zoon politikon

Der republikanische Kronprinz und die Aussenpolitik

In den USA finden demnächst Wahlen statt. “Demnächst” heisst im ewigen Wahlkampf der USA natürlich Herbst 2012. Im Moment sind vor allem die Republikaner mit der Kandidaten-Kür beschäftigt. Der Mann der aktuell in Führung liegt ist nicht nur eine politische Überraschung, sondern auch ein Geschenk für die Liebhaber von YouTube Clips in denen Politiker sich blamieren. Ich möchte hier einen möglichst hämefreien (die Clips gibt es natürlich trotzdem) genaueren Blick auf seine aussenpolitischen Qualifikationen oder eben das Fehlen dieser werfen.

Zur grossen Überraschung aller führt der Pizza-Unternehmer Hermann Cain im Moment das Feld der republikanischen Kandidaten an. Dies nach einer Kampagne mit viel Auf und Ab (hier eine nette Animation als Pferderennen des bisherigen Verlaufs). Man könnte fast den Eindruck erhalten, dass die Republikaner alle ausser den logischen Kandidaten Mitt Romney wählen wollen. Hermann Cain hat bisher vor allem mit eher unfreiwillig viralen Videos auf sich aufmerksam gemacht. Da war zuerst einmal seine Eigenwerbung, mit dem inzwischen berühmten Zug an der Zigarette seines Kampagnenmanagers und dem eher fies wirkenden Grinsen am Ende des Spots.

Aber hier soll es nicht um seine Qualitäten als Filmproduzent gehen, sondern eine potentielle Aussenpolitik, die von einem Herman Cain zu erwarten wäre. Spontan kommen mir hier vier Klassiker in den Sinn wo Cain zeigte, wie unfit er im Moment bei aussenpolischen Themen ist.

Ausstellungsstück Nr. 1:

Cain, der sich selber als bedingungslos solidarisch mit Israel positioniert, wird zu einem allfälligen Rückkehrrecht von palästinensischen Flüchtlingen gefragt (der Bereich von dem die meisten Beobachter davon ausgehen, dass dort die Palästinenser bei einem Verhandlungsabschluss nicht kriegen können was sie möchten.) Selbst der FOX News Journalist kann es kaum glauben was er da hört (“Ja, sie sollten ein Recht auf Rückkehr haben (…) Ich glaube nicht, dass sie [Israel] ein grosses Problem damit haben, mit Leuten die zurückkommen”):

Ausstellungsstück Nr. 2:

Cain erklärt, dass er den Präsidenten von “Us-beki-beki-beki-stan-stan” und anderen “kleinen undbedutenden Staaten” nicht kennen müsse (Usbekistan ist von relativ grosser strategischer Bedeutung für die USA in der Region):

Ausstellungsstück Nr. 3:

Cain meint in Anlehnung an die Freilassung von Gilad Shalit, dass er sich vorstellen könnte alle Häftlinge auf Guantanamo Bay freizulassen im Austausch gegen einen von Al-Kaida entführten US Soldaten:

Ausstellungsstück Nr. 4:

Relativ frisch ist der letzte und meines Erachtens peinlichste Ausrutscher. Cain wird zu seiner Position zu China befragt und erzählt unter anderem, dass China sich dahingehen geäussert hätte, dass sie “eine nukleare Kapazität zu entwickeln versuchen.” Nun hat China mindestens seit 1964 Atomwaffen (und seit 1967 auch thermonukleare Waffen):

Nun ist die Frage, machen Cain diese Aussagen aus aussenpolitischer Sicht (diese ist es, die uns hier interessiert) unwählbar? Ich würde sagen, seine Unkenntnis alleine reicht dafür nicht aus. Er hat nicht ganz unrecht wenn er sagt, Pub-Quiz Wissen zu Präsidenten von Land X oder Staat Y sind keine Notwendigkeit um ein Land zu führen, und dazu umgibt man sich mit Personen, die Ahnung haben. Ich glaube trotzdem, dass der Mann eine aussenpolitische Katastrophe wäre. Nicht weil er den Präsidenten von Us-beki-beki-beki-stan-stan nicht kennt, sondern weil er sich seiner Ahnungslosigkeit offensichtlich nicht bewusst ist und das ist gefährlich.

