Ich habe die Grundüberzeugungen, dass Philosophie erstens schwieriger ist als Naturwissenschaft und zweitens viel unverständlicher bleibt. In meinem Buch “Warum Spinat nur Popeye stark macht” finden sich Beispiele für die zahllosen unverständlichen (und unverschämten) Sätze der Philosophie, über die sich merkwürdigerweise niemand im Land der Dichter und Denker beschwert. Wenn Naturwissenschaftler schwierig klingen, sagt man, die sind zu doof, um sich klar auszudrücken. Wenn Philosophen unverständlich klingen, sagt man, die Zuhörer sind zu doof, um das zu verstehen. Dieser Marketing-Gag der Philosophen hat etwas mit der Dunkelheit ihrer großen Vordenkers Martin Heidegger zu tun, der heute in der FAZ mit dem Satz zitiert wird: “Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie”. Vermutlich deshalb, weil man dann sofort sieht, wie wenig da gedacht wird. Alles nur Gerede offenbar, und der Versuch, unter sich zu bleiben. Bleibt die Frage, warum das deutsche  Publikum sich so auf den Arm nehmen lässt. Die Naturwissenschaften versuchen, verständlich zu sein und sich verständlich zu machen. Vielleicht ist das der Fehler. Also – zurück in den Elfenbeinturm und dunkel murmeln. Die Anerkennung im Feuilleton kann dann nur noch eine Frage der Zeit sein.

Kommentare (14)

  1. #1 Epikur63
    Duesseldorf
    Juni 5, 2013

    Vorweg: Ich bin promovierter Naturwissenschaftler und kein Philosoph. Das Urteil des Artikels geht zu weit: Es ist richtig, dass sich vor allem durch die deutsche Geistesgeschichte eine dunkle Spur der intellektuellen Verwüstung und furchtbaren Sprache über Hegel, Heidegger, Adorno etc. erstreckt. Daneben gibt es aber auch eine andere Philosophie, die sich einer klaren Sprache bedient , vor allem die englisch Geprägte. Es wäre ignorant, dies nicht zu sehen.

    Man kann dazu in die Vergangenheit schauen zu Philosophen wie David Hume. Man kann auch in die jüngere Vergangenheit blicken zu Leuten wie Karl Popper, dessen “Logik der Forschung” die Grundlage für die heute in den Naturwissenschaften verbreitetste Vorgehensweise des kritischen Rationalismus ist, oder zu dem grossen Mathematiker Bertrand Russell, der in die Philosophie wechselte. Russell hatte nicht nur eine klare, sondern auch wundervolle Sprache: Nicht umsonst erhielt er 1950 auch den Nobelpreis für Literatur. Seine philosophiegeschichtlichen Werke sind ein Genuß.

    Apropos Genuss und wechseln: Sehr empfehlen kann ich den Podcast (und Blog) von Massimo Pigliucci, der von der Biologie in die Philosophie wechselte. Sein Podcast “Rationally Speaking” wird von den New York Sceptics gehostet und ist überaus unterhaltsam. Auch in den USA gibt es Diskussionen um den Wert der Philosophie: Pigliucci hat dies z.B. kontrovers mit Lawrence Krauss (der von “A universe from nothing”) diskutiert. Hier der Link zum “Rationally Speaking” Podcast und Blog. Viel Spaß !

    http://rationallyspeaking.blogspot.com/p/the-podcast.html

  2. #2 Dr. Webbaer
    Juni 5, 2013

    Alles richtig angemerkt, hierzu noch kurz:

    Bleibt die Frage, warum das deutsche Publikum sich so auf den Arm nehmen lässt.

    Vielleicht, weil es keineswegs das Volk von Denkern ist, wie beizeiten angenommen?

    MFG
    Dr. W

  3. #3 markustermin
    Juni 5, 2013

    @ EPF: Wenn Sie sich für Heidegger (der mitnichten großer Vordenker ist, das ist der allseits verachtete Rudolf Steiner, an den keiner rankommt als Denker – “Wahrheit und Wissenschaft”, “Philosophie der Freiheit”) interessieren, gibt es einige recht leicht verständliche Schriften, die jeder Naturwissenschaftler nicht nur gelesen, sondern Wort für Wort studiert haben sollte (sofern ihnen an der Zukunft des Planeten liegt). Da wäre allem voran “Die Technik und die Kehre”.

    Sicher – Heidegger hat gesagt: “Die Naturwissenschaft denkt nicht”. Das ist bitter, aber wahr. Aber eigentlich keine Beleidigung, sondern eine Zustandsbeschreibung. Die Neurologen und Physiker von heute wissen das allerdings nicht.

