Als die britische Boulevard-Presse mitten in den August-Unruhen eine Meldung der Uni Cardiff zu Neurotransmittern für eigene Zwecke missbrauchte, machten sich die drei unverstandenen Forscher Petroc Sumner, Frederic Boy und Chris Chambers bereit zum Gegenschlag. Die Zeitung The Guardian druckte ihre ausführliche Replik, die man als konstruktive Medienschelte bezeichnen könnte:

How can we stop newspapers distorting science?
Recent news stories reported a study that supposedly linked rioting to low levels of a brain chemical. The scientists behind the research put the record straight
[…] Such proliferations of falsehood are dangerous, not only because they misinform the public, but also because they undermine public respect for science and support for the use of taxes to fund it. […]


Wie ich gerade erst gesehen habe, hat der deutsche Freitag die Geschichte dankenswerterweise übersetzt und nachgedruckt. Kollege Wolfgang Stieler von der deutschen Online-Redaktion der Technology Review erläutert zudem den Hintergrund der Geschichte.

Für die drei Forscher liegt eine der Lösungen darin, einen “Faktencheck” in Form von Freigaben wissenschaftsjournalistischer Berichterstattung einzuführen. Ein Modell, das bei den Medienschaffenden natürlich auf Ablehnung stößt und Fragen der Unabhängigkeit der Presse aufwirft. Oder liegt die Lösung vielleicht eher in einer Selbstkontrolle der Wissenschaftsjournalisten im Sinne eines Mediendoktors?

In diesem Kontext hatte übrigens Marcus Anhäuser in einem Kommentar (s.u.) noch auf ein Posting von Nature-Chefredakteur Ananyo Bhattacharya vom heutigen Donnerstag beim Guardian hingewiesen. Demnach ist ein Faktencheck durch Wissenschaftler auf breiter Basis längst Realität, obwohl dies mit Blick auf die Unabhängigkeit und Kontrollfunktion des Journalismus eine durchaus bedenkenswerte Praxis sei:

Scientists who demand to see a draft or journalists who let them may be doing so with the best of intentions. But ultimately it betrays the reader.

Kommentare (40)

  1. #1 Thilo
    27. September 2011

    “Ein Modell, das bei den Medienschaffenden natürlich auf Ablehnung stößt und Fragen der Unabhängigkeit der Presse aufwirft.”

    Diese Frage wurde in der Replik der 3 Forscher ja durchaus aufgegriffen:

    Die meisten Wissenschaftler, die wir kennen, sind gerne bereit, Texte, die auf ihren Untersuchungen beruhen, einem Faktencheck zu unterziehen. Zeitungsberichte, die ein solches Procedere durchlaufen haben, könnten mit dem Vermerk „Fakten von der Quelle überprüft“ versehen werden. Es wäre ein Instrument der Qualitätskontrolle, dem die Öffentlichkeit trauen könnte. Gleichzeitig bliebe natürlich die vollständige journalistische Unabhängigkeit gewahrt, kritisch über die Forschung zu berichten.

    PS: “nachgeduckt” ist wohl ein Freudscher Vertipper.

  2. #2 Physiker
    27. September 2011

    Der Guardian-Artikel ist wirklich lesenswert. Den Vorschlag der Forscher mit dem Qualitätssiegel “Fakten von der Quelle überprüft” finde ich extrem konstruktiv. Jeder würde davon profitieren: die Journalisten (die sich mit einem Qualitätsbeitrag von der Masse der minderwertigen Gerüchte-Artikel abheben könnten), die Wissenschaftler (und deren Ansehen) und nicht zuletzt der Leser, der sich auf die Information verlassen kann.