Im ersten Clip scheint es offensichtlich, dass er keine Ahnung hat, was mit “Rückkehrrecht” gemeint ist. Das ist zwar überraschend, da er seine Solidarität mit Israel als Argument für sich in Anspruch nimmt, und man annehmen könnte, dass er sich mit dem Thema zumindest rudimentär auseinandergesetzt hat, doch auch darüber könnte man ihm ein Memo schreiben. Diese würden zwar zu kleineren Geschichtslektionen verkommen, aber sei es drum. Dass er aber seine Meinung dazu abgibt, obwohl er offensichtlich nicht weiss worum es geht, statt die Frage elegant zu umschiffen, macht Sorgen (wie wäre es mit “das ist alleine Israels Sache zu entscheiden”? Bitte Herr Cain, gern geschehen). Ähnliches gilt für Usbekistan und China wie für die Rückkehrrecht-Frage: Er muss nicht von allem Ahnung haben, es wäre aber beruhigend zu sehen, wenn er die Grenzen seines Wissens kennen würde. Weil nur dann weiss man, dass er auch weiss, wann er Fachleute beizuziehen hat. Nur weil ein Land auf -stan endet und er nie davon gehört hat, ist es nicht unwichtig. Aber es gibt auch einen Unterschied, zwischen dem Namen eines Präsidenten eines Staates in Zentralasien und dem Wissen wer Atomwaffen besitzt. Ein minimales Wissen muss trotzdem vorausgesetzt werden können um Entscheide zu treffen. Dies gilt wohl besonders wenn man an die Spitze der grössten Militärmacht der Erde gewählt werden will.

Cain hat inzwischen schon darauf reagiert und seine aussenpolitischen Konzepte veröffentlicht. Mehr als leere Slogans hat er jedoch nicht produziert. Aussenpolitik ist halt doch nicht wie Pizza machen. Oft scheint er sich nicht festlegen zu wollen bedenkt man zum Beispiel die genauen Formulierungen in Bezug auf die Gefangenen (bei der er vor allem ein völliges Fehlen an innenpolitischen Gefühl an den Tag legt) oder ein allfälliges Rückkehrrecht für Palästinenser. Dass er dann trotzdem dummes sagt, ist ein Zeichen, dass wir von einem Herman Cain keine ausgeklügelte Aussenpolitik erwarten könnten.

Kommentare

  1. #1 cydonia
    November 7, 2011

    Hm…….wenn ich jetzt noch nie von dem Mann gehört hätte, und mir nur der erste Spot zur Verfügung stünde, dann wäre ich doch fast sicher, dass Michael Moore oder sonstwer sich hier einen recht derben Scherz erlaubt hat.
    Sie bauen einen unbedarften Gegen-Obama, mit Sarah-Palin-Aussagen gespickten Kandidaten auf, um die Republikaner so richtig vorzuführen….und es scheint ihnen zu gelingen.
    Die Zigarette und das sardonische Grinsen hätte Warnung genug sein müssen. Herman Cain ist offensichtlich ein Komiker von Format. Ich frage mich nur, wann er die Bombe platzen lässt.
    Und dann wird den republikanischen Parteigängern wegen wiederholt nachgewiesener Unfähigkeit in Tateinheit mit galoppierendem Schwachsinn das Wahlrecht entzogen…….
    Schön wärs…..und verdient dass man sie auf ultimative Weise durch den Kakao zieht haben sie sichs auch.

  2. #2 cydonia
    November 7, 2011

    …eine andere mögliche Erklärung wäre natürlich, dass die republikanischen Wähler auf drastische Art signalisieren wollen, dass es vollkommen gleichgültig ist, wer Präsident wird, weil der längst keine Macht mehr besitzt, und andere die Entscheidungen treffen.
    Was spricht also gegen einen politisch korrekten Grüß-August, der mit Forrest-Gump-ähnlichem Verhalten das weiße Haus aufmischt?
    “Being There” war keine Parodie, sondern lediglich eine extrem luzide Zukunftsvision.

  3. #3 Marko Kovic
    November 7, 2011

    Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, US-Wahlen seien nicht spannend: Wahlkampf ist ja immer irgendwie (Präsidentschafts- oder Kongresswahlkampf), und die Realsatire der Republicans ist köstlich.

    Mittlerweile kommentieren sogar Zeitungen wie der Economist, der neue Anti-Rationalismus der Republikaner sei heikel:
    http://www.economist.com/node/21536596
    http://www.economist.com/node/21536603

    Cain ist ein politischer Tölpel, gut unterfüttert von Koch-Geldern. Doch scheinbar ist das genau, was die Tea Party-Basis wünscht: Maximale Ignoranz. Dass Cain mehr Zeit bei der Vermarktung seines Buches verbringt als im eigentlichen Wahlkampf, passt da auch ganz gut – ähnlich hat schon Palin abkassiert, und das kam auch gut an.

    Seit Nixon haben sich die Republikaner ja dem Rechtspopulismus verschrieben, dennoch scheint jetzt ein Höhepunkt erreicht: Wenn langsam die Strassen wegbröckeln, Post-, Schul- und Feuerwehr-Angestellte pauschal als faule Sozialschmarotzer stigmatisiert werden, sich Studenten für einen läppischen Bacher-Abschluss bis ans Lebensende verschulden müssen, müssen die Leute langsam merken, dass etwas nicht ganz stimmt.

