Extreme Fälle von Betrug in der Wissenschaft

Schön, dass geistiges Eigentum in Deutschland einen so hohen Stellenwert genießt. Wörtliche Übernahmen einiger Textstücke und fehlende Quellenangaben in einer Dissertation einer 25 jährigen im Jahr 1980 führen dazu, dass eine gestandene Bundesministerin zurücktritt. Um Schaden von Amt, Ministerium, Partei und Regierung abzuwenden. Zu bewundern, die Rücktrittskultur in Deutschland, wie sie Kommentator Gustav schon letzte Woche ausgemacht hat.

Ich für meinen Teil finde es ja fast ein bisschen langweilig, dass die Geschichte so schnell vom Tisch ist. zu Guttenberg hat zur Freude aller zumindest ein paar Tage länger gekämpft, und in Relation zu anderen, aktuellen Fällen von Wissenschaftsbetrug ist die Causa Schavan, mit Verlaub, ein Fürzchen.

Zum Beispiel gibt es Diederik Stapel, ein 2011 suspendierter Professor der Sozialpsychologie an der Universität Tilburg und vormals in Groningen in den Niederlanden. Stapel ist der König der Wissenschaftsfälscher. Er hat einerseits existierende Datensätze so manipuliert, dass sie seinen Hypothesen entsprechen, oder die Rohdaten gleich komplett selbst erfunden. Er deckte diesen Vorgang durch scheinbar reguläre Vorbereitungen. Methoden und Studienbedingungen wurden mit Co-Autoren diskutiert und Fragebogen wurden entworfen, jedoch nie ausgeteilt.

Einer dieser Artikel hatte es sogar in Science geschafft. Inzwischen wurden 49 Artikel von Stapel zurückgezogen und wahrscheinlich wird die Zahl auf 65 Artikel ansteigen. Diederik Stapel ist geständig, die Hintergründe und Ergebnisse des Falles sind gut dokumentiert und können hier nachgelesen werden. Retraction Watch berichtet regelmäßig über frisch zurück gezogene Stapel-Artikel.

Sehr schön ist auch der Fall Anil Potti. Potti ist ausgebildeter Arzt und war bis 2010 an der Duke Universität in North Carolina beschäftigt. Er erforschte die Zusammenhänge von Genexpressionsänderungen, Krebs und Krebstherapie (Oncogenomics). Aktuell sind zehn seiner Artikel zurück gezogen, darunter Papers in bekannten Magazinen, wie NJEMNature Medicine und PNAS. Potti hat Microarraydaten im großen Stil gefälscht, deren Interpretation seinen Publikationen zu Grunde liegen. Retraction Watch verfolgt den Fall Potti ebenfalls, seit 2010.

Aktuell nimmt dieser Fall eine kuriose Wendung. Die Seite Retraction Watch wurde letzte Woche  von Ihrem Provider Informiert, dass zehn der Blogartikel zu Anil Potti wegen Copyrightverletzungen nicht mehr online gestellt werden dürfen. Der Provider drohte weiter, dass bei wiederholten Copyrightverletzungen die gesamte Seite geschlossen werden könnte.

Kläger in diesem Copyrightfall war die Seite newsbulet.in, von der Adam Marcus und Ivan Oransky, die Macher von Retractionwatch, ihre Artikel zu Potti abgeschrieben haben sollten – und tatsächlich waren zehn Retractionswatchartikel identisch mit Artikel auf der indischen Seite (inzwischen dort gelöscht).

Ein eher technisches Detail legt nahe, dass die eigentlichen Urheber der Potti-Artikel die Autoren von Retractionwatch sind: Die Seite newsbulet.in wurde erst im Oktober 2012 registriert. Neun der zehn kopierten Artikel zu Potti wurden jedoch von Retractionwatch davor publiziert.

Potti, von dem zehn Artikel komplett zurück gezogen und etliche andere nachträglich geändert werden mussten hat übrigens laut Retractionwatch noch aktive Lizenzen in North Carolina und Missouri, kann dort also als Arzt praktizieren.

