SocioKommunikativ

Aufruhr in der Alpenrepublik: Huch, Sex!

Eine Aufklärungsbroschüre des Vereins selbstlaut im Auftrag des österreichischen Unterrichtsminsteriums sorgt aktuell für Debatten: In dieser Broschüre kommen abseits der ‘Kernfamilie’ auch andere Lebenskonzepte vor. Huch, hach, das geht in den Augen einiger gar nicht. Die von außen sicherlich recht unterhaltsam wirkende Debatte möchte ich der Scienceblog-Gemeinde nicht vorenthalten. Die öffentliche Debatte offenbart wieder einmal, dass Fakten und Ideologie zwei unterschiedliche paar Schuhe sind, die sich nicht unbedingt vertragen.

(c) Kurier, Pammesberger

Was nicht sein darf, soll nicht sein: Das Abendland ist in Österreich (wiedermal ;)) bedroht. Nicht Fakten zählen, nicht die tatsächliche Struktur der Lebensformen, Verschiedenes darf nicht nebeneinander stehen, die Welt soll so sein, wie manche  sie gern hätten. Realität hin oder her, das zählt nicht. Zumindest in den Augen zweier österreichischer Parteien – ÖVP und FPÖ. In zwei parlamentarischen Anfragen (Anfrage VP und Anfrage FP) empören sich die beiden Parteien über die Broschüre. Der Familienbund echauffiert sich. SchülerInnen sollen nicht lernen was ist, sondern was sein soll. In einem bildungs- und wissenschaftsfeindlichen Land wie Österreich geht diese Masche auf und so debattiert das Land wiedermal auf üblichem Niveau: In Österreichs auflagenstärkster Zeitung wird die Aufklärungsbroschüre so zur Sex-Unterlage, im Kurier wird sie zur Sexfibel und in der Zeitung “Österreich” zum Sex-Heft (interessant: in Österreich kamen die AutorInnen mit einem Verweis auf die gesellschaftliche Realität zu Wort). In der Qualitätspresse sind die Formulierungen erwartungsgemäß differenzierter (Artikel im Standard, Artikel in der Presse, weiterer Presseartikel). Die Ministerin prüft nun. Wir sind gespannt…

Kommentare

  1. #1 Spoing
    November 29, 2012

    Ich habe mir das jetzt mal angesehen (in etwa jede dritte gelesen, die 145 Seiten waren mir einfach zu viel) und muss sagen mir ist das ganze viel zu “Klischee pädagogisch”.
    Oft mals geht es in die Richtung alle haben Recht, wir haben uns alle lieb Hauptsache wohlfühlen usw. . Sicherlich für viele Bereiche gegenüber Kindern und jugendliche nicht sie verkehrteste Vorgehensweise.
    Aber das ständige erwähnen von, egal was ihr macht, schämen sollten sich nur die, die das nicht akzeptieren ist nicht unbedingt realitätsnah.

    Die Reaktion der ÖVP und FPÖ finde aber völlig übertrieben. Das Potential die jugend zu Verderben und in Unsitte zu stürzen (oder was auch immer genau deren Ängste sind) hat die Broschüre in keiner Weise. Es wird einfach nicht in deren konservatives Weltbild passen.

    Allerdings sehe ich weder Faktenleugnung noch Wissenschaftsfeindlichkeit bei den Kritikern.
    Was sexuell normal ist, ist ja eher eine gesellschaftliche Vorstellung als ein wissenschaftlicher Fakt. Und mit wissenschaftlichen Fakten hat das Heftchen kaum was zu tun.

  2. #2 Michaela Seh
    Wien
    November 29, 2012

    Gerade die Fakten sind es eben, die zählen sollten. In Österreich ist nämlich die “Leihmutterschaft” nicht erlaubt, wird in der Broschüre aber als Möglichkeit Kinder zu bekommen angegeben. Eine weitere Variante wäre nach den Verfassern: “Menschen, die gut befreundet sind und sich dazu verabreden, ein Kind zu zeugen”. Unterhaltsam wirkt das für mich in keinem Fall, sondern eher besorgniserregend, wenn man bedenkt, dass diese Texte Kindern im Alter von 6 bis12 vorgelegt werden sollen. Die Herausforderungen und Probleme, welche diese neue Lebenskonzepte mit sich bringen werden in der Sexualbroschüre nicht einmal angedeuetet, sondern als “Freide-Freude-Eierkuchen”-Modell dargestellt. Das ist meiner Meinung nach bar jeglicher Realität!