    Wie liesse sich denn soetwas praktisch umsetzen? Vielleicht könnte ja der Presserat eine Empfehlung für so eine Kennzeichnung aussprechen…

  3. #3 Alexander Gerber
    27. September 2011

    @ Thilo (MATHLOG): Ich glaube nicht, dass das bei Wissenschaftsjournalisten durchsetzbar wäre. Der Trend geht eigentlich mehr in die andere Richtung (siehe u.a. das jüngste ESOF in Turin), nämlich hin zu der Forderung nach einem investigativeren unabhängigeren, politischeren Wissenschaftsjournalismus.

    Re: PS: Tippfehler ganz unfreudsch’ korrigiert, danke.

  4. #4 Alexander Gerber
    27. September 2011

    @ Physiker:

    Wie liesse sich denn so etwas praktisch umsetzen? Vielleicht könnte ja der Presserat eine Empfehlung für so eine Kennzeichnung aussprechen…

    Presserechtlich sollte man da sicherlich nicht das Brecheisen ansetzen. Im Prinzip würde eine Empfehlung der Fachverbände reichen, etwa WPK, TELI, DMJV, DFJV, aber dort wird eine potenzielle “Zensur” wie gesagt sehr kritisch gesehen. Qualitätssicherung und Kontrolle liegen eben eng beieinander.
    ;-)

  5. #5 Thilo
    27. September 2011

    Die Frage ist natürlich, was “investigativ” in diesem Zusammenhang überhaupt heißen soll. In der Praxis sieht der investigative Wissenschaftsjournalismus doch offensichtlich so aus, daß eine Pressemitteilung gelesen wird, dann vielleicht noch ein paar zum jeweiligen Thema mehr oder weniger kompetente Forscher angerufen werden, und aus den Versatzstücken und ein paar Zitaten wird dann irgendwie ein Artikel zusammengerührt, dessen Inhalt nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was die Gesprächspartner oder die Autoren der Pressemitteilung eigentlich sagen wollten, geschweige denn mit den tatsächlichen Forschungsergebnissen.

    Nebenbei bemerkt ist es doch wohl auch im politischen Journalismus so, daß die Endfassung eines Interviews vom jeweiligen Interviewpartner autorisiert werden muß. Ich habe nicht den Eindruck, daß das einem kritischen, investigativen Journalismus im Weg stünde.

  6. #6 Joerg Hoewner
    27. September 2011

    So was Ähnliches versucht in Deutschland für den Medizinbereich der Mediendoktor (www.medien-doktor.de), der auch beim Grimme Online Award 2011 nominiert wurde.
    Die Idee ist in der Tat sehr charmant, nur frage ich mich, wer es mit welchen Ressourcen praktisch umsetzen soll.

  7. #7 Thilo
    27. September 2011

    @ Jörg Höwner:

    leitender Redakteur beim Medien-Doktor ist übrigens ein scienceblogs-Autor: M.Anhäuser von Plazeboalarm.

  8. #8 Alexander Gerber
    27. September 2011

    Danke, Jörg. Den Link auf am Ende des Postings auf Marcus’ Mediendoktor hattest Du gesehen? ;-))

    Sollten übrigens bei Gelegenheit mal wieder telefonieren; gibt aus Berlin viel Neues zu erzählen.

  9. #9 Dr. Webbaer
    27. September 2011

    Für die drei Forscher liegt eine der Lösungen darin, einen “Faktencheck” in Form von Freigaben wissenschaftsjournalistischer Berichterstattung einzuführen.

    Ganz bemerkenswert dieses Verständnis von Medienfreiheit. Wäre sicherlich auch der (doitschen) Politik nicht unrecht – jedenfalls bei Themen, bei denen Opposition wie Regierung Hand in Hand gehen: EURO-“Rettung”, Atomausstieg & Bürokratismus

  10. #10 Thilo
    27. September 2011

    @ Webbär:

    Den Unterschied zwischen Fakten und Meinungen verstehen Sie aber schon?

  11. #11 Dr. Webbaer
    27. September 2011

    @Thilo Küssner:
    Fakten dürfen publiziert werden, Meinungen nicht?