Verwandte Artikel im Blog:
Ist Schavan als Ministerin noch tragbar?
Guttenberg auf Stufe sechs der Wissenschaftshölle
Kämpfen und verlieren – Felisa Wolfe-Simon, das Arsen-Paper und die Öffentlichkeit
H.M. Krishna Murthy – Gefälschte Proteinstrukturen entdeckt
Das schockierende Lügengebilde des Scott Reuben und dessen Fundamente
Titelbild: Ausschnitt aus Hieronymus Bosch – Die Versuchungen des Heiligen Antonius (von sainz CC BY-SA-NC-2.0)

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Kommentare

  1. #1 Tobias Maier
    11. Februar 2013

    Also der Papst nimmt das mit der Rücktrittskultur aber sehr wörtlich.

  2. #2 rolak
    11. Februar 2013

    nimmt das .. sehr wörtlich

    Was willst Du auch erwarten, Tobias, Buchreligion und wachsender Fundamentalismus – da ist dergleichen systemimmanent.

    À propos ‘System’: Innerhalb des seinen hat er ja nicht betrogen (afaik).

  3. #3 Tobias Maier
    11. Februar 2013
  4. #4 Tobias Maier
    11. Februar 2013

    Aber die Titanic hat ja – im wörtlichen Sinne – noch eine Rechnung mit dem Pontifex offen: http://www.titanic-magazin.de/news.html?&tx_ttnewstt_news=5507&cHash=aa641da5173b01230834d8797ccf5de7

  5. #5 rolak
    11. Februar 2013

    Ach da kommt das her, Tobias, hatte ich zwar heute morgen schon gesehen, doch ohne die Ecke rechts oben sonderlich wahrzunehmen. Vielleicht ein ausgleichender Kontrapunkt zur Besuchsankündigung vor ⅓Jhdt.

    Nun, schon seine satirebedingte Quelle hat ja eine stark bewegte Versionsgeschichte hinter sich…

  6. #6 Jürgen Schönstein
    11. Februar 2013

    Zurück on topic: Man darf hier selbstverständlich den Fall Hendrik Schön nicht vergessen…

  7. #7 rolak
    11. Februar 2013

    Schon recht, Jürgen – und es fiel mir mittlerweile auf, daß die passenden Listen hier noch garnicht verlinkt zu sein scheinen.

  8. #8 Joseph Kuhn
    11. Februar 2013

    Auch an der auf scienceblogs vor einiger Zeit vorgestellten Homöopathie-Studie von Chiva et al. sind bereits Zweifel laut geworden. Die Daten sollen frei erfunden sein. Retractionwatch hat allerdings bisher die Zeitschrift, in der der Artikel veröffentlicht sein soll (J PubH Rev), nicht gefunden, daher konnte der Rückzug des Artikels noch nicht veranlasst werden.

  9. #9 rolak
    11. Februar 2013

    Hat der Verleger etwa seine eigene Zeitung verlegt? Na ja, Joseph, das würde erklären, warum diese von Dir gerade zum rechten Zeitpunkt ausgegrabene, die ganzen Hintergründe deutlichst beim Namen nennende Studie so selten zitiert wird — und nur einmal richtig.

    Schönen Dank fürs Erinnern, nette Breitenwirkung, Klatschmarsch<i>!</i>

  10. #10 Wurgl
    11. Februar 2013

    In Spektrum der Wissenschaft 2/2013 ist ein interessanter Artikel zu dem Themenkreis. Überschrift ist “Jede Menge Murks”.

    in dem Artikel wird Kritik an Arbeiten aus dem Bereich der Psychologie geübt, der Artikel behauptet, dass positive Ergebnisse bevorzugt und negative Ergebnisse nicht bzw. kaum veröffentlicht werden. Und dass manche der positiven Ergebnisse durch eine (unbewusste) Erhöhung der Anzahl an Probanden zu Stande kommt — eben bis das Ergebnis passt. Und dann gibts noch Kritik an den Möglichkeiten der Wiederholbarkeit.

