Im Februar 1943 – also vor mehr als 75 Jahren – hat der aus Wien stammende Nobelpreisträger für Physik mit Namen Erwin Schrödinger am Trinity College in Dublin Vorlesungen über das Thema “What is Life?” gehalten, die ein Jahr später in Buchform erschienen sind und zum Aufschwung der damals neu aufkommenden Molekularbiologie beigetragen haben. In seinem Vorwort entschuldigt sich Schrödinger dafür, sich als Physiker zur Biologie zu äußern, aber er meint, dass solche disziplinüberschreitenden Versuche  nötig seien, um die Frage beantworten zu könne, “Was ist Leben?”, auch wenn man bei seinen Antworten in Gefahr gerät, “sich lächerlich zu machen”, wie in der deutschen Ausgabe “the risk of making fools of ourselves” übersetzt  worden ist. In diesen Tagen hat man in Dublin “Schrödinger at 75” gefeiert, um “The Future of Biology” zu erkunden, und wer dabei war, konnte nur respektvoll die Liste der hochkarätigen Rednerinnen und Redner bestaunen. Allerdings, allerdings. Die Vorträge boten das Gegenteil von dem, was Schrödinger riskiert hatte. Der Hirnforscher sprach über Hirnforschung, die Zoologin über Zoologie, der Zellbiologe über Zellbiologie, der Genetiker über Genetik und so weiter. Niemand hatte den Mut, sich lächerlich zu machen. Und deshalb werden diese Vorlesungen so folgenlos wie die meisten Bemühungen dieser Art bleiben. Das fehlt der Forschung, Niemand zeigt Mut, sich lächerlich zu machen. Den Rednern in Dublin gelang es trotzdem, aber auf indirekte Weise. Sie redeten einfach über die Köpfe der Zuhörenden hinweg. So hielten sie sich und ihr Publikum zum Narren. Das hat Schrödinger anders gemeint und besser gekonnt.

Kommentare (18)

  1. #1 Dr. Webbaer
    September 8, 2018

    Das war schon richtig angemerkt, werter Herr Ernst Peter Fischer, Dr. Webbaer macht sich insofern nur als Kunstfigur lächerlich, also anonym oder präziser : pseudonym.

    Niemand zeigt Mut, sich lächerlich zu machen.

    Die deutsche Kultur steht dem entgegen, der sich derart Exponierende würde von der Horde eingestampft werden, der Deutsche ist womöglich intrinsischer Kollektivist.
    Anders war es bspw. im Königreich weiter oben auf der Landkarte, auf der Insel, aber auch dort hat sich einiges geändert.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. #2 Dr. Webbaer
    September 8, 2018

    PS:
    Dass nun die System-Meldung ‘Ihr Kommentar wird moderiert.’ auftaucht, rundet diese Beobachtung nur ab.

  3. #3 Laie
    September 8, 2018

    “Kein Mut zur Lächerlichkeit” ist ein sehr gutes Stichwort. Wer kennt das nicht, wenn während und nach dem Vortrag keine Fragen gestellt werden, obwohl das zumindest akustisch anwesende und am Thema desinteressierte Publikum eine gewisse an das Gehirn weitergegebene Sinneseindrücke wahrgenommen haben müsste.

    Für manche Vortragenden ist das zwar ganz angenehm durch dieses Verhalten in keinen Dialog treten zu müssen, nur ist das nicht der Sinn, wenn das Ziel ist Wissen effektiv weiterzugeben, statt eine nette Rede vor geistig Abwesenden zu üben.

    Würde es helfen eine Fragepflicht einzuführen, damit sich wenigstens alle zumindest eine Frage ausdenken?

  4. #4 Trottelreiner
    September 8, 2018

    Naja, ich fand bei “Was ist Leben?” ja das letzte Kapitel, ähm, interessant, fängt grob gesagt mit Bewußtsein an und endet bei (Neo?)-Advaita-Vedanta.

    Noch so ein Hippiepunk[1]…

    Aber da Bernhard Rensch mal “Tvat tvam asi” (für Nicht-Sanskritler ohne Hesse-Erfahrung: “Das bist du”) über den Affenkäfig geschrieben haben soll…

    [1] Nein, ich leide nicht an Flashbacks in meine Studienzeit, ich genieße sie…

  5. #5 Markus Termin
    Praha
    September 8, 2018

    Wie wahr. Es fehlen insgesamt Persönlichkeiten und Querdenker – hier, wie anderswo. Ich mache mich in meinem esoterischen “Fachbereich” unter KollegInnen und Kundigen wenig beliebt, wenn ich mich für Naturwissenschaft interessiere – im Grunde findet keine Auseinandersetzung statt. Kaum jemand macht sich die Mühe, naturwissenschaftliche Konzepte zu verstehen und u.U. kritisch zu begleiten. Es herrscht Schubladendenken vor, die Leute sind´s zufrieden, mit ihresgleichen abzuhängen: nicht nur mangelt es an Mut, sich lächerlich zu machen, es mangelt überhaupt an Mut. Allerdings nicht ohne Grund – die Meute auf Jagd ist immer auf der Suche nach der nächsten Sau, die sie durchs Dorf jagen kann. Pardon wird nicht gegeben. Höchstens Rührseligkeit und ein Tränchen an der richtigen Stelle finden Gnade allgemeiner Akzeptanz – ob echt, oder falsch, spielt keine Rolle.

