Ich habe im letzten Post einen Eintrag versprochen, der zur Abwechslung nicht auf irgend das Aufreg-Thema des Tages zurückgeht. Ein Grund warum es hier in den letzten Wochen und Monaten eher still war, ist meine Arbeit. Diejenigen, die hier schon länger mitlesen werden gemerkt haben, dass die Blogfrequenz ungefähr gleichzeitig mit einer Änderung im Bloggerprofil zur rechten Seite einherging.

Kleinwaffen und leichte Waffe sind ein riesiges Problem. Eine beträchtliche Zahl an Menschen stirbt alleine wegen Unfällen und wegen Missbrauch von solchen Waffen (was als legitimer Gebrauch gilt ist nochmals eine andere Diskussion). Gleichzeitig fehlen Informationen darüber, auf welchen  oft verworrenen Wege diese Waffen zu ihren Endbenutzer_innen kommen. Entsprechend fehlt auch die Grundlage um die Weiterverbreitung und den Missbrauch dieser Waffen einzudämmen.

Diese Lücke versucht die Organisation, für  die ich arbeite, die Small Arms Survey, zu füllen. Ich bin zuständig für ein Projekt, dass sich spezifisch dem Nahen Osten, Nordafrika und der Sahelzone  widmet. Und unsere letzte Publikation hat ein relativ grosses Medienecho ausgelöst, die BBC, die New York Times  und viele andere haben darüber berichtet. Es ist somit vielleicht auch einen Blogeintrag wert.

Libyen ist ein Fokus meiner Arbeit im Moment. Nachdem Umsturz und dem Absetzen von Gaddafi wurde die Situation immer chaotischer. Schon als die Revolution im Gange war lösten sich Teile der Polizei und Streitkräfte auf, Magazine wurden geplündert und eine riesige Menge an Kleinwaffen und leichten Waffen überschwemmten das Land. Überall im Land werden viele staatliche Sicherheitsfunktionen nach wie vor von nicht regulierten Milizen wahrgenommen. Das muss aber für ein anderes mal warten. Diese Waffen wurden überall in der Region wiedergefunden (zum Beispiel in Tunesien und sogar in Mali).

A MIRA thermal sight for MILAN series ATGWs advertised in a Libyan social media group used to trade arms

Bildquelle: ARES 2016

Es ist schwer sich bewusst zu machen, wie einfach es ist, in Libyen Kleinwaffen zu kaufen. Man findet auf Märkten Stände mit einem beträchtlichen Angebot and Faustfeuerwaffen und anderer Gerätschaft. Und dann gibt es natürlich das Internet. Dazu haben wir nun eine Studie veröffentlicht (hier als pdf).

Die Veröffentlichung bezieht sich nur auf leichte Waffen. In ein paar Wochen wird eine längere Publikation zu Kleinwaffen im Libyschen Netz folgen.

Es existieren verschiedene Definitionen was leichte Waffen sind, aber keine die universell anerkannt wäre. Wir folgen mehr oder weniger der Definition des UN Panels of Government Experts (UNGA) von 1997. Eine unwissenschaftliche aber für die Zwecke dieses Eintrags nützliche Definition könnte wie folgt lauten: Als Kleinwaffen gelten Waffen, die von einer Person transportiert und benutzt werden (zB Sturmgewehr, Faustfeuerwaffe). Leichte Waffen sind hingegen eigentlich nur leicht im Vergleich zu schweren Waffen. Es brauch für diese meist eine zweite Person oder ein kleines Gefährt oder Anhänger um sie operieren zu können (zB MANPADs, Mörser).

Wer bis hier mitgelesen hat wird sich nun vielleicht fragen: Moment, leichte Waffen über das Internet kaufen? Das ist genau das Problem in Libyen. Der Staat ist quasi verschwunden und gleichzeitig zirkuliert eine enorme Zahl an Waffen jedes Kalibers. Teilweise haben die Menschen sogar Zugang zu schweren Waffen ohne jegliche Ausbildung wie mit diesen Umzugehen ist.

A WPF89-2 advertised in a Libyan social media group used to trade arms

Bildquelle: ARES 2016

Die Studie beobachtete diverse geschlossen Gruppen im Netz. Nicht zuletzt auf dem populärsten sozialen Netzwerk wurden die Autoren fündig, obwohl solche Verkäufe dort gar gegen die Richtlinien verstossen (übrigens selbst im Fall von legalen Waffengeschäften).

Seit September 2014 tauchten auf den Seiten unter Beobachtung fast 100 solcher Waffen auf, darunter Raketen, schwere Maschinengewehre oder Granatwerfer. Wie schon erwähnt, dies ist ohne die Kleinwaffen. Diese werden in einer späteren Publikation analysiert werden.