    Aussenpolitik? Ist doch unwichtig – die USA sind ja die einzige Demokratie der Welt, es gilt der “US exceptionalism”; alles andere sind (sozialistische) Diktaturen.

    Schon traurig, dass jemand wie Jon Huntsman in der heutigen Grand Old Party keine Chance auf das Prsädientschafts-Nomination hat. Wobei, er kann ja chinesisch, ist also sehr wahrscheinlich Kommunist.

  4. #4 Andreas
    November 7, 2011

    Je nach Amtsführung ist ein US-Präsident doch auch ein hochdekorierter Büroleiter. Ich mach mir da nicht soviel Sorgen, letztendlich gibts da noch eine Partei im Rücken, der man nicht jeden Scheiss verkaufen kann und der Kongress ist auch ziemlich mächtig.

  5. #5 ali
    November 7, 2011

    @Andreas

    Ich würde mal die These aufstellen, dass der US Präsident vermutlich einer der grössten Handlungsspielräume in der Aussenpolitik hat (vor allem beschränkt durch den Senat).

    Sorgen mache ich mir aber auch keine. Ich glaube nicht, dass Cain die Nomination gewinnen kann und wenn er es tut glaube ich nicht, dass er eine Chance hätte gegen Obama. Die Demokraten wünschen sich vermutlich einen Sieg von Cain in den Vorwahlen.

    Natürlich ist der Prozess unberechenbar und ich hatte vor vier Jahren auch die Chancen von Obama als klein eingeschätzt die Vorwahlen zu gewinnen. Aber Sorgen mache ich mir erst, wenn das Risiko konkret wird.

  6. #6 ChristianW
    November 7, 2011

    @Andreas
    Wie Ali schon sagt, außenpolitisch ist PotUS der mächtigste Mensch der Welt. Trotz allem unangefochtene militärische und (fast noch wichtiger) wirtschaftliche Potenz lassen den ganzen Rest der Welt (außer China) kuschen.
    Man sollte niemals den Fehler machen und Innenpolitik mit Außenpolitik verwechseln. Nur weil das bei uns (Deutschland) in denselben Händen liegt, ist das nicht notwendigerweise überall so. Die Gründungsväter der USA haben sich damals sehr konkreten außenpolitischen Bedrohungen (GB, Spanien, Indianer) gegenüber gesehen und darum eine äußerst schlagkräftige Exekutive nach außen hin (PotUS mit Wohlwollen des Kongresses) geschaffen. Innenpolitisch war zumindest ganz am Anfang niemals so etwas wie ein zentralistischer, monolithischer Staat geplant, weshalb sie auch gar keine so fixe und mächtige Legislative vorgesehen haben (Kongress als zwei-Kammern-Parlament, wobei beide Kammern sehr unterschiedlich aus den Mitgliedsstaaten zusammengesetzt sind und immer komplett einig sein müssen, bevor etwas zum Gesetz wird und das sollte sowieso wenn überhaupt die Ausnahme sein und best government is least government, usw.)

    @Ali
    Ich sehe das genauso wie du. Das Problem mit Bush Jr. war ja nicht seine außen- oder gar innenpolitische Agenda – sowas hatte er ja nicht, dafür waren Cheney, Rumsfeld, Powel, Rice, Haliburton und Enron zuständig – das Problem mit ihm war, dass er überzeugend (oder zumindest für Joe Normal glaubhaft) vorspielen konnte, er hätte eine. Und genau das scheint jetzt auch wieder Cains Trumpf zu sein. Klar dürfte er damit gegen Obama immer noch keine Chance haben, aber gegen eine blasse, konturfreie Polit-Hülle wie Kerry würde er problemlos gewinnen.

  7. #7 jitpleecheep
    November 7, 2011

    Nach längerer Zeit mal wieder ein Hallo: Hallo. :-)

    Ja, dieser Cain ist schon völlig unglaublich, fast noch unglaublicher als das ganze Hick-Hack an Kandidaten davor. Aber wir brauchen uns da keine Sorgen zu machen. Ich glaube Jon Stewart hat das neulich auf den Punkt gebracht: Der ist jetzt halt der Token-Negro, das Zeichen der Republikaner, dass sie ja nicht rassistisch sind und auch einen schwarzen Kandidaten haben können. Aber am Ende werden sie das ihrer Wählerschaft nicht zumuten können, in einer Präsidentschaftswahl keinen Weissen wählen zu können…

    Ein paar wichtige WTF-Moments an ihm hast du aber ausgelassen:

    - Wie Marko weiter oben schon bemerkte, der Mann ist eine völlige Sockenpuppe der Koch Brothers (mehr dazu noch unten). Ich gewinne immer mehr den Eindruck, der kriegt wirklich nur diktiert was er sagen soll: http://www.washingtonpost.com/politics/long-ties-to-koch-brothers-key-to-cains-campaign/2011/10/16/gIQAKTLPoL_story.html

    - Eins der besten Interviews hast du leider nicht drin (Video weiter unten): Cains Einstellung zur Abtreibung.
    Kurzgefasst:
    Interviewer: “Sollte eine Frau abtreiben dürfen?”
    Cain: “Nein, ich bin pro-life.”
    I: “Und wenn sie jetzt vergewaltigt worden ist?”
    C: “Das ist ihre Entscheidung, der Staat darf da nicht eingreifen!”
    … … O_o

    - Rachel Maddow hatte in einer ihrer letzten Sendungen eine sehr gute Analyse zu u.a. diesen beiden Punkten, wirklich sehenswert: http://www.msnbc.msn.com/id/26315908/vp/45025119#45025119
    (Der eigtl Teil zu Cain geht so ca. bei 3.00min los, das davor ist aber auch lustig und dient dem Verständnis.)

    - Ihm wird gerade sexuelle Belästigung in seiner Zeit bei Godfather’s Pizza vorgeworfen. Ungeachtet, was an diesen Vorwürfen dran ist, um (grob aus dem Kopf) Bill Maher in seiner letzten Real-Time zu zitieren: “Ich mache jetzt journalistische Comedy seit 20 Jahren — ich habe noch _nie_ jemanden gesehen, bei dem nach solchen Anschuldigungen die Umfragewerte _gestiegen_ sind…”

    Dann aber noch Kritik: Ich finde das nicht gut, dass du auch noch mal besonders und ohne Grund betonst (auch noch im Präsens!), dass er “Pizza-Unternehmer” ist. Das _war_ er mal, vor _15_ Jahren, und das ist ungefähr auf dem Niveau von: “Ronald Reagan? Der Schauspieler?!”. Wäre er ein guter Politiker, was wäre denn schlimm daran?

  8. #8 ChristianW
    November 7, 2011

    So, nachdem jitpleecheep (Himmel, wieso kein einfacher Nick so wie “Fritz” oder “guy”?) den Rubikon überquert hat (ja, ich schaue nebenher Phoenix), kann ich es ja auch zugeben:
    Ich beziehe meine Kenntnisse der US-Politik ebenfalls in erster Linie von Jon Daily und natürlich auch Scot W. Stevenson. Und nicht zuletzt aus den Federalist Papers, die – hätte es sie auch für die EU-Verfassung gegeben – schon lange zu einer ordentlichen Europa-Regierung geführt hätten.

    Trotzdem sind alle meine utterances klarerweise bestenfalls gutgemeintes Halbwissen und sollten keinesfalls anders behandelt werden.

  9. #9 ZielWasserVermeider
    November 7, 2011

    Ja wie jetzt?

    Die Daily Show, Colbert Report und Bill Maher sind doch eh die einzigen ernstzunehmenden politischen Sendungen aus den USA.

    Gruß
    Oli
    *nachdiktatzuvolkerpispers*

  10. #10 jitpleecheep
    November 7, 2011

    @ChristianW:
    Weil du so lieb fragst: weil a) es eine Romanfigur ist und b) ich nichts anstrengender finde, als diese ganzen “paule”, “Paul”, “Christian”, “Christian2″. Himmel, legt euch ‘nen Nick zu, keinen Sammelbegriff.

    Daily Show ist gar nicht mal schlecht, dafür muss man sich nicht schämen, das geht über eine Comedy-Show weit hinaus, da kann sich dieser miese Abklatsch namens “heute Show” mal eine ordentliche Portion Eierstöcke von abschneiden.

  11. #11 jitpleecheep
    November 7, 2011

    @ChristianW:
    “Man sollte niemals den Fehler machen und Innenpolitik mit Außenpolitik verwechseln. Nur weil das bei uns (Deutschland) in denselben Händen liegt, ist das nicht notwendigerweise überall so.”

    BTW: Wie kommst du eigtl darauf, dass das bei uns in denselben Händen liegt? Last time I checked waren der Möter (halb Minister, halb Köter) Friedrich und Westerwelle noch zwei unterschiedliche Personen. Zum Glück, eine Fusion aus den beidenmag man sich gar nicht vorstellen…

  12. #12 ChristianW
    November 7, 2011

    @jittlesheep (oder so :P )
    War auch nur ein Hilferuf angesichts eklatanter Schreib-Unfähigkeit (c&p hat mich dann gerettet) und literarischer Unkenntnis. Sorry.

