Die Überschrift ist natürlich geklaut. Von einem Sozialdemokraten, als es solche noch gab und als sie noch Vertrauen hatten, dass die Menschen in der Lage sind, ihre Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Dabei muss man sie allerdings unterstützen und diese Unterstützung kann sich nicht darin erschöpfen, sie permanent zu Vernunft zu ermahnen, als wären es unmündige Kinder. Nötig sind vielmehr gute Daten, gute wissenschaftliche Interpretationen dieser Daten, ein offener Umgang mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten und Diskussionsräume für den konstruktiven Streit um differenzierte Antworten auf die vielen Facetten der Frage „wie weiter“.

Wir können die Entscheidungen über die Zukunft nicht an einzelne Personen delegieren, nicht an Virologen und auch nicht an noch so wohlmeinende Politiker. Schon gar nicht an Platzhirsche auf der Wiese der Kanzlerkandidatur. Wir brauchen keine Volkserzieher, die uns ständig ermahnen und belehren, wie es z.B. Karl Lauterbach so liebt. Was wurde in den letzten Jahren nicht für ein Tamtam um „Health Literacy“ und „Gesundheitskompetenz“ gemacht. Alles nur Show, weil man den Menschen in Wirklichkeit gar nicht zutraut, vernünftig mit ihrer Gesundheit und der der anderen umzugehen? Klar, da kann man immer wieder Zweifel haben, egal ob es ums Rauchen geht oder jetzt um die Hygieneregeln. Aber man darf den Menschen nicht grundsätzlich das Misstrauen aussprechen. Fast möchte man mit Bert Brecht fragen: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Wir brauchen außerdem die Wiederauferstehung des Parlaments, damit die Exekutive auch auf der staatlich-institutionellen Ebene ein deliberatives Gegengewicht hat und nicht nur eine Kontrolle durch die Gerichte. Es ist gut, wenn die Gerichte unverhältnismäßige Einschränkungen der Freiheit, die die Politik für unvermeidbar zum Schutz vor Ansteckung hielt, wieder aufheben. Freiheit und Sicherheit, Lebensqualität und Überleben, wollen gut gegeneinander abgewogen sein. Aber Gerichtssäle sind keine Bürgerforen und auch keine Parlamente. Heute hat Franz Knieps, Chef des BKK-Dachverbands, in der Frankfurter Rundschau einmal mehr für eine Rückkehr zu demokratisch und rechtsstaatlich abgesicherten Wegen aus der Krise geworben. Kurz, aber prägnant. Wir könnten wieder mehr Demokratie wagen.

———————–
Zum Weiterlesen:

1. Eine kleine Serie zur Notwendigkeit demokratischer Diskurse, beginnend im April.

2. Aus dieser Serie: Masken tragen: aus Pflicht oder Überzeugung?

3. Kann der Staat alles steuern?

4. Vertrauen als gesellschaftliches Kapital.

Kommentare (26)

  1. #1 Alisier
    31. Juli 2020

    @ Joseph Kuhn
    Ich möchte Dir hier widersprechen, auch weil der Widerspruch schon im Titel des Posts angelegt ist.
    Willy Brandt hat nicht nur den Kniefall gegen die Mehrheit gewagt, sondern auch sonst den Volkswillen ignoriert, wenn er der Meinung war, dass diesem gesunden Volkswillen nicht zu trauen war. Er hat sich immer wieder schmerzhaft daran erinnert, welche Zustimmung Hitler zeitweise erfuhr.
    Die Mehrheit kann irren, und Demokratie ist ein merkwürdiges Konstrukt und auch ein Wagnis, das ich zwar unterstütze, aber nicht bedingungslos.
    Menschen, die Trump wählen, tun dies teilweise weil sie kaum in der Lage sind Informationen einzuschätzen, und die Folgen für sich und andere zu begreifen.
    Auch die Demokratie kann reformbedürftig sein und zu glauben, dass mehr Demokratie selbst bei unterirdischer Bildung der Wählenden irgendwas Positives bewirken könnte ist fast schon zynisch.
    Deppen sind Deppen, und wenn Menschen nicht denken können oder wollen, dann sind sie auch nicht in der Lage vernünftige Entscheidungen zu treffen.
    Elitäre Ausschlussphantasien?
    Würdest Du Homöopathiefreaks, Impfgegnern und Elektrosmogpanikfuzzis in Allianz Entscheidungsgewalt zugestehen wollen, nur weil es viele sind?
    Ich sehe vor allem Diskussionsbedarf und keine voreiligen Zugeständnisse an Ahnungslose auf Teufel komm raus.
    Demokratie muss auch wehrhaft sein und bleiben, besonders gegenüber ihren echten und dezidierten Feinden. Nur nett sein und übers Köpfchen streicheln sowie Verständnis haben reicht nicht.
    Wie gesagt, es ist viel Diskussionsbedarf da.
    Auch Demokratie muss reformiert werden können. Sonst riskiert sie, sich den lautesten Schreihälsen zu ergeben, die ihre inhärenten Schwächen auszunutzen wissen.

