Jaha, die Werbung… Der Quantensprung, der angeblich so große Fortschritt in eine neue Dimension. Ein wenig Suchen bringt viele lustige Links. Ich möchte den Esos hier keine Werbefläche geben (daher kein Link), aber bei denen ist der Quantensprung scheinbar synonym für die “große” Veränderung im Jahr 2012.

“nämlich auf einen Quantensprung des Bewusstseins, auf den Wechsel in die Neue Energie, und er nähert sich geschwind!”

Und das kann durchaus stimmen. Ist ein Quantensprung doch vermutlich eine der kleinsten Veränderungen, die es gibt. Quasi Nichts. Unkontrolliert, alltäglich, ganz normal. Es wird demnach 2012 einen Quantensprung geben, so wie jetzt gerade, gleich, morgen und überhaupt.
Hier etwas Sachliches zum Thema

Wenn das ganze in der Werbung eingesetzt wird, ist es richtig “lustig”. Alles mögliche stellt einen Quantensprung in seiner jeweiligen Disziplin dar. Und wie wir ja jetzt wissen, lügen sie dabei gar nicht, ist das doch vermutlich immer eine kleine, feine Innovation…

Nachtrag: Ausgehend von dem Kommentar habe ich diesen Beitrag gefunden, der sich sehr viel ausführlicher mit dem Widerspruch befasst:

“Physiker nennen es eine Ignorantenmetapher, wenn mit dem Quantensprung ein großer Durchbruch, welcher Art auch immer, bezeichnet wird. Der Quantensprung ist und bleibt der kleinste Sprung in der Natur, den die Gesetze der Quantenphysik erlauben. Es würde ja auch niemand einen Fliegendreck mit einer Atombombe gleichsetzen.”

Kommentare (17)

  1. #1 Samin
    Januar 13, 2009

    Sicher das mit dem Quantensprung der Sprung in Quantenmaßstäben gemeint ist und nicht der gedankliche Sprung der Nötig ist um von der “klassischen” Physik zur Quantenphysik umzusteigen und das ganze am Ende noch zu begreifen?
    Ich weiß es nicht, ist nur eine Vermutung.. weil irgendwo muss sich die Idee von Quantensprung = Groß ja gebildet haben

  2. #2 GeMa
    Januar 13, 2009

    Mathias Senoner hat 1996 die Frage in der ZEIT auch schon mal betrachtet
    http://www.zeit.de/1996/19/quanten.txt.19960503.xml

  3. #3 Chris
    Januar 13, 2009

    @GeMa
    Wow, das der Unfug schon SO lange kursiert, hätt ich nicht gedacht…

  4. #4 Ulrich
    Januar 13, 2009

    @ Chris:

    “SO lange” ist gut. In dem link im Nachtrag oben findet man das:

    Es gibt einen frühen Beleg aus dem Jahre 1962, und zwar […] in der Aufsatzsammlung Homo Creator (Wiesbaden, 1962, S. 215) des Soziologen Wilhelm E. Mühlmann. Der Autor vergleicht dort das Entstehen einer neuen Religion auf der Basis einer älteren mit einem »historischen Quantensprung«.

  5. #5 Chris
    Januar 13, 2009

    @Ulrich
    Erwischt, ja ich habe den Link nicht komplett gelesen. Jetzt aber, um Dich zu korrigieren 😉

    Die sekundäre Bedeutung muß also irgendwann zwischen 1925 und 1985 aufgekommen sein

  6. #6 Pawel
    Januar 13, 2009

    Man sollte bei solcher Kritik doch etwas Vorsicht walten lassen. Dass sich Fachsprache und Umgangssprache unterscheiden, ist weder neu noch (in meinen Augen) schlimm. Es ist ja auch nicht verkehrt, Deutsch als “Sprache” zu bezeichnen, obwohl das linguistisch sinnfrei ist, oder “ein Fernseher mit integriertem DVD-Player” im Werbetext zu schreiben, wenn keine mathematischen Integrale gebildet werden.

