zoon politikon

Die ‘Protokolle der Weisen von Zion’ sind fabriziert und ein übles Stück Propaganda, das nicht tot zu kriegen ist. Das wusste ich. Aber dass es auch noch eine Verschwörungstheorie zur Verschwörungstheorie gibt, das wusste ich nicht.

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Ich kenne die Details der Geschichte vor allem durch die Graphic Novel The Plot – The Secret Story of the Protocols of the Elder of Zion von Will Eisner (auch auf Deutsch erschienen). Eisner wollte den sich so hartnäckig haltenden Mythos der Protokolle ein für allemal zerschlagen. Er wählte dafür die populäre Form des illustrierten Romans (‘Graphic Novel’). Es kam ein spannendes, aber für eine Graphic Novel doch zu textlastiges Buch heraus (dass hier trotzdem empfohlen sei).

Gemäss der Neuen Zürcher Zeitung fand vor kurzem in Basel ein Historikerkongress statt, der diese Protokolle zum Thema hatte. Nun lernte ich, dass es auch noch eine Verschwörungstheorie zur Verschwörungstheorie gibt. Eisner erwähnt in seinem Buch einen Prozess der 1933-1935 in der Schweiz stattgefunden hat (siehe Auszüge unten) und dazu hätte dienen sollen, die ‘Protokolle’ endgültig als Fälschungen zu entlarven. Die Kläger erhielten zwar recht, hatten aber gemäss NZZ die Ursprungsgeschichte der Fälschung vor Gericht als besser bekannt dargestellt als sie effektiv war. Die Dokumente sind zwar Fälschungen, aber deren Ursprung ist weiterhin Unklar.

Eine Sache verstehe ich demnach nach wie vor nicht. Im verlinkten NZZ Artikel schreibt der Autor:

Ein Fundament dieser Konstruktion, das französische «Originalmanuskript», wurde von Cesare G. De Michelis (Rom) mit beträchtlichem philologischem Aufwand pulverisiert; es existiere schlicht nicht.

Will Eisner legt aber gerade in seinem Buch minutiös dar, wie die angeblichen Protokolle auf einem Buch eines gewissen Maurice Joly basieren, der gegen Napoleon III anschrieb (Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu oder auf Deutsch Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu). Sollte sich der Autor des Artikels auf dieses Buch beziehen, ist die einzige Erklärung die ich finden kann, dass einer der vielen Berarbeitungen zwecks Weiterverbreitung irgendwann mit Jolys Werk in Berührung kam.

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Wie auch immer, die angebliche Protokolle verbreiten sich immer noch weiter und sind nicht auszulöschen (1). Man kommt wohl mit noch so viel Vernunft nicht gegen Menschen an, die etwas glauben, weil sie es glauben wollen.

Die NZZ zieht folgende Bilanz der Konferenz:

Zwei nicht nur für die Wissenschaft wichtige Einsichten lassen sich aus dem Kongress ziehen. Zum einen fragt sich, ob es sinnvoll ist, die Verbreitung als diskriminierend und volksverhetzend eingestufter Schriften – die «Protokolle» müssten in mehreren westlichen Ländern strafrechtlich verfolgt werden – juristisch zu verbieten. Und zum anderen wird deutlich: Der «verschwörungstheoretischen Versuchung» (Dieter Groh) wohnt eine beträchtliche Macht inne.

Grundsätzlich stimme ich dem zu, ich frage mich jedoch warum diese Einsichten spezifisch für die Wissenschaft eine spezielle Bedeutung haben sollten. Ob der Autor wohl Wissenschaft mit Politik verwechselte?


(1) Unter anderem im arabischen Raum erfreuen sie sich wieder grösserer Beliebtheit.

BiIdernachweis: Alle Bilder in diesem Eintrag stammen von der Website www.willeisner.com