  12. #12 Thilo
    27. September 2011

    Fakten können einem Faktencheck unterworfen werden und DAS war das Thema dieses Artikels.

  13. #13 Dr. Webbaer
    27. September 2011

    Ein Faktencheck, der eine mediale “Freigabe” anstößt oder auch nicht, wenn Dr. W den Artikel richtig verstanden hat. Wenn Sie ein wenig zwischen den Zeilen lesen, dann könnte es auch Ihnen so scheinen, als ob der Blogautor sich über angestrebte mediale Einschränkungen amüsiert – wie übrigens auch Dr. Webbaer.

  14. #14 Alexander Gerber
    27. September 2011

    …zumindest glaube auch ich, dass es in der Praxis schwer sein würde, die Überprüfung von Fakten von der Manipulation der Ausssage eines Beitrags zu trennen. Bei der Freigabe von Zitaten ist das etwas einfacher, weil man ggf. einfach zwei Zeilen aus dem Beitrag zur Abstimmung ausschneidet. Der (faktische) “Check” eines Sachverhalts hingegen dürfte meist nur möglich sein, wenn ganze Passagen eines Beitrags zur Freigabe vorgelegt würden.
    Vielleicht müssten wir mehr überlegen, wie eine weitere Professionalisierung des Wissenschaftsjournalismus und eine stärkere Honorierung von Qualität in der Wissenschaftsberichterstattung aussehen könnte. Oder wie ein Radio-Kollege just gestern Abend meinte: Solange auch in der Wissenschaft die PR-Preise zehnmal so hoch dotiert sind wie die Journalistenpreise (von denen es allerdings inzwischen zahllose gibt), werde das so schnell nichts mit der Professionalisierung. Eine einfache Lösung liegt also wohl nicht auf dem Tisch.

  15. #15 Frank Wappler
    27. September 2011

    Alexander Gerber schrieb (27.09.11 · 12:25 Uhr):
    > […] liegt eine der Lösungen darin […]

    Wozu eine Lösung?
    Sofern “Verzerrungen” bzw. “Dispersionen” überhaupt bewertet und kenntlich gemacht werden können — was ist das Problem ??

    (Und womit beschäftigen sich “Medien”-Kundige denn sonst ? …)

  16. #16 Thilo
    27. September 2011

    Oder wie ein Radio-Kollege just gestern Abend meinte: Solange auch in der Wissenschaft die PR-Preise zehnmal so hoch dotiert sind wie die Journalistenpreise

    Es ist ja noch viel schlimmer: im Wissenschaftsjournalismus werden auch die Journalistenpreise von den jeweiligen Fachverbänden, also den Interessenvertretern der einzelnen Fächer vergeben.

  17. #17 Alexander Gerber
    28. September 2011

    @ Frank Wappler:
    Das “Problem” beschreiben die drei Forscher in aller Ausführlichkeit. Sie halten es für gesellschaftlich unverantwortlich oder gar gefährlich, wenn Medien so mit Wissenschaft umgehen wie in ihrem Fall. Mit diesem Konflikt befasst sich die Medienwissenschaft seit gut einem Jahrzehnt in Deutschland sehr intensiv (zum Beispiel die Kollegen in Jülich, Berlin, Darmstadt oder Münster). Entweder, dieser Konflikt führt zur Abgrenzung (was nicht im Sinne einer mündigen Gesellschaft sein kann) oder aber zu einer Mediatisierung der Wissenschaft (was ebenso nachweisbar ist, aber ebenfalls grundlegende Fragen über die Rolle der Wissenschaft in der Mediengesellschaft aufwirft). Nach dem Problem, finde ich, muss man also nicht lange suchen.

  18. #18 Alexander Gerber
    28. September 2011

    @Thilo:

    …im Wissenschaftsjournalismus werden auch die Journalistenpreise von den jeweiligen Fachverbänden…vergeben.

