ResearchBlogging.orgWie vermittelt man am Besten die grossen internen Debatten, die in der kurzen Geschichte der Disziplin ‘Internationale Beziehungen’ stattgefunden und nachhaltig geprägt haben? Diese Diskussionen sind häufig essentielle Grundlage um vieles, das im Fach so produziert wird zu verstehen oder einzuordnen. Warum nicht dazu auf popluäre Literatur zurückgreifen und von Tolkiens ‘Herr der Ringe’ profitieren.

Letzte Woche kamen in zwei Posts auf zoon politikon das Thema der Denkschulen in Internationalen Beziehungen auf. Ich dachte mir, dass es nützlich sein könnte, diese hier mal näher zu erklären. Ein Artikel in International Studies Perspective von Abigail E. Ruane und Patrick James schlagen vor, dieses Thema anhand von der ‘Herr der Ringe’ Trilogie zu vermitteln. Was liegt also näher, als den Artikel zu besprechen, indem man den Vorschlag gleich in die Tat umsetzt.

Ruane und James widmen einen ersten Teil den historisch gesehen grossen Debatten innerhalb der Disziplin. Diese reflektieren die Widersprüche zwischen verschiedene Denkschulen mit unterschiedlichen Grundannahmen. In den 20er und 30er Jahren ginge es um die Zukunftsvision (Idealismus versus Realismus), in den 50ern und 60ern ging die Auseinadersetzung vor allem um die Methodik (Geschichte versus ‘harte’ Wissenschaft) und in den 80er und 90ern waren die Auseinandersetzungen erkenntnistheoretischer Natur (Positivismus versus Post-Positivismus). In einem zweiten Teil widmen die beiden Autoren sich feministischen Theorien in Internationalen Beziehungen.

Ich werde den Artikel in mehreren Teilen besprechen indem ich eine praktische Anwendung des Vorschlages versuche. Nach der Besprechung der wichtigsten Positionen (der in meinen Augen überzeugendere Teil des Artikels) werde ich noch kurz die Feminismus-Theorien streifen und eine Gesamtbeurteilung des vorgeschlagenen Konzepts sein. Ich hoffe dieser Ansatz erlaubt es mir, Blog-konforme und verdaubare Häppchen anzubieten.

DIE INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN VON MITTELERDE

Teil I: Von Elben und Orks

Diese Debatte findet zwischen zwei Denktraditionen statt. Auf der einen Seite steht ein von Kant inspirierter Idealismus oder klassischer Liberalismus, auf der anderen, der klassische Realismus machiavellschem Zuschnitts.1 Idealisten in den Internationalen Beziehungen gehen davon aus, dass der Mensch grundsätzlich ‘gut’ sind und Krieg als politisches Instrument mit genug Lernarbeit überwunden werden kann (bei der liberalen Strömung kommt dann noch das Konzept der gegenseitigen ökonomischen Abhängigkeit ins Spiel). Die Realisten sehen im Gegensatz dazu ein egoistisches Individuum (respektive Staat) in einer Welt in der jeder gegen jeden kämpfen muss und Kooperation die Ausnahme ist. Der einzelne versucht zu überleben und seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Wer stärker ist, nutzt dies.

Diese beiden Strömungen findet man auch in Mittelerde. Stellvertetend hierfür sind die Elben und die Orks. Die Elben werden als weise und gut dargestellt. Wissen und lernen sind zentral. Die Elben scheinen untereinander keinen Krieg zu führen und haben durch ihre Prinzipien Friedensoasen geschaffen. Elrond regiert Rivendell (ich glaube Bruchtal auf Deutsch) weise und bezieht seine Autorität aus seinem Wissen.

Auf der anderen Seite findet man die Orks (eigentlich ‘gefallene’ Elben). Sie stehen für die realistische Denkschule. Sie sind von puren Eigeninteresse getrieben zu sein und nicht von moralischen Überlegungen. Sie kämpfen auf der Seite des Stärkeren und der Macht und scheinen auch gegenseitig keinerlei Respekt zu haben, ausser er basiert eben auf Macht oder Stärke. Sie scheinen wenig Individualität zu besitzen und illustrieren gut wie für sie der Zweck die Mittel heiligt.

1Ich halte diese Lesart von Machiavelli (und die Autorin und der Autor weisen auch darauf hin) für etwas karikatural. Da aber ‘Machiavelli’ zum festen Begriff wurde für eine auf Selbstinteresse bezogene Politik, soll dies hier trotzdem angewendet werden.

Teil II folgt morgen: Von Zauberern, Menschen und Zwergen

Abigail E. Ruane, Patrick James (2008). The International Relations of Middle-earth: Learning from International Studies Perspectives, 9 (4), 377-394 DOI: 10.1111/j.1528-3585.2008.00343.x

Kommentare (2)

  1. #1 Pauschalreisen
    März 6, 2009

    Hmm naja… Der Vergleich ist ja ganz anschaulich. Leider zu oberflächlich, als das man den Blog gleich so betiteln muss. Aber man braucht ja einen Aufhänger. :-) Auch ohne den Vergleich im zweiten Teil, denke ich, kommen die Unterschiede und die Richtungen der Strömungen deutlich rüber. Trotzdem einen gute Sache, hat mich der Titel doch dazu verleitet den Blog zu lesen 😉 Ich bin schon sehr gespannt wie es weitergeht, denn so ist der Stoff vielleicht nicht so trocken.
    International Beziehungen sind dennoch sehr Komplex und eine Abgrenzung wie “Realist” oder Idealist” ist meist nicht eindeutig vornehmbar. Vielmehr vermischen sich die Strömungen auf unterschiedliche Art. Fraglich ob man das mit dem Herr der Ringe Universum erörtern kann. Schließlich wurde mit Mittelerde eine bewusst so ganz andere Welt geschaffen.
    Naja, Wie gesagt ich bleibe gespannt! :-) Mit äußerst freundlichem Gruß!

  2. #2 ali
    März 10, 2009

    Psst! Aufs Datum gucken. Teil II-IV sind schon lange gepostet.

    Es geht nunmal nicht ohne Vereinfachung wenn man Grundlagen vermitteln möchte.

    P.S.: Ich habe mir erlaubt den Link zu der von dir angegebene Website zu entfernen. Ich möchte lieber nicht, dass das kommentieren hier zu rein kommerzieller Werbung benutzt wird. Aber vielleicht habe ich auf der Seite etwas übersehen.