    • #2 Joseph Kuhn
      31. Juli 2020

      @ Alisier:

      1. Habe ich irgendwo geschrieben, man solle lauten Schreihälsen mehr Raum bieten?

      2. Habe ich irgendwo geschrieben, dass der gegenwärtige Politikstil keine Mehrheit hätte?

      3. Habe ich irgendwo geschrieben, dass Viele automatisch Recht haben?

      4. Habe ich irgendwo geschrieben, dass von der Sache her alles falsch war, was bisher so schnell und direktiv über die Exekutive veranlasst wurde?

      Wenn ich all das gar nicht geschrieben habe, wo genau widersprichst du mir und gegen welche demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren genau bist du?

      Dein Kommentar liest sich wie die Rechtfertigung autoritärer Politik im Bewusstsein, diese wäre gegen das dumme Volk nötig und die Politk wisse schon, was sie tue. Feuchte* Wunsch-Träume eines grünen Volksbeglückers, wie der Veggie-Day doch noch kommen könnte?

      Vielleicht hilft der Beitrag zur Maskenpflicht beim Verständnis der nötigen Differenzierung zwischen Verfahren und Inhalt?

      ———
      * Edit: Sorry, das war nicht nötig. JK

  2. #3 Gerald Fix
    31. Juli 2020

    Als ich die Überschrift gelesen habe, dachte ich, es ginge um Gabriel, der gerade Herrn Heisterhagen als Demokratiewagner fördern möchte.

    Was ist eigentlich aus den Plänen geworden (2014, 2015 waren die en vogue), Wahllokale in Einkaufszentren einzurichten statt in Kindergärten, um die Wahlbeteiligung zu erhöhen? Alles daran zerschellt, dass die erhöhte Wahlbeteiligung zuletzt der AFD zugute kam?

  3. #4 Alisier
    31. Juli 2020

    @ Joseph Kuhn
    Nein, das schreibst Du natürlich nirgendwo explizit, und das meinst auch ganz bestimmt nicht.
    Dennoch könnte es so verstanden werden, so wie Du aus meinem Beitrag sofort eine Rechtfertigung autoritärer Politik herausliest.
    Und genau das passiert sehr oft, wenn man streitet, und Unterstellungen einfach schon deswegen mitschwingen, weil es ohne Emotionen nicht geht.
    Ich habe keine Lösung für die offensichtlichen Schwächen, die sich z.B. gerade in einer (oder eher in zweien) der ältesten Demokratien dieses Planeten zeigen, aber mit “Mehr Demokratie wagen” ist es angesichts Johnsons und Trumps Gebaren nicht getan.
    Und wer streitet sich wieder, und wirft sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf? Die Linke, oder vielmehr das, was man heute darunter versteht.
    Die Anhänger der beiden Genannten stehen hingegen wie eine eins hinter ihren Führern.
    Und ich gelobe spät abends keine längeren Kommentare mehr zu verfassen, die persönlich genommen werden könnten. Letztendlich verstehe ich dich gut, bin aber unter anderem deswegen anders drauf, weil es selbst in kleinen Gruppen meiner Erfahrung nach nicht möglich ist hehre demokratische Prinzipien hochzuhalten ohne das Zerreißen der Gruppe immer wieder zu riskieren.
    Und wenn ich dann gerade von einer Zusammenkunft komme, in der ein zäher Kompromiss in sehr langen Verhandlungen mühsam erreicht werden konnte, und ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue (obwohl ich es genau weiß), wird der Frust zwischen den Zeilen von #1 vielleicht verständlicher.

