Meine Mutter hat die Wäsche noch selbst mit ihren Händen gewaschen. Wir heute lassen sie in einer Reinigung sauber machen. Als Jugendlicher habe ich noch selbst Kartoffelsalat gemacht. Heute bestellen wir ihn beim Partyservice. Als Student habe ich noch selbst die Daten von Experimenten berechnet und in Diagramme eingetragen. Heute lassen wir das von Programmen erledigen. Als wissenschaftlicher Assistent habe ich noch selbst die Journale gelesen, um den Stand der Forschung zu kennen. Heute bieten alle möglichen Leute Lesehilfen an, die Veröffentlichungen nach Stichworten scannen und auswerten. Wir lassen lesen. Das “Machen lassen” ist ein Trend, der sich auch in persönlichen Gefilden zeigt. In den 1960er Jahren sind Soziologen auf die Idee gekommen, dass Eltern (ohne pädagogische Ausbildung) ihre Kinder nicht mehr erziehen, sondern von besonders gut geschulten Kräften erziehen lassen. Wir lassen alles machen und machen nichts mehr selbst. Wir lassen uns auch unterhalten, und unterhalten uns selbst kaum noch. Wir lassen uns gesund machen und verbuchen und haben längst vergessen, dass es möglich ist, etwas wie früher selbst zu machen. Irgendwann geben wir dann auch auf, selbst zu leben. Wir lassen leben, was viele längst tun. Und eines Tages versteht niemand mehr den Titel des James-Bond-Films, “Leben und leben lassen”. Dann kann man es auch lassen, sich lieben zu lassen.

Kommentare (4)

  1. #1 Dr. Webbaer
    September 11, 2014

    Und eines Tages versteht niemand mehr den Titel des James-Bond-Films, “Leben und leben lassen”.

    Wer die “License to kill” hat, macht wohl eher in so etwas:
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Live_and_Let_Die_(film)

    MFG
    Dr. W (der das Machen-Lassen gar nicht so schlecht findet, sofern noch gewusst wird, wo etwas gemacht werden lassen kann – und sofern dies, Stichwort: bundesdeutsches Bildungssystem, noch optional ist)

  2. #2 Angelika Wittig
    September 15, 2014

    Wer alles durch andere machen lässt, verliert seine persönliche Kraft.
    Außerdem betrügt er sich um das Abenteur, seine Fähigkeiten zu entdecken und weiterzuentwickeln.

    Das Schlimmste aber ist, dass die Langeweile, die durch solch eine Lebenshaltung unvermeidbar entsteht, mit toter Materie ausgeglichen wird.
    Was nicht funktionieren kann.
    Ich will nicht glauben, dass es schon so weit gekommen ist.
    Trost spenden mir die kommenden Erwachsenen, die sich wieder für das Selbermachen begeistern.

    Ich empfehle Erich Fromm, “Haben oder Sein”
    Schon ziemlich alt, aber aktueller als jemals zuvor.

  3. #3 Sebastian
    Darmstadt
    September 20, 2014

    Das nennt man auch Repräsentation. Kennt man von unserem politischen System. Wir lassen uns auch vor Gericht vertreten, statt uns in Selbstjustiz zu üben. Und wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt. Jeder, nun ja, viele von uns sind Experten in irgendetwas und in dieser Funktion vertreten wir andere Menschen. Menschen, die uns machen lassen. Aber natürlich könnte sich meine Oma ihre Betablocker auch selber kochen. Wäre sicher nicht langweilig, wohl sogar ein Abenteuer und vielleicht würde sie sogar neue Fähigkeiten entwickeln. Sehr wahrscheinlich würde ich aber früher erben – nur halt nicht sehr viel, da ihr Wohlstand halt auf unserem arbeitsteiligen System beruht. Und in welcher Disziplin ich Sie jetzt vertreten habe, dürfen Sie sich im Übrigem wieder selber beantworten. 😉

    Ja, Selbermachen ist Spaß und Abenteuer. Jeder Stein, jede Schraube und jedes Kabel in meinem Haus habe ich in meinen Händen gehalten. Aber das sieht man auch. Ein gelernter Handwerker hätte nicht nur deutlich besser gearbeitet, sondern auch drei mal so schnell und für ein Drittel des Geldes, das ich in dieser Zeit in meiner Profession verdient hätte. Selbermachen ist heutzutage in den meisten Fällen vor allem Leidenschaft und darüber hinaus irrational. Aber deshalb werden wir auch in Zukunft noch selber Pilze sammeln, Regale bauen und unser Fahrrad flicken und eben nicht aufgeben, selbst zu leben.

  4. #4 Angelika Wittig
    Berlin
    September 22, 2014

    Nachtrag zu meinem ersten Kommentar:
    Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, erkenne ich, dass etwas in Ihrem Artikel fehlt:
    Es gibt eine andere Seite des “machen lassens”, die sinnvoll und nützlich ist.
    Diese Seite fordert mich schon seit Jahren heraus.
    Es ist die Bereitschaft, einen anderen etwas tun zu lassen, sich am Erfolg seiner Bemühungen zu erfreuen.
    Diese Art, etwas machen zu lassen ist eine große Kunst. Sie erfordert die Fähigkeit zu Geduld und die Bereitschaft, einem anderen Menschen Bewegungsfreiheit für sein Wachstum einzuräumen.
    Sie verlangt mir ab, dass ich Wertschätzung für die Leistung eines anderen Menschen aufbringe und lerne, dass jeder Mensch Respekt verdient, der über ein reines Bezahlen weit hinausreicht.
    Sie lehrt mich zu erkennen, dass ich nicht immer die Beste sein muss, dass ich mir Schwächen erlauben darf.
    Mit dieser anderen Seite kann ich wirklich Zeit und Unabhängigkeit gewinnen.
    Das Nutzen von Dienstleistungen und das Bezahlen dieser nach Richtpreis und Tarif ist nicht schlecht, wenn diese andere Seite einbezogen wird.
    In der Realität bilden wir uns oft ein, dass wir Zeit einsparen, wenn wir andere gegen Bezahlung etwas machen lassen, was wir selbst nicht tun wollen.
    Warum wächst dann der Zeitmangel in unserer Gesellschaft immer mehr an?
    Ich vermute, weil wir alles doppelt oder allein machen anstatt zusammenzuarbeiten.
    Wie sagte doch schon Aristoteles:
    “Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”.
    Wo wird dieser Satz eigentlich noch verinnerlicht und umgesetzt?