Wissenschaftsfeuilleton

Jetzt programmieren sie wieder

Anfang Oktober ist die Zeit der Nobelpreisverkündigung, und bei der Physik ist uns gottseidank erspart geblieben, den Namen Higgs ein weiteres mal mit unbrauchbaren Kommentaren zu dem nach dem schottischen Physiker benannten Feld zu hören und zu lesen. In der Medizin sind Stammzellforscher ausgezeichnet worden, und das journalistische Volk erklärt jetzt den Leuten, wie man Zellen umprogrammieren und reprogrammieren und überhaupt programmieren kann. Mich macht das Wort wütend, weil es zum einen eine Zelle als Maschine darstellt, und weil das Benutzen von “Programm” nur Kenntnisse vortäuscht. Natürlich freut sich der geduldige Laie, wenn grinsende Moderatoren ihm sagen, im Leben gebe es die Programme, die er von der Waschmaschine, dem Theater, dem Computer kennt und an vielen anderen Orten findet. Jetzt stehen beide schlau da, der Laie und der Experte, der es aber besser wissen sollte, nämlich dass er mit dem Programmieren nur Kenntnisse vortäuscht, die niemand hat. Auch die Nobellaureaten nicht. Sie können Zellen manipulieren, aber nicht erklären, was sich dabei abpielt. Das übernehmen die programmierten Programmkenner aus den Medien. Mal sehen, was das Fernsehprogramm zu dem Zellprogramm zu zeigen hat.

Kommentare

  1. #1 CM
    Oktober 9, 2012

    Der Beitrag erinnert mich stark an den Kommentar eines Zoologen, als ich mal in einem Kolloquium von “genetischen Algorithmen” sprach. Nur weil Etwas bereits besetzt ist, darf der Begriff dazu anderswo nicht verwendet werden?

    Analogien sind in der Wissenschaftssprache allgegenwärtig. Bei der Wissensvermittlung in Richtung Laien dürfen sie nicht vorkommen? Warum?

    Und: Wie wäre es mit einem besseren Vorschlag? Nein, “Manipulation” hat eine ziemlich negative Konnotation, oder? Also, etwas noch Besseres wäre angezeigt.

  2. #2 fablwesen
    Oktober 9, 2012

    verändern? :P

  3. #3 Bartleby
    Oktober 9, 2012

    Sehr geehrter Herr Fischer,

    Bei allem Respekt vor Ihren weitgefächerten Studien und Ihrem etwas fortgeschrittenem Alter muss ich Ihnen sagen, dass Ihr Beitrag auf mich den Eindruck einer gewissen Überheblichkeit macht. Sie reden abfällig über “grinsende Moderatoren”, haben aber selbst keine bessere Erklärung veröffentlicht. Auf Ihrer Homepage, wo ich eine richtig gute Erklärung erwartet hätte, wird man anstatt von wissenschaftlichen Inhalten von Buchreklame begrüßt. Mehre Ihrer Titel enthalten Aussagen wie “alles was man wisen muss”. Ich bezweifle, dass Sie oder überhaupt jemand alles, was man wissen muss, in Bücher schreiben können.

    Etwas mehr Bescheidenheit wäre meiner Meinung nach angezeigt.

  4. #4 markustermin
    Oktober 9, 2012

    @ Bartleby: Unsinn – Dinge beim Wort zu nennen, ist nicht unbescheiden. Und eine Gegenrede zur Mechanisierung des Menschen mehr als notwendig.

  5. #5 Doug
    Oktober 10, 2012

    @CM und Bartleby.
    Solche Sprache dient doch vielmehr fancy zu wirken als hier irgendwelche Analogien herzustellen. Sowenig wie Neuronale Netze was mit Neuronen und Genetische Algorithmen etwas mit Genetik zu tun haben, so wenig sind ein Quantensprung was grossartiges oder in diesem Falle Zellen programmierbar. Aber es klingt gewichtig.