    Daily Show ist ein geniales Comedy-Format, welches jedoch allenfalls ein sehr eineitiges Politik-Verständnis in Bezug auf die USA vermittelt (dazu später mehr). Weil einmal Stewart ein unfassbar brillianter Mensch ist, so intelligent dass er wieder unendlich lustig ist oder umgekehrt (I’m still figuring that one out). Aber er könnte überhaupt nichts leisten, wenn er in Deutschland arbeiten müsste. Weil unser politisches und soziales System darauf basiert, dass die gewählten Volksvertreter vernünftige Leute sind, weil unvernünftige Flitzpiepen gar nicht erst zur Wahl zugelassen würden (trotzdem kommen natürlich immer noch Typen wie Cornelia Pieper, Karl LAuterbach und Roland Pofalla durch, aber ich schweife ab). In den USA funktioniert das System hingegen, weil prinzipiell jede Arschkrampe ein Amt erringen kann, aber dann erstmal nachweisen muss dass er/sie es auch bekleiden und ausfüllen kann und falls nicht, direkt wieder entfernt wird. So kommt es drüben natürlich tausendmal eher zu Situationen, die Stewart genüsslich ausweiden kann als bei uns, weshalb Welke einfach keine Chance hat. In Deutschland ist Politik eine ernste Sache und kein Wettstreit aller Ideen und seien sie noch so durchgeknallt.
    Das ist ein – wenn nicht der – entscheidende Unterschied zwischen einer direkten und einer republikanischen Demokratie. Aber wem sage ich das, das wissen hier ja ohnehin alle.

    Zusätzlich generiert die Daily Show natürlich viel Comedy durch die Existenz von die ultra-konservativen Standpunkte auch noch medial unterstützende Medien, gerade FOX-News. Dir erzähle ich da sicher nichts Neues, aber für den unbedarften Leser: Fox-News steht ungefähr auf einem politischen und sozialen Standpunkt 100km rechtsaußen von BILD. Comedy Central wie auch viele andere von Medien-Mogulen relativ unabhängige Sender sehen dagegen automatisch wie erzkommunistische Terroristen-Netze aus, aber Daily Show, Stewart und wohl auch der Sender als Ganzes sind wohl dennoch eher im zumindest sozialen, wenn nicht gar annähernd sozial-demokratischen Spektrum verhaftet. Also gibt es da logischerweise ein permanentes gewaltiges Konfliktpotential, welches wir in keiner Weise nachempfinden können, wo sich in unserer Öffentlichkeit politische Konflickte zwischen CSU und SPD in der Therorie abspielen statt als Parallele zu drüben zwischen FDP und PDS (absichtliche, unrealistische Übertreibung) in alleiniger Regierungsverantwortung.

    Das ist dann alles ultra-komisch, darf aber gerade bei einseitiger Verfolgung der Daily Show niemals als ernsthafte Grundlage für Diskussionen der politischen Lage in den USA benutzt werden. Auch wenn man zum Beispiel die auf FOX-News vertretenen Standpunkte gerade in der Wiedergabe durch Stewart für himmelschreiend absurd hält, darf man niemals vergessen, dass das die politische Weltsicht von irgendwas um 89% der Wähler im mittleren Westen/bible belt des wichtigsten Staates der Welt ist und ein entscheidender FAktro bei der Wahl zum nächsten mächtigsten Regierungschefs des Planeten.

    (Sorry, wenn das alles nach reinem Dozieren klingt, aber das ging mir gerade alles durch den Kopf ;-) )

  13. #13 ChristianW
    November 7, 2011

    Nachtrag @jitpleecheep:
    Da haben wir doch den entscheidenden Unterschied – in den USA gibt es keinen Innenminister. Doch, es gibt ein “head of the department of the interior (im Moment ein Typ namens Ken Salazar. who knew?), der aber ungefähr die Kompetenzen unseres Präsidenten auf sich vereint. Die Innenpolitik der USA wird – soweit nicht ohnehin durch die eigentlichen Staaten – durch den Kongress gemacht, nicht durch irgendein Ministerium oder gar die Bundesregierung. Der Präsident kann da Initiativen starten und Reklame für seien Vorhaben machen, aber solange Senat und Repräsentanten nicht einverstanden sind, geht gar nichts (remember Obamacare).

    Das ist genau mein Punkt: Während die Regierung in Deutschland bestimmt, was in Deutschland und um Deutschland herum passiert, bestimmt die US-Regierung im Großen und Ganzen eigentlich nur was außerhalb der USA passiert. In den USA haben Kongrest und zur Not SCotUS das Sagen.

  14. #14 jitpleecheep
    November 8, 2011

    @ChristianW:
    Ohne direkten Vorwurf, aber “jittleSHEEP” klingt nun doch sehr nach dem “sheeple” eines VTlers. Können wir es demnächst einfach beim copy/paste belassen, danke.

