versucht eine unvoreingenomme Antwort zu bekommen, frustriert.

Dieser Beitrag hilft einem weiter (und macht mich stinke neidisch :-).

(und ja, er ist von Journalisten geschrieben ;-)

Nachtrag 20.4.:
Einer der beiden Autoren, Volker Stollorz, hat ein paar ergänzende Anmerkungen zum Beitrag im Kommentarbereich.

Kommentare (11)

  1. #1 Stefan
    19. April 2009

    “(und ja, er ist von Journalisten geschrieben ;-)”

    In so einem Fall lasse ich mich ja gerne belehren. ;-)

  2. #2 Tobias
    19. April 2009

    Der relevanteste Satz des Artikels ist dieser:

    Denn normalerweise ernähren sich Marienkäfer nicht von Mehlmotteneiern, sondern von Blattläusen, die sich am Saft der Stengel und Blätter satt saugen. Lässt sich im Pflanzensaft von MON 810 überhaupt Bt-Toxin nachweisen? “Wir haben den reinen Saft gemessen”, sagt Franz Bigler: “Da ist nichts drin.” Demzufolge auch in Blattläusen nicht. Und noch viel weniger in Marienkäfern oder anderen Blattlausjägern

    Zudem wird bei der Diskussion gerne vergessen, dass das Bt-Toxin auch im ökologischen Landbau gepritzt wird. Meine neuer Artikel morgen…

  3. #3 Joerg
    19. April 2009

    Der Artikel ist gut, sogar sehr gut, vor allem erfährt man endlich mal was in den Studien drin steht, was ja bsiher völlig fehlte.
    Aber diese hämisch-abgegriffenen Zwischenbemerkungen um Grabenkämpfe, “Es darf nicht sein was nicht sein kann” hätte man sich sowas von spran können…

  4. #4 Alexander
    19. April 2009

    Interessant, Stefan Rauschen ist auch im Artikel ;-)

    Leider geht das Argument “Bt-Toxin ist schädlich für Nicht-Zielorganismen” in dieser Debatte, auch in diesem Artikel, an dem einfachen Faktum vorbei, dass das Bt-Toxin in der Bio-Landwirtschaft äußerlich gespritzt wird. Wenn Frau Aigner also diese eine, und wie man sieht umstrittene Studie, als wissenschaftliche Bestätigung für ihr Verbot anführen will, dann muss sie zwangsläufig auch den Einsatz von Bt-Toxin in der Landwirtschaft verbieten.

    Ich glaube auch nicht, dass die Differenzen zwischen den Wissenschaftlern so groß sind, wie sie im Artikel dargestellt werden. So läuft Wissenschaft nunmal ab: Nachdem ein Artikel veröffentlicht wurde, muss er sich der Kritik durch Fachkollegen stellen. Das ist sogar wichtig, um fehlerhafte Versuche finden zu können.
    Problematisch wird es erst dann, wenn der Streit persönlich wird. Aber das passiert nicht nur in der Wissenschaft, und nicht nur bei diesem Thema.

  5. #5 Ludmila
    19. April 2009

    Mir fiel einfach in den letzten Tagen in der Tageszeitung, im Fernsehen im Radio eine durchweg einseitige Berichterstattung statt. Da wurde von Studien berichtet, aber nicht darüber was drin stand. Dann die Sache mit der drohenden Klage von Monsanto mit dem Beigeschmack “dieser große böse Konzern”, dann die Sache mit dem CSU-Wahlkampf aber zum Kern der Sache hörte man eigentlich weniger. Journalistisches Fast Food eben.

    Leider sind solche Artikel wie der, den Du hier empfiehlst, immer noch in der Minderheit. Was vielleicht weniger am Thema liegt, sondern einfach daran, dass Qualität nun mal Zeit braucht und Zeit ist Geld…

    Die Diskussion hatten wir schon, nicht wahr ;-)

    Aber es gibt sie, die durchdachten Artikel und dafür sollten wir dankbar sein.

  6. #6 Marcus Anhäuser
    19. April 2009

    @Ludmilla
    ging mir ja genau so, deswegen ist der Artikel ja so gut.
    Problem ist natürlich, und das finde ich eigentlich extrem ärgerlich, dass das Ministerium nicht wirklich preis gab, nach welchen Studien es beurteilt hat. Transparanez ist anders. Das man das erst zusammensuchen muss, braucht natürlich Zeit.
    Und dass am Artikel zwei Autoren plus Rechercheunterstützung gearbeitet deutet auch an, wie aufwändig das war.

    Volker liest hier manchmal mit, vielleicht kann er was dazu schreiben.