  7. #7 Ludmila
    Januar 13, 2009

    @Pawel: Es kann aber zu einem Problem bei der Wissenschaftskommunikation werden, wenn Journalisten, Wissenschaftler nicht darauf achten. Insbesondere wenn die Begriffe so auseinander driften wie hier.

    Großes Handicap ist z.B. das Wort “Theorie”. Das wird in der Alltagssprache so ziemlich gegenteilig verwendet, wie in der Wissenschaft. Ich könnte jedes Mal schreien, wenn ich in Zusammenhang mit Wissenschaft wieder höre “Das ist doch nur eine Theorie…” Bei uns ist Theorie, das beste derzeitige Wissen. Für den Laien ist es etwas, was total spekulativ und getrost zu vernachlässigen ist.

    Und schon hat man den Salat. Es gibt Leute, die glauben dann einem einfach nicht, dass der Begriff in der Wissenschaft ganz anders gebraucht wird. Gerade bei heiß diskutierten Themen ist das ein ganz großes Problem.

  8. #8 Pawel
    Januar 13, 2009

    @Ludmila: Da stimme ich vollkommen zu, das ist ein großes Problem, insbesondere bei Themen wie Intelligent Design u. ä. Aber hier geht es nicht um Wissenschaft, nicht mal um populäre. Von diesem Sprachgebtauch geht wenig Gefahr für die Quantenphysik aus, oder?

  9. #9 Jürgen Schönstein
    Januar 13, 2009

    @Pawel
    Ich muss Ludmila hier zustimmen. Selbst wenn der Begriff hier nur als eine Metapher (ehrlich gesagt, ist er dann eher eine Worthülse, da er seiner Bedeutung entleert wurde) verwendet wird, hat er Folgen für die Kommunikation – und zwar nicht nur die rein wissenschaftliche. Ich erinnere hier nur mal an den LHC und die Konsequenzen für die öffentliche Diskussion, die darauf zurückzuführen waren, dass eine bereite Öffentlichkeit nicht in der Lage war, die Dimensionen der debattierten Phänomene (Schwarze Löcher, Micro- und Macro- …) zu begreifen. Wenn der “Quantensprung” plötzlich zum “Riesensprung” wird, dann hat das schon Folgen darauf, wie Quantenphänomene wahrgenommen werden …
    @ Chris und Ulrich
    Meine eigene Erfahrung ist sicher nicht repräsentativ, aber ich glaube mich zu erinnern, dass der Begriff, als er journalistisch in Mode kam (vor einem Vierteljahrhundert oder so – ich war jedenfalls schon in selbst im Medienbusiness), erst mal so verwendet wurde, dass er einen übergangslosen Sprung bezeichnete. Also einen, der im Gegensatz zu einem echten, physischen Sprung ohne Zwischenphasen etc. funktioniert. Nicht die Größe, sondern die radikale Dramatik dieses metaphorischen Sprungs (der sich ein wenig das Feld mit dem ebenso beliebten “Paradigm Shift”, dem Paradigmenwechsel, teilen musste) sollte damit umschrieben werden.

  10. #10 buchstaeblich
    Januar 14, 2009

    Als Westfälin verstehe ich unter Quanten ja in erster Linie große Füße. Ob das gemeint ist: Mit großen Füßen springt sich ‘s weiter?
    😉

  11. #11 Chris
    Januar 14, 2009

    @Pawel
    Natürlich ist das kein neues Phänomen. Aber wie Ludmila und Jürgen aber schon betonten, es geht um´s Prinzip. Wenn sich bestimmte Begriffe einmal falsch in den Köpfen festgesetzt haben, ist es vorbei. Dann kann man noch so viel dagegen argumentieren, es bringt nichts.
    Ein schönes, auch altes Beispiel ist ” das macht Sinn”, etwas OT. Das ist heute gängig. Aber etwas kann keinen Sinn machen, sondern einen Sinn haben, oder einen Sinn ergeben. Ursprung ist das englische “it makes sense”.
    Ich will jetzt hier nicht als Kämpfer und Retter der deutschen Sprache missverstanden werden. Ganz im Gegenteil, gerade in der Wissenschaft gibt es so viele Fachtermini, meist englisch, die sich fest etabliert haben. Hier gibt es teilweise keine richtige, treffende deutsche Übersetzung.
    “Schadprogramme” halte ich zum Beispiel für einen absoluten Fehlgriff…

