Neulich im Zug: Neben mir saß ein Mann, der mit seinem Handy telefonierte und immer lauter sprach. Meine Frage, ob er ein Ferngespräch führe und deshalb so in den Apparat brülle, verstand er nicht, weshalb ich ihn bat, das Abteil zu verlassen, um im Gang zu telefonieren. Er schaute erst irritiert und reagierte dann wütend mit dem Hinweis, “Das ist ein privates Gespräch, das sollten Sie überhaupt nicht mithören”.

Tatsächlich machen viele Menschen das Private zu einer öffentlichen Angelegenheit, wie ich in den letzten Tagen bei einem Besuch in Paris erfahren habe. In der Metro führt fast jede Person (mindestens) ein Handy mit sich, in das ununterbrochen geredet wird. Wer die Pariser abhören will, braucht nur Metro zu fahren – oder andere private Details auf Facebook nachzuschauen.

Mir scheint, dass Geschrei um das Abhören durch die NSA ist heuchlerisch, und die Bundesregierung gewinnt, wenn sie sich dumm stellt. Viele Menschen unserer Tage wollen doch nichts lieber als abgehört werden – sie bieten sich in Talkshows und auf Facebook doch dauernd an. Das Private gibt es doch kaum noch. Alles ist öffentlich und wird ohne Zurückhaltung zur Schau gestellt. Ich warte auf den ersten, der sich beschwert, dass die NSA ihn übergeht und ignoriert.

Kommentare (3)

  1. #1 threepoints...
    Juli 20, 2013

    Das ist unwiderlegbar.

    Es prallen Mitteilungsbedürftigkeit und Angst vor irgend Entblößung unerwartet aufeinander.

    So es sich überhaupt nur um das Auswerten öffentlich zugänglicher Informationen handelt, ist auch jede Empörung weitestgehend absurd.
    Einzig relevant ist die aus der Zusammenfassung der Daten entstehende Information, die sonst niemand kennt – was so gesehen ein Vertrauensbruch gegenüber den Primärinformationsgebern sei, da diese durch daraus generierten Informationen eben “bloßgestellt” werden könnten.

  2. #2 Stefan W.
    http://demystifikation.wordpress.com
    Juli 21, 2013

    Das ist in mehrfacher Hinsicht an den eigentlichen Punkten vorbei: Der Zufallspassagier der mithört kann und will i.d.R. mit den Informationen die da öffentlich getauscht werden gar nichts anfangen. Schon wenn die Mutter, die Frau, der Chef dabeiwäre würden die meisten nicht mehr so unbefangen reden.

    Dann ist es ein Unterschied, ob man selbst etwas öffentlich macht, oder ob man nicht gefragt wird.

    Drittens ob jemand Informationen sporadisch auffängt, oder große, vernetzbare Datensammlungen anlegt, die sich statistisch u. wissenschaftlich auswerten lassen.

    Dem Nutzer moralisch zu kommen ist so ungefähr die schmutzigste Rechtfertigungsmasche, der ich bislang begegnet bin.

  3. #3 Dr. Webbaer
    Juli 21, 2013

    (…) sie bieten sich in Talkshows und auf Facebook doch dauernd an. Das Private gibt es doch kaum noch. Alles ist öffentlich und wird ohne Zurückhaltung zur Schau gestellt.

    Korrekt beobachtet, es gibt die beschriebene Tendenz sich auch im Web zu exponieren. Was aber nicht schlecht sein muss, man muss ja nicht mitmachen.

    MFG
    Dr. W (der schon zigmal angepflaumt worden ist, weil er pseudonym beiträgt, tss, tss, früher wurde das Pseudonym im Web noch geachtet…)