Es ist ein dankbares Thema, weil es Geschlechterstereotypen schön bedient. Ein PNAS Artikel, mit dem Title “Sex differences in the structural connectome of the human brain” der vorgestern vorab publiziert wurde, wird von den Medien aufgegriffen. Männer können besser Landkarten lesen, Frauen können besser analytische und intuitive Informationen miteinander verbinden. So oder so ähnlich. Jetzt auch gezeigt mit neuester Technik direkt im Gehirn.

Für die Studie wurde bei fast eintausend Heranwachsenden die Konnektivität der Neurone im Gehirn untersucht. Die Autoren nutzen Diffusionsmagnetresonanz (DTI) um die Konnektivität unterschiedlicher Gehirnregionen zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigen zweierlei:

  1. Generell scheint die Konnektivität innerhalb einzelner Hirnregionen bei Frauen höher zu sein als bei Männern, mit Ausnahme vom Kleinhirn.
  2. Bei Frauen sind die beide Hirnhälften relativ stärker miteinander verbunden als bei Männern.

Die Ergebnisse der Studie werden von Ragini Verma, der verantwortlichen Autorin folgendermaßen eingeordnet:

“These maps (Die Konnektivitätskarten des Gehirns) show us a stark difference – and complementarity – in the architecture of the human brain that helps provide a potential neural basis as to why men excel at certain tasks, and women at others”.

Die Studie liefert Daten, die mit geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschieden korrelieren. Die Ergebnisse erlauben es aber sicher nicht, bestimmte Verhaltensmuster kausal mit Unterschieden in der Gehirnarchitektur zu erklären.

Die Konnektivität von Neuronen ist bei Frauen höher als bei Männern, außer im Kleinhirn.

Die Konnektivität verschiedener Gegenden in Gehirnregionen ist bei Frauen höher als bei Männern, außer im Kleinhirn. Copyright: PNAS

Kritik an der Studie direkt, nicht an der Berichterstattung darüber, betrifft vor allem die Zuverlässigkeit der DTI-Messungen. Das Blog Neuroskeptic und anonyme Kommentatoren auf Pubpeer merken an, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in Stillhalten des Kopfes die Ergebnisse beeinflussen könnten.

Tatsächlich wurde in einer Studie letztes Jahr gezeigt, dass die Kopfbewegung zwischen Individuen stark variiert und Faktoren wie Alter, und Krankheit das Kopfwackeln und damit die MRI-Messungen beeinflussen. Wackeln vielleicht Männer einfach mehr?

Journalisten suchen natürlich nach einer Story hinter der wissenschaftlichen Publikation, wobei die Übergänge zwischen originalgetreuer Wiedergabe und freier Interpretation der Studienergebnisse fließend sind. Am schönsten hat “The Mouth” die Studie zusammengefasst und illustriert:

“Female brains are just scribbled multicoloured mess reveals science study.”

ResearchBlogging.orgIngalhalikar M, Smith A, Parker D, Satterthwaite TD, Elliott MA, Ruparel K, Hakonarson H, Gur RE, Gur RC, & Verma R (2013). Sex differences in the structural connectome of the human brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America PMID: 24297904

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Kommentare

  1. #1 Georg Hoffmann
    4. Dezember 2013

    Wo kann man denn erkennen, dass Maenner immer nur an das Eine denken?
    Man mag mit dem Kopf schuetteln, aber selbst das geht jetzt nicht mehr.

  2. #2 Ludger
    4. Dezember 2013

    Mich hätte es mehr gewundert, wenn es keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gäbe. Ob diese Unterschiede genetisch, hormonell oder durch Training verursacht sind, lässt sich durch die Untersuchung aber kaum sagen: angeblich haben auch Berufsmusiker, die seit ihrer Kindheit viele Stunden täglich üben, im MRT nachweisbare Hirnveränderungen. Was diese morphologischen Unterschiede zu bedeuten haben, ist wieder eine andere Frage. Unterschiede gibt es noch mehrere: http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2011/10/29/manner-das-schwache-geschlecht-mit-zahen-alten/

  3. #3 Dr. Webbaer
    4. Dezember 2013

    (…) F[r]auen können besser analytische und intuitive Informationen miteinander verbinden (…)

    Bitte mal übersetzen, Male Old Webbaer hier etwas langsam, es geht nicht darum analytische Ergebnisse und Hypothesen, …, hmm, verschmelzen zu lassen, oder?

    MFG
    Dr. W

  4. #4 Tobias Maier
    4. Dezember 2013

    Dr. Webbaer,
    der Satz stammt so wörtlich aus dem verlinkten Artikel auf Spiegel Online – allerdings ohne Rechtschreibfehler (korrigiert).

  5. #5 Dr. Webbaer
    4. Dezember 2013

    Sind halt viele “wilde” Aussagen mit dabei, Ihr Kommentatorenfreund hat natürlich vor dem Absetzen seines ersten Kommentars den SPOn-Artikel zV genommen, bspw. sowas: ‘Frauen nutzten beide Hirnhälften für die Bewertung, Männer nur eine.’ oder in der Webverweisfolge so etwas: ‘Die Forscher wollen der Frage auf jeden Fall weiter nachgehen – schließlich sei die Entwicklung eines Schönheitssinns einer der zentralsten Punkte der menschlichen Evolution.’