  4. #5 Wetterwachs
    31. Juli 2020

    @Alesier

    “…weil es ohne Emotionen nicht geht”

    Bei Dir dürften es meiner Meinung nach ein paar Emotionen weniger sein.
    Du kommst nachts von einer stressigen Versammlung, in der Du Deine eigene Position nicht ganz durchsetzen konntest. Das scheint Dich zu berechtigen, unter einem Beitrag ‘mehr Demokratie wagen’ einen Demokratie verächtlichen Kommentar abzulassen. Den Link auf Franz Knieps hast Du gar nicht erst gelesen, bevor Du losgetobt hast, stimmt’s?
    Unter dem Beitrag zur Maskenpflicht (von Joseph Kuhn in #2 noch mal verlinkt) randalierst Du in einem Rausch von Emotionen bis hin zur (selbstverständlichen satirischen) Drohung, Masken verbrennen zu gehen.
    Wenn jemand eine Erklärung anbietet, worin Unheil begründet sein könnte, ist ihm, Deinem Gefühl nach, seine letzte Gehirnzelle weggelaufen.
    Ich könnte viele weitere Beispiele finden.

    Manchmal ist Denken zielführender als unreflektierter Gefühlsmatsch. Das weiß ich von mir selber.

  5. #6 Alisier
    31. Juli 2020

    @ Wetterwachs
    Teilweise nehme ich Deine Kritik an, teilweise nicht, und teilweise liegst Du komplett falsch.
    Ich bin mit dem erreichten Kompromiss sehr zufrieden. Nur war es mal wieder sehr anstrengend und ermüdend bis zu meinem Limit…..und drüber.
    Und ich würde gerne, auch von Dir, Vorschläge hören, wie wir die demokratische Karre gemeinsam aus dem Dreck ziehen könnten.
    Und ohne Emotionen gehts nicht, aus meiner Sicht. Solange man danach einsieht, dass man das nächste Mal wartet, bis man wieder ausreichend abgekühlt ist, bevor man Unbeteiligte ungewollt anpflaumt.
    @ Joseph Kuhn
    Ich entschuldige mich nochmals ausdrücklich für mein Hochkochen.

  6. #7 DH
    31. Juli 2020

    Sehr guter Artikel, differenziert und keineswegs ohne ein vernünftiges Maß an Emotionen, insbesondere hier:
    “…Platzhirsche auf der Wiese der Kanzlerkandidatur. Wir brauchen keine Volkserzieher, die uns ständig ermahnen und belehren, wie es z.B. Karl Lauterbach so liebt.”

  7. #8 rolak
    1. August 2020

    z.B. Karl Lauterbach

    zB [¡mp3!] Sarah Bosettis Brief an ihn

  8. #9 Joseph Kuhn
    1. August 2020

    Peter Altmeier fordert härtere Strafen bei Vertößen gegen Hygieneregeln:

    https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/corona-altmaier-fordert-haertere-strafen-fuer-virus-suender-72168124.bild.html

    Weil’s so schön zum Thema Kontrolle und Vertrauen passt, nochmal Yuval Harari im Focus 17/2020:

    “Zentralisierte Überwachung und harte Bestrafung sind nämlich nicht die einzige Möglichkeit, die Bürger zur Einhaltung sinnvoller Regeln zu bewegen. Wenn die Bürger über wissenschaftliche Tatsachen aufgeklärt werden und sich darauf verlassen können, dass die Behörden ihnen die Wahrheit sagen, dann können sie sich richtig verhalten, ohne dass ihnen Big Brother über die Schulter blickt. (…)

    Heute waschen sich Milliarden Menschen täglich die Hände mit Seife – nicht weil sie von der Seifenpolizei dazu gezwungen werden, sondern weil sie die Zusammenhänge verstanden haben.”

    Das ist ein Beispiel dafür, wo eine Form der “freiwilligen Selbstverpflichtung” funktioniert. Vorschriften sind natürlich oft trotzdem nötig, auch wenn man in die Einsicht der Menschen vertraut. Manchmal will man jeden Einzelfall regeln. Mord steht zu Recht im Strafgesetzbuch, obwohl die meisten Leute auch ohne Strafandrohung niemanden umbringen: Die “meisten” ist hier zu wenig, es soll möglichst jeder Einzelfall geahndet werden. Seuchenkontrolle funktioniert dagegen auch, wenn nicht jeder einzelne Maskenverweigerer sanktioniert wird. Sie würde vielleicht sogar besser funktionieren, wenn man das Maskentragen so klug unterstützen würde, wie die Zigarettenindustrie das Rauchen, mit guter Werbung und Angeboten an jeder Ecke.