    Schummeleien, Betrug oder Irrtum wird es immer geben. Aber ganz schlimm finde ich die geschilderten Probleme bei Veröffentlichung von negativen Ergebnissen. Solange eine falsche Arbeit durch gegenteilige Ergebnisse bei einer Wiederholung korrigiert werden kann, ist das ja noch zu verschmerzen. Aber wenn man diese negativen Ergebnisse unterdrückt, dann sammelt sich falsches Wissen, also Scheinwissen an und irgendwie driftet das dann in Richtung Esoterik ab.

    Gerade gesehen, dass dies auch online verfügbar ist:
    http://www.spektrum.de/alias/szientometrie/jede-menge-murks/1181463

    Ist jedenfalls lesenswert.

  11. #11 Tobias Maier
    11. Februar 2013

    Wurgl,
    in die gleiche Richtung geht auch http://www.alltrials.net
    Pharmafirmen registrieren und veröffentlichen bevorzugt die Studien, die ihren Erwartungen entsprechen. Negative Daten werden unter den Teppich gekehrt.
    All trials ist eine Initiative u.a. von Ben Goldacre, der das in Buchform verarbeitet hat: Bad Pharma: How Drug Companies Mislead Doctors and Harm Patients

  12. #12 Wurgl
    11. Februar 2013

    Tobias,

    ja ist eine sehr ähnliche Kiste. Ich muss allerdings den Zyniker auspacken um auf einen Unterschied aufmerksam zu machen: Bei falsch wirkenden oder gar nicht wirkenden Medikamenten sterben die Patienten weg (oder wechseln den Arzt), dort ist also ein Feedback vorhanden. Wenn es darum geht, ob Menschen beim Halten eines schweren Klemmbrettes anders reagieren als ohne dieses Klemmbrett, dann kann ich mir ein Feedback schwer vorstellen, hier akkumuliert sich dieses falsche Wissen.

  13. #13 Stefan W.
    http://demystifikation.wordpress.com
    12. Februar 2013

    Tobias Maier 11. Februar 2013
    Aber die Titanic hat ja – im wörtlichen Sinne – noch eine Rechnung mit dem Pontifex offen:

    “Im wörtlichen Sinne” bedeutet “nicht im metaphorischen Sinne”. Der Link klappt ja nicht richtig, aber dass die Titanic eine Rechnung an den Papst offen hätte, der ja nicht ins Profil typischer Abonnenten passt, ist doch eher unwahrscheinlich.

  14. #14 Tobias Maier
    12. Februar 2013

    Hier der Text der Pressemitteilung aus der Titanic. Der link funktioniert tatsächlich nicht mehr:

    TITANIC bedauert Papst-Rücktritt

    “Verlieren unseren besten Mitarbeiter” / Abo besteht weiter / Offene Anwaltsrechnung

    Mit Bedauern und Unverständnis hat die Redaktion des Frankfurter Satiremagazins TITANIC den angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt aufgenommen. “Wir verlieren einen geschätzten Kollegen, mit dem wir seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten”, so Chefredakteur Leo Fischer in einer ersten Stellungnahme. “Und wir hoffen, daß unser kleiner Rechtsstreit im letzten Jahr kein Grund für diese vorschnelle Entscheidung war.” Es sei schade, daß sich Benedikt nicht an seinem Vorgänger orientiere. Papst Johannes Paul II. habe gezeigt, “daß man das Amt bis zum Schluß würdevoll und erhobenen Hauptes ausüben kann.” Fischer dementierte Gerüchte, wonach ein im Herbst erscheinendes TITANIC-Enthüllungsbuch über Benedikt und seine Kirche mit der Entscheidung des Papstes zu tun habe.

    Sollte sich der Papst nicht von seiner überstürzten Kündigung abbringen lassen, hofft die Redaktion, ihn wenigstens als Autor einer monatlichen Kolumne zu gewinnen. “Unabhängig davon wird das Gratis-Abo in jedem Fall weiterbestehen – nach Bekanntgabe der neuen Adresse”, so Fischer weiter.