  6. #6 schlappohr
    Oktober 10, 2012

    In der Elektronik verwendet man “konfigurieren” oder etwas gebildeter “parametrieren”. Das bedeutet, man stellt ein Bauteil so ein, dass es bestimmte Eigenschaften aufweist oder ein bestimmtes Verhalten zeigt. Streng genommen ist “programmieren” ein Spezialfall von “konfigurieren”, die Begriffe werden aber oft synonym verwendet. (Wenn ich an meinem Küchenradio einen bestimmten Sender und eine bestimmte Lautstärke einstelle, dann ist das eher eine Konfiguration als eine Programmierung.)
    Dabei ist es unerheblich, ob die genauen Auswirkungen einer Konfiguration im Voraus bekannt sind. Ich kann an besagtem Küchenradio blind an den Knöpfen drehen ohne zu wissen, ob eine sinnvolle Kombination aus eingestellter Frequenz und Lautstärke dabei herauskommt. Eine Konfiguration ist es trotzdem.
    (Ich hoffe, ich habe die “Mechanisierung des Menschen” nicht so weit getrieben, dass sich jetzt hier jemand wie ein Küchenradio fühlt).

  7. #7 Philipp G.
    Oktober 10, 2012

    Naja, das was Zellbiologen machen ist letztendlich reverse engineering von hochkomplexen, programmierbaren Systemen.

    (Und Virenbefall von Zellen kann man auch als “Backdoor-Angriff, bei dem Schadcode eingebracht wird” bezeichnen. Verstehen dann aber nur Computernerds.)

    Und insofern haben sie die Zellen “umprogrammiert”.
    Das gefährliche an dem Begriff ist vielleicht, das er ein nicht vorhandenes tiefgehendes Verständnis für biologische Prozesse in Zellen vorgaukeln kann.

    (Im Laborjargon spricht man sowieso von “to clone into” bzw. “ein Gen reinklonen”. Aber das versteht sowieso wiedermal niemand.)

  8. #8 andreas w
    Oktober 10, 2012

    Wieso lässt man Herrn Fischer immer noch auf Scienceblogs rummeckern? Nur weil er Bücher veröffentlicht hat?
    Vielleicht war seine Meinung früher einmal qualifizierter.(muss schon lange her sein)
    Mittlerweile senkt er nur noch das Niveau von SB.
    Kaum Verständniss der Thematik, nörgeln, null Information im Text.
    Die Artikel gehören auf einen privaten Blog.
    Nicht hierher wo ich immer wieder versehentlich draufklicke und mich danach ärgere den BS überhaupt gelesen zu haben.

  9. #9 Moritz
    Oktober 10, 2012

    Reprogramming ist das richtige Wort, steht in allen Papern der Primärliteratur. Natürlich ist dabei nicht mechanistisch das gleiche gemeint wie in der Informatik, das Wort Programm ist sowieso älter als die Computer.

  10. #10 Compuholic
    Oktober 10, 2012

    Ein armseliger Artikel.

    Der Autor hat was dagegen, dass Zellen “Maschinen” genannt werden und das Manipulationen als “Programmierung” bezeichnet wird. Na super…

    Nur ein haufen sinnfreier Wortspielereien und nichts von Substanz.

    Und sie ärgern sich über unbrauchbare Kommentare zum Higgs-Feld? Jeder nur denkbare Kommentar (und sei er noch so unqualifiziert) zum Higgs-Feld ist brauchbarer als dieser Artikel.

  11. #11 Bartleby
    Oktober 10, 2012

    @Moritz: Sehr richtig. Man muss nur die ersten zwei Absätze der Begründung des Nobelkommittees lesen http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/2012/press.html

    Ansonsten ist die Beschreibung der Funktionsweise von Zellen als “programmgesteuert” schon sehr lange in der Wissenschaftspublizistik etabliert und ich kenne keine ernsthaften Einwände dagegen. Deshalb ist diese Analogie meiner Meinung nach hier auch nicht fehl am Platze. Vielleicht kennt jemand aber auch noch ernsthafte Einwände.