    Und ein drittes Schlaglicht zur Debatte: Gerichte heben Auflagen immer öfer auf:

    https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-auflagen-klage-gerichte-1.4985040

  9. #10 Alisier
    1. August 2020

    @ JK
    “Seuchenkontrolle funktioniert dagegen auch, wenn nicht jeder einzelne Maskenverweigerer sanktioniert wird. Sie würde vielleicht sogar besser funktionieren…….”
    Das “vielleicht” sollte man streichen können.
    Ich stimme dir hier in Gänze zu.
    Es gibt aber für mich einen ziemlich großen Unterschied zwischen Deinem grundsätzlichen Post, der meinen Widerstand anfeuerte und den unter #9 getätigten Aussagen.
    Vielleicht schaffen wirs ja noch darüber zu diskutieren.
    Jetzt ist aber erst mal Chill- und Ferienwochenende.

    • #11 Joseph Kuhn
      1. August 2020

      @ Alisier:

      “Es gibt aber für mich einen ziemlich großen Unterschied zwischen Deinem grundsätzlichen Post … und den unter #9 getätigten Aussagen.”

      Kannst du ja mal erläutern, würde mich interessieren.

      “Das “vielleicht” sollte man streichen können.”

      Eine empirische Frage. Das “vielleicht” sollte man daher nicht streichen 😉

  10. #12 DH
    1. August 2020

    “Freiheit ist die Regel, ihre Einschränkung ist die Ausnahme – und daher begründungsbedürftig.”
    (im verlinkten SZ-Artikel)
    Kann gar nicht oft genug betont werden, mancher Politiker sollte das hundertmal an die Tafel schreiben.

  11. #13 Stephan
    2. August 2020

    @DH
    “Freiheit ist die Regel, ihre Einschränkung ist die Ausnahme – und daher begründungsbedürftig.”
    Was haben die denn dort bei der Zeitung für eine infantile Vorstellung von Freiheit?
    Abgesehen davon: warum sollte gerade die Ausnahme (bzw. was die Zeitung darunter versteht) begründet werden? Warum betont man es, obwohl die Ausnahme ja doch begründet wurde? Wie sie im übrigen auch bei der Gurtpflicht im Auto begründet wurde? Oder bei der Pflicht, pünktlich auf Arbeit zu erscheinen? Oder, oder, oder…

    @Alisier:
    “Menschen, die Trump wählen, tun dies teilweise, weil sie kaum in der Lage sind, Informationen einzuschätzen, und die Folgen für sich und andere zu begreifen.
    Auch die Demokratie kann reformbedürftig sein und zu glauben, dass mehr Demokratie selbst bei unterirdischer Bildung der Wählenden irgendwas Positives bewirken könnte ist fast schon zynisch.
    Deppen sind Deppen, und wenn Menschen nicht denken können oder wollen, dann sind sie auch nicht in der Lage vernünftige Entscheidungen zu treffen.”
    “Würdest Du Homöopathiefreaks, Impfgegnern und Elektrosmogpanikfuzzis in Allianz Entscheidungsgewalt zugestehen wollen, nur weil es viele sind?”
    Also ich nicht.

    “Die Mehrheit kann irren, und Demokratie ist ein merkwürdiges Konstrukt und auch ein Wagnis, das ich zwar unterstütze, aber nicht bedingungslos.”

    Du hast mit alldem völlig recht: die Demokratie als Ergebnis der bürgerlichen Revolutionen des 19.Jh. ist längst eine verkommene Hure, mindestens seit 87 Jahren, wenn es auch nach 45 ein temporäres Wiedererwachen gab, das hielt so lange an, wie der Schrecken des Krieges anhielt. Den Schöpfern der Demokratie ging es damals um völlig andere Dinge, als es eine Wanderung durch Berlin gegen eingebildete Verringerung von vermeintlichen Freiheitsrechten sind. Sie würden sich im Grabe umdrehen, erlebten sie die Vernichtung der Demokratie mit.
    Bismarck bemerkte einst, das Volk sei ein großer Hund.
    Als die alten Griechen merkten, daß ihre Demokratie zur Ochlokratie verkommen war, kehrten sie schleunigst zu Diktatur zurück.