    Maulfertige Volksgerichte werden Sie bei Heidegger vergeblich suchen – die Unverständlichkeit, die Sie beklagen, ist nur Denkfaulheit – nachzuvollziehen, was gemeint ist. Nachzuvollziehen ist übrigens nicht das Schwere – sondern das Leichte. Es gibt – speziell bei Heidegger – keinen schweren Gedanken. Nur ist leider – für verbildete Hirne (meines gehört dazu) – das Leichte schwer.

    Philosophie Verständlichkeit mit der mathematischen Kryptografie der Naturwissenschaft zu vergleichen, ist hinkend – im umfassenden Sinn des Wortes.

    Schon wenn Sie sich hier Gedanken über die Philosophie machen, tun Sie das – wie jeder andere auch – nicht naturwissenschaftlich, sondern philosophisch.

    Ohne den Logos gibt es kein Denken – und der ist nun mal nicht naturwissenschaftlich, sondern nur dem Sinn gemäß – also nicht dem wie nach, sondern nur nach dem warum zu begreifen. Diese Frage wird naturwissenschaftlich der Natur der Sache nach gar nicht gestellt. Und das ist auch gut so. Solange man sich dessen bewußt ist!

    Was ich aber nun nicht verstehe – Sie wissen offenbar, daß Naturwissenschaft leichter ist, als Philosophie – trotzdem erwarten Sie irgendetwas leicht zu Verstehendes von der Philosophie. In der Tat ist Philosophie auch leicht zu verstehen – erst jedoch müssen Denkgewohnheiten aufgebrochen, Ansichten relativiert und Begriffe abgestimmt werden.

    Es gibt keine Naturwissenschaft ohne Philosophie. Sie sägen an dem Ast, auf dem Sie sitzen.

  4. #4 markustermin
    Juni 5, 2013

    @ Dr. W.: Das “Volk der Denker” wurde zwischen 39 und 45 ermordet.

  5. #5 Dr. Webbaer
    Juni 5, 2013

    Heidegger ist, nicht nur wegen ‘Die Naturwissenschaft denkt nicht.’, ein Problemfall. Das grundsätzliche Problem ist, sollte es denn eines sein, dass die Philosophie nicht viel zu sagen hat [1], sie ist ja im besten Fall nur der “gesunde Menschenverstand”.

    D.h. sie wirkt, auf die Naturwissenschaften bezogen, bevorzugt hindernd. [2]

    HTH
    Dr. W

    [1] aber auch nicht so wenig, wenn man sich die real existierende Wissenschaftlichkeit so anguckt – nichtsdestotrotz setzt sie bevorzugt Minimalstandards, was aber schon schwierig genug ist, fürwahr

    [2] was nicht schlecht sein muss

  6. #6 threepoints...
    Juni 5, 2013

    @ EPF

    Sie haben ja kein Problem mit dem Urheberrecht.

    Zitieren sie doch mal einige philosophische Unverständlichkeiten/Unverschämtheiten, die niemand versteht, sich aber auch niemand drüber aufregt!…

    Ich, der per Hauptschulabschluß nachweislich wenig Ahnung von Philosophie hat, könnte hier ziemlich sicher dazulernen.

    Es gibt abseits ihrer Kritik an Phil. da noch die Version, dass Phil. dazu da sei, dem Rezipienten eine Falle zu stellen (oder so ähnlich) – in etwa nach dem Szenario des Pflückens der verbotenen Frucht. Sozusagen der virtuelle Apfel.

    Welche “Frucht” war es denn bei ihnen? Die üblichen Verdächtigen (Kant, Hegel, ….)?

  7. #7 Europas Mond
    Juni 5, 2013

    @ Dr. Webbaer: wenn es so wäre, gäbe es keine Philosophie. Glaub eher, das Grundproblem ist, dass sie nicht viel zu sagen haben.

  8. #8 demolog
    Juni 6, 2013

    Wenn etwas nichts beitragen zu können scheint [Philosphie hat nichts zu sagen…], liegt es möglicherweise auch daran, dass man der Meinung/im Glauben sei, es müsse alles nur “gezählt” werden, damit man Erkenntnis (im Detail) erlangt – bedingt aber auch die Tatsache, dass man meine, alles “Zählbare” schon zu kennen, also alle Mühe nur noch die empirische Aufarbeitung von gegenwärtigen Wissen sei.

    “Unsere Vorfahren haben viele Worte gemacht – WIR brauchen jetzt nur noch zählen, bewerten und streichen, was nichts wert ist.”

    Demnach aber ists natürlich nicht.

    Und dann wäre noch vielleicht zu unterscheiden zwischen Human-/Lebenswissenschaften (am lebendem organismus und seinem Verhalten wie es ist UND wie es auch sein könnte) und klassischen Wissenschaften an toten Gegenständen.

