Wenn Soziologen mit Naturwissenschaftlern reden, dann geht das öfters mal schief. Das ist mir selbst auch schon oft genug passiert. Aber es muss nicht unbedingt schief gehen. Ich habe mit drei Soziologen vom Sowi-Stammtisch gesprochen und noch leben alle Beteiligten! Ob das nur daran lag, dass zwischen uns eine Skype-Internet-Verbindung lag, oder doch an der recht unterhaltsamen und interessanten Unterhaltung, kann jeder selbst nachhören:

Eines worauf wir uns nicht einigen konnten war, wo das Vorgeplänkel genau aufhört und die etwas ernsthaftere Diskussion anfängt. Ich verorte das bei ungefähr der 9:00 Marke andere eher bei der 6:30er Marke. Lasst euch jedenfalls vom Geplänkel am Anfang nicht abschrecken (es ist ein Stammstisch!), die Diskussion nimmt danach eine scharfe Wendung und wird recht lebhaft. Den Kontrast zwischen den wissenschaftlichen Ansätzen haben wir, glaube ich, ganz gut heraus gearbeitet.

Viel Spaß beim anhören. Der Sowi-Stammstisch ist noch recht neu. Das hier war die zweite Ausgabe. Die Webseite, auf der man auch die mp3 Datei herunter laden kann ist hier.

Kommentare (5)

  1. #1 René (SoWi-Stammtischler)
    9. Juni 2015

    Nochmal vielen Dank für deine Teilnahme. Ich denke, dass du die Naturwissenschaften würdig gegen eine 4:1 Übermacht an Soziologen vertreten hast. Wir hätten in unserer Bubble doch zu schnell zum Konsens gefunden. Wir werden dich auf jeden Fall zukünftig mal wieder zum Stammtisch einladen.

  2. #2 Stefan
    9. Juni 2015

    Diese Diskussion hat mir sehr gut gefallen.
    Für mich war es vor allem sehr interessant auch mal ein paar Worte von Sozialwissenschaftlern zu hören, da ich eher im MINT-Bereich zu verorten bin.

    Zwei Dinge waren für mich persönlich hier zentral.

    Erstens die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Natur.
    Was bezeichnet man mit dem Begriff Natur?
    Gemeinhin vermutlich alles außerhalb der Anthroposphäre, sofern das überhaupt noch möglich ist.
    Mit diesem verständnis habe ich so meine Probleme.
    Ich sehe Natur eher als einen sehr viel weitergefassten Begriff.
    Vielleicht könnte darauf in späteren Folgen auch nochmal eingegangen werden, stellt sich nur die Frage ob sowas gut in ein SoWi-Podcast passt.

    Zweitens die Diskussion um Axiome und auch Determinismus.
    Es ist natürlich zu sagen, dass Axiome auch in den Naturwissenschaften auftauchen, aber sie vor allem auch zentral für die Mathematik sind.
    Mathematik ist natürlich keine Naturwissenschaft, jedenfalls keine solche wie Physik, Chemie, Biologie.
    Insbesondere können in der Mathematik Aussagen bewiesen werden, auf der Grundlage von Axiomen, die man Glauben muss. Tut man das nicht, dann kann man auch keine Mathematik betreiben wie wir es normalerweise tun.
    Aber auch Axiome sind natürlich nicht vollständig willkürlich aus der Luft gegriffen, man versucht natürlich schon sinnvolle Axiome zu formulieren.

    Zum Determinismus bietet sich mir jetzt mal die Gelegenheit explizit eine Frage zu stellen, die mir schon lange auf der Zunge liegt.
    Und zwar ist es so, dass ich die Position von “nicht Deterministen” nicht verstehe. Nicht, weil ich es nicht einsehen will, dass manche Menschen einfach anderer Meinung sind als ich, sondern ich kann diese Position einfach nicht nachvollziehen, ich sehe vielleicht irgendein Problem nicht, unter dessen Berücksichtigung diese Position für mich vielleicht mehr Sinn ergäbe.
    Also hoffe ich, dass die dies hier die Macher des SoWi-Stammtisches erreicht. Ich interessiere mich sehr für eine genauere Erläuterung des “nicht Determinsmus” (die Formulierung gefällt mir irgendwie nicht, aber mir fällt keine andere ein).
    Mein Problem ist vielleicht ein ähnliches wie es MartinB hier bei den Scienceblogs in einem Artikel auch schon beschrieben hat.
    Wenn ich diesen hier kurz verlinken dürfte:

    http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2013/02/19/willensfreiheit-und-determinismus-warum-ich-das-problem-nicht-verstehe/

    Ansonsten, wie gesagt, super Podcast, ich werde ihn weiterverfolgen.

    P.S.: Das ist mir grade erst aufgefallen, was für ein Genus hat denn das Wort Podcast? Ich bin mir bei meiner Formulierung nicht ganz sicher.

