Der Disclaimer vorneweg: Impfungen wirken nicht zu 100 % und sind nicht zu 100 % sicher. Das gilt auch für die Corona-Impfungen. Nutzen und Risiken sind somit abzuwägen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das besonders wichtig, weil sie meist nicht ernst erkranken und nur sehr selten an der Infektion sterben. Die in großen Teilen noch ungeklärte Long Covid-Problematik einmal beiseite gelassen, haben Kinder und Jugendliche somit deutlich weniger Vorteile von der Impfung zu erwarten als alte Menschen, eventuelle Nebenwirkungen wiegen umso schwerer. Über die Idee, Kinder und Jugendliche zu impfen, um der Herdenimmunität näher zu kommen, sollte man also sehr gründlich nachdenken. Man kann nicht ohne Weiteres „Impfsolidarität“ von Gruppen einfordern, die selbst wenig von der Impfung profitieren, zumal, wenn sie wie Kinder nicht einmal selbst darüber entscheiden können. Ethisch eine heikle Sache.

Harald Walach, dessen Beiträge hier schon mehrfach Anlass für Diskussionen waren, stellt gerade die Corona-Impfungen ganz grundsätzlich infrage. Ich will aus seinem Zahlenwerk nur eine Grafik herausgreifen, weil es dabei auch um Impfungen bei Kindern geht. Die Grafik habe er, so Walach, von Wouter Aukema übernommen, einem derzeit in querdenkenden Kreisen gerne zitierten Holländer, nach eigenen Angaben seit Jahren weltweit in der Beratung von Regierungen tätig (wobei er aber wenig Spuren hinterlassen zu haben scheint), und die Originaldaten seien von einer „Eudract-Nebenwirkungsdatenbank“. EudraCT ist eigentlich ein europäisches Studienregister der EMA. Auf die Schnelle habe ich die von Walach/Aukema präsentierten Daten dort nicht gefunden, aber ich kenne mich mit EudraCT nicht aus, das muss also nichts heißen.

Was mich an der Grafik irritiert, sind die ersten drei gestapelten Balken. Da werden Nebenwirkungen von Corona-Impfungen für die Altersgruppen 0-1 Month, 2 Months–2 Years und 3-11 Years dargestellt. Für diese Altersgruppen gibt es bisher keine zugelassenen Impfstoffe und aus den laufenden Studien mit Kindern liegen Medienberichten zufolge noch keine Daten vor. Harald Walach fordert am Ende seines Beitrags dazu auf, sich mit den Daten zu beschäftigten: „Schauen wir uns alle, ich betone alle (!!), Daten sehr genau an“. Das sollte man in der Tat tun. Allerdings muss ich die Aufforderung, was die Daten in Walachs Grafik angeht, an Leser/innen mit mehr Hintergrundwissen oder mehr Ausdauer bei der Quellensuche weitergeben.

Kommentare (13)

  1. #1 RPGNo1
    7. April 2021

    Ich habe den Namen Wouter Aukema in Google eingegeben und nichts Relevantes gefunden, was für einen angeblich so renommierten Berater schon sehr seltsam ist. Dann ploppte doch etwas auf.

    https://zenodo.org/record/4459271#.YAwjxhYxk2w

    Die Autoren verlinkten Artikels sind “Aukema, Wouter; Kämmerer, Ulrike; Borger, Pieter; Goddek, Simon; Malhotra, Bobby Rajesh; McKernan, Kevin; Klement, Rainer Johannes”.

    Fällt da etwas auf? Richtig, Kämmerer, Borger, Malhotra, McKernan und Klement sind auch Mitverfasser des unsäglichen Corman-Drosten Review Reports.

    Nachtigall, ick hör dir trapsen!

  2. #2 Staphylococcus rex
    7. April 2021

    Erst einmal eine kleine Quelle: Lt. Ärzteblatt haben AZ und Moderna mit derartigen Studien begonnen, Pfizer/Biontech haben bereits in der Altersgruppe 12-15 Jahre Studien begonnen und wollen jetzt in der Gruppe 6 Monate bis 11 Jahre testen:
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/122449/Biontech-Pfizer-testet-Coronaimpfstoff-nun-auch-an-juengeren-Kindern

    Die Grafik bei Herrn Walach ohne Kenntnis der Methodik zu bewerten, fällt natürlich schwer. Wenn man aus seiner Seite direkt in die Grafik hinein zoomt, sieht man, es handelt sich wahrscheinlich um UAW-Rohdaten ohne klinische Plausibilitätsprüfung. Außerdem vermisse ich die absoluten Zahlen in den einzelnen Altersgruppen, sowohl der Impflinge als auch der UAW. Es werden lediglich prozentual UAW nach Outcome gezeigt.

    Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang zu Impfung treten auf in der Altergruppe 65-85 sowie >85 Jahre. Das Verhältnis der Todesfälle in beiden Gruppen sieht sehr danach aus, dass auch natürliche Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Impfung mitgezählt wurden. Der schmale Balken an Todesfällen in der Gruppe 2 Monate bis 2 Jahre könnte auch durch Einzelfälle an plötzlichem Kindstod bedingt sein.

    Außerdem frage ich mich woher in der o.g. Grafik die Daten in der Altersgruppe 0-1 Monat kommen. Im Impfkalender der STIKO gibt es in dieser Altersgruppe sonst nur die Rota-Impfung, im Alter von 2, 4 und 11 Monaten gibt es die G1-G3 gegen Tetanus (und einige andere Erreger), der früheste Lebendimpfstoff ist der MMR-Impfstoff mit 11 Monaten.
    https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Empfehlungen/Aktuelles/Impfkalender.pdf?__blob=publicationFile

    Mir persönlich erschließt sich nicht der Sinn einer Corona-Impfung in der Altersgruppe unter 11 Monaten. Auch würde ich mich wohler fühlen, wenn bei Impfstudien an Kindern schrittweise vorgegangen würde. Wenn z.B. in der Altersgruppe 12-15 Jahre die Subgruppe 12-12,5 bei den UAW keine Unterschiede zur Subgruppe 14,5-15 aufweist, dann kann man den Schritt in die nächste Altersgruppe wagen. Wenn dort in den Subgruppen alles sauber ist, dann käme die nächstjüngere Altersgruppe.

    • #3 Joseph Kuhn
      7. April 2021

      @ Staphylococcus rex:

      “Lt. Ärzteblatt haben AZ und Moderna mit derartigen Studien begonnen …”

      Ja, es gibt eine ganze Reihe von Studien zu Coronaimpfungen bei Kindern und Jugendlichen, auch aus China, siehe z.B. das Suchergebnis in der Datenbank clinicaltrails.gov, falls der Link erhalten bleibt. Aber Daten scheinen noch nicht vorzuliegen. Bei EudraCT habe ich zwei Studien gefunden, 2020-002641-42 – BioNTech SE, und 2020-002584-63 – Janssen, ebenfalls keine Daten.

      “Im Impfkalender der STIKO …”

      Es geht bei Walachs Grafik erklärterweise um Corona-Impfungen, nicht um Impfungen aus dem STIKO-Kalender.

      “Todesfälle”

      Man könnte sich z.B. fragen, wo sind die Todesfälle, über die derzeit im Zusammenhang mit AstraZeneca diskutiert wird, also die der Frauen unter 60? Und woher sollen Todesfälle bei Kleinkindern kommen – es werden derzeit keine Kleinkinder gegen Corona geimpft.

      “wenn bei Impfstudien an Kindern schrittweise vorgegangen würde”

      Das ist der Fall, man nähert sich über die Jugendlichen an die kleineren Kinder an.

      Aber das sind alles andere Bauststellen. Meine Frage ist erst einmal ganz einfach: Woher genau sind die Daten in der Grafik?

  3. #4 Staphylococcus rex
    8. April 2021

    @JK: Auch wenn es hier nur ein Nebenthema ist, so spielt die Impfindikation für Impfungen im Kleinkindalter eine wichtige Rolle. AZ ist ein Lebendimpfstoff ähnlich wie MMR, und bei MMR wissen wir, dass eine Impfung vor dem 11. Monat möglich ist, dann aber ggf. eine dritte Impfung erforderlich ist. Bei mRNA-Impfstoffen wird dagegen das Antigen in den Muskelzellen produziert und dort präsentiert. Um Kollateralschäden zu vermeiden, muss das Immunsystem vorher gelernt haben, dass Muskelzellen für das Immunsystem tabu sind. Dieser Lernprozess findet sicher weitgehend intrauterin statt, aber wann ist dieser Lernprozess abgeschlossen? Bevor ich mir die Mühe mache, die Quelle der Zahlen zu suchen, muss ich erst einmal versuchen, die Grafik als solches zu verstehen. Und wenn dort ein Balken in der Altersgruppe 0-1 Monat ist, beschäftigt mich zuerst die Frage der Impfindikation in dieser Altersgruppe.