  9. #9 Dr. Webbaer
    Juni 6, 2013

    Als Philosoph eher weniger sagen zu können und dies zu erkennen war das angeregte Leistungsmerkmal, korrekt.
    Leider äußern sich real existierende Philosophen gerne zu allem, Precht ist hier das aktuelle doitsche Meisterstück.

  10. #10 threepoints...
    Juni 6, 2013

    Hier wird exzessiv moderiert (und gestrichen)… !?

    Ich zähle mehr Benachrichtigungen, als Kommentare im Thread.

  11. #11 markustermin
    Juni 7, 2013

    @ Webbär: Prechtl ist nun keine Philosoph, sondern Feuilletonist. Ich kenn hier in den SB einen Astronomen, der gibt seinen Senf auch zu allem ab und schämt sich dabei noch nicht mal seiner Einfalt.

  12. #12 markustermin
    Juni 7, 2013

    @ Epikur63: wenn Sie Adorno für unverständlich halten, haben Sie ihn nicht gelesen. In Minima Moralia steht zwar viel Mist – es ist aber ebenso flüssig zu lesen, wie Andersens Märchen oder auch der wirklich leicht verständliche Jürgen Habermas.

    Das Hauptproblem von euch Naturwissenschaftlern scheint zu sein, daß ihr gar nicht reingeschaut habt in das, was ihr vorgebt zu kennen.

  13. #13 Dr. Webbaer
    Juni 7, 2013

    Prechtl ist nun keine Philosoph, sondern Feuilletonist.

    Weiß der das auch?

  14. #14 markustermin
    Juni 7, 2013

    @ EPF: Aus Heidegger “Vom Ereignis”, s: 435:

    “Die übergänglichen und dem Wesen nach zweideutigen Denker müssen auch noch dieses ausdrücklich wissen, daß ihr Fragen und Sagen unverständlich ist für das in seiner Dauer nicht errechenbare Heute. Und das nicht etwa, weil die Heutigen zuwenig klug und zu kurz unterrichtet wären für das Gesagte, sondern weil Verständlichkeit schon die Zerstörung ihres Denkens bedeutet. Denn Verständlichkeit zwängt ja alles in den Umkreis des bisherigen Vorstellens zurück. Der Auftrag der Übergänglichen ist, aus Jenen, die so “brennend” das “Verständliche” wünschen, Unverständige zu machen und Noch-nicht-Verständige, die das Wohin nicht wissen, weil sie ein erstes Notwendiges geleistet: nicht von einem Seienden die Wahrheit zu erwarten, ohne dem Zweifel und der Verzweiflung anheimzufallen. Die Nochnicht-Verständigen, die noch nicht die Abrede über alles sich gesichert haben, sondern das Erste und Einzige, das Seyn, zur Frage aufbewahrt haben, sind die anfänglichen Wanderer, die am Weitesten herkommen und deshalb die höchste Zukunft in sich tragen.
    Die Übergänglichen müssen zuletzt das wissen, was alles Dringen auf Verständlichkeit zuerst verkennt: daß jedes Denken des Seins, alle Philosophie, nie bestätigt werden kann durch die “Tatsachen”, d.h. durch das Seiende. Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie. Die Götzendiener der “Tatsachen” merken nie, daß ihre Götzen nur in einem erborgten Glanz leuchten. Sie sollen dies auch nicht merken; denn sie müßten dann alsbald ratlos und damit unbrauchbar werden. Götzendiener und Götzen aber werden gebraucht, wo Götter auf der Flucht sind und so ihre Nähe künden.”

    Halten Sie dies doch zum Vergleich neben die neulich gefundene Aussage in der ZEIT, man habe nun vor lauter beantworteten Fragen nach der angeblichen Findung des Higgs in der Physik das Problem, nicht mehr zu wissen, was es eigentlich noch zu suchen gäbe (sinngemäß so gesagt) …

    Naturwissenschaftler wissen in der Regel noch nicht einmal, daß sie Metaphysik betreiben – sie wissen Ontologie von Metaphysik nicht zu unterscheiden – oft wird Metaphysik als Vorwurf an Esoteriker gerichtet, man hält das für nebulöses Herumstochern im Irgendwo und hat kein Bewußtsein der eigenen, rein ideellen Grundlagen.

    @ Webbär: wenn Lorenzo dem Prechtl sagt er sei ein Philosoph und vielleicht noch der Intendant irgendeiner Volksverblödungsanstalt, dann wäre er doof – mit Blick auf sein Konto – diesen Titel auszuschlagen. Jedenfalls ist nicht automatisch Philosoph, wer ein Diplom in diesem Fach an einer Uni erworben hat. Aber wir haben in Nürnberg ein paar Marktfrauen, die sind näher dran, ohne Zweifel.