    Zum Teil zumindest von Lobbygruppen für ganz bestimmte Forschungsgebiete, ja, aber das wird in der Szene auch wenig ernst genommen und funktioniert auch nicht so wirklich. Es gibt natürlich andererseits auch anerkannte Preise wie etwa den PUNKT von acatech…

  19. #19 Dr. Webbaer
    28. September 2011

    Bei der Freigabe von Zitaten ist das etwas einfacher (…)

    Sie sind doch vom Fach, können Sie dem alten Webbaeren vielleicht kurz erklären warum Zitate in Doitschland freigegeben werden? Wenn einer etwas gesagt hat, hat er es doch gesagt. – Man liest bspw. nie das wörtlich abgeschriebene TV-Politikergestammel, da wird der Originaltext – im Gegensatz zu anderen Ländern – medial unterdrückt…

  20. #20 Alexander Gerber
    28. September 2011

    @Webbaer:
    Vermutlich weil sich print bei weitem nicht so schnell “versendet” wie Bild und Ton, sprich die Sprecher wollen sich gerade dann schon genauer überlegen, was sie wie formulieren. Das Problem mit nicht freigegeben Zitaten ist natürlich, dass der fragliche Interviewte im Nachgang immer behaupten kann, das ja gar nicht gesagt zu haben; mit einer Freigabe wird diese Behauptung schwierig. Andererseits führt das Freigabeprozedere leider oft zu einem wahren “Weichspülen” der Zitate, durch das die ursprüngliche Schärfe und Authentizität verloren gehen.
    Wird aber landauf landab unterschiedlich gehandhabt. Ich habe auch in Redaktionen gearbeitet, wo Zitatfreigaben kategorisch ausgeschlossen wurden.

  21. #21 Marcus Anhäuser
    28. September 2011

    Da will ich mir die Gelegenheit nicht nehmen lassen …
    http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2011/09/was-macht-eigentlich-der-mediendoktor-oder-braucht-der-wissenschaftsjournalismus-auch-sowas.php

    Danke für den Hinweis auf uns Alexander (und auch Jörg Höwner).

    Zum eigentlichen Vorschlag der englischen Wissenschaftler sage ich (erstmal) noch nichts, nur so viel: Innerhalb der Wissenschaftsjournalisten ist das schon lange ein Thema, bei dem solche Aspekte wie journalistische Unabhängikeit versus Faktentreue regelmäßig kollidieren.

  22. #22 Dr. Webbaer
    28. September 2011

    @Gerber
    Es geht jetzt weniger um die Interviewerei, diese bedarf auf Grund der Geschlossenheit der “Runde” wohl einer Autorisierung, sondern um die öffentlichen Verlautbarungen, außerhalb schriftlich vorab fixierter Reden, oft verfügbar in Bild und Ton, die Politiker betreffen und deren mediale Wiedergabe. – In anderen Ländern kann durchaus der schriftlich erfasste Originalton aufbereitet werden, D betreffend kennt Dr. W so etwas nicht. Greift hier der Presserat bzw. sein wenig seliger Kodex?

  23. #23 Alexander Gerber
    28. September 2011

    @Webbaer: I.d.R. gilt ja das gesprochene Wort, und dieses wird (u.a. in der Radiopraxis) gerne nachträglich transkribiert, bedarf dann aber keiner Autorisierung mehr, denn wurde ja buchstäblich “gesagt”. ;-)

  24. #24 Dr. Webbaer
    28. September 2011

    OK, mal exemplarisch, haben Sie sowas schon mal in deutscher Sprache gesehen:
    http://www.foxnews.com/on-air/hannity/transcript/gingrich-comes-out-swinging-against-obama-after-announcing-presidential-bid (“transcript”)

  25. #25 Alexander Gerber
    28. September 2011

    @Webbaer: Im Bereich Wissenschaft zum Beispiel beim Deutschlandfunk
    >> http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/1565123/

  26. #26 Dr. Webbaer
    28. September 2011

    War das O-Ton, kann man so gut deutsch?, oder war das das Resultat eines E-Mail-Pingpongs (selbst Dr. W hat schon mal Interviews gegeben ;)? Haben Sie Beispiele für politische Fragestunden?