    Beim PEI bin ich auf der Suche nach UAW bei Corona-Impfstoffen auf die Schnelle nicht fündig geworden. Dagegen kann man bei der EU-Datenbank zu COVID-19 gehen und dann sich die Ergebnisse der einzelnen Impfstoffe anzeigen lassen:
    http://www.adrreports.eu/de/search_subst.html#

    Dort wird man zur EMA weitergeleitet und bekommt Grafiken präsentiert, die ungefähr passen könnten.
    https://dap.ema.europa.eu/analytics/saw.dll?PortalPages&PortalPath=%2Fshared%2FPHV%20DAP%2F_portal%2FDAP&Action=Navigate&P0=1&P1=eq&P2=%22Line%20Listing%20Objects%22.%22Substance%20High%20Level%20Code%22&P3=1+40995439
    Falls der Link nicht funktioniert, muss ggf. die Recherche schrittweise wiederholt werden. Ob dies wirklich die Zahlen sind, die Herr Walach verwendet, erfordert eine gründlichere Überprüfung, die ggf. bis morgen warten muss.

  4. #6 BPR
    8. April 2021

    Die Fachinformation der englischen Regulierungsbehörde MHRA mit Stand vom 7. April 2021 sagt zu Kindern: “The safety and efficacy of COVID-19 Vaccine AstraZeneca in children and adolescents (aged <18 years old) have not yet been established. No data are available."
    https://www.gov.uk/government/publications/regulatory-approval-of-covid-19-vaccine-astrazeneca

    Das Deutsche Ärzteblatt berichtet mit gleichem Datum: "Eine britische Studie an Kindern mit dem Coronaimpfstoff von Astrazeneca wird pausiert, während die Aufsichtsbehörden das Gefahrenpotenzial des Vakzins bewerten." Die Uni Oxford warte auf zusätzliche Informationen der MHRA über ihre Überprüfung der seltenen Fälle von
    Thrombosen bei Erwachsenen.
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/122716/Universitaet-Oxford-pausiert-Studie-zu-Astrazeneca-Impfung-bei-Kindern

  5. #7 Phil Igel
    8. April 2021

    Irgendwie komisch. Wenn man sich die Einzelberichte betrachtet, dann sind da auch “Parent Child Reports” dabei mit dem Datenfeld “Exposure via breast milk”. D.h. diese Kinder wurden gar nicht selbst geimpft, sondern von geimpften Müttern gestillt (oder auch nicht, bei manchen ist das “gestillt”-Feld leer)?
    Und dann sind so komische Fälle wie bspw. EU-EC-10008130437, gemeldet aus Italien, wo ein Neugeborenes (Age: 0, Age group: leer) folgende Nebenwirkungen gehabt haben soll: Arthralgia (n/a – Recovering/Resolving – ), Feeling cold (n/a – Recovering/Resolving – ), Headache (n/a – Recovering/Resolving – ), Injection site pain (n/a – Recovering/Resolving – ), Myalgia (n/a – Recovering/Resolving – ), Pain in extremity (n/a – Recovering/Resolving – ), Paraesthesia oral (n/a – Recovering/Resolving – ), Pyrexia (n/a – Recovering/Resolving – )

    Fieber und allgemeines Unwohlsein kann ich da noch nachvollziehen, aber wie äußert ein Neugeborenes orale Parästhesien (“Tingling lips”)?

    Wenn also ein Einsender das Formular nicht vollständig oder teilweise fehlerhaft ausfüllt, landen möglicherweise Erwachsenen-Daten in der Neugeborenengruppe.

  6. #8 Pollo
    8. April 2021

    @Herrscher der Staphylococcen
    Bei beiden Links laufe ich auf einen Oracle-Datenbank(Berechtigungs)-Fehler. Muss man sich vor Aufruf der Links irgendwo vorher anmelden? Dasselbe Problem hatte ich gestern Abend schon bei eigenen Recherchen.