    • #14 Joseph Kuhn
      2. August 2020

      @ Stephan:

      Wir leben nicht in einer Ochlokratie, die USA auch nicht. Populismus ist nicht die Herrschaft des Pöbels. Die “Demokratie” im alten Griechenland war eine Elitendemokratie, also keine. Und dass die bürgerliche Demokratie ihre Macken hat, auch immer wieder neu belebt werden muss, ist keine gute Begründung für eine Diktatur, schon gar nicht für eine Diktatur des Proletariats, dessen real existierende Erscheinungsformen vor allem Rache des Kleinbürgertums am Marxismus waren. Honecker und seine Clique in Wandlitz mit ihren verschwitzten Pornosammlungen sollten allen ein Menetekel sein. Den pseudokommunistischen Feudalismus der Kims in Nordkorea mal ganz beiseite gelassen.

      Insofern fürchte ich, bleibt uns vorerst nichts anderes übrig, als das morsche Gehäuse der bürgerlichen Demokratie immer wieder aufs Neue so weit instand zu setzen, dass es für möglichst viele Leute nicht reinregnet und sie etwas zu essen (und zu lesen) auf dem Tisch haben, idealerweise weltweit. Wenn jemand gute Neubaupläne hat – immer her damit.

      Im konkreten Fall der Coronakrise geht es zudem etwas überschaubarer zu: Tiefgreifende Grundrechtseinschränkungen sollen nicht auf Allgemeinverfügungen (= Verwaltungsakte) gestützt werden, zwischen Sicherheit und Freiheit soll nicht nur in den Staatskanzleien abgewogen werden, sondern auch in den Parlamenten und in Bürgerforen, beim Umfang des Schutzes vor Ansteckung in den Heimen sollen die Betroffenen mitreden können usw.

  12. #15 Stephan
    2. August 2020

    @JK
    “Wir leben nicht in einer Ochlokratie, die USA auch nicht. Populismus ist nicht die Herrschaft des Pöbels.”
    Wessen denn?

    “Die“Demokratie” im alten Griechenland war eine Elitendemokratie, also keine.”
    Nein. In Bezug auf die zunächst bestehende Demokratie ist es zutreffend. Als man leichtsinnigerweise die plebs hinzuzog, weil man eine andere Vorstellung vom demos bekam, wurde es eine Demokratie, wie sie Ihnen vorschwebt und verkam.

    “Insofern fürchte ich, bleibt uns nichts anderes übrig, als das morsche Gehäuse der bürgerlichen Demokratie immer wieder aufs Neue soweit instand zu setzen, dass es für möglichst viele Leute nicht reinregnet und sie etwas zu essen (und zu lesen) auf dem Tisch haben, idealerweise weltweit.”
    Diese Brosamen (so sehr sie auch literarisch überhöht von Ihnen geschildert wurden) sind a priori viel zu wenig für die “möglichst viele Leute”, die dann wie selbstverständlich immer noch ihren Mehrwert ganz ganz wenigen anderen Leuten kostenlos überlassen müssen und von nahezu jeder Bildung ausgeschlossen bleiben.

    Wenn tiefgreifende Grundrechtseinschränkungen erlassen werden, müssen diese natürlich das Parlament passieren. Das trifft aber im Fall Corona nicht zu, hier nichts tiefgreifend eingeschränkt, und wenn, dann von vornherein lediglich temporär, und der (leider nur) Mini- lockdown war vom Gesetz gedeckt (oder Sie beweisen mir anderes). Mitreden können sollen bei alldem ausschließlich die entsprechenden Fachleute, also zum Beispiel eine Gruppe Drosten/Kuhn.
    Betroffene mitreden lassen? Ja natürlich, wenn sie eine Ausbildung in Epidemiologie und anderen relevanten Gesundheitsfächern haben.
    Nebenbei: Sie verwechseln fortwährend Freiheit mit Bewegungsfreiheit. Die Freiheit berührenden Fragen wurden in der bisherigen Zeit der Corona-Pandemie nur insofern berührt, als alle Maßnahmen gegen die Seuche Anwendung der Freiheit waren. Wie mir scheint, wurde das von der übergroßen Mehrheit auch so verstanden, wenn auch zum größten Teil unbewußt..
    https://civey.com/umfragen/10186/haben-sie-verstandnis-fur-die-aktuellen-demonstrationen-die-sich-gegen-die-staatlichen-auflagen-zur-eindammung-der-corona-pandemie-richten?utm_medium=email&utm_campaign=20200801-ii

    • #16 Joseph Kuhn
      2. August 2020

      @ Stephan:

      “Wessen denn?”

      Populismus ist die Herrschaft der Populisten.

      “Mitreden können sollen bei alldem ausschließlich die entsprechenden Fachleute, also zum Beispiel eine Gruppe Drosten/Kuhn.”

