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Syriens Internet Blackout und soziale Mobilisierung

In Syrien hat die Regierung das Internet abgedreht (oder glaubt man dieser, ist es einfach ausgefallen). Fest steht, in Syrien passiert im Moment nichts mehr online. Sofort schossen natürlich Spekulationen ins Kraut was Assad vor hat. Könnte es ein erster Schritt sein um unter dem Schutz einer Informationssperre noch grössere Greultaten zu begehen? Mir fiel dabei ein Artikel ein, auf den ich vor einer Weile gestossen bin und der sich der Frage annimmt, was ein solches Internet-Blackout für einen Effekt auf die Moblisierung der Massen hat.

Da ich immer noch an meiner Deadline nage, habe ich den Artikel nicht nochmals gelesen und werde hier also nur aus meiner Erinnerung wiedergeben. Es kann sein, dass die Details teilweise etwas wacklig sind. Wer nachlesen möchte, findet den Artikel von Navid Hassanpour hier.

Bildquelle: Screenshot von Google Transparency Report . November 2011 ca. 12h00.

Der Artikel blieb mir unter anderem im Gedächtnis, weil er ein interessantes Alternativargument zu den üblichen etwas sehr euphorischen Soziale-Netzwerk-Revolutions-Thesen bietet. Er argumentiert, dass ein Abschalten des Internets die Revolution eigentlich erst in Gang bringt. Keine Twitter und Facebook-Revolutionen also sondern das Gegenteil: Mikroblogging und Co. verhindern oder zumindest bremsen den revolutionären Eifer.

Er bietet dafür eine gute Begründung dafür, eine die meines Erachtens besser ausgearbeitet und überzeugender ist als vieles, was man sonst zum Thema liest und in sozialen Netzwerken Revolutionsmotoren sieht. Seine Argumentationslinie ist folgendermassen: Um Menschen zu mobilisieren, damit sie auf die Strasse gehen und in einem autoritären Regime beträchtliche Risiken eingehen muss man eine kritische Masse erreichen. Das leuchtet insofern ein, dass niemand alleine vor den Präsidentenpalast eines Diktators stellen möchte und Demokratie einfordern. In der Masse traut man sich das eher. Alles hängt von der Risikobereitschaft und wie diese in der Bevölkerung verteilt ist ab. Erreicht man die kritische Masse setzt ein Dominoeffekt ein und die Leute gehen auf die Strasse.

Hassanpour sagt nun, dass für solche Mobilisierung sogenannte Mikronetzwerke von grosser Bedeutung sind. Wenn ich auf Twitter lese, das X der Strasse der Polizei die Stirn bietet, ist dies weniger eine Motivation als wenn mein Freund und Nachbar Y an die Tür klopft und fragt, ob ich mit ihm zum Protest mitkomme. Hassanpours originelle Idee ist darum, dass das Abschalten des Internets diese viel persönlicheren Mikronetzwerke zum Brummen bringt und diese ins Zentrum der Informationsbeschaffung rücken.

Um dies zu überprüfen schaut er sich die Verteilung der Proteste in Kairo vor, während und nach dem von Mubarak verordneten Internet-Abschaltung an. Tatsächlich findet er eine frappante Zunahme während des Blackouts.

Bildquelle: Navid Hassanpour, Media Disruption Exacerbates Revolutionary Unrest: Evidence from Mubarak’s Natural Experiment

 

Intuitiv wissen das autoritäre Herrscher vermutlich auch. Freunde aus Georgien haben erzählt, dass als sich in Georgien Proteste gegen das alte Regime zu organisieren begannen, kamen plötzlich relativ neue US Blockbuster Spielfilme im Fernsehen. Die Revolution fand wie wir heute wissen natürlich trotzdem statt. Inwiefern das ganze auf Syrien übertragen werden kann steht natürlich auf einem anderen Blatt befindet sich das Land doch in einem Bürgerkrieg, wo solche kurzfristige soziale Mobilisierung wohl weniger eine Rolle spielt für die Dynamik. Gleichzeitig gilt Damaskus nach wie vor als Hochburg Assads.

 

Referenz:

Hassanpour, Navid, Media Disruption Exacerbates Revolutionary Unrest: Evidence from Mubarak’s Natural Experiment (2011). APSA 2011 Annual Meeting Paper. Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=1903351

Kommentare

  1. #1 sumo
    Dezember 3, 2012

    faszinierende Argumentation!
    Mir kam zusätzlich folgender Gedanke: Wenn in eine Gesellschaft, in der das Internet zum Allgemeingut gehört, quasi immer verfügbar, dann bedeutet die Abschaltung einen gravierenden Eingriff in die sozialen Strukturen. Gerade dies aber ist dann außergewöhnlich, so daß das die leute auf die Straße treibt. Ihnen wird durch die Abschaltung etwas bewußt vorenthalten, was sie dann durch persönliches Erscheinen, durch Ansehen überprüfen wollen.
    Ich erinnere mich dunkel daran, daß es zum Ende der DDR in Berlin massive Störungen eines kleinen Radiosenders gab, was viele Menschen veranlaßt hat, dann zu anderen zeiten diesen Sender zu verfolgen und sich damit Informationen zu besorgen. So ähnliche Verhaltensweisen werden auch auftreten, wenn das Internet abgeschaltet wird, weil man den Verantwortlichen dann unterstellt, etwas Wichtiges verbergen zu wollen.

  2. #2 Wilhelm Leonhard Schuster
    Mai 31, 2013

    @Ali :In welcher Lage sind Drusen und Kurden in Syrien?
    Assad aufgeklärter kommunistischer Islamist?