Heute wurde die Wahl von Sheikh Sharif Ahmed zum Staatspräsidenten Somalias gemeldet. Mir fiel auf, wie einige Journalisten um eine Qualifizierung von Sharif Ahmed zu ringen schienen.

Die New York Times bezeichnet ihn als “moderaten islamischen Kleriker” die BBC und die NZZ hingegen sprechen beide von einem “moderaten Islamisten”.

Mir scheint die Bezeichnung “Moderater Islamismus” widersprüchlich. Viele gängige Definitionen von “Islamismus” definieren diesen eben genau über den extremen Standpunkt der eingenommen wird (siehe zum Beispiel Encyclopedia Britannica” wo er mit Fundamentalismus” gleichgesetzt wird). Die Definition ist jedoch umstritten.

Doch variieren diese Definitionen in einer Weise, dass es “moderate Islamisten” geben kann? Was sie alle (zumindest die, die ich auf die Schnelle fand) gemein haben ist, dass “Islamisten” alle Bereiche des Lebens durch die Religion bestimmt sehen wollen und umstritten ist vor allem, wie diese Bewegung kontextualisiert werden soll. So gesehen scheint es ein typische Form von Fundamentalismus zu sein, für welchen religiöse Gedankengebäude so anfällig sind. Da liegt auch mein Problem mit der Qualifikation ‘moderat’: Für alle die nicht dem spezifischen Glauben angehören auf den man sich beruft, würden trotzdem von diesem bestimmt. Dies gilt für alle religiös motivierten Argumente im politischen Bereich. Für mich sind solche per Definition logisch nicht nachvollziehbar, da mir entsprechende Glaube an was auch immer fehlt. Dies ist in meinen Augen eine extreme Position und nicht moderat, egal aus welcher Ecke sie kommt.

Ist die New York Times vielleicht etwas vorsichtiger mit dem Austeilen des Prädikats ‘fundamenatlistisch’ (weil es gewisse Analogien zum Inland zwingen würde)? Wie definiert sich für die NZZ und die BBC denn ‘Islamismus’ (wird es, obwohl eine ideologische Strömung bezeichnend mit dem Islam an und für sich als austauschbar betrachtet)?

Oft scheint es als ob, eine extremistische Position nicht als solche bezeichnet wird, nur weil sie religiös begründet ist und falls doch, dann nur bei den anderen.

Kommentare (10)

  1. #1 Shin
    Januar 31, 2009

    Kurze Antwort: Ein Oxymoron, mit Betonung auf Moron.

  2. #2 Florian Freistetter
    Januar 31, 2009

    Auch im Standard wird von einem gemäßigten Islamisten gesprochen.

  3. #3 Fischer
    Januar 31, 2009

    Ganz genau: Wer seine politischen Positionen religiös begründet ist immer ein Extremist, schon per Definition. Da wird einfach von vielen Medien reflexhaft whitewashing betrieben.

  4. #4 David
    Februar 1, 2009

    “Extrem”, “extremistisch”, “radikal”, “fundamental”, “islamistisch”, “radikalislamisch” und auch “moderat” und “gemäßigt” sind allesamt schwammige Begriffe, die auch vom eigenen Standpunkt sowie von der Gesellschaft, die man betrachtet, abhängig sind. Sie werden alle sehr wiedersprüchlich benutzt. Eine objektive Kategorisierung lässt sich mit ihnen nicht bewerkstelligen.

    Laut meinem Vorredner wären auch die CDU und in der Schweiz die CVP und die EVP extremistisch, denn sie begründen ihre Politik teilweise religiös. Jeder religiöse Mensch leitet von seiner Religion politische Vorstellungen ab. Religion zu praktizieren ist immer auch politisch. “Fundamentalistisch” und “islamistisch” wird aber gerade dazu verwendet, die Religiösen zu unterteilen.

    Mit Begriffen wie “gewaltbereit”, “wissenschaftsfeindlich”, “nach der Scharia lebend” sowie der Benennung von Strömungen wie “wahhabitisch” usw. kommt man einer objektiven Typisierung näher.

    “Moderater Islamist” sagt nur im Zusammenhang etwas aus. Die “Islamisten” in Somalia sind die “Union islamischer Gerichte”, die Allianz, die die Übergangsregierung, die äthiopischen Truppen und die UN-“Friedensmission” bekämpft haben. Unter diesen “Islamisten” gibt es solche, die den Dschihad ausgerufen haben, und andere, eben die “moderateren”, die das Land einen wollen. Der neue Präsident gehört also zu den moderateren Kräften dieser “Union islamischer Gerichte”.

  5. #5 ali
    Februar 1, 2009

    @David
    Das stimmt, es ist durchaus eine Frage des Standpunktes und wahrscheinlich wäre es das beste, solche Begriffe in der Berichterstattung sowieso zu meiden, ist aber vermutlich nicht möglich. Daher sollte eine möglichst transparente redaktionelle Richtlinie existieren.

    Ich kann deinen CVP und CDU Vergleich durchaus nachvollziehen. Ich finde, dass wenn jemand allen ein Kruzifix ins öffentliche Schulzimmer hängen will, jemand mit einem heiligen Buch argumentiert, dass X oder Y unmoralisch seien, dann sind das extremistische Standpunkte in meinen Augen. Diese Leute wollen ihr Glaubenssystem anderen Menschen aufzwingen, von denen sie wissen, dass sie dieses nicht teilen. Ich kann nicht dagegen argumentieren, ausser damit, dass ihre Quelle für mich keine Bedeutung hat, das Argument an und für sich ist aber nur von ‘innen’ theologisch angreifbar. Nun machen die erwähnten Parteien dies nicht konsequent, daher würde ich nicht die ganze Partei pauschal als ‘extremistisch’ bezeichnen. Hingegen ist beim Wort Islamist genau ein solches Programm in der Definition des Wortes.