Wenn man waffentechnisch versiert ist, kann man oft Produktionsland und -Jahr schätzen (oder manchmal ist diese Information sogar erhältlich). Dies ist im Fall von Libyen spezielle interessant, denn zwischen 1992 und 2003 hätten internationale Sanktionen gegen Gaddafi den Import verhindern sollen. Selbst nach der Aufhebung der Sanktionen wurden innerhalb des Landes kaum Waffen gehandelt. Dinge änderten sich nach dem Umsturz von 2011.

In der Mehrheit der Fälle konnte das Ursprungsland identifiziert werden. 73% kamen aus der ehemaligen Sowjetunion oder der Russischen Föderation. An zweiter Stelle finden wir Belgien (8%) und an dritter China (6%). Die meisten der nicht-identifizierten leichten Waffen wurden vermutlich in Warschauer Pakt Ländern produziert.

Die Autoren vermuten, dass ein grosser Teil des Handels von Leuten vollzogen wird, die Verbindungen zu den diversen Milizen haben zwecks Anschaffung von neuem Material oder um Überschüsse loszuwerden. Wegen der angewandten Methode, ist beim Preis nur der Angebots- aber nicht der Endpreis bekannt.

Für ein schweres Maschinengewehr wurde im Durchschnitt 8125 Libysche Dinar (LYD) verlangt (5’900 USD). Für ein Fliegerabwehr-Maschinengewehr wie zB eine ZPU-2 wurden 85’000 LYD (62’000 USD) verlangt. Das durchschnittliche rückstossfreie Geschütz war ein Schnäppchen für 5’417 LYD (4’000 USD) und ein Raketenwerfer war den Verkäufern 9’000 LYD (6’500 USD) wert.

Die meisten der Waffen stammten aus von vor 1992 (dem Beginn des Embargos). Aber es tauchen auch einige neuere und technologischer fortgeschrittenere Waffen auf. Panzerabwehrlenkwaffen (9M111M oder MILAN F3) aber auch MANPADS (Boden-Luft Raketen) wurden gefunden.

Die technischen Details hier sind vermutlich zweitrangig (es ist auch ganz klar nicht mein Kerngeschäft) aber die einfache Erhältlichkeit dieser Waffen auf online Platformen gibt zu denken. Einige dieser geplünderten Waffen liegen unter Betten, in Küchenschränken und in Kellern. Der Zugang scheint einfach zu sein. Alleine das Potential für Unfälle ist enorm. Von den Risiken für den Konflikt oder den Zugang durch terroristische Organisationen gar nicht erst zu reden.

Kommentare (16)

  1. #1 rolak
    April 20, 2016

    Erst vor ca zwei Wochen kam bei der ARD eine Sendung, die zumindest für einen Teilbereich der Thematik einen Überblick zu erstellen suchte.

    werden gemerkt haben, dass .. gleichzeitig

    Hier nicht – obwohl das neue P-Wort mal nachgeschlagen wurde.

  2. #2 Alisier
    April 20, 2016

    Danke erstmal für die Informationen. Ich denke da kommt noch mehr von dir dazu oder?
    Wichtiges Thema auf jeden Fall.

  3. #3 Manfredo Piuttosto
    Bochum
    April 20, 2016

    Möchte uns/mir der Herr Arbia evtl. erklären warum er die Preise in dieser doch recht merkwürdigen Schreibweise presentiert?
    xx`xxx ist ja nun nicht grade ein Standart mit dem Zahlen/Preise/Summen geschrieben bzw. presentiert werden.
    Hier in Deutschland wird eine Zahl die einen höheren Wert als tausend hat entwerder mit einem Punkt (55.000) oder ohne (55000) evtl. noch (55 000) geschrieben aber doch sicherlich nicht mit einem Komma und das noch oben.

    Mit freundlichem Gruß

    Manfredo Piuttosto

  4. #4 roel
    ******
    April 20, 2016

    @Manfredo Piuttosto “Möchte uns/mir der Herr Arbia evtl. erklären warum er die Preise in dieser doch recht merkwürdigen Schreibweise presentiert?”

    Weiß ich nicht, vielleicht – aber ich möchte, mit Hilfe von wikipedia.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Zifferngruppierung

    “Traditionell wurde in Deutschland, Österreich und Frankreich der Punkt als Tausendertrennzeichen und das Komma als Dezimaltrennzeichen verwendet.”

    “Dagegen werden etwa in England die beiden Zeichen genau umgekehrt eingesetzt:”

    “Manchmal (z. B. in der Schweiz) werden die Ziffern auch mit einem Hochstrich voneinander getrennt, um die genannten Probleme mit Komma und Punkt auszuschließen”

  5. #5 rolak
    April 20, 2016

    Möchte uns/mir der Herr Arbia evtl. erklären warum er die Preise in dieser doch recht merkwürdigen Schreibweise presentiert?