    Sie wissen nicht zufällig, wer ‘hda’ und ‘lub’ sind?

    MFG
    Dr. W

  6. #6 Tobias Maier
    4. Dezember 2013

    Laut SpOn Impressum steht “hda” für Holger Dambeck. “lub” ist dort nicht aufgeführt, dürfte aber für Jens Lubbadeh stehen.

  7. #7 Mike Macke
    5. Dezember 2013

    Kann man jetzt feiner unterscheiden und die Männer mit den “weiblichsten” bzw. “männlichsten” Gehirnen sowie die Frauen mit den “weiblichsten”/ “männlichsten” Gehirnen heraussuchen? Dann kann man doch feststellen, ob diese von ihrer Umwelt (eher als die “anderen”) als Rambos / androgyn / Barbies (oder hat jemand bessere Klischees?) eingestuft werden bzw. sich selbst so einschätzen. Bei einer Stichprobe von tausend Probanden dürften solche Untergruppen doch valide bildbar sein. Oder kommen dann immer noch nur schöne bunte Bilder heraus?

  8. #8 WolfStark
    5. Dezember 2013

    Die Berichterstattung war erwartungsgemäß widerlich sexistisch und wurde gleich mal genutzt um Frauen und Männer wieder in typische Rollen zu drängen. Wenn die Kritik zutreffen sollte, noch mal einen schönen Dank mehr für diese Studie :/

  9. #9 Joseph Kuhn
    5. Dezember 2013

    Wie heißt es bei der verlinkten News Release so schön:

    “Detailed connectome maps of the brain will not only help us better understand the differences between how men and women think, but it will also give us more insight into the roots of neuropsychiatric disorders, which are often sex related.”

    Mit unserer Zahnpasta haben Sie immer weiße Zähne.

  10. […] Welche Erkenntnisse man bei einer Studie zur Hirnstruktur bei Männer und Frauen gewonnen hat, erklärt Weitergen. […]

  11. #11 Volltrunk
    Feldkirchen
    6. Dezember 2013

    #2 Für mich stellt sich die Frage, warum die Natur bezüglich der Funktionsweise dieses Organs zwei unterschiedliche Subspezies erfinden sollte. Deshalb glaube ich, dass eine unterschiedliche Genetik von Männlein und Weiblein hier keine Rolle spielt. Eher die “Lebensumstände” ;-). im ausgeprägtesten Sinne.

  12. #12 Merowech
    6. Dezember 2013

    @Volltrunk

    [...] warum die Natur bezüglich der Funktionsweise dieses Organs zwei unterschiedliche Subspezies erfinden sollte [...]

    Ich denke mal du hast das einfach nur unglücklich formuliert, denn wir sind uns glaub ich einig, dass die Natur nichts “erfindet”. Die Selektion diverser Funktionsweisen geschieht aufgrund natürlicher Mutation und deren anschließenden Notwendigkeiten. Eigenschaften die sich als nützlich herausstellen setzten sich gegenüber Eigenschaften die unnütz (bzw korrekt formuliert: wachstumsbegrenzend) sind durch.

    [...] Deshalb glaube ich, dass eine unterschiedliche Genetik von Männlein und Weiblein hier keine Rolle spielt. Eher die “Lebensumstände” ;-) . im ausgeprägtesten Sinne.

    Frage des Blickwinkels.

    Man kann deine angesprochenen Lebensumstände der sogenannten künstlichen Selektion unterordnen. Nämlich eine indirekte (unbewusste) Selektion durch den Menschen selbst. Durch die Rollenverteilung über hundertausende von Jahren werden diverse Fähigkeiten und Fertigkeiten “gefördert” bzw “vernachlässigt”. Ich glaube was damit gemeint ist brauch ich nicht ins Detail gehen und hier die berühmten Neandertalervergleiche heranziehen (Höhle – Jagen – Sammeln – Kinderkriegen und ernähren ….. )

    Und dann sind wir nämlich doch wieder bei den Genen angelangt, wenn durch die künstliche Selektion genetisch bedingt Eigenschaften bevorzugt/vernachlässigt werden. Dies kann auch Auswirkungen auf die sexuelle Selektion haben, nämlich bei der Wahl des Partners, der ja bestimmt Grundeigenschaft besitzen sollte.

  13. #13 s.s.t.
    6. Dezember 2013

    @Merowech

    Wieder ein gelungener Beitrag. Das Gleiche wollte ich auch sagen, wenn ich es nur hätte nur wollen,…äh bzw. können getät hätte.

    Kurz meinem Senf dazu: ‘Die’ Evolution ‘geht Ihren’ Weg und schert sich um Nix, um Garnix , und schon gar nicht um Ethik etc. Alles was funktioniert, geht. Alles, was nicht geht, auch im Licht der jeweiligen Umstände, wird eliminiert, mit genau jeglicher Abwesenheit von irgendeiner Moralvorstellung o.ä.