  27. #27 BreitSide
    28. September 2011

    Interessant, dass der angebliche Dr. mit dem braunen Webfehler im Pelz ausgerechnet foxnews anbringt. BILD hatte wohl ein zu hohes Niveau…;-)

  28. #28 Alexander Gerber
    28. September 2011

    …da scheinen sich wohl zwei zu kennen.

  29. #29 noch'n Flo
    28. September 2011

    Nur 2?!?

  30. #30 Dr. Webbaer
    28. September 2011

    @Gerber
    OK, der Text ist geschönt, obwohl sich die Dame recht ordentlich auszudrücken versteht. Gibt’s sowas auch für politische Sendungen?

    MFG
    Dr. Webbaer

    PS + BTW: Was für Desaster in der freien Rede möglich sind, wissen Sie bestimmt, bspw. sowas: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1155442/Übrigens-..-zur-Sendung-vom-06.10.2010 – hier das Transcript – http://www.scienceblogs.de/von_bits_und_bytes/2011/09/harald-lesch-uber-das-perfekte-verbrechen.php#comment250691

  31. #31 BreitSide
    28. September 2011

    …kennen ist zuviel gesagt. Aber der braune Geselle tritt überall auf, und zwar meist nach dem selben Schema:
    – unverfängliche Fragen,
    – Unverständnis der Antwort,
    – weitere Fragen, speziell solche, deren Beantwortung mit viel Arbeit durch den Beantworter verbunden ist,
    – wieder Unverständnis der Antwort,
    – sich steigerndes Trollen.

    Fast jeder der SBler hat seine eigene Taktik, den Braunen wieder loszuwerden. Eins braucht aber jeder: einen langen Atem.

    Und es ist schon bezeichnend, dass er gleich ein Interview mit Kreationist, Klimaleugner usw Newt Gingrich (ok, für seinen Vornamen kann er nichts, ich würde mein Kind nie “Molch” nennen, wahrscheinlich war ihm “Newton” auch zu peinlich wissenschaftlich) bringt.

  32. #32 Marcus Anhäuser
    29. September 2011

    Ich finde übrigens, der Kommentar im Guardian als Replik auf den Vorschlag des Faktencheck erklärt die Position der Journalisten eigentlich schon ziemlich gut:

    http://www.guardian.co.uk/science/blog/2011/sep/29/scientists-copy-check-stories

    “Denying sources access to final copy before publication is one of the central principles of good journalism.”

    Nichtsdestotrotz kann man als verantwortungsvoller Journalist durchaus immer wieder nachfragen, ob z.B. Ergebnisse richtig verstanden wurden und Implikationen daraus plausibel sind.

    Das es immer wieder Journalisten gibt, die es nicht verstehen, verantwortungslos sind usw. das wird sich wohl nicht verhindern lassen.

  33. #33 Alexander Gerber
    29. September 2011

    @ Marcus: Danke nach Dortmund für die Ergänzung. Ich arbeite das auch noch oben im Beitrag ein.

