Melsevier

Wer schon mal ein Paper – also eine wissenschaftliche Publikation geschrieben hat, der weiß, dass da immer auch andere Publikationen zitiert werden, und im Anhang die Liste der Referenzen angefügt wird. Gerüchten zu Folge machen das Professoren kurz vor der Pensionierung noch manuell. Alle anderen benutzen dafür geeignete Software.

Der Darling der Literaturverwaltungssoftware heißt Mendeley. Das Programm ist kostenlos, es speichert die persönliche Literaturdatenbank “in the cloud”, so dass man von überall darauf Zugriff hat. Man kann pdf-Dateien hochladen und die eigene Bibliothek mit anderen Wissenschaftlern teilen. Das ist sinnvoll, wenn man zusammen an einem Manuskript schreibt.

Mendeley hat weiter ein benutzerfreundliches cite-while-you-write Plugin für MS-Word und steht damit in direkter Konkurrenz mit dem Platzhirsch Endnote. Ein Argument, das immer für Mendeley sprach, war die Unabhängigkeit der Software. Mendeley war frei, Mendeley war offen (mit eigener API) und Mendeley war unabhängig.

Seit Dienstag vergangener Woche hat sich das geändert. Was Techcrunch schon vor ein paar Monaten als Gerücht gestreut hat, ist Wirklichkeit geworden: Elsevier, der größte und böseste Verlag für wissenschaftliche Publikationen, hat sich Mendeley einverleibt. Und die finden das auch noch gut!

Nicht alle sind von dem Deal, der Mendely übrigens angeblich bis zu 100 Millionen Dollar eingebracht haben soll, begeistert, wie Beatrice Lugger auf den Scilogs und  David Dobbs im New Yorker schreibt, und manche rufen unter #mendelete zum Löschen des eigenen Accounts auf, jetzt, da dort wo Mendeley drauf steht, Elsevier drin ist.

Das einfachste wäre sicher, schlicht die Literaturmanagementsoftware zu wechseln. Möglich ist das, die Nachteile, die durch die Mendeley-Übernahme auftreten aber häufig die gleichen: Endnote gehört Thomson Reuters (die mit dem Impact Factor), Papers wurde Ende letzten Jahres von Springer gekauft, und das, obwohl die Wissenschaftssparte von Springer selbst zum Verkauf stand oder steht. Colwiz gehört der American Chemical Society (ACS publishing) und Readcube gehört zur Nature Publishing Group (NPG). Wer also seine Literaturdaten bei einem Anbieter speichern will, der benutzerfreundlich und unabhängig von einem Verlag ist, hat es nicht einfach.

Die eigentlich interessantere Frage ist, was Elsevier mit den Daten zu persönlichen Literaturvorlieben und den Informationen zu den wechselseitigen Beziehungen der Nutzer untereinander anstellen wird. Björn Brembs meint, im schlimmsten Fall überzieht Elsevier die pdf-teilenden Nutzer mit Copyrightklagen, im besten Fall entwickeln sie für die Nutzer kostenlose und nützliche Anwendungen, die auf die eignen Nutzerdaten aufbauen. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie versuchen mit dem komfortablen Zugang zu pdfs Geld zu verdienen.

recently-logo-web-rgb-verticalWo wir gerade bei nützlichen Tools sind. In Kürze wird Recently an den Start gehen. Recently ist das personalisierte wissenschaftliche Journal. Mit Recently ist es einfach, up to date zu bleiben mit allem, was im eigenen Forschungsgebiet publiziert wird. Recently ist eine Browser-basierte App, die auf dem Computer genauso wie auf Tabletts und Smartphones funktioniert. Und: Recently ist von Verlagen unabhängig.

DISCLAIMER: Ich bin für Recently verantwortlich.

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Kommentare (13)

  1. #1 Christian Reinboth
    15. April 2013

    Citavi (http://www.citavi.com) wäre noch eine Alternative: Es ist kostengünstig (es existiert auch eine limitierte Gratis-Variante) und gehört meinem Wissen nach zu keinem Verlag (der Herausgeber Swiss Academic Software ist ein Spinoff der Uni Zürich, siehe z.B. http://www.spinoff.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=41&Itemid=41). Abgesehen davon lässt sich damit sehr gut arbeiten:

    http://scienceblogs.de/frischer-wind/2009/11/19/paper-schreiben-mit-citavi/

    Nur eine Cloud-Anbindung ist nicht implementiert, ansonsten kann die Software aber all das, was Mendeley auch kann (und Endnote sowieso). Wobei ich meinen Mendeley-Account sicher erst einmal behalten werde, da sich mir noch nicht ganz erschlossen hat, was Elsevier mit meinen persönlichen Daten Schlimmes anstellen könnte. Wo ich arbeite, welche Paper ich schon mitverfasst habe und an welchen Themen wir am Institut forschen ist ja eh alles andere als ein Geheimnis (und sollte ja auch keines sein). Die Vorstellung, PDFs, die ohnehin auch an anderer Stelle Geld kosten würden, zukünftig auch über Medeley kaufen zu können, schreckt mich jedenfalls nicht sonderlich ab. Dass das derzeitige Verlagssystem reformiert und – zumindest im Hinblick auf öffentlich geförderte Forschung – in Richtung Open Access umstrukturiert werden muss, ist davon ja ohnehin unabhängig…

  2. #2 Florian Freistetter
    15. April 2013

    “Und: Recently ist von Verlagen unabhängig”

    So lange zumindest, bis dir jemand 100 Millionen Dollar anbietet…

    Aber klingt interessant, Ich werds mir auf jeden Fall anschauen!

  3. #3 Tobias Maier
    15. April 2013

    Florian,
    Recently ist aktuell vor allem für den biomedizinischen Sektor ausgelegt. Andere Wissenschaftssparten sind aber geplant. Lass mal mailen!

  4. #4 roel
    *****
    15. April 2013

    @Tobias Maier Ich konnte den dezenten Hinweisen auf http://recentlyapp.com nicht widerstehen und habe mich schon mal registriert. Viel Erfolg mit recently!

  5. #5 Tobias Maier
    15. April 2013

    Danke, roel.
    Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen hier sicher noch einiges zu Recently schreiben.

  6. #6 CM
    15. April 2013

    Recently klingt sehr interessant – ich bin auch auf Fortschritte gespannt. Für mich als LibreOffice & LaTeX-User wäre ein Wort zu den Formaten rund um diese Formate in den nächsten Tagen & Wochen ebenfalls interessant.

    Gruß,
    Christian

  7. #7 Fliegenschubser
    15. April 2013

    Ich werde Recently auch im Auge behalten, das klingt schon mal interessant. Ich drücke auf jeden Fall die Daumen, dass das klappt alles.

  8. #8 Matti Stöhr
    Berlin
    15. April 2013

    Als Alternative wird derzeit vor allem Zotero genannt, vgl. dazu auch meinen Beitrag unter http://literaturverwaltung.wordpress.com/2013/04/14/mendelsevier-mendelete-erklarungen-reaktionen-konsequenzen-in-sachen-mendeley-und-elsevier/. sowie für eine Übersicht verschiedener Softwarevergleiche http://literaturverwaltung.wordpress.com/vergleich-literaturverwaltungssoftware/.

    Was recently betrifft – spannend; eine schöne Ergänzung zu anderen (öffentlichen) Alertingdiensten wie etwa JournalTocs – http://www.journaltocs.hw.ac.uk/?

  9. #9 enbeh
    15. April 2013

    Au Backe, und morgen wird BibTeX von Wiley-Blackwell Publishing gekauft?

  10. #10 Tobias Maier
    16. April 2013

    Matti Stöhr,
    danke für die Links zu deinem Blog mit mehr Hintergrundinformationen. Zotero ist natürlich eine Alternative.

    Recently is mehr als ein Alertigingdienst. Die App liefert dir personalisiert neue Papers als Feed, egal in welchem Journal sie publiziert wurden. Paper, die für dich sehr relevant sind kannst du “liken”. Das hat Einfluss auf die Papers, die dir in Zukunft vorgeschlagen werden. Außerdem berücksichtigt die App wie oft du wiederkommst um nach neuen Papers zu schauen.

  11. #11 Flo
    Ulm
    16. April 2013

    Moin,

    Citavi hatte ich mal angetestet, und damals war’s mir zu buggy und was den Import von schon bestehenden Ordnern mit mehreren hundert PDFs, wie es auch viele meiner Kollegen haben, einfach ungenügend.
    Wir benutzen RefBase an unserem Institut und sind sehr zufrieden. Nur das Bibliographiemanagement funktioniert da nicht, aber bei uns benutzt eh jeder Endnote, insofern ist das nicht so schlimm 😉

  12. #12 Heinrich
    www.dinosaurpalaeogerman.wordpress.com
    20. April 2013

    Ich kann auch nur zotero empfehlen! Bislang hat es mir immer gute Dienste geleistet, und sich als vielseitig, flexibel und auch für Computer-Illiteraten tauglich erwiesen.

  13. #13 Curious.Sol
    30. April 2013

    Ich benutze Zotero in Kombination mit JabRef. Beides sehr zu empfehlen.