20171121_163158

Kleine Teilchen, die sich durch Blutgefäße bewegen und Krankheitserreger abtöten, Material, dass sich wie menschliche Haut heilen kann oder der rasche Fortschritt der Computertechnologie. Die Entwicklung der Nanotechnologie ist von Beginn an nicht nur eine technische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage gewesen. Sie wird unsere Gesellschaft, als eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhundert, nachhaltig verändern. Während einer Konferenz der National Science Foundation im Jahr 2000, die sich mit den sozialen Auswirkungen von Nanotechnologie beschäftigte, wurde deswegen erörtert, dass die Sozialwissenschaften, die sich bisher kaum mit diesem Thema beschäftigt haben, stärker in die Entwicklungen der Nanotechnologie eingebunden werden sollten. Die Studie ‘Public attitudes towards nanotechnology‘ des amerikanischen Soziologen William Bainbridge aus dem Jahr 2002 lieferte dazu einen wichtigen ersten Schritt.

Mithilfe einer Internetumfrage befragte er 3909 Personen über deren Ansichten zur Nanotechnologie und den Zusammenhang mit drei anderen zukunftsträchtigen Technologien (Weltraumprogramm, Kernenergie und Klonen). Die Befragten sollten bei verschiedenen Statements angeben, ob sie zustimmen oder dagegen sind. Dabei war für jede ausgewählte Technologie ein Statement jeweils pro und eins kontra:

  1. Die Menschheit wird stark von der Nanotechnologie, welche Objekte Atom für Atom zusammensetzt, um neue Strukturen, Materialien und Maschinen zu erschaffen, profitieren. (pro)
  2. Unsere wichtigste Technologie des 21ten Jahrhunderts, Robotik, Genetik und Nanotechnologie sind Gefahren, die Menschen zu einer gefährdeten Art machen. (kontra)

Die Ergebnisse sind in der unteren Tabelle dargestellt:

Table 1

Reprinted with permission from Bainbridge, W.S. (2002). © 2002 Kluwer Academic Press

Um den (linearen) Zusammenhang der verschiedenen Aussagen zur Nanotechnologie zu untersuchen, wurde der Korrelationskoeffizient (Correlation r) bestimmt. Dieser liegt zwischen -1 und 1 und zeigt an, ob es einen positiven (1) oder negativen (-1) Zusammenhang zwischen zwei Aussagen gibt. Ein positiver Zusammenhang heißt, dass eine Person die der einen Aussage zustimmt auch der anderen zustimmt. Ein negativer Zusammenhang heißt, dass eine Zustimmung der einen Aussage eine Ablehnung der anderen nach sich zieht. Wenn der Korrelationskoeffizient nahe bei null ist, gibt es keinen Zusammenhang und es ist egal ob eine Person bei einer vorherigen Aussage zustimmt oder ablehnt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Nanotechnologie damals sehr positiv gesehen wurde. Menschen die die Nanotechnologie unterstützen finden in der Regel auch die anderen drei Technologien gut. Allerdings hat die Nanotechnologie, im Vergleich zu den anderen Technologien, sogar mehr Unterstützer (57.5%) und wesentlich weniger Gegner (9%). Außerdem beinhaltet die Befragung zwei pseudowissenschaftliche Aussagen, um zu testen, ob das gesellschaftliche Bild der Nanotechnologie im Bereich der Science Fiction einzuordnen ist bzw. stark davon geprägt ist. Da die Korrelationskoeffizienten der pseudowissenschaftlichen Aussagen nahe bei Null liegen, trifft dieses nicht zu. Obwohl es schon sehr spannend, dass nur ca. ein Drittel der Aussage zustimmt, Zeitmaschinen oder ähnliches seien unmöglich…

Table 2

Reprinted with permission from Bainbridge, W.S. (2002). © 2002 Kluwer Academic Press