    Sorgen bereitet den TITANIC-Mitarbeitern noch eine offene Rechnung aus dem Rechtsstreit im vergangenen Sommer. Nach Auskunft der TITANIC-Rechtsanwältin Gabi Rittig hat der Papst bisher nur einen Teil der entstandenen Rechtskosten bezahlt. Aufgrund der besonderen Umstände (Rücktritt, Umzug, urolog. Probleme) werde man aber einstweilen von einem Mahnverfahren absehen. Spätere rechtliche Schritte behält sich die Redaktion ausdrücklich vor.

  15. #15 Martin
    12. Februar 2013

    Nur D und A werden Studenten, die wissenschaftlich arbeiten wollen, abgewiesen. Angeblich kosten sie zuviel (tatsächlich bringen sie Geld).
    In einem durch und durch korrupten System bleibt oft keine andere Möglichkeit. Studenten, die intelligenter sind als ihre Professoren wären andernorts ein Vergnügen, in einem durch und durch korrupten System muss man jedoch befürchten, dass sie zu unerwünschten Aufdeckern werden. Und das in Zeiten, in denen sogar Doktortitel aberkannt werden (das war noch vor kurzer Zeit undenkbar) und wegen Korruption sogar tatsächlich eingesperrt wird (das war früher für “angesehene Persönlichkeiten” ebenfalls nahezu undenkbar).

  16. #16 emreee
    13. Februar 2013

    Sowas ist natürlich ein gefundes fressen für alle Wissenschaftsgegner.Der ruf ist etwas kostbares ,fast so empfindlich wie eine zarte Blume .

  17. [...] erwischt), und kaum einer weiß, dass auch in der Wissenschaftsgemeinde gefälscht wird, berichtet Weitergen.Manchmal sehr extrem [...]

  18. #18 Tobias Maier
    18. Februar 2013

    Potti selbst schein jedenfalls nicht hinter den mysteriösen Kopien der Artikel über ihn auf Retractionwatch zu stecken:
    http://retractionwatch.wordpress.com/2013/02/17/anil-potti-tells-retraction-watch-he-wasnt-behind-dmca-takedown-notices-of-posts-about-him/

  19. #19 Georg Hoffmann
    19. Februar 2013

    Fuer die Francophilen hier die Seite der Plagiatsexpertin Helene Maurel, die sich aber eher auf literarische Plagiate spezialisiert hat.
    http://leplagiat.net/?page_id=241
    Ich bin ueber einen Spiegel Artikel auf Sie gekommen. In Frankreich wird das jedenfalls nicht so schlimm gesehen. Fassen wir mal zusammen: Seit Lewinsky wissen wir bereits, dass die Franzosen (insb Mitterand) wegen so einer Petitesse nicht zuruecktreten, auch nicht fuer Dr Titel, die abgeschrieben wurden (Grund ist, dass das bei weitem wichtigste der Eintritt in eine der Grand Ecole ist und nicht ob da zufaellig noch ein Dr abgefallen ist) auch nicht fuer ein paar tausend Tote, die trotzdem bei den Wahlen zur Urne gegangen sind (ie massive Wahlfaelschung durch Chirac). Ja, wann treten die eigentlich zurueck? Auch nach 15 Jahren in FR, ich kann mich gar nicht so recht an pers Ruecktritte aus individueller Schuld heraus erinnern. Vielleicht weil es ein katholisches Land ist (ie es gibt immer eine Vergebung)? Keine Ahnung.
    Der deutsche Plagiatsruecktrittwahn ist auf jedem Fall mit der Titelsucht aus Kaiserszeiten verbunden. Der Dr hat das “von und zu” ersetzt und wird immer noch schrecklich ernst genommen.

  20. [...] Ganz unerfreulich sind bewusste Täuschungsversuche, Wissenschaftsbetrug also. Darüber wurde auf scienceblogs oft diskutiert, zuletzt bei Tobias Maier auf „Weitergen“. [...]