  7. #9 Joseph Kuhn
    10. April 2021

    Update und Auflösung des Rätsels:

    “Staphylococcus rex” hatte in seinem Kommentar ja schon die richtige Spur gelegt. Ein Kollege, der wissenschaftlich zu solchen Dingen arbeitet, hat jetzt auch noch einmal nachrecherchiert und was er herausgefunden hat, will ich hier kurz berichten:

    • Der Name der Nebenwirkungsdatenbank der EMA ist falsch, es ist die EudraVigilance Datenbank (und nicht Eudract). Die Daten von Walach/Aukema sind dort nachvollziehbar.
    • EudraVigilance enthält sog. Spontanberichte, also Verdachtsfälle von UAW außerhalb von formalen Studien.
    • Berichte stammen von Healthcare professionals, aber seit etwa 10 Jahren mehr und mehr auch von consumers/Patienten direkt. Die Graphiken/Zahlen bei der EMA zeigen, dass ein substantieller Teil der Fallberichte von consumers kommt.
    • Die gemeldeten Zahlen könnten auf die besondere Pandemie-Situation zurückzuführen sein, z.B. die hohe Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, die neuartigen Produkte, eine gewisse Stimulierung des Berichtens durch Hinweise auf vielen Webseites.
    • Es ist keine Beurteilung der Kausalität möglich, ohne Einsicht in den tatsächlichen UAW-Bericht.
    • Es sind keine Häufigkeitsaussagen zulässig, eventuell etwas zur reporting frequency.
    • Es sind auch tatsächlich absolute Zahlen und Prozentangaben zu UAW bei Kindern (0 bis 2 Monate, 2 Monate bis 2 Jahre) für alle drei Impfstoffe getrennt aufgeführt. Der Hintergrund für diese UAW-Berichte ist jedoch unklar. Absolut sind es sehr niedrige Fallzahlen und Aukema.
    • Es ist nicht anzunehmen, dass so kleine Kinder mit SARS-CoV-2-Impfstoff geimpft werden. Es könnten Verdachtsfälle, gemeldet z.B. von Eltern, oder Fehler in den Berichten sein (das passt auch zum Kommentar von Phil Igel).
    • Für alle Impfstoffe sind aber Pediatric Investigation Programms (PIP) des PDCO (Pediatic Committee der EMA) angeordnet worden (z.B. Dosisfindungsstudien bei Kindern bis etwa 14 Jahre). Das ist übliche Praxis bei neuen Arzneimitteln, wenn theoretisch auch Kinder damit behandelt werden können, aber in klinischen Studien nicht eingeschlossen waren. Diese Studien sind aber noch nicht abgeschlossen und die Ergebnisse nicht einsehbar.

    Damit wissen wir jetzt alle etwas mehr zu diesen ominösen Daten, nicht zuletzt Harald Walach selbst, dem vermutlich nicht klar war, was er da abgeschrieben hatte. Falls doch, sollte er sich erst recht schämen.

  8. #10 Johannes
    11. April 2021

    Ich würde die Long Covid Problematik auch bei Kindern als mehr als gefährlich genug für Kinder einschätzen (neben der Gefahr das ja auch eine geringer Teil der Kinder im Krankenhaus landet) um eine Impfung mit den mRNA Impfstoffen die je sehr wenig Nebenwirkungen haben mehr als zu rechtfertigen. Werde meinen Kleinen jedenfalls sofort impfen lassen wenn es zugelassen wird.

  9. […] Gibt es belastbare Daten zu Impfnebenwirkungen bei Kindern? Gesundheits-Check am 7. April […]

  10. #12 Pollo
    13. April 2021

    Danke, @Joseph Kuhn.
    Mittlerweile habe ich auch Zugang zu den Daten gehabt und mich sehr über die Falldaten zu Neugeborenen und Kindern gewundert. Mir war nicht ersichtlich, dass es sich um Meldedaten von Nicht-Professionals handelt (zum Teil). Damit ist allerdings auch der Aussagewert nahe null.
    Nicht als Tatsachenbehauptung, aber als Möglichkeit kann man auch bedenken, dass Interessierte solche UAW dort melden, um sie anschließend für ihre Agenda zu nutzen …

  11. #13 RPGNo1
    13. April 2021

    @Joseph Kuhn

    Damit wissen wir jetzt alle etwas mehr zu diesen ominösen Daten, nicht zuletzt Harald Walach selbst, dem vermutlich nicht klar war, was er da abgeschrieben hatte.

    Oh, ich bin mir inzwischen ziemlich sicher, dass Herr Walach weiß, was er abgeschrieben hat. Er hat es nur nach einer Logik interpretiert, die der der Querdenker sehr ähnlich ist.

    Falls doch, sollte er sich erst recht schämen.

    Kann Herr Walach das überhaupt, nachdem er sich schon nicht für seine schwache Quantentheorie, einer betreuten Masterarbeit zum Kozyrev-Spiegel oder Jens Behnkes Dissertation zur Homöopathieforschung schämt?