Die erhobene Befragung wurde schließlich noch hinsichtlich der vier Kategorien: Geschlecht, Bildungsstand, politische Einstellung und Alter untersucht und dabei kam etwas sehr Interessantes heraus. Die Daten zeigen überraschenderweise (jedenfalls für mich), dass die größte Fürsprache von jemanden aus dem Bereich männlich, alt, konservativ, mit einem Collegeabschluss kommt. Noch überraschender fand ich, dass in der Geschlechterfrage der Unterschied am deutlichsten ist. Während die Männer Nanotechnologie zu Zweidritteln unterstützen sind es bei den Frauen knapp weniger als die Hälfte. In den anderen Kategorien sind die wesentlich geringer. Warum das so ist, ist mir tatsächlich völlig unklar und vielleicht wird es Zeit für eine Nanogenderdebatte…Interessant wäre ob sich dieses Ergebnis in den Studienzahlen widerspiegelt.

Neben diesen zwei quantitativen Ergebnissen wurde ¼ der Teilnehmer gebeten offene Kommentare und Ideen zum Thema Nanotechnologie abzugeben. Die Idee dahinter ist, dass auf Basis dieser Kommentare und Ideen zukünftige Statements für einen umfangreichen Fragebogen entwickelt werden können. Insgesamt haben 598 Teilnehmer geantwortet. Auch wenn nicht alle Kommentare zu gebrauchen sind, gab es doch eine ganze Reihe sinnvoller Kommentare wie z.B.:

Auch wenn Nanotechnologie sehr neu und nicht umfassend erforscht ist, werden wir von ihr profitieren. Nanotechnologie könnte zu neuen Diagnose Methoden und Behandlungen führen. Sie führt zur Miniaturisierung der Elektronik und neuen Materialen. Die einzige Gefahr besteht in der militärischen Anwendung und der Einschränkung der bürgerlichen Freiheit.

Aus einem solchen Kommentar können eine Reihe von Statements wie z.B.: Nanotechnologie führt zur Entwicklung neuer Materialien. Insgesamt konnten aus den Kommentaren der Teilnehmer 108 Statements zu den Bereichen allgemeiner Fortschritt, Elektronik/Robotik, neue Materialien, usw. abgeleitet werden, was großartig für weitere soziologische Untersuchungen ist.

Auch wenn die Ergebnisse zu Beginn etwas Mau erscheinen, nur Zustimmung oder Ablehnung und einige demographische Daten, ist die Studie ein sehr wichtiger erster Schritt gewesen und hat einen wichtigen Bestandteil bei der Entwicklung neuer Technologien in die Nanotechnologie eingeführt, die Einstellung der Gesellschaft.

[1] Bainbridge, W.S. (2002), Public attitudes torwards nanotechnology, J. Nanopart. R., 4, 561-570

Kommentare (2)

  1. #1 bom.tmp
    18. Dezember 2017

    Der Hype um die Nanotechnologie ist etwas verflacht. Ich warte ab, was DT dazu sagt.

  2. #2 roel
    no gods, no kings, no courts
    19. Dezember 2017

    @Samir Salameh

    Nanotechnologie kann Segen oder Fluch sein. Ich beobachte, dass Nanopartikel sorglos in Kosmetika eingesetzt werden. Auch die Anwendungsmöglichkeiten in der Lebensmittelindustrie sind eher besorgniserregend. So ist eine Verpackung möglich, die das verpackte Lebensmittel vor dem Verderb länger schützt indem es Pilze und Keime abtötet. Die mit Nanopartikeln beschichtete Verpackung kann aber nicht nur dem Schutz des Lebensmittels dienen, sondern auch dem Aufschönen von vergammelten Lebensmitteln. Und sie kann dazu dienen die Hygienebestimmungen laxer zu handhaben.

    Zur Wahrnehmung der Nanotechnologie in der
    Bevölkerung siehe auch hier: http://www.bfr.bund.de/cm/350/wahrnehmung_der_nanotechnologie_in_der_bevoelkerung.pdf