    Möchte uns der Manfredo erklären, warum er seinen Text in dieser doch recht merkwürdigen Schreibweise präsentiert?

    Hier in Deutschland

    Falls es zumindest beim Lesen mit dem Deutschen funktioniert: lies wiki und Blogprofil!

  6. #6 roel
    ******
    April 20, 2016

    @Ali Ariba Danke für diesen informativen Beitrag.

  7. #7 Manfredo Piuttosto
    April 20, 2016

    “Manchmal (z. B. in der Schweiz) werden die Ziffern auch mit einem Hochstrich voneinander getrennt, um die genannten Probleme mit Komma und Punkt auszuschließen”

    (55000) evtl. noch (55 000), da gibt es keine Probleme.
    Bei obiger Schreibweise garantiert.

  8. #8 Manfredo Piuttosto
    April 20, 2016

    Möchte uns der Manfredo erklären, warum er seinen Text in dieser doch recht merkwürdigen Schreibweise präsentiert?

    Eigendlich nicht, da nicht wirklich von Nöten.

  9. #9 roel
    ******
    April 20, 2016

    @Manfredo Piuttosto
    “(55000) evtl. noch (55 000), da gibt es keine Probleme.
    Bei obiger Schreibweise garantiert.”

    Da freue ich mich, dass ich dir die Zifferngruppierung erklären konnte. Dann ist das mit dem Hochstrich doch gar kein Problem mehr für dich. Und wer trotzdem noch eins damit hat, weiß ab Kommentar #4 Bescheid.

  10. #10 Trottelreiner
    April 20, 2016

    Ähm, als was würde BTW das hier zählen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Davy_Crockett_%28Kernwaffe%29

    SCNR.

  11. #11 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/2016/04/21/die-macht-der-gewohnheit/
    April 21, 2016

    “Manchmal (z. B. in der Schweiz) werden die Ziffern auch mit einem Hochstrich voneinander getrennt, um die genannten Probleme mit Komma und Punkt auszuschließen”

    https://xkcd.com/927/

  12. #12 Siskin
    April 21, 2016

    offensichtlich ist die Ungeheuerlichkeit des Inhaltes verstandesmäßig einfach nicht zu fassen, sodass man lieber mit Scheuklappen über Formalia diskutiert, als sich dem zuzuwenden, das mir persönlich zum Beispiel wirklich Angst macht. :(
    Aber vielleicht ist es genau die Angst, die uns verstummen lässt. :(

  13. #13 gedankenknick
    April 21, 2016

    @Trottelreiner
    Nach der Definition, die im Artikel benutzt wird, ist eine “Mini-Nuklearwaffe”, welche mit einer Art rückstoßfreiem Geschütz verschossen wird, tatsächlich eine “leichte Waffe”. Denn die Bedienung des Systems erfordert nur eine Person, aber es scheint mir nicht ohne Hilfsmittel transportabel. Dies unterscheidet sie von Haubitzenmunition mit atomarem Sprengkopf wie der W9 ( https://de.wikipedia.org/wiki/W9_%28Kernwaffe%29 ), W19 oder W23 – denn dafür erforderliche Haubitzen kann man nicht (sinnvoll) alleine bedienen.

    Unabhängig davon gelten meines Wissens nach alle atomaren Waffensysteme als “Massenvernichtungswaffen” ( https://de.wikipedia.org/wiki/Massenvernichtungswaffe ) und fallen damit in eine ganz andere Kategorie, unabhängig davon, wie viele Personen für den Einsatz erforderlich sind.

  14. #14 rolak
    April 21, 2016

    Eigendlich nicht, da nicht wirklich von Nöten.

    Offensichtlich ganz im Gegensatz zu einem Deutschkurs, Manfredo.

  15. #15 noch'n Flo
    Schoggiland
    April 22, 2016

    @ Manfredo Piuttosto:

    Hier in Deutschland wird eine Zahl die einen höheren Wert als tausend hat entwerder mit einem Punkt (55.000) oder ohne (55000) evtl. noch (55 000) geschrieben aber doch sicherlich nicht mit einem Komma und das noch oben.

    Warum nehmen immer alle Deutschen an, sie seien das Mass aller Dinge? Hier in der Schweiz ist das die gängige Schreibweise. In den USA wäre ein gewöhnliches Komma normal. Und da man das wieder mit dem Dezimaltrennzeichen in Deutschland leicht verwechseln kann, finde ich die eidgenössische Lösung sehr viel besser, weil eindeutiger.

    Und dass ali Schweizer ist, respektive in der Schweiz lebt, hätte man man dem kleinen Abschnitt “Über den Autor” in der rechten Spalte des Blogs problemlos entnehmen können.

  16. #16 Orci
    April 25, 2016

    Scheint eine Art Germanozentrismus zu sein – ähnlich richtig, wie British English als das richtige Englisch zu bezeichnen.