  6. #6 NullcoManix
    September 8, 2018

    Die beklagte Zurückhaltung mag auch mit abschreckenden Beispielen zu tun haben. In den Pseudowissenschaften sind ja auch nicht wenige einstmals seriöse Wissenschaftler zu finden, denen beim Blick über den Tellerrand irgenwie die Bodenhaftung verloren ging.

    Ein solches Beispiel wäre Linus Pauling. Der tat sich wohl keinen Gefallen damit, sein verdienstreiches Lebenswerk mit der Erfindung einer “orthomolekularen Medizin” krönen zu wollen.

  7. #7 Markus Termin
    Nürnberg
    September 9, 2018

    @ NullcoManix: dafür haben wir vorbildhaft leuchtend den genialen Wolfgang Pauli – der hatte mit erfolgreichen Grenzgängen keine Probleme.

  8. #8 Angelika Wittig
    Berlin
    September 9, 2018

    Die Indianer lehren nicht umsonst, dass der erste Feind des Kriegers die Furcht ist.
    (“Wer seine Furcht nicht überwindet, wird zum Clown”)
    Die Angst, sich lächerlich zu machen, ist dabei menschlich verständlich.

    Dennoch sollte der Mut überwiegen, mal die eigene ach so wichtige Person für eine Weiterentwicklung der gesamten Menschheit zu vergessen.
    Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele von großen Forschern, die verlacht wurden und trotzdem nicht aufgaben.
    Schlimmer ist, dass Forschung ohne Mut zur Unordnung nichts Neues mehr entdecken kann.
    Dies ist leider in der Gegenwart deutlich erkennbar.
    Stagnation, Kopien und Konservierung, soweit das Auge blickt.
    Wehe, einer wagt es, die millionenfach nachgeplapperten “Weisheiten” anzuzweifeln.
    Die sogenannte Schwarmintelligenz ist auf dem Vormarsch.
    Es wird vergessen, dass auch der größte Schwarm einen Impuls braucht, um sich zu orientieren.
    Oder besser noch: ein gemeinsames Ziel, das auch dem einzelnen nutzt.
    Hesse kann es, wie immer, besser ausdrücken:
    “Der Bürger hasst den Steppenwolf, aber ohne diesen könnte er nicht überleben.”
    Merkt eigentlich keiner mehr, dass sich nichts Wesentliches mehr verändern kann, wenn sich alle nur wegducken?

  9. #9 Laie
    September 9, 2018

    @Dr. Webbaer, @Angelika Wittig
    Könnte man diesen Umstand des (deutschen) Bürgertums nicht als “best trainierte Affen, nur fähig zu gaffen” umschreiben? Oder …. weder Dichter noch Denker (gegenwärtig)?

  10. #10 Markus Termin
    Praha
    September 9, 2018

    @ Laie: doch, Dichter & Denker gibt es. Sehr zu empfehlen ist beispielsweise Jochen Kirchhoff: “Räume, Dimensionen, Weltmodelle”, um einen gegenwärtigen zu nennen. Sloterdijk ist nicht schlecht, aber man muss ihn lesen, was natürlich Mühe macht. Hegel ist noch lange nicht verstanden – Heidegger gleichfalls, Ernst Cassierer so gut wie vergessen – mit dem und einer Hand voll anderer haben die Nazis ganze Arbeit geleistet und das Nachkriegsdeutschland hat sie nie entsprechend rehabilitiert oder gewürdigt. Gerade Ernst Cassierer mit seiner …

    https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_symbolischen_Formen

    … war ein genialer Wegweiser aus der Sackgasse, aus der heute keiner mehr rausfinden will. Gott sei Dank gibt es seine Schriften. Wenn die Herrschaft der Dünnbrettbohrer zuende geht, wird man auf sie zurückgreifen können.

  11. #11 Angelika Wittig
    Berlin
    September 9, 2018

    @Laie, @Markus Termin
    Sie haben beide irgendwie Recht, das ist immerhin ein Anfang.
    Es ist auch nicht schlimm, als konditionierter Affe in einer Sackgasse zu stehen, es ist schlimmer, wenn man sich so wohl dabei fühlt, dass man dies nicht mehr verändern will.
    Dies trifft auf die wenigsten Menschen zu und es bleibt jedem selbst überlassen, ob und wie er sich weiterentwickelt.
    Hauptsache er tut es.

