Es ist für die meisten von uns schwierig, sich noch vorzustellen, wie der Wissenschaftsbetrieb ohne die modernen Kommunikationsmittel funktionierte. Doch über weite Strecken der Geschichte fand der intellektuelle Austausch nur über Briefe statt. Das dichte Korrespondenznetz während der Aufklärung, die sogenannte Republik der Gelehrten (oder die Res publica literaria) kann dank einer Forschungsgruppe der Stanford Universität mit einem Webtool visualisiert werden.

Voltaire alleine schrieb in seinem Leben rund 15’000 Briefe. Diese auf einer Karte visualisiert beeindruckt wie die Wissensnetzwerke zu seiner Zeit funktionierten. Es ist so eine Art wissenschaftliches Facebook des 18. Jahrhunderts. Wer gerne sich mit diesem Werkzeug versuchen möchte, findet es hier. Man kann die Zeitspanne wählen, die Autorin/den Autor wählen, das ganze als Film abspielen und noch einiges mehr. Es finden sich übrigens auch ein paar wenige Frauen darunter, die in der Aufklärung eine oft unterbwertete Rolle spielten (dazu wieder einmal der Hörtipp eines kürzlich ausgestrahlten In Our Time auf BBC 4 zum Thema).

Untenstehend ist ein screenshot der Visualisierung von Voltaires Briefverkehr. Eine erste interessante Beobachtung, die man machen konnte ist, dass man so sehen kann, wie wenig Voltaire sich mit England austauschte obwohl er das Land, seine System und seinen wissenschaftliche Produktion bewunderte.

Schreibt mehr Briefe oder archiviert euer e-mails! Vielleicht interessiert es in 200 Jahren einmal jemanden.

voltaire.png

Kommentare (9)

  1. #1 Evil Dude
    November 18, 2010

    Interessante “Innenansichten” einer längst vergangenen Zeit. Und die “Welt” war damals noch klein! Außerhalb Europas fast nichts. Das Tool dürfte allerdings verbesserungsfähig sein. Aufklärung ohne Kant? Oder hat der nur niemand geschrieben? Das sieht hier
    http://web.uni-marburg.de/kant//webseitn/ka_korr.htm
    anders aus.

  2. #2 Jürgen Schönstein
    November 18, 2010

    Nur damit’s nicht so aussieht, als ob wir uns gegenseitig nicht lesen 😉 – hier ist die Sache sogar in Bewegung zu sehen: Hightech für die Kulturgeschichte

  3. #3 ali
    November 18, 2010

    @Jürgen

    Oops. Sorry. Den Post habe ich irgendwie verpasst. Ich lese sonst schon bei dir. Besser doppelt als gar nicht.

  4. #4 KommentarAbo
    November 19, 2010

  5. #5 cydonia
    November 19, 2010

    Macht nix, jetzt habe ich beide gelesen, und zum ersten mal den Weg zu Jürgen Schönstein gefunden. Ist doch auch was.

  6. #6 Frank Wappler
    November 19, 2010

    Ali Arbia schrieb:
    > Schreibt mehr Briefe oder archiviert euer e-mails!

    Ja, unbedingt! Und korrespondiert so öffentlich wie möglich!

    > Vielleicht interessiert es in 200 Jahren einmal jemanden.

    Beim heutigen Tempo des Wissenschaftsbetriebes könnte sich durchaus schon jemand in 200 Monaten dafür interessieren, oder vielleicht sogar schon in 200 Wochen.

    À propos: arbeitet eigentlich schon jemand die (damals weitgehend nicht-öffentliche) Korrespondenz (ggf. einschließlich des darin enthaltenen intellektuellen Austausches) wissenschaftlich auf, die sich um die Jahrtausendwende zwischen “sci.phys.research – Moderatoren” und Autoren entfaltete, deren eingereichte Artikel dort nicht als Beiträge zur Veröffentlichung zugelassen wurden?

  7. #7 Randifan
    November 19, 2010

    Diese Grafik könnte zur Fehlinterpretation führen, Frankreich war zu besagten Zeitpunkt das wissenschaftliche Zentrum Europas.

  8. #8 threepoints...
    November 22, 2010

    Ich finde diese Visualisierung ziemlich inspirierend. Idealerweise müsste sie aber vollständig sein – etwa alle erhaltenen Korresüondenzen in Routen aufgelöst enthalten.

  9. #9 Susanne Gross
    November 25, 2010

    intelligente Visualisierung von Bezug und Kommunikation – wie entsteht Wissen