  14. #14 Robert aus Wien
    6. Dezember 2013

    Naja, diese Erkenntnisse passen eigentlich schon dazu:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Empathizing%E2%80%93systemizing_theory

  15. #15 Joseph Kuhn
    6. Dezember 2013

    @ Merowech: Wenn die Natur nichts erfindet, erfinden wir dann auch nichts oder sind wir übernatürlich?

  16. #16 rolak
    6. Dezember 2013

    die Natur nicht / wir nicht

    hihi – dieser Haken sitzt derart tief, Joseph, daß er sich auch an meiner Aufmerksamkeit manchmal vorbeizuschleichen droht…

    Was bitte schön nicht andeuten soll, daß ich ~perfekt sei.

  17. #17 Dr. Webbaer
    8. Dezember 2013

    ‘Die’ Evolution ‘geht Ihren’ Weg und schert sich um Nix, um Garnix , und schon gar nicht um Ethik etc. Alles was funktioniert, geht. Alles, was nicht geht, auch im Licht der jeweiligen Umstände, wird eliminiert, mit genau jeglicher Abwesenheit von irgendeiner Moralvorstellung o.ä.

    Diese Argumentation wirkt bezogen auf die Moral biologistisch. Und bei politischen Fragen soll auf Biologismen verzichtet werden, weil man nicht so-o viel versteht oder weiß, auf die Biologie bezogen, auf die Gendatenhaltung, auf das Hirn bezogen.
    Physische Erfassung reicht hier nicht.

    Stellen Sie sich, lieber S.S.T., das allgemeine Bemühen um die Ethik vielleicht als Schicht vor, die über der Biologie liegt.

    HTH
    Dr. W

  18. #18 Dr. Webbaer
    8. Dezember 2013

    PS:
    …wobei dies Herr Dr. Kuhn schon angedeutet hat: ‘Wenn die Natur nichts erfindet, erfinden wir dann auch nichts oder sind wir übernatürlich?’

  19. #19 Ralph
    8. Dezember 2013

    Wenn Arbeitsteilung in einer Gruppe Sinn macht, machen auch unterschiedliche Interessens- und Begabungsschwerpunkte Sinn. Es wäre also verwunderlich, wenn aus Millionen Jahren der Evolution die körperlich sichtbaren Spezialisierungsmerkmale bei Mann und Frau nicht auch mit leicht modifizierter Software einhergingen.
    Ach ja, für die Begründung irgendeines konservativen Weltbildes mit vorgegebenen Rollen sind diese Unterschiede offensichtlich gar nicht geeignet.

    Von diesen angeblich verschiedenen Gehirnmodi hab ich vor Jahren mal gelesen. Ich geb es mal so wieder, wie ich es verstanden habe: Anlytisches Denken ist bestens geeignet zum Verständis von Details. Intuitives Denken verschafft einen Überblick zur Einordnung des Wissens in einen größeren Kontext. Jeder kennt es, man verbeisst sich analytisch in ein Problem, verzweifelt daran. Schläft man eine Nacht darüber (im intuitven Modus) und erwacht am nächsten Tag mit der Lösung. Ob nun Männer schlecht umschalten können, Frauen das gar nicht brauchen, sich dafür aber analytisch manchmal etwas schwerer tun, würde ich niemals zu behaupten wagen. Alles Spekulation.

  20. #20 Dr. Webbaer
    8. Dezember 2013

    Gehirnmodi

    Nun, das Hirn funktioniert irgendwie und der Betrachtende, gerade der wissenschaftlich Betrachtende, der auf eine mehr als ein Kilogramm schwere CPU glotzt, die er zwar in Teilen erfassen, aber nicht mehr als ansatzweise verstehen kann, fängt dann -wie im Theoriewesen üblich- an zu beschreiben und zu erklären, gar zu prädiktieren.

    Bei der Unterscheidung zwischen konkretem Denken und eher auf die Rückführung auf Bekanntes bedachtes Denken kommt dann eben so etwas heraus.

    “Trocken” festgehalten werden darf aber vielleicht, dass maskulines Personal in der kognitiven Spitze überlegen scheint, wie übrigens auch in der Umkehrung.
    Andernfalls wäre eine systematische Unterbewertung und Unterbepreisung des femininen Personals diesbezüglich anzunehmen.

    MFG
    Dr. W

  21. #21 rolak
    9. Dezember 2013

    Fast vergessen: Vor einiger Zeit habe ich eine Doku angesehen, in der einige Menschen filmisch über den Grobzeitraum ‘Geschlechtsumwandlung’ begleitet wurden. Aus irgendeinem Grunde wurde da in zumindest einem Fall auch die Auswirkung der Hormontherapie auf das Hirn untersucht – welches ebenfalls einen Seitenwechsel (im Sinne der im post erzählten m/w-Sortierung) vollzog. Anekdotisch, klar. Hab auf die Schnelle nur einen Melderuf für eine entsprechende Studie gefunden.