    Ich verstehe, dass man durchaus ‘moderat’ in spezifischem Kontext benutzen könnte, aber dann wäre etwas wie ‘gehört zu den moderateren politischen Kräften im Land’ wohl präziser. Ich bezweifle, dass dies nur im Kontext gemeint war hier (doch das kann ich nicht belegen). Der Ausdruck taucht nämlich auch andernorts in den Medien häufig auf (z.B. Pakistan, Afghanistan, etc).

  6. #6 Karl Mistelberger
    Februar 2, 2009

    Mir scheint die Bezeichnung “Moderater Islamismus” widersprüchlich. Viele gängige Definitionen von “Islamismus” definieren diesen eben genau über den extremen Standpunkt der eingenommen wird (siehe zum Beispiel Encyclopedia Britannica” wo er mit Fundamentalismus” gleichgesetzt wird). Die Definition ist jedoch umstritten.

    Egal ob Definition oder umstritten oder nicht. Fortschritt gibt es auch ohne klare Definitionen, bei anderer Gelegenheit schrieb ich:

    Niels Bohr hat das Problem in den Osterferien 1933 auf einer Schihütte beschrieben: “Mit dem Geschirrwaschen ist es doch genau so wie mit der Sprache. Wir haben schmutziges Spülwasser und schmutzige Küchentücher, und doch gelingt es, damit die Teller und Gläser schließlich sauber zu machen. So haben wir in der Sprache unklare Begriffe und eine in ihrem Anwendungsbereich in unbekannter Weise eingeschränkte Logik, und doch gelingt es, damit Klarheit in unser Verständnis der Natur zu bringen.” (aus Werner Heisenberg: “Der Teil und das Ganze”).

    Was für die Natur gilt, das gilt für den Menschen als Teil der Natur erst recht. Die Praxis braucht keine scharfe Definition des Islamisten. Ein Beispiel ist viel nützlicher und dem Verständnis förderlich: http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7855198.stm

    Die Leute dort haben eine klare Einstellung. Davon konnte ich mich bei mehreren Reisen überzeugen. Hitler sei ein großer Staatsmann gewesen und hätte es der Welt so richtig gezeigt. Mein Einwand, dass dieser für Deutschland doch nicht so das richtige gewesen sei, denn das Ende sei schrecklich gewesen, wurde mit einem einfachen Argument entkräftet. Daran seien die Juden und Imperialisten schuld gewesen.

  7. #7 ali
    Februar 2, 2009

    @Karl Mistelberger

    Genau weil Sprache häufig unpräzise ist und viel transportiert, muss man immer wieder darüber diskutieren und Klarheit schaffen was eigentlich gemeint ist (oder um die Metapher aufzugreifen, wann wir das Geschirr als ‘sauber’ akzeptieren). Spricht in meinen Augen eher für ein näheres Hin- statt für ein Wegsehen.

    Ein einziges Beispiel kann bestenfalls illustrieren, es belegt aber gar nichts. Auch persönliche ‘Erfahrungen’ von ‘den Leuten dort’ sind keine grosse Hilfe wenn man diskutieren möchte (‘die Leute dort’ wäre mir als Geschirr definitiv zu schmutzig). Oder wenn ich einen Artikel finde über einen Islamisten der der Gewalt abgeschworen hat, “beweise” ich damit das Gegenteil? Solche Argumente mögen an einem Stammtisch akzeptiert werden, aber um mich zu überzeugen, müsste schon etwas besseres kommen.

  8. #8 buchstaeblich
    Februar 2, 2009

    Ist schon einmal jemandem aufgefallen, dass das Wort Fundamentalist auf -mentalist endet?
    😉

  9. #9 David
    Februar 4, 2009

    Die Leute dort haben eine klare Einstellung. Davon konnte ich mich bei mehreren Reisen überzeugen. Hitler sei ein großer Staatsmann gewesen und hätte es der Welt so richtig gezeigt.

    Dieses Geschirr ist aber seeeehr schmutzig, pfui deibel! Zuerst die halbe (oder die ganze?) muslimische Welt von Somalia bis Pakistan in die Islamistenecke stellen und dann alle «Islamisten» des Antisemitismus bezichtigen – das ist etwa genauso daneben wie die Aussagen des Herrn Williamson. Mit Wissenschaft hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

  10. #10 Karl Mistelberger
    Februar 17, 2009

    Spricht in meinen Augen eher für ein näheres Hin- statt für ein Wegsehen.

    Hinsehen ist immer gut: There might be moderate Muslims, but there is no moderate Islam, siehe http://englandexpects.blogspot.com/2009/02/what-he-would-have-said-speech-wilders.html

    Ein einziges Beispiel kann bestenfalls illustrieren, es belegt aber gar nichts. … Stammtisch …

    Nicht ein einziges Beispiel, sondern vier Beispiele; nicht unbedingt Stammtisch, sondern die Repräsentanten des Staates, die Touristen in unwegsame Gebiete als Aufpasser begleiten. Das überzeugt zumindest mich.