Wissenschaftsfeuilleton

Das Ende des genetischen Programms

Ich habe vor einigen Tagen die Verwendung des “programmierens” im biologischen Kontext kritisiert und ungewöhnlich viele Anmerkungen dazu bekommen. Es gab sogar Stimmen, die mich für unwürdig erachten, hier weiter zu schreiben. Ich antworte trotzdem und weise auf zwei Dinge hin, von denen ich eines angemerkt hatte, ohne daß jemand darauf eingegangen ist. Ich meine die Bequemlichkeit, etwas mit Schlagworten zu erklären, die beruhigen, ohne verstanden zu werden. Programm gehört dazu. Wer im Publikum könnte denn sagen, was ein Programm ist, außer etwa bei einem Theaterprogramm. Das Wort Programm im wissenschaftlichen Kontext bedeutet, daß es zwei Dinge geben muss, die isomorph sind – einen Text und der Ablauf, der davon gesteuert wird, und beide müssen 1 zu 1 aufeinander passen. In der Biologie gibt einen Mechanismus, der programmiert abläuft, und zwar der, bei dem die Reihenfolge der DNA Bausteine in die Reihenfolge von RNA Bausteinen übersetzt wird.  Wenn anschließend daraus ein Protein wird, das seine Gestalt annimmt, kann von einem programmierten Vorgehen schlicht und einfach keine Rede mehr sein. Natürlich geht da alle regelmäßig und nach den Gesetzen der Natur zu, aber da ist nichts programmiert. - Wer in ein Theater geht und den Schauspielern zusieht, beobachtet ein programmiertes Geschehen, weil es den Text gibt, nach dem die Schauspieler agieren – 1 zu 1. Die Zuschauer im Saal verhalten sich vielfach ähnlich, sie tun dies aber nicht nach der Vorschrift eine Programms. Da gibt es kompliziertere Vorgaben, ohne daß sie als Programm vorliegen. – Niemand bestreitet, daß die Zellteilungen auch nach Manipulationen regelmäßig ablaufen, aber es gibt sehr viel mehr regelmäßige als programmierte Phänomene, und ich denke, daß die Experten sich blind für andere Mechanismen stellen, wenn sie uns sagen, sie hätten Zellen umprogrammiert (und die Lehrbücher das gedankenlos übernehmen). Das genetische Programm ist zu Ende, wenn die Aminosäuren für ein Protein aneinander gehängt sind, selbst wenn die Fachblätter an dem Wort hängen. Auch sie meinen, die Phänomene mit Begriffen bemeistern zu können. Das Leben einer Zelle fängt an, spannend zu werden, wenn das genetische Programm zu Ende ist. Eu guter Programmierer wird das wissen.

Kommentare

  1. #1 michael
    Oktober 12, 2012

    > Eu guter Programmierer wird das wissen.

    Ein!

  2. #2 Bartleby
    Oktober 13, 2012

    “Es gab sogar Stimmen, die mich für unwürdig erachten, hier weiter zu schreiben.”

    Na ja, es war eine Stimme (ein Solo), die das konkret gefordert hat. Der Rest der Kommentatoren hat die Form des Auftritts und die Qualität der Beiträge diskutiert.

    “Wer im Publikum könnte denn sagen, was ein Programm ist, außer etwa bei einem Theaterprogramm.”

    Schon wieder eine Beleidigung der Leser! Ich sollte auch dafür stimmen, Sie nicht länger in den Scienceblogs schreiben zu lassen. Dann wären es auch wirklich “Stimmen”. Aber dann müsste ich wieder suchen, wo man so einfach kluge Kommentare ablassen kann?

    Zurück zum Inhalt dieses Beitrags.

    “Wenn anschließend daraus ein Protein wird, das seine Gestalt annimmt, kann von einem programmierten Vorgehen schlicht und einfach keine Rede mehr sein.”

    Netter Versuch doch noch Recht zu behalten, indem die Proteinsynthese in die zwei Teilvorgänge “Transkription der DNA” und die “eigentliche Synthese” der Proteine aufgeteilt wird. Das hilft aber auch nicht weiter.

    Das “Programm” ist die spezifische Folge der Aminosäuren in der DNA, durch die das Endprodukt der Synthese festgelegt wird. Alle Abläufe der Proteinsnthese selbst beruhen auf den physikalischen und chemischen Eigenschaften der beteiligten Materie und können mit dem Wirken der entsprechenden Gesetze erklärt werden. Die laufen unter gleichen Bedingungen immer wieder so ab. Sonst gäbe es auch kein Leben.

    Das folgende Beispiel zeigt, wie der Begriff “Programm” in diesem Kontext verwendet wird.

    Stichwort Leben: [...], wonach Leben »das Haben eines genetischen Programmes« ist (E. Mayr), welches in geeigneter Umgebung automatisch zur phänotypischen Ausbildung dieses Programms als lebendiger Organismus führt. (Quelle: Brockhaus – Die Enzyklopädie in 30 Bänden. 21., neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Mannheim: F. A. Brockhaus 2005-06.)

  3. #3 CM
    Oktober 13, 2012

    @Bartleby: Ich glaube der Punkt “isomorph” und “Proteinfaltung” sollen belegen, daß letztere eben nicht programmatisch ist und eben manches Mal auch schief geht.

    Dennoch finde ich Deine Argumente treffen den Punkt sehr deutlich. Und da Sie, Herr Fischer mein Promotionsthema (Konformationswechsel von Proteinkomplexen) trafen, möchte ich fragen: Ab welcher Abstraktionsstufe, “darf” man denn wieder von “programmieren” reden, wenn man “manipuliert”? Na ja, gewöhnliches Feuilleton verstehe ich auch oft nicht – es liegt vielleicht an mir.

    Gruß,
    Christian

    PS Och, programmieren kann ich ganz gut in versch. Sprachen – vor allem im wissenschaftlichem Bereich – ich erlaube mir also etwas davon zu verstehen ;-).

  4. #4 Bartleby
    Oktober 13, 2012

    @CM:

    Ich glaube der Punkt “isomorph” und “Proteinfaltung” sollen belegen, daß letztere eben nicht programmatisch ist und eben manches Mal auch schief geht.

    [...] Och, programmieren kann ich ganz gut in versch. Sprachen…

    “eben manches Mal auch schief geht”.

    Kleine Bemerkung außerhalb des (wissenschaftlichen) Protokolls : Das ist ja dann noch eine (manchmal gemeine) Gemeinsamkeit von genetischem und Computer-Programm. ;-)

  5. #5 Dr. W
    Oktober 24, 2012

    Ein Programm ist eine Vorschrift, enger eine Berechnungsvorschrift für den Programmierer. Es spricht nichts dagegen den Begriff offener zu nutzen, aber wenn in der Biologie wie beispielhaft beschrieben nicht programmiert werden soll, ist das OK. Folgefrage: Wird in der Welt dann eigentlich irgendetwas programmiert?