  7. #7 Cpt. Kirk
    19. April 2009

    Also da kann ich nur sagen, und das hat vielleicht mit mon 810 wenig zu tun, das nach allem was ich über monsanto weiss, von agent orange bis pcb , ich eine irreversible und tiefsitzende abneigung gegen alles habe was dieser konzern für mich darstellt.
    Wer sein geld mit patenten auf “terminator”gene und klagen gegen mexikanische bauern verdienen will, wer zum weltmarktführer überhaupt für saatgut geworden ist wegen all dieser kleinen und größeren nicht nachvollziehbarkeiten der hat meine freundschaft schon lange und meine akzeptanz sowieso verspielt, der kann bleiben wo der mutierte pfeffer wächst und bitte für die nächsten drei bis fünfzehn generationen.
    Ich weis das dies in diesem kontext wenig bis gar nichts verloren hat, aber so ist das nun mal mit mir und zum glück lebe ich in diesem fall in einer wohlig demokratischen mehrheitsblase, ,,, also pech gehabt “böser konzern”.
    Mag die larve nun beißen oder saugen, mag der fremdbestäubungsanteil kleiner 0,9% sein und ich grungsatzlich ein befürworter des euphemismus “grüner” gentechnik.
    Mag dieses verbot auch nur temporär bestand haben, ich brauche kein Mon810 und auch keinen transgenen brotaufstrich.
    Klar bin ich für biotechnologischen fortschritt und sogar fan davon, allerdings währe mir wesentlich wohler, wenn ich wüsste das der antrieb dafür das “allgemeinwohl” und nicht die profitmaximerung wäre.
    Also kein wissenschaftlicher diskurs hier , nur reine emotionen ,,, in diesem falle angst.

    Zukunftstechnik in D.land gerne , aber nicht von den Borg…

  8. #8 Volker
    20. April 2009

    danke Marcus:)
    wenn ich Zeit finde, werde ich was zur Teamarbeit zu diesem Artikel schreiben.
    Hier nur zwei Sachen: die Recherche dauerte nicht länger als drei Tage, aber nur weil wir in der Debatte seit Jahr(zehnt)en drinstecken und ich zumindest fast alle Beteiligten persönlich kenne.
    Die polemischen Kommentare sind hier deshalb angebracht, finde ich zumindest, weil sich hier bei GMO nur noch Grabenkämpfe zwischen Lagern abspielen, die der Wissenschaft selbst am meisten Schaden. Es geht um Diskreditierung der jeweils anderen Daten für politische Ziele, nicht mehr um Wissenschaft. Das kann für Wissenschaftsjournalisten nicht richtig sein. Der Streit um das Saugen und Stechen oder Fressen der frühen Larven ist nur eine Metapher für die Absurdität des Diskurses. In der Sache selbst sind auffällige Befunde bei ÖkoTox-Labortests, wenn sie denn wiederholbar sind, sehr wohl relevant für die Biosicherheitsforschung. Denn sie triggern aufwendigere Versuchsreihen, was immer auf dem Feld am Ende passieren mag.

    Zum Schluss noch ein Wort zu Bt-Sprays. Das ist eine völlig andere Debatte. Der Mais mit Bt-Gen produziert sein Gift die ganze Vegetationsperiode, das Spray aber wirkt nur tageweise…Daher wird der Vergleich durch Wiederholung nicht besser. GMOs sind anders und können (müssen aber nicht) Risiken haben. Der Mon 810 ist das falsche Objekt für eine nötige Debatte, weil hier schon 15 Jahre geforscht wurde mit Ergebnissen, die die Politik aber nicht hören will.

    Wer diskutieren will über Risiken, der schaut sich lieber mal “SmartStax” an. http://www.monsanto.com/pdf/investors/2007/09-14-07.pdf an

    Das ist ein GMO-Mais mit inzwischen acht Genen. An dem sollte man mal Effekte auf Nicht-Zielorganismen testen, im Labor und im Feld.

    Die Debatte geht also weiter, aber Wissenschaftsjournalisten sollte sie unter Einbeziehung von Wissen führen. Und Expertisen unterscheiden lernen, was schwer genug ist…

  9. #9 Marcus Anhäuser
    20. April 2009

    @Volker
    dafür nich’
    wenn ich neidisch auf einen Artikel werde, ist das immer ein gutes Zeichen :-).

  10. #10 Anhaltiner
    23. April 2009

    @Cpt.Kirk “wenn ich wüsste das der antrieb dafür das “allgemeinwohl” und nicht die profitmaximerung wäre.” – dann muss dir aber sehr oft unwohl sein. Ich kenne nur die gGmbh’s und Stiftungen die sich nicht der Gewinnmaximierung verschrieben haben – alle anderen Firmen… (nich erschrecken wenn du das nächste Mal einkaufen fährst oder sonst wie dein Geld ausgibst)

  11. #11 wolfgang nellen
    9. Mai 2009

    Glückwunsch an die beiden Autoren und den Mitarbeiter! Ich hatte erst kürzlich gesagt, dass es ein journalistischer Skandal ist, dass alle Medien die “Luxemburger Studie” ungeprüft übernehmen – Pardon! nicht alle!
    Die Recherche ist prima, der Stil zeigt, dass Journalisten Wissenschaft (und sogar ihre Probleme) verständlich, spannend und korrekt vermitteln können. Das richtige Maß an Ironie und das gelungene, indirekte Doppelinterview sind begeisternd.
    Schade, dass so etwas zu selten in Print kommt!

    Anmerkung an Cpt Kirk: In einer Demokratie sollte man auch dem Teufel die Möglichkeit zugestehen, versehentlich etwas vielleicht Gutes getan zu haben!
    w