      Wie meinen? Der ganze Blogbeitrag geht doch in die entgegengesetzte Richtung. (Gewolltes?) Missverständnis?

      “Betroffene mitreden lassen? Ja natürlich, wenn sie eine Ausbildung in Epidemiologie und anderen relevanten Gesundheitsfächern haben.”

      Nein, alle mitreden lassen, wenn sie betroffen sind. Aber ihr Mitreden sollte so gut wie möglich qualifiziert werden, langfristig u.a. durch Bildungsteilhabe, kurzfristig durch den Zugang zu guten und gut aufbereiteten Informationen. Mitsprache ist ein Prozess, der organisiert werden muss und nicht einfach die populistische Provokation eines Aufschreiens der Unzufriedenen. Und auch nicht die gedankenlos basisdemokratische Einbeziehung in alle möglichen Entscheidungen. Eine Eisenbahnbrücke wird ja auch nicht so konstruiert, dass man die Anwohner fragt, wie sie die Belastbarkeit der Konstruktion gerne hätten.

      “Sie verwechseln fortwährend Freiheit mit Bewegungsfreiheit.”

      Ganz gewiss nicht. Sonst hätte ich im Blogbeitrag nebenan über Trumps Kommunikationsstil geschrieben, dass die Deaths of Despair auf Bewegungsmangel zurückgehen 😉

      —-
      Edit: Sorry, den Kommentar musste ich ein paar mal nachfeilen.

  13. #17 Uli Schoppe
    Mönchengladbach
    2. August 2020

    Hi @Joseph 🙂
    Mit Deinem letzten Beitrag sprochst Du mir aus der Seele. Und ich brauche erst mal keine Neubaupläne, mir würde es für den Anfang schon reichen wenn wir die Demokratie die wir haben erst mal so nutzen wie sie vorgesehen ist.
    Um das mal klar zu sagen: Ich würde auch demonstrieren gehen, aber nicht weil ich grundsätzlich gegen Maßnahmen bin sondern gegen die Art und Weise wie sie ergriffen wurden und was für Stilblüten die Durchsetzung treibt. An manchen Stellen sind wir sogar imho zu lasch, kommt weiter unten.
    So wie ich das sehe hat unsere Exekutive sehr wohl Grundrechte verletzt aber nicht so und da wo die Hygienedemonstranten denken:
    https://taz.de/Corona-und-Demonstrationsrecht/!5674623/

    https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-demo-in-berlin-ohne-maske-ohne-respekt-ohne-scham/26058144.html

    Dreimal dürfen alle raten bei welchem Link ich Grundrechte verletzt sehe. Vieleicht bei dem wo man Polizei die schlechter geschützt ist als die Demonstranten dazu benutzt hat Unliebsamen das Maul zu stopfen?

    Haben alle vergessen was mal erkämpft worden ist?

    https://www.servat.unibe.ch/dfr/bv069315.html

    Behördlicherseits wäre man eigentlich verpflichtet gewesen mit den Veranstaltern zusammen zu arbeiten und die Demonstration so zu gestalten das die Hyginevorgaben eingehalten werden. Hat man nicht gemacht.

    Und es wäre mal Zeit Evidenz für die Maßnahmen zu erarbeiten. Die haben wir nämlich nicht. Die Wahnwichtel der EBM sehen das auch so wenn ich mich nicht irre 😉 So ist das stochern im Nebel, wie will man das denn Menschen nahe bringen wenn man keine Daten und Fakten auf den Tisch legt sondern nur Vermutungen und “klingt logisch”? Da sind wir auf einen Status vor der EBM zurückgefallen und das geht gar nicht.
    Und die Tatsache das man erst mal nur empfohlen hat was es in der Apotheke zu kaufen gab gehört auch auf den Tisch. Masken bevorraten hat man verpfuscht. Warum ist man nicht hin gegangen und hat was da ist für die Pflege gesichert und das zugegeben? Das Hin und Her dazu kann man wirklich nur schwer jemandem erklären. Was soll das? Ich treffe als Mitglied der Betriebsleitung auch dauernd falsche Entscheidungen wegen falscher Einschätzungen. Muss ich mit leben. Und kann ich auch zugeben.

  14. #18 Uli Schoppe
    2. August 2020

    Wer ein o findet das ein i sein soll möge es behalten.

    Ich habe vergessen darauf einzugehen wo ich zu viel Laschheit sehe.