  3. #3 René (SoWi-Stammtisch)
    10. Juni 2015

    Hallo Stefan,
    vielen Dank für deine Rückmeldung.
    Ich fürchte, ich kann dein Problem, die Nichtdeterministen nicht auflösen. Im von dir zitierten Artikel heißt es „Determinismus in diesem Sinne heißt nicht notwendigerweise, dass bereits beim Urknall feststand, ob ihr heute lieber Kaffee oder Tee zum Frühstück wolltet.“. Wenn das nicht die Definition von Determinismus entspricht, habe ich mit ihr gar kein Problem.
    In den SoWi wird der Determinismus etwas anders diskutiert als in den Naturwissenschaften. Beispielsweise fragt man in der Soziologie nicht danach, ob das Universum vorherbestimmt ist. Vielmehr diskutiert man, ob für die Geschichte, Gesellschaften und soziales Verhalten Naturgesetze gelten. Bisher hat man keine Gefunden. Man tut nur so, um überhaupt Modelle erstellen zu können. Z.B. In der Ökonomie. Da legt man gern fest, dass menschliches Verhalten durch Nutzenmaximierung determiniert wird. Bewusst wird nur so getan als ob, da sonst keine Berechnung möglich wäre. Ähnlich verhält es sich bei Wahlprognosen. Es ist schon erstaunlich, dass man aus einer Stichprobe überhaupt auf das Verhalten anderer schließen kann. Wieso wählen ähnliche Personen ähnliche Parteien? Ob das für einen Determinismus spricht, müssen Philosophen klären.
    In der Soziologie überlegt man, ob die Willensfreiheit überhaupt soziologisch relevant ist. Das läuft unter dem Begriff des Voluntarismus, die den Willen als Grundlage für soziales Handeln hat. Wie dieser Wille entsteht, ob er neurologisch gesehen frei ist oder nicht, spielt da eigentlich keine Rolle. In der Soziologie schaut man dann nur, welche Willensarten es so gibt und wie die sozial interagieren. Diese Frage unterscheidet womöglich die Soziologie auch von der Psychologie, die inzwischen eher als Naturwissenschaft gezählt wird.
    Die Determinismusfrage innerhalb der SoWi fragt also, ob die Gesellschaft so sein muss oder nicht. Das amtierende Paradigma Sozialkonstruktivismus bestreitet das. Fälschlich wird „soziale Konstruktion“ mit Willkür verwechselt. Sozialkonstruktivisten glauben nicht daran, dass alles frei Schnauze oder zufällig entsteht. Im Gegenteil: Menschen werden in Zwänge hineingeboren und verhalten sich ihnen entsprechend. Dadurch reproduzieren sie genau diese Gesellschaft immer weiter, bis alle glauben, das könne nur so und nicht anders sein. Heiß diskutiert wird das ja hinsichtlich von Geschlechterrollen. Sozialkonstruktivisten wollen deshalb genau untersuchen, was in der Gesellschaft biologisch, geographisch, physikalisch determiniert ist und was sozial konstruiert ist. Was konstruiert ist, kann man dann ändern, wenn man weiß, wie die Konstruktionen entstehen. Die Frage, ob das Universum determiniert ist oder nicht, wird auch durch den Sozialkonstruktivismus nicht gelöst.

  4. #4 Stefan
    11. Juni 2015

    Hallo René vom SoWi-Stammtisch,

    das löst die Verständnisprobleme nicht ganz, aber deine sehr gut formulierte und informative Antwort (für die ich herzlichst Danke) hat mir doch einen ersten Einblick in die grundlegenden Herangehensweisen in den Sozialwissenschaften gegeben.
    Das zentrale Problem zwischen den Naturwissenschaften einerseitz und den Sozial-/Geisteswissenschaften andererseits ist vielleicht die grundlegend andere Grundhaltung. Fundamentale Unterschiede in Arbeitsweisen, Formulierung von Fragestellungen und auch generell ein anderes Denken der Wissenschaftler.
    Das geht mir auf jeden Fall so, als eher MINT geprägter Mensch habe ich kaum Kontakt zu anderen Disziplinen, obgleich versucht wird, das ins Studium einzubauen.
    Daher ist sehr interessant und spannend mal einen direkten Einblick zu bekommen.

    Würdest du/ würdet ihr sagen, dass das umgekehrt genau so gilt?

  5. #5 Sonntagssoziologe
    18. Juni 2015

    Privat habe ich durchaus Kontakt zu MINT-Leuten, aber eher durch Vereine etc. Im näheren Freundeskreis sind ausschließlich Nich-MINT-Personen. Diego vom Stammtisch hingegen ist als Techniksoziologe häufig in Kontakt mit MINTlern. Meine eingeschränkte Erfahrung ist die, dass sich die Kommunikationsfreude häufig an der Lust des Spekulierens scheidet. Gewisse entrückte Perspektiven der SoWis langweilen einen pragmatischen Ingenieur vielleicht und umgekehrt. Die Erfahrung habe ich öfters gemacht, weiß aber nicht, ob sie sich üebrtragen lässt. Man wird ja schon sehr stark durch seine Ausbildung geprägt und wenn man die auch noch sehr mag, sucht man nach Gleichgesinnten. Ich persönlich tu mich tatsächlich schwer mit Menschen, die nun überhaupt nicht zum Philosophieren neigen und die traf ich bislang eher im MINT-Bereich. Wobei ich da vielleicht auch manchen zu viel zumute, erinnere ich mich doch, wie ein ehemaliger Chef mit den an einen Kollegen gerichteten Worten “Er philosophiert wieder.” mal die Türe schloss.

    Ohje, jetzt habe ich das Gefühl, wir wälzen uns in Klischees.