    Ansonsten bin ich nicht deiner Meinung.

    Die Daily Show bietet kein einseitiges Politik-Verständnis, sie ist tatsächlich — abgesehen vom Comedy-Faktor — eine, und zwar durchaus selbstkritische, Stimme der Vernunft. Stewart, Maddow & Maher mögen zwar in den USA als “leftist” gelten, das ist aber nur ein Zeichen dafür, wie weit der Diskurs dort abgedriftet ist. Stewart & Maher sind in meinen Augen sogar eher konservativ…
    Nota bene: wir reden hier über eine USA, in der Rachel Maddows zentrale Positionen von Obama, der als “centrist” gilt, gegen Eisenhower (!) vergleicht, und zu dem Schluß kommt, dass Obama gegenüber den “alten Republikanern” eigtl relativ weit rechts steht. Eine USA, die aus “Obamacare”, eine Gesundheitsreform über die wir — die Skandinavier fragen wir gar nicht erst — lachen würden, einen “Diskurs” über “Kommunismus” und “Obama = Hitler” (!) anbrechen…

    Dann übrigens: Comedy Central ist nicht unabhängig, das ist kein “Protestsender”. Die gehören Viacom, zu denen gehört u.a. auch MTV…

    Weiters: “Auch wenn man zum Beispiel die auf FOX-News vertretenen Standpunkte gerade in der Wiedergabe durch Stewart für himmelschreiend absurd hält…”

    Das _wirkt_ nicht nur völlig absurd, das _ist_ es auch. Stewart (u.a.) pickt sich da nur die Rosinen raus. Hast du jemals mal FOX wirklich live gesehen? Mir rollen sich da minütlich die Zehennägel auf, ich wüsste gar nicht, _was_ ich da zum picken wählen sollte…

    “… darf man niemals vergessen, dass das die politische Weltsicht von irgendwas um 89% der Wähler im mittleren Westen/bible belt des wichtigsten Staates der Welt ist ”

    Das macht es immer noch nicht besser. Und trotz dieses Bildes haben wir in der Vergangenheit immer ein kurz-am-knapp-Rennen zwischen GOP und Democrats gehabt. Weil es eben auch einen Haufen Leute ausserhalb des Bible-Belt gibt.

    Und zu unserem “vernünftigen politischem System”, da muss ich doch mal kurz drüber lachen: Ha… wait for it… Nee, da kommt nix mehr… So gerne du ja auch unserer großen Redner à la Brandt & Schmidt & Wehner gedenken mögest (die in der Retrospektive auch nicht sooo toll waren, wie wir uns jetzt das vormachen), so “unvernünftige Flitzpiepen” haben wir doch halt heute auch hier: Merkel, Westerwelle, Lindner, Friedrich, Uhl, … you name’em, we got’em… Wo ist das intellektuelle Gefälle zwischen einem Friedrich und einer Palin? (Letztere sitzt übrigens nicht in einem staatstragenden Amt…)

    Und natürlich hat der Welke jedesmal genug zu schiessen, er tut’s halt nur nicht. Wo war er denn z.B. beim “Bundestrojaner”, hm?
    Der Unterschied zwischen Stewart und seinem Klon Welke ist, dass Stewart eine politische Agenda hat, die er mittels Comedy an den Mann bringt, wohingegen Welke ein Comedian ist, der sich über Politik lustig macht…

    Und ad Nachtrag: Also zuerst behauptest du, dass wir — im Gegensatz zu anderen Nationen (implizit die USA) — keine Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik haben, und dann behauptest du, dass uns gerade diese Trennung von den USA unterscheidet….? O_o

  15. #15 ChristianW
    November 8, 2011

    Bitte? Ich glaube, du verwechselst Vernunft mit Klasse. Wir haben keinerlei Figuren in Regierungsverantwortung oder auch nur potentielle Kandidaten, die illegale Einwanderung militärisch und mit elektrifizierten Zäunen (Cain) bekämpfen wollen, die der festen Überzeugung sind dass die Erde maximal 6.000 Jahre alt und Wissenschaft ganz allgemein nur eine Minderheitenmeinung ist (Perry), dass jede Regierungshandlung auf Bundesebene der direkte Weg in den vollendeten Kommunismus ist (Bachmann), dass Wulff ein im Ausland geborener islamistischer Terror-Sympathisant ist (so ziemlich die ganze politische Opposition) etc. pp.
    Unsere größten Freaks, selbst aus PDS, NPD, Grüne und Piratenpartei, kämen kaum über den politischen Kern der Dmokraten hinaus, vom Auffallen bei den zeitgenössischen Republikanern gar nicht zu reden. Und in den USA sind das eben zumindest für grob die Hälfte der Wählerschaft keine durchgeknallten Freaks, sondern favorisierte politische Vertreter.
    Natürlich sind unsere derzeitigen Vertreter nicht die Größten aller Zeiten, aber vernünftig im Sinne von keine Unterhosen auf dem Kopf tragend und prinzipiell geistig gesund sind sie doch alle.