  34. #34 Physiker
    29. September 2011

    Also ich finde, die Replik des Nature-Editors geht völlig am Vorschlag der Forscher vorbei. Denn in allen von Ananyo Bhattacharya gebrachten Beispielen geht es um Enthüllungsjournalismus, d.h. das Aufdecken irgendwelcher Missstände und eben nicht um den Teil des Wissenschaftsjournalismus, der wirklich nur daran interessiert ist neueste Forschungsergebnisse allgemeinverständlich aufzuarbeiten. Warum sollte ein Journalist, der über einen Skandal in der Wissenschaft berichten will überhaupt an einem solchen freiwilligen Qulitätssiegel wie “Fakten von der Quelle überprüft” interessiert sein? Im Gegenteil – für einen derartigen Artikel wäre ein solches Label absolut lächerlich. Dieses macht nämlich nur dann Sinn, wenn der Journalist wirklich daran interessiert ist, Forschungserbebnisse wiederzugeben.
    Wenn die Detailverliebtheit der Forscher als Ausrede dafür herhalten muss, dass man besser nicht nachfragen soll weil sonst die Allgemeinverständlichkeit des Artikels leidet, hat man ja schon fast den Eindruck dass Bhattacharya jedes stereotype Vorurteil bedienen will.
    Und dann auch noch die Faulheit/Nachlässigkeit/das “Befriedungsbedürfnis” der Journalisten als Argument gegen eine solche freiwillige Massnahme anzuführen ist ja wirklich das Letzte…

    Sorry, aber diese Replik lässt sich Satz für Satz auseinandernehmen ohne dass daran auch nur noch ein einziges gutes Haar bleiben würde.

  35. #35 Thilo
    29. September 2011

    Auf dieser abstrakten Ebene macht die Diskussion tatsächlich wenig Sinn. Die Frage ist doch: gibt es irgendwelche konkreten Beispiele aus jüngerer Zeit von Wissenschaftsartikeln in Tageszeitungen, die dadurch besser geworden sind, daß die Journalisten eben NICHT wiedergegeben haben, was ihnen von den Fachleuten gesagt wurde?

    Wir brauchen nicht darüber diskutieren, daß Journalisten sich nicht für Publicity einspannen lassen sollten. Aber letzteres ist doch eine Frage nach der Auswahl der berichtenswerten Themen, nicht nach der Kontrolle der inhaltlichen Richtigkeit.

  36. #36 Thilo
    22. Oktober 2011

    Ein ganz gutes Beispiel, wie ungeprüfte “Zitate” nicht nur falsche Inhalte transportieren, sondern eben nicht zuletzt auch den Ruf der “zitierten” Wissenschaftler dauerhaft ruinieren können, sind die Analysen zum aktuellen angeblichen Kannibalismus-Fall.

    Die Online-Ausgabe von BILD greift den Fall unter der Überschrift Gibt es heute auf der Todesinsel noch Kannibalen? auf und zitiert zunächst Dr. Gundolf Krüger (der übrigens kein “Kannibalismus-Experte”, sondern Ethnologe mit Schwerpunkt Ozeanistik und Museumsethnologie ist):

    „Eigentlich sind die Einwohner Polynesiens heute zum Großteil christianisiert und alphabetisiert und damit ein frommes und gebildetes Volk“, erklärt Kannibalismus-Experte Dr. Gundolf Krüger (61).
    Für ihn klingt der Tod des Deutschen nach einem wahnsinnigen Einzeltäter. Krüger: „Kannibalismus liegt außerhalb jeder Norm. Aber es ist gut möglich, dass sich der Täter von alten Ritualen leiten ließ.“
    So war es Tradition der „Kaioi“ (Krieger), Feinde zu enthaupten und von ihren Extremitäten zu kosten. „Um sich ihr Mana, ihre Lebenskraft, einzuverleiben. Es ging aber nie um den Genuss des Fleisches“, erklärt Krüger.

    und anschließend dann “Prof.” Annerose Menninger (die wiederum als Ethnologin bezeichnet wird, obwohl sie Historikerin ist, und die übrigens auch keine Professorin ist und sich sicherlich gegenüber BILD auch nicht als solche ausgegeben haben wird):

    Ethnologin Prof. Annerose Menninger (50) beschreibt ein anderes Ritual: „Es muss nicht sein, dass Stefan R. verspeist wurde. Möglicherweise ist das Opfer verunglückt und bei der Zeremonie am Feuer handelte es sich um ein Bestattungsritual, mit dem der angebliche Täter den Toten noch ehrte.“
    Aber warum ist Henri Haiti dann auf der Flucht?

