Pharmafirmen versuchen auf Teufel komm raus Männer dazu zu bringen, ihren Testosteronhaushalt aufzufrischen. Mit fragwürdigen Mitteln, fragwürdigen Experten und entgegen einem aktuellen Forschungsergebnis …

Der Einstieg klingt jetzt wie ein richtiger Teaser für einen großen breiten Artikel zum Thema Testosteron.

Den brauchen wir aber nicht schreiben, weil den schon Cornelia Stolze für SpOn ganz wunderbar verfasst hat.

Sie beleuchtet etwa die aktuelle Kampagne, mit der Bayer versucht, Männer dazu zu bringen, die Bayer-Produkte zu nutzen (nein, wir linken da nicht hin), um ihre angeblich möglicherweise zu niedrigen Testosteron-Werte wieder hochzuschrauben (und noch eine Menge anderer Gesundheitsprobleme auf einmal zu lösen).

Bemerkenswert sind dabei die Äußerungen der Beteiligten, etwa von Erwin Filter von der Bayer-Unternehmenskommunikation. Wie viele andere Pharmafirmen auch umgeht die Firma das Verbot für rezeptpflichtige Mittel im Internet, in dem sie etwa statt des Produktnamens nur die Wirkstoffklasse nennt (wobei klar ist, um welches Mittel es sich handelt). Antwort Filters, laut SpOn: … das machten ja alle so.

Als noch beeindruckender stellt sich der von Bayer zu Verfügung gestellte Experte Michael Despeghel (“Fitness- und Lifestyle-Experte”) dar.

Weil die Stelle so schön ist, hier mal der gesamte Absatz:

In einer Pressemitteilung lässt Bayer auf der eigenen Homepage den “Fitness- und Lifestyle-Experten” Michael Despeghel verkünden, dass sich Sexualität dann am intensivsten ausleben lässt, “wenn das Körpergefühl stimmt und die vitalen Körperfunktionen problemlos funktionieren”. Doch daran fehle es “bei acht von zehn Männern”. Woher die überraschenden Zahlen stammen, ist unklar. Auf Nachfrage bei Despeghel stellt sich heraus, dass er es selbst nicht recht weiß. “Vermutlich aus GQ oder Men’s Health”, gesteht der “Gesundheitsexperte”, der weder Medizin noch Pharmazie studiert hat. Belege aus evidenzbasierten Studien, wie sie für medizinische Informationen Standard sind, hat er nicht.

Grundsätzlich gibt es kaum belastbare Untersuchungen, die zeigen, dass Testosteron das hält, was die “neuen Männerärzte” versprechen.

Im Gegenteil (und da ergänzen wir Cornelia Stolzes Beitrag): Eine Anfang Januar in JAMA veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass die Testosteron-Gabe nicht allzu viel bringt.

Ältere Männer mit niedrigem Level hatten mehr als ein Jahr regelmäßig Testosteron verabreicht bekommen. Ergebnis unter anderem: Sie waren nicht stärker, nicht beweglicher und auch kognitiv nicht besser drauf als die Kontollgruppe mit Plazebo.

Cornelia Stolze lassen wir das Schlusswort:

Im Fettgewebe wird auch ein Großteil des Testosterons abgebaut und in sein weibliches Pendant Östrogen verwandelt. Vieles spricht deshalb dafür, dass Forscher schlichtweg Ursache und Wirkung verdrehen, indem sie Testosteronmangel als Wurzel vieler Übel brandmarken.

Wer jedenfalls vom Glimmstängel lässt und einigermaßen schlank bleibt, hat selbst im Alter noch gute Chancen auf einen prächtigen Hormonspiegel. “Rund 90 Prozent aller 60-Jährigen und mehr als zwei Drittel aller 80-Jährigen haben noch genug Testosteron im Blut”, sagt Nieschlag. Der Hormonspiegel sei bei einem 70-Jährigen mit etwa 15 Nanomol vielleicht niedriger als bei einem 20- oder 30-Jährigen, dessen Wert bei 30 Nanomol liegt. “Für eine Erektion reicht das aber völlig aus.

(Angesichts der Begehrlichkeiten der Pharmafirmen ist doch irgendwie auch sympatisch, wie Männer sich bräsig und verdrängungskompetent einfach nicht dazu bringen lassen, das zu tun, was die Firmen so gerne hätten.)

Kommentare (2)

  1. #1 Chris
    14. Januar 2008

    Wie jetzt? Von Testosteron werde ich schwanger? Oh Mist…
    Ist doch klar, dass Männer als Zielgruppe interessant sind. Nicht erst seit Peles Colani-Truck-Tour. Es gibt noch keine eigene Arztgruppe für uns und die blauen Pillen haben gezeigt, wo das Geld zu holen ist. Wenn alle das machen, kann B das doch auch. Nur komisch, dass sie dazu so lange gebraucht haben.

  2. #2 Cast
    14. Februar 2008

    Apropos. In einem Artikel des Ärzteblatts vom 13. Februar – es geht um die Auftragsvergabe beim allseits be- bzw. ungeliebten IQWIG – findet sich folgende denkwürdige Passage:

    […] „Es sind Fehler gemacht worden, das will der Vorstand nicht beschönigen.“ Allerdings sei es in Deutschland auch schwer, unabhängige Wissenschaftler zu finden: „Es gibt Gutachter, die sich nicht mehr trauen, Aufträge anzunehmen, weil der Druck der Industrie so groß ist.“ Für die Zukunft müsse man die Frage beantworten, wie das IQWiG sich ein Netz von kompetenten Wissenschaftlern aufbauen könne, ohne dass zugleich Abhängigkeiten entstünden. […]

    URL: http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=31363

    Und wer sagt das? Niemand Geringerer als der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Dann kann man das ruhig noch einmal lesen und sich auf der Zunge zergehen lassen, finde ich.