    Nochmal zum Nachtrag: Wir haben keine echte Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik, weil beides vom selben Regierungskabinett veranstaltet wird – und im Zweifel sogar ein und dieselbe Person das letzte Wort hat. Bei den Amis hat außenpolitisch PotUS das Sagen und kann höchstens so vom Parlament zurückgeüpfiffen werden wie es bei uns ja auch möglich ist, aber die Legislative kann ihm nicht vorschreiben was er zu tun hat, sondern ihn nur davon abhalten, etwas zu tun, was ihr nicht in den Kram passt (siehe Clinton, Obama, etc. beim Kyoto-Protokoll). Die Innenpolitik dagegen wird vollständig vom Kongress bestimmt und PotUS kann Vorschläge machen und seine Meinung abgeben, aber nichts entscheiden, sondern ebenfalls höchstens sein Veto einlegen.
    Das ist der Unterschied zwischen uns und den Amis: Bei uns liegt die Richtlinienkompetenz für beides in denselben Händen, bei denen (zmd. theoretisch) nicht.

  16. #16 ali
    November 8, 2011

    Ich glaube, dass es unter den republikanischen Wählerinnnen und Wähler durchaus der Anteil vernunftsbegabter Menschen ähnlich hoch ist wie überall (bei uns, bei den Demokraten etc). Das Problem ist eher, dass die Partei, wie korrekt bemerkt wurde seit Nixon, auf das Bedienen eines ziemlich durchgeknallten Randes konzentriert, weil der grössere Mobilisierungseffekt die Normalo-Verluste mehr als kompensierte. Bei einem System wo sich nur zwei Parteien gegenüberstehen, werden viele dann den Republikaner trotz und nicht wegen Klimawandelskeptizismus (siehe Romneys Konversion) oder einer “Lehrt die Kontroverse” Position wählt. Die skurrilen Ansichten sind auch nicht auf die Republikaner beschränkt, erfreuen sich doch beispielsweise 9-11 Verschwörungstheorien unter Demokraten einer grösseren Beliebtheit. So wie der Mainstream der Partei inzwischen abgedriftet ist, kann man sich durchaus Fragen zur Nachhaltigkeit dieser Strategie stellen.

    Inwiefern die Kandidatinnen wirklich glauben was sie sagen oder es nur aus wahltaktischen Gründen sagen ist oft schwer einzuschätzen (nicht dass ich bei Bachmann, Perry und Cain da grosse Zweifel hätte).

    Ich glaube gewisse Zustände in der Schweiz können durchaus mit jenen in der Politik in den USA verglichen werden. Einfach ohne die Verschwörungstheorien (Truther, Birther, etc.), für so etwas ist die Schweizer Politik zu langweilig und die Wählenden vermutlich zu pragmatisch. Wenn Sammellager für Flüchtlinge gefordert werden, zwingendes Völkerrecht ausser Kraft gesetzt werden soll, nachträglich Verträge mit der EU ohne negative Folgen substantiell geändert werden können sollen und die (bei uns ehemals staatstragende und rechts-zentristische) FDP einfach den “Linken Parteien” zugerechnet wird, stelle ich auch eine gewisse Loslösung von der Realität fest.

  17. #17 Christian W
    November 8, 2011

    Nur um klarzustellen: Ich wollte auch keineswegs behaupten, dass die Freaks alle nur bei der GOP zu finden wären. Im Gegentum, bei den Demokraten sieht es insgesamt genauso aus. Nur fällt mir da nie einer aus dem Stehgreif ein, weil ich mir ihre Namen nicht merken kann – die sehen ja eh alle gleich aus.

    Mein Punkt war und ist halt nur, dass unsere Freaks bei denen Polit-Mainstream wären. Nicht weil der dort so durchgeknallt ist, sondern weil deren Verrückte noch viel durchgeknallter sind und darum unsere viel rationaler aussehen lassen. Und deswegen könnte Welke – selbst wenn er halbwegs komisches Talent hätte – sich niemals so über unsere Freaks lustig machen wie Stewart es über seine tun kann.
    That’s about it.

  18. #18 ali
    November 8, 2011

    @ChristianW

    Nur um klarzustellen: Ich wollte auch keineswegs behaupten, dass die Freaks alle nur bei der GOP zu finden wären. Im Gegentum, bei den Demokraten sieht es insgesamt genauso aus. Nur

    Habe ich auch nicht so verstanden.