    Vernünftig wäre zB für mich: Kreuzfahrten. 5 Tage Quarantäne vorher und dann Test bevor man auf das Schiff darf. Muss dann auch von den Teilnehmern getragen werden. Die wollen ja eine Kreuzfahrt. Keiner zwingt sie dazu.
    Wer bewusst in ein Risikogebiet fährt: Auch hier die 5 Tage auf eigene Kosten und den Test auch. Die wollten das.
    “Masken runter” Junkies? Ab in Quarantäne.

  15. #19 uwe hauptschueler
    2. August 2020

    Wenn jemand gute Neubaupläne hat – immer her damit.

    Der alte Plan

    (2) [1] Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. [2] Sie wird vom Volke in … Abstimmungen und … ausgeübt.

    ist nicht schlecht. Er müsste nur umgesetzt werden. Wem das zuviel Demokratie ist, der sollte sich konsequenterweise für die Streichung dieses Passus einsetzen.

  16. #20 Wetterwachs
    2. August 2020

    “mit ihren verschwitzten…“

    Igitt verdammt! Das hat jetzt Potential, meinen Sonntag zu beschädigen.
    Beim nächsten Versuch einer Diktatur des Proletariats dürfen die Kleinbürger nur noch mitmachen, wenn sie eine Selbstverpflichtung zum ausschließlich trocken träumen abgeben.

  17. #21 Stephan
    2. August 2020

    #16 JK
    “Populismus ist die Herrschaft der Populisten.”
    Eben. Des Pöbels bzw. einer Teilmenge davon.

    “Eine Eisenbahnbrücke wird ja auch nicht so konstruiert, dass man die Anwohner fragt, wie sie die Belastbarkeit der Konstruktion gerne hätten.”
    Deshalb: “Mitreden können sollen bei alldem ausschließlich die entsprechenden Fachleute, also zum Beispiel eine Gruppe Drosten/Kuhn.”

    Über Freiheit hatten wir wohl früher bereits mal gesprochen. Sie ist nichts weniger als die Fähigkeit zur Einsicht in die Notwendigkeit.

  18. #22 Stephan
    2. August 2020

    Und hier noch ein Beispiel dafür, was geschieht, wenn man die Freiheit falsch versteht, sei es von den Demonstranten zur Kreierung der zweiten Welle, sei es von der Regierung, die erfolgreich versucht allen klarzumachen, daß Freiheit die Freiheit zur Ortsveränderung und die Freiheit zur Beliebigkeit bedeutet, sei es nun die Abhaltung kontraproduktiver Demonstrationen, wenn auch mit kindischen Auflagen oder das Antreten völlig unsinniger und ungezügelter Vergnügungsreisen. Der Beispiele gibt es viele. Und alle erinnern an den jahrhundetelangen Todeskampf des Römischen Reiches. Würde der Ruf nach tatsächlicher Freiheit aufkommen, wäre die Regierung schnell am Ende, denn sie müßte eine neue Gesellschaft mit völlig anderer Produktionsweise errichen, was würden da ohre Auftraggeber sagen. So läßt sie lieber eine sechsstellige Menge Halbverrückter ungestört durch Berlin juchteln, das ist weitaus weniger gefährlicher. Die Wirtschaft in Form von Steinmeier hat allerdings schon ihr Veto eingelegt, das wird noch interessant. Man stelle sich vor, eine ähnliche Demonstration hätte in der Rigaer Straße in Berlin stattgefunden.
    Es gab auch eine Demonstration irgendwo in Berlin, die verschwand so schnell aus den Meldungen, wie sie hineinkam, ich finde sie leider nicht mehr… Dort ging die Polizei mit brutaler Gewalt gegen Linke vor, echte Linke,keine Pseudo_Linken wie in der Hafenstraße, da versteht der Staat keinen Spaß, da gibt’s Freiheit in keiner Form.
    Also huier oben angekündigtes Beispiel, eine Kopie eines Beitrages aus facebook, Zitat:
    “Das Virus, der “Tag der Freiheit” und das Pack ⚓️♥️
    Mario aus Zwickau schreibt mir, ich sei eine “widerliche Systemhure”, die schon bald “zur Rechenschaft” gezogen wird, weil mir der Staat mit Beginn der „Neuen Weltordnung“ nicht helfen kann. Ein Fugenprofi aus Süddeutschland ruft zum „Totalboykott“ von Ankerherz auf. Während ein Teppich-Typ aus Mönchengladbach vom „Hausbesuch“ träumt.
    Was seit gestern auf unserer Seite passiert ist ein Spiegelbild dessen, was auf den Straßen von Berlin zu besichtigen war.
    Aggressives, gewalttätiges – und unsagbar dummes Pack. Sie nennen sich „Corona-Rebellen“, doch sie sind nichts anderes als minderbemitteltes Trump-Volk. Reichsbürger, durchgeknallte Heilpraktiker, Antisemiten und alle, die dieses Land von den beiden politischen Rändern sowieso ablehnen. Dazu jede Menge Mitläufer, die ihr Virologen-Diplom in der YouTube-Akademie abgelegt haben.
    Aus 17.000 Demonstranten, die zum “Tag der Freiheit” (gab es schon mal, 1935, Reichsparteitag) in die Hauptstadt gekarrt wurden, werden in der Erzählung 1.3 Millionen. Sie grölen was von „Diktatur“ und einem Mangel an Meinungsfreiheit. Sie vergleichen sich allen Ernstes mit den Demonstranten, die 1989 gegen das DDR-Regime aufgestanden sind.
    Was für eine bodenlose Frechheit.
    Was für ein Hohn auch für die Angehörigen der Opfer, die diese Krankheit gefordert hat. Welche Verachtung für Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten. Was für eine Affront gegenüber allen Bürgern, die mit ihrer Disziplin, ihrer Vernunft und den gelebten Einschränkungen dafür gesorgt haben, dass das Virus (bislang) unter Kontrolle ist.
    Mich beeindruckt nicht, was mir Mario, der Fugenprofi und der Teppichverleger schreiben. Ich vertraue auf die Mittel des Rechtsstaats (die sie spüren werden) und darauf, dass solche „Demonstrationen“ künftig verboten und polizeilich robuster begleitet werden.
    Was mir Sorge macht sind die Folgen, die dieses Verhalten für unsere Gesundheit und unsere wirtschaftliche Entwicklung bedeuten.”