  12. #12 Stephan
    September 10, 2018

    #8
    “Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele von großen Forschern, die verlacht wurden und trotzdem nicht aufgaben.”
    Markus Termin ist, wie wir wissen, eines dieser Beispiele.

  13. #13 Laie
    September 13, 2018

    @Markus
    Beim schnellen Überfliegen des Wiki-Artikels kann ich aus den Aussagen Cassirers ableiten und meine Einstellung bestätigt sehen, dass eine gesamtheitliche Betrachtung eines Themas wichtig ist, was durch die Reduktion auf ein Gebiet verhindert wird. (Wenn also Spezialisten nur unter sich selbst sind, kann mal der Bezug zur Realität verloren gehen.)

    @Angelika
    Ja, der konditionierte Affe ist das Ziel – denkende Roboter sind unerwünscht, obwohl eine Demokratie andere Ziele hätte.

  14. #14 Markus Termin
    Nürnberg
    September 13, 2018

    @ Laie: und Ernst Cassierer hat für jedes Wissensgebiet (Mathematik, Physik) eine intensive Analyse/Durchdringung parat, die von Respekt und Sachkenntnis bis ins kleinste Detail geprägt ist. Dazu gehört für ihn ganz natürlich auch die Astrologie – Cassierer war Heidegger Gegenspieler; die Nazis beendeten eine fruchtbare Auseinandersetzung – dass es Persönlichkeiten seiner Klasse (Herr Prof. Fischer lässt eine ähnliche Toleranz in seinem großen Erstlingswerk “Das andere Wissen” walten) heute kaum mehr gibt, ist für mich zweifelhafter Erfolg und Resultat ihrer Ideologie – deren eines Ergebnis – wie ich glaube – eine totalitäre Naturwissenschaft ist, zu Grundsatzdiskussionen nicht mehr fähig, nicht mehr auf der Suche nach Verständigung, sondern auf der Jagd nach allem, was vorgeblich nicht “wissenschaftlich” begründet sei. Technokraten an der Macht.

  15. #15 Markus Termin
    Nürnberg
    September 13, 2018

    Korrektur: “Die andere Bildung” heißt das Buch von Prof. Fischer:

    https://www.amazon.de/Die-andere-Bildung-Naturwissenschaften-wissen/dp/3548364489

  16. #16 Laie
    September 15, 2018

    @Markus Termin
    Danke für das Feedback. Da ich selbst zur Menge der Technokraten (berufsbedingt) gehöre, zählt der ergänzende Ausgleich aus anderen Bereichen selbstverständlich dazu, auch wenn er im Widerspruch [zum eigenen Weltbild] stehen sollte. Astrologie ist jedoch [bisher] nicht ein Bereich, den ich näher betrachtete, er ist zu weit weg von mir, was aber nicht bedeutet, nicht mal hinhören zu können [wenn mal Zeit dafür da ist, neugierbedigt].

    Den Fehler aus einer Gesamtheit [ungewollte ]Teile auszublenden sieht man dann, wenn die Folgefehler offensichtlich werden, nicht nur im Technischen, auch im Politischen.

    Schrödinger war ein guter und kluger Mann!

  17. #17 Dr. Webbaer
    September 16, 2018

    @ Kommentatorenfreund ‘Laie’ :

    Die Deutschen waren schon mal besser, dies aus der Ferne, aus dem Ausland, mal so eingeschätzt.
    Experimentell gehaltene Beiträge, bereits ironisierende, laufen in der BRD eben heutzutage Gefahr ‘eingestampft’ zu werden und der Beitragende gleich mit.
    Weil Experiment, Ironie, Sarkasmus und was es da sonst noch so gibt, nicht die Menge oder Horde erreicht.

    Schön isses nicht mit anzuschauen, aber womöglich ist der Doitsche (vs. Deutsche) per se Kollektivist und sieht nun, bei bestimmter demographisch feststellbarer Entwicklung wieder die Chance sich auszutoben?!

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

  18. #18 Laie
    September 20, 2018

    @Dr. Webbaer
    Danke für das Feedback!
    Das sehe ich auch so, und auch eine Verkürzung und Verarmung der Vielschichtigkeit, Argumentation. Die Reduktion der regionalen Eigenheiten oder Besonderheiten vermisse ich auch, es wird ersetzt durch Vereinheitlichung und Verarmung in Ausdruck, Inhaltsleere Floskeln durch Gendersprech und pol. Korr. machen es noch grauenhafter.

    Diejenigen, die kamen und sich austoben …

    Genug Gründe den Standort zu wechseln – ein Kampf gegen Windmühlen ist nicht zu gewinnen.