  12. #12 Thomas Niebaum
    Stuttgart
    Oktober 10, 2012

    Herr Prof. Dr. Fischer ist sehr wohl noch qualifiziert, hier über Wissenschaft zu schreiben. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass er in der deutschen Wissenschaftspublizistik und der akademischen Wissenschaftsgeschichte eine Größe ist.
    Diesen seinen Eintrag verstehe ich aber auch nicht, und ich maße mir als Molekularbiologe an, etwas von Stammzellforschung zu verstehen. Meines Erachtens sind die Begriffe (Re-)programmierung von Zellen gerechtfertigt und werden so auch in wiss. Publikationen verwendet. Zumal wir in dieser Zeit sowieso eine Kobvergenz der Informatik und der Biologie in der Bioinformatik betrachten (zugegeben das hat nichts mit der Reprogrammierung von Zellen zu tun!)

  13. #13 CM
    Oktober 10, 2012

    Na ja, Herr Niebaum, entweder ist das ein seltsamer Nick oder pubmed lügt (bzw. Sie sind nicht indiziert) oder sie haben keine (einschlägige) Publikationen. Ebensowenig wie Herr Fischer, der – akadem. Grade Hin oder Her – überhaupt wie es scheint hier nur Polemiken schreiben kann. Und ein wenig Substanz braucht “Größe” schon.

    Da es anscheinend von Herrn Fischer auch keinerlei Reflektion über die hier geäußerten Kritiken gibt und stattdessen nur kurze Artikel / Polemiken, die oft jeder Substanz und Argumentation entbehren, dafür aber nach Zustimmung heischen, kann ich nicht umhin das schlicht schade zu finden.

    @doug: Hier geht es nicht um eine Überdosis Pathos oder anderer Übertreibungen, sondern einen Mangel an guten Argumenten. Dieser Blog setzt leider allzuoft Zustimmung voraus und läßt Argumente fehlen, greift zugleich aber an.

    Argumenten kann man zustimmen oder auch nicht – doch Forderungen ohne jegliche Begründung sind einfach, ich schrieb es schon mal hier, zu wenig, selbst für ein Feuilleton.

    Gruß,
    Christian

  14. #14 Julian Estragon
    Oktober 10, 2012

    Ich habe mit 12 Jahren kleine Programme in Basic geschrieben, obwohl ich damals nicht hundertprozentig gewusste habe, wie ein Computer funktioniert. Nach der grandiosen Logik von Prof. Fischer habe ich also gar nicht “programmiert”. Was habe ich dann gemacht?

    Und bitte was spricht gegen die Analogie ZelleMaschine? Beides sind materielle Systeme, die nach erforschbaren Gesetzen funktionieren, und von beiden kann man in einem gewissen Sinne sagen, dass sie eine Funktion erfüllen. Insofern ist die Analogie angemessen, ebenso wie die Rede von einem “genetischen Programm”.

    Ehrlich gesagt: Mir geht diese kleingeistige Nörgelei des Herrn Fischer zunehmend auf den Senkel. Wenn sie wenigstens mit Humor und Esprit daherkäme, aber Herr Fischer wirkt auf mich wie ein verbitterter Mann, der hier einen Frust rauslässt, dessen wahre Ursachen wer weiß wo liegen.

  15. #15 Bartleby
    Oktober 13, 2012

    Damit der interessierte Leser nicht nur die Kritik kennt, sollte hier auch Beispiel für die Verwendung des Begriffs “Programm” in der Biologie gegeben werden. Gute Tradition in deutschen Haushalten ist es “den Brockhaus” zu befragen.

    Stichwort Leben: [...], wonach Leben »das Haben eines genetischen Programmes« ist (E. Mayr), welches in geeigneter Umgebung automatisch zur phänotypischen Ausbildung dieses Programms als lebendiger Organismus führt.

    (Quelle: Brockhaus – Die Enzyklopädie in 30 Bänden. 21., neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Mannheim: F. A. Brockhaus 2005-06.)

    Es steht natürlich jedem frei, eine eigene Sprache zu definieren und sich über weithin und seit langem etablierten Sprachgebrauch zu echauffieren. Man sollte sich dann aber nicht über Unverständnis “der Leute” wundern.