  19. #23 Stephan
    2. August 2020

    Soviel noch zum Thema Freiheit und Demokratie. Darauf kann jeder dankend verzichten.
    https://www.tagesschau.de/faktenfinder/corona-demo-berlin-109.html

    Sogar ich bin den Lügnern aufgesessen und dachte, es seien 100.000 Teilnehmer, Schande über mich. Jeder Zahl über 100.000 würde gar nicht hierzu passen:

    https://civey.com/umfragen/10186/haben-sie-verstandnis-fur-die-aktuellen-demonstrationen-die-sich-gegen-die-staatlichen-auflagen-zur-eindammung-der-corona-pandemie-richten?utm_medium=email&utm_campaign=20200801-ii

    (gestern mittag waren es noch 85%)

  20. #24 DH
    2. August 2020

    @Stephan
    Der Freiheitsbegriff, der in der SZ genannt wird, ist in keinster Weise infantil, und ob es jetzt wirklich so “reif” ist, das einfach so hinzurotzen, ohne eine halbwegs verständliche Begründung dafür zu liefern, lassen wir mal dahingestellt.
    Daß zur Freiheit auch mal die (begründete) Einschränkung derselben gehört, geschenkt, das betrachte ich jetzt mal als vorausgesetzt, und ich würde vermuten, daß Gleiches auch für den Artikel der SZ gilt.

  21. #25 Wetterwachs
    2. August 2020

    @Stephan
    Du hast nicht nur ein Problem mit der Definition von Populismus , sondern Du könntest fast selber ein Law and Order Populist sein.

    Ich vertraue auf die Mittel des Rechtsstaats (die sie* spüren werden) und darauf, dass solche „Demonstrationen“ künftig verboten und polizeilich robuster begleitet werden.

    “Robust” ist der neueste Euphemismus für das alte “ordentliche Tracht Prügel und dann ab in den Knast”. Und mit der Behauptung dass “sie” alle dumm sind und nur Pöbel, rechtfertigt man jede Gewaltanwendung. Dann braucht man nicht mit ihnen sprechen und man braucht sie nicht fragen, welche Sorgen “sie” denn haben, dass sie der AfD, der NPD, einem krähenden Avocadolf und solchen Demokratie-Bedrohern hinterherrennen.

    sie*
    “eine sechsstellige Menge Halbverrückter“
    „Aggressives, gewalttätiges – und unsagbar dummes Pack“
    „minderbemitteltes Trump-Volk“

  22. #26 rolak
    9. August 2020

    z.B. Karl Lauterbach

    Jetzt beliebt auch der Postillon zu stänkern.