  3. #3 Andrea Schaffar
    November 29, 2012

    @Spoing: Normal ist halt immer normativ. ;) Fakt ist die Kernfamilie ist nur eine gesellschaftliche Realität unter anderen. Dass die reine Erwähnung der von anderen Lebenskonzepten (wiedermal) solche Reaktionen hervorruft, zeigt die Leugnung in meinen Augen. Aber stimmt, das ist natürlich eine politische Frage: Gehe ich von dem aus was ist oder gehe ich von dem aus das ich (ideologisch) möchte?

    Die Wissenschafts- und Bildungsfeindlichkeit in Ö sind für mich Faktoren dafür warum der öffentliche Diskurs so läuft wie er es tut.

    @Michaela Seh: Ich hab die Debatte als unterhaltsam bezeichnet, nicht die Broschüre. Bei der Broschüre hätte etwas genaueres Rückchecken sicherlich gut getan.

  4. #4 Spoing
    November 30, 2012

    Da im Nebenforum gerade auch wieder das Genderthema diskutiert wird, hier noch mal eine (nicht ganz ernst gemeinte) Frage.

    In der Broschüre stand wenn ich mich recht entsinne PedagogInnen. Ist das nicht sexistisch, da die männliche Form ja zur Gänze unterdrückt wird :-D
    Wäre da ein Pädagog(Inn)en nicht die korrektere Form.

  5. #5 sching
    November 30, 2012

    Oh mein Gott!

    Ich habe die “Sexfiebel” gelesen und bin auf der Stelle schwul geworden!

    /satire

  6. #6 Stefan W.
    November 30, 2012

    @Michaela Seh

    dass diese Texte Kindern im Alter von 6 bis12 vorgelegt werden sollen.

    Soweit ich weiß ist dies eine Broschüre für Pädagogen, nicht für die Kinder selbst.

    @Andrea: echauffiert, nicht echoffiert – sonst wird das nichts mit dem Echo.

    Aber das ständige erwähnen von, egal was ihr macht, schämen sollten sich nur die, die das nicht akzeptieren ist nicht unbedingt realitätsnah.

    Das verstehe ich nicht. Es handelt sich doch um eine Bewertung. Wenn ich eine solche ausspreche ist diese Realität – was soll denn eine realitätsnahere Bewertung sein? Wieso überhaupt realitätsnah?

    Wenn Kindern etwas vermittelt werden soll, dann zählt doch nicht, was die Kinder selbst als Einstellung mitbringen (das würde ich in dem Zusammenhang als Realität verstehen) oder dominante Einstellungen in ihren Milieus – dafür brauche ich kein Programm, sondern das ist – wie das Wort Realität schon sagt – ja ohnehin da.

    Oder ist das überhaupt nur eine sinnlose Floskel, um der Gegenseite Realitätsfernes Spinnertum unterzuschieben?

  7. #7 Stefan W.
    http://home.arcor.de/hirnstrom/beschneidung
    November 30, 2012

    Oh – die fehlende Editfunktion!

    Da fehlt vor der 2. Einrückung ein @Spoing, und ‘realitätsfernes’ muss klein geschrieben werden.

  8. #8 Andrea Schaffar
    November 30, 2012

    @ Stefan W.:

    “@Andrea: echauffiert, nicht echoffiert – sonst wird das nichts mit dem Echo.”

    Fehler passieren. ;) Ist geändert.

  9. #9 Andrea Schaffar
    Dezember 3, 2012

    Auf einem österreichischen Privatsender (Puls 4) gibts zu der Broschüre heute eine Diskussion, auch online nachzuschauen:

    http://www.puls4.com/austrianews/Pro-und-Contra-Umstrittene-Sexbroschuere-fuer-Sech/artikel/10762

    Hab heute keine Zeit mir das anzusehen, bin mir aber ziemlich sicher, dass greifbar wird was ich mit österreichischer Diskurskultur meinte. Diesbezüglich ist das Land ziemlich zuverlässig. ;)

  10. #10 Randifan
    Dezember 4, 2012

    In der Bibel werden auch alternative Familienformen präsentiert, aber all die Beschreibungen polygamer Beziehungen scheint keinen Konservativen aufzuregen, obwohl die biblische Haltung zu diesem Thema wiedersprüchlich ist.

  11. #11 Sabrina
    Dezember 12, 2012

    @Michaela Seh:

    Theoretisch ist eine Sexualaufklärung über solche Themen gar nicht schlecht, nur sollte man eben das Alter beachten, in dem sich die Kinder befinden. Möglicherweise sind sie mit solch detaillierten Informationen überfordert. Derartige Sexualaufklärung sollte, meiner Meinung nach, später beginnen, wie die von http://harri-wettstein.de .