Es gibt viele Medizinprodukte, die früher ausschließlich Fachpersonal vorbehalten waren und heute von Laien angewendet werden können – prominenteste Beispiele dafür sind der AED (Um den es hier auch bald gehen wird) und (mit Einschränkungen) der Guedel-Tubus.

Um das Jahr 2010 wurde über die Entwicklung einer neuen Darreichungsform für Impfungen berichtet, das Impfpflaster. Das ist im Prinzip ein ganz normales Pflaster, das an der Stelle, wo sich normalerweise die Wundauflage befindet, einen Menge winziger Nadeln hat, die beim Aufkleben etwa 0,5 mm tief in die oberste Hautschicht eindringen und dort ihren Wirkstoff freisetzen. Auf dieser Seite kann man sich ein Bild davon machen.

Damals war die Technik in einem sehr frühen Stadium, es gab keine klinischen Studien und schon gar keine praxistauglichen Produkte. Zunächst mussten geeignete Materialien für die Nadeln entwickelt werden, die stabil genug sind, die oberste Hautschicht zu durchdringen, sich aber auch auflösen und dabei keine giftigen Rückstände hinterlassen. Wenn sie sich nicht auflösen sollen, dürfen sie nicht abbrechen und das Pflaster muss seine Struktur evtl. über einige Zeit halten können Der Impfstoff muss wirksam sein, obwohl er weder in Muskelgewebe, noch in den Blutkreislauf injiziert wurde, sondern in die Epidermis, von wo aus er sich ungleich schlechter verteilen kann. Gleichzeitig muss das System so robust sein, dass es in der Praxis nicht zu vielen Ausfällen kommt und dabei so kostengünstig sein, dass es in großen Mengen zu einem kompetetiven Preis produziert werden kann. Tausend Probleme waren zu lösen und das erklärt vielleicht auch, warum es lange Zeit ziemlich still um die Impfpflaster war.

In den letzten Jahren hat sich aber einiges getan und Im Juni 2017 wurde im renommierten Journal The Lancet eine Studie mit 100 Probanden veröffentlicht, die Wirksamkeit und sicherheit der Impfpflaster für die Grippeschutzimpfung zeigt. Leider befindet sicher der ganze Artikel hinter einer Paywall. In der Zusammenfassung findet man:

Between June 23, 2015, and Sept 25, 2015, 100 participants were enrolled and randomly assigned to a group. There were no treatment-related serious adverse events, no treatment-related unsolicited grade 3 or higher adverse events, and no new-onset chronic illnesses. Among vaccinated groups (vaccine via health-care worker administered microneedle patch or intramuscular injection, or self-administered microneedle patch), overall incidence of solicited adverse events (n=89 vs n=73 vs n=73) and unsolicited adverse events (n=18 vs n=12 vs n=14) were similar. Reactogenicity was mild, transient, and most commonly reported as tenderness (15 [60%] of 25 participants [95% CI 39–79]) and pain (11 [44%] of 25 [24–65]) after intramuscular injection; and as tenderness (33 [66%] of 50 [51–79]), erythema (20 [40%] of 50 [26–55]), and pruritus (41 [82%] of 50 [69–91]) after vaccination by microneedle patch application. The geometric mean titres were similar at day 28 between the microneedle patch administered by a health-care worker versus the intramuscular route for the H1N1 strain (1197 [95% CI 855–1675] vs 997 [703–1415]; p=0·5), the H3N2 strain (287 [192–430] vs 223 [160–312]; p=0·4), and the B strain (126 [86–184] vs 94 [73–122]; p=0·06). Similar geometric mean titres were reported in participants who self-administered the microneedle patch (all p>0·05). The seroconversion percentages were significantly higher at day 28 after microneedle patch vaccination compared with placebo (all p<0·0001) and were similar to intramuscular injection (all p>0·01).

(Hervorhebungen von mir)

Das sieht gar nicht so schlecht aus. Es scheint, als gäbe es mittelfristig eine realistische Alternative zur Nadel. In den Kommentarspalten der großen Onlinezeitungen, die die Meldung gebracht haben, finden sich häufig Aussagen à la “Die Waschlappen sollen sich mal nicht so anstellen!”. Der Meinung kann man sein, aber ich bezweifle, dass sie zielführend ist. Studien weisen darauf hin, dass runde 10 % der Bevölkerung in den westlichen Ländern Angst vor Spritzen haben. Diesen Menschen eine Alternative zu bieten, bei der sie ihrer Angst nicht ins Auge sehen müssen, könnte helfen, die Impfquote zu steigern. Das mag heißen, einem Problem auszuweichen, aber das kann Sinn machen, wenn damit ein größeres Problem besser kontrolliert werden kann.