    Man kann aber beim Lesen solcher Posts und Threads schnell man den Eindruck bekommen, dass es in der Kategorie “Die Spinnen, die Amis” abgebucht werden kann (frei nach Bichsel sozusagen). Darum wollte ich das nur noch ebenfalls festgehalten haben.

  19. #19 cydonia
    November 8, 2011

    Wenn die Broderisten oder ähnliche Kandidaten nicht hier sind, Ali, darfst du, denke ich, davon ausgehen, dass die Kommentatoren ausreichend differenzieren. Aber zumindest ich konnte es mir nicht verkneifen, mein Kopfschütteln über Palin, Bachmann, Cain et alii etwas bissiger zu formulieren.
    Natürlich gibt es vernünftige und kompetente Republikaner. Ich würde mir nur wünschen, dass sie öfter ihre Stimme erheben, und nicht aus den Gründen, die du genannt hast, das Schweigen vorziehen. Ich finde es wirklich manchmal zum Heulen, wenn ich öffentliche Auftritte von Galionsfiguren der Grand Old Party verfolge.

  20. #20 Knarzkragen
    November 8, 2011

    > Wir haben keinerlei Figuren in Regierungsverantwortung oder auch nur potentielle
    > Kandidaten, die illegale Einwanderung militärisch und mit elektrifizierten Zäunen (Cain)
    > bekämpfen wollen

    *hüstel* Frontex *hüstel*

  21. #21 BreitSide
    November 9, 2011

    xxx

  22. #22 jitpleecheep
    November 9, 2011

    @ChristianW:
    “Natürlich sind unsere derzeitigen Vertreter nicht die Größten aller Zeiten, aber vernünftig im Sinne von keine Unterhosen auf dem Kopf tragend und prinzipiell geistig gesund sind sie doch alle.”

    Du hast ein komisches Verständnis von Vernunft… :-)

    Also alleine mit dem Friedrich und der Hälfte der Länderinnenministerriege kannst du ganze Sendungen füllen. Falls du es noch nicht getan hast, schau dir bitte mal echt die Frage- und die aktuelle Stunde zum Bundestrojaner an. Da saß ich echt komplett fassungslos davor und dachte es kann nicht wahr sein. Wo ist das denn bitte kein Material?

    Klar sind die Kasperköppe in den USA schon seit geraumer Zeit ein gefundenes Fressen für jeden, der drei Worte lustig aneinanderreihen kann. Aber das heisst doch nicht, das Satire sonst nicht existieren kann.

    Wir hatten durchaus mal einen politischen _Diskurs_ in der BRD, einen vollen und johlenden Bundestag, statt einfach nur zwei Reihen Anstandspersonal*. Komischerweise hatten wir zu der Zeit auch ein ganz großartiges politisches Kabarett zu guter Sendezeit.

    Aber sowenig wie sich die Akteure derzeit für Politik interessieren, so wenig hat die vierte Gewalt anscheinend noch Interesse daran**. Heute haben wir halt die “heute Show”, “neues aus der Anstalt” alle vier Wochen (gibt’s das überhaupt noch?), und Pispers et al teilen sich irgendwelche hinteren Sender zu Unzeiten…

    Das ist in meinen Augen der Hauptunterschied: Wir haben zwar irgendwie Politik, aber keinerlei Diskurs mehr, in den USA herrscht jede Menge Diskurs, aber man weiss nicht so genau ob das überhaupt noch Politik ist, nicht reines Kasperletheater.

    ad Innen-/Aussenpolitik: Okay, ich verstehe dann doch auch langsam mal worauf du hinauswillst und gebe dir im Prinzip Recht. :-)
    Aber, ich sehe das nicht so klar. Der PotUS hat z.B. durch die Homeland Security auch durchaus seine Finger mit in der Innenpolitik. Und hierzulande haben wir (zumindest theoretisch) auch mehrere Kontrollinstanzen: beide Minister werden in der Regel von verschiedenen Fraktionen gestellt, die Opposition, der Bundesrat, das BVG.

    *) Jaja, früher war alles besser ™… :-(
    **) Naja, gut, in der Blogosphäre rumort es ganz ordentlich, aber die haben selten wirkliche Breitenwirkung.

  23. #23 ali
    November 15, 2011

    Der hier war auch nicht schlecht. Zuerst kämpft Cain offensichtlich zu überlegen welche gelernten Sätze zu diesem seltsamen Land “Libyen” gehören, dann fragt er sozusagen nach, ob es sich um jenes mit den Rebellen und Gaddafi handle, um dann Nichtsagendes runterzuspulen (letzteres ist ja normal). Er entschuldigt sich weil er habe “all this stuff twirling around in my head”.