  12. #12 Pawel
    Januar 14, 2009

    @Jürgen, Chris:
    OK, ich will diese Diskussion nicht allzu ausweiten – die Standpunkte sind klar, und klar unterschiedlich. Ich will hier nicht die Galle hochkommen lassen, sondern die grauen Zellen lieber anderen Aufgaben zuwenden 😎
    Ein kleiner Zusatz nur: Ich stimme Chris vollkommen zu, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt, auch wenn man sie schlecht findet. Wenn die Benutzung von Fachtermini in der Umgangssprache in anderer Bedeutung tatsächlich zu einem großen Problem wird, ist die einzige Lösung, die Fachsprache zu ändern…

  13. #13 Chris
    Januar 14, 2009

    @Pawel
    Da kommt, zumindest bei mir, keine Galle hoch. Ich bin eher amüsiert, wenn sich Werbeagenturen Quantensprung nennen.
    Aber die Fachsprache ändern? Der Klügere gibt nach, oder wie? Da bekomme ich aber schon Bauchschmerzen. Sehen wir das mal pragmatisch: Auf einer Physikerkonferenz wird kaum einer etwas falsch verstehen, wenn von Quantensprüngen gesprochen wird.
    Wenn in einem wissenschaftlichen Vortrag gesagt wird, “nach unserer Theorie geschieht dieses oder jenes”, dann ist das normal und üblich.
    Der Knackpunkt ist die Wissenschaftskommunikation der Dinge. Wenn ein “normaler” Journalist dann von der Theorie berichtet, kann der Schuss, wie Ludmila schon sagte, nach hinten losgehen.
    Dann wird aus dem “aktuellen Stand der Dinge” auf einmal “eine ganz unwahrscheinliche, evtl. mögliche Hypothese, die sich jemand ausgedacht hat”.

  14. #14 Pawel
    Januar 14, 2009

    @Chris
    Die Galle war, ebenso wie die grauen Zellen, nicht ganz ernst gemeint – nur als Beispiele von gänzlich falsch benutzten Termini, die, soweit ich weiß, nicht sehr viel Schaden angerichtet haben.

    Und es geht nicht um “der Klügere gibt nach”, sondern nur um eine realistische Sicht auf die Dinge.

    “Wenn sich bestimmte Begriffe einmal falsch in den Köpfen festgesetzt haben, ist es vorbei. Dann kann man noch so viel dagegen argumentieren, es bringt nichts.”

    Daraus folgt ja, dass es nur einen gibt, der Überhaupt nachgeben kann…

  15. #15 Chris
    Januar 14, 2009

    @Pawel
    Die Galle war, ebenso wie die grauen Zellen, nicht ganz ernst gemeint – nur als Beispiele
    Oh, das Wortspiel habe ich nicht als solches erkannt, sorry. :-)

  16. #16 fs
    Januar 14, 2009

    der alpha-zentrauri-prof lesch erboste sich früher(?) auch gerne auf diese und andere physikalisch-unsinnige wortgebilde der alltags- und werbesprache

  17. #17 GPB
    Januar 15, 2009

    Andererseits übernehmen leider auch manche Wissenschaftler Begriffe aus der Alltagssprache/SciFi, weil es sich cool anhört…
    Bestes Beispiel: “Beamen”/”Quantenteleportation”, was beides doch nur sehr grenzfällig mit dem übereinstimmt, was vorher darunter verstanden wurde… Aber hört sich eben besser an als “Momentane Zustandsänderung weit entfernter verschränkter Quantensysteme” oder ähnlich.

    Für ein Elektron sind Quantensprünge übrigens gar nicht soooo klein (ja ich vermenschliche hier…) und finden vor allem doch recht schnell statt, von daher ist auch hier eine extrem grenzfällige Richtigkeit des Alltagsbegriffs gegeben — allerdings wohl eher nicht da, wo er leider heute überwiegenderweise eingesetzt wird (bei Esos)