    Sebastian Brauns hat die Entstehung des BILD-Artikels nachrecherchiert und berichtet auf dem Bildblog unter der Überschrift “Gefundenes Fressen” Erstaunliches:

    Auf Anfrage von uns erklärt Krüger, “Bild” habe ihn in einer völlig falschen Weise wiedergegeben: Er habe dem Anrufer vom Axel-Springer-Verlag sehr differenziert erläutert, dass es außer literarischen Zeugnissen von Melville und der späteren Trivial-Literatur keine Beweise für Kannibalismus auf den Marquesas gebe. Außerdem habe er darauf hingewiesen, dass man bei diesem Thema sehr behutsam und mit größter Vorsicht vorgehen müsse.
    Dr. Gundolf Krüger hat per E-Mail insgesamt drei Zitate freigegeben, die jedoch nie erschienen.
    […]
    Die als Gegenspielerin von Dr. Krüger aufgebaute Privatdozentin Menninger ist Spezialistin für die Frühe Neuzeit der Karibik, nicht für die Südsee und schon gar nicht für den aktuellen Fall. Sie erklärt uns auf Anfrage: “Ich ärgere mich sehr, dass Bild mich so zitiert, bzw. meine Argumentation kontextentfremdet – und dabei auch noch haarsträubend unlogisch wiedergegeben hat. Im Gegensatz zu Herrn Dr. Krüger habe ich nicht einmal Zitate freigegeben.” Die renommierte Dozentin berichtet, sie müsse sich seit der Veröffentlichung in “Bild” mit dem Unverständnis ihrer Fachkollegen herumschlagen.

    Die beiden “zitierten” Wissenschaftler werden sich in den nächsten Jahren wohl auf keiner Fachtagung mehr sehen lassen können…

  37. #37 Thilo
    22. Oktober 2011

    Die Recherche von Sebastian Brauns ist auf http://www.bildblog.de/gefundenes-fressen/

  38. #38 Alexander Gerber
    23. Oktober 2011

    Danke, Thilo, für die Ergänzungen!

    Da die Querverweise hier auf SB nicht von allen Nutzern gleich gesehen werden, hier noch einmal kurz der Hinweis auf den gestern geposteten Redebeitrag von acatech-Präsident Hüttl, der mit besagtem britischen Modell sympathisiert, was wiederum bei Journalisten-Kollegen umstritten ist:

    Die Verabredung dort sei, dass die Mitglieder der britischen Wissenschaftsakademie „vor der Veröffentlichung bestimmte Beiträge kommentieren”. Die Medien seien frei, auf diese Kommentierungen zu reagieren oder nicht. […] Es gehe allein um „Qualitätssicherung”.

    http://www.scienceblogs.de/sic/2011/10/krise-im-technikjournalismus.php

  39. #39 Thilo
    31. März 2012

    http://www.zeit.de/2012/14/Martenstein

    Die Presse braucht manchmal eine harte Hand. Du musst dir jeden Satz zur Autorisierung vorlegen lassen, vor allem auch die Kommas. Wenn du das vergisst oder wenn du nett und großzügig sein willst, dann liest du hinterher manchmal Sätze in der Zeitung, die du angeblich gesagt hast und die nur von einem geistig Verwirrten stammen können.

  40. #40 rolak
    31. März 2012

    Schöner Querverweis, danke, Thilo. Schon allein wegen der Transsubstantiation der Aussage

    Ich schreibe nicht Barock, ich schreibe Bauhaus.

    zur Schlagzeile

    Baumarkt ist besser als Barock!

    So fröhlich kann ein WE anfangen :-)
    Auch ein gutes Beispiel dafür, welche Schwierigkeiten auftreten können, wenn nach dem Ursprung einer Redewendung gesucht wird…