Quelle/Source: Wikimedia Commons

Im Jahr 1894 legten Anarchisten in Belgien mehrere Bomben. Ein Historiker hat in einem Archiv eine verschlüsselte Nachricht dieser Gruppe entdeckt. Sie konnte bisher nicht dechiffriert werden.

English version (translated with DeepL)

Verschlüsselte Postkarten sind ein beliebtes Thema auf Cipherbrain. Für verschlüsselte Botschaften, die mit einem Verbrechen in Zusammenhang stehen, gilt dies ebenfalls. Umso schöner ist es, dass ich heute beides auf einmal präsentieren kann: eine verschlüsselte Postkarte, die mit einem Kriminalfall in Verbindung steht.

 

Anarchisten in Lüttich

Die virtuelle Reise, die mit einer verschlüsselten Postkarte stets verbunden ist, führt uns dieses Mal nach Lüttich in Belgien. Per Google-Suche bin ich auf einen Artikel (inklusive einem Video) aus dem Jahr 2020 gestoßen, der von einer dortigen Anarchistengruppe berichtet, die 1894 mehrere Anschläge verübte.

Laut diesem Artikel war der Anführer dieser Terrorgruppe Russe, die anderen Mitglieder stammten aus Deutschland. Im April 1894 versuchten die Anarchisten, im Theater von Lüttich eine Bombe zu zünden. Ein ähnlicher Anschlag am gleichen Tag galt dem Haus von Bürgermeister Léo Gérard. Beide Terroaktionen schlugen fehl.

In den darauffolgenden Wochen verübten die Anarchisten zunächst einen Sprengstoffanschlag auf die Kirche St.-Jakob, das bedeutendste Gotteshaus in Lüttich. Diese Aktion verursachte nur einen geringen Schaden.

Quelle/Source: Wikimedia Commons

In der Nacht vom 3. auf den 4. Mai 1894 starteten die Anarchisten schließlich ihren vierten Versuch. Ein Sprengstoff-Anschlag auf das Haus eines Dr. Renson (vermutlich ein Arzt) verletzte drei Personen schwer. Es sollte der letzte Terrorakt der Gruppe bleiben.

Den Sprengstoff hatten die Anarchisten am 1. April 1894 in einem Bergwerk in den Ardennen gestohlen. Den Sprengladungen mischten sie Nägel bei, um deren Wirkung zu erhöhen.

Die Mitglieder der Anarchisten-Gruppe wurden nach dieser Anschlagsserie verhaftet. Sie wurden zu langjährigen Hafstrafen verurteilt.

Leider konnte ich außer dem Artikel keine weitere Quelle zu dieser terroristischen Gruppierung finden. Auch ihre Ziele sind mir nicht bekannt. Da es im ausgehenden 19. Jahrhundert unterschiedliche Strömungen des Anarchismus gab, sind verschiedene Motive denkbar. Vielleicht weiß ein Leser mehr über diese Geschichte.

 

Die verschlüsselte Nachricht

Der Historiker Bernard Wilkin, der im Artikel erwähnt wird, hat im Staatsarchiv in Lüttich eine verschlüsselte Nachricht gefunden, die sich den besagten Anarchisten zuordnen lässt. Hier ist sie:

Quelle/Source: Belgisches Staatsarchiv

Es folgt die Adress-Seite. Sie zeigt, dass die Karte am 16. Mai 1894 (also nach den Anschlägen) aus Brüssel nach Lüttich verschickt wurde:

Quelle/Source: Belgisches Staatsarchiv

Das Kryptogramm dürfte nicht einfach zu dechiffrieren sein. Einige Wörter sind im Klartext notiert (kann ein Leser sie lesen?), der Rest besteht aus Buchstaben, Symbolen und kleinen Zeichnungen. Vermutlich stehen letztere jeweils für ein Wort oder einen ganzen Satz. Eine Häufigkeitsanalyse bringt wenig, da sich nur wenige der Zeichen wiederholen.

Kann ein Leser trotzdem etwas aus dieser Botschaft herauslesen? Der besagte Historiker Bernard Wilkin würde sich sicherlich dafür interessieren.


Further reading: Interview with Lyn Ulbricht, mother of Silk Road founder Ross Ulbricht

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Kommentare (14)

  1. #1 Esme
    3. Mai 2021

    Das Wort oben drüber heißt Compagnons, also Genossen, Freunde. Weiter unten ist „pas“ zu lesen. Der unverschlüsselte Text dürfte also Französisch sein.

  2. #2 jan
    3. Mai 2021

    die Postkarte ging jedenfalls an einen
    Herrn J. Leblanc in der “Rue du pont” Nr. 4

    Taucht dieser Name irgendwo in den Unterlagen auf?

  3. #3 jan
    3. Mai 2021

    Habe es im Video gefunden.Leblanc war ein junger Lütticher der an der Uni Jura/Recht studiert hat.
    Als Anführer der Gruppe wurde ein wohlhabender Baron namens Cyprien Jagolkowsky ausgemacht, der in der Fremdenlegion gedient hat. 1894 ist er aus Belgien geflüchtet und nach St. Petersburg zurückgekehrt, wo er als Anarchist verhaftet wurde. 1895 ist dort zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

    Spannende Geschichte.

  4. #4 jan
    4. Mai 2021

    Noch ein paar Gedanken zur Rückseite xer Postkarte:

    War dem Schreiber langweilig oder haben die “Kritzeleien” einen tieferen Sinn? Im Boot steht z. B. Venitien (aus Venedig), ein X wird mit einem Totenkopf “geschmückt” (interessant wäre was in dem B geschrieben steht.. )

    Anscheinend war der Absender (Jagolkowsky?)
    das kyrillische Alphbet nicht mehr gewohnt. Die vier Zeichen am Schluß deute ich als (deutsch) p, i/j, l und g. Wobei das große P (russisch) das da zuerst stand im deutschen ein “r” wäre. Das kleine ‘n’ zu dem das ‘p” m. E. korrigiert wurde, entspricht dem deutschen p.

  5. #5 jan
    4. Mai 2021

    und noch ein kleiner Ausflug in die Geschichte..
    Im “Zweiter Nachtrag zum 2. Theil der
    Nachrichten über das Geschlecht Ungern-Sternberg” in der Fassung von 1o02 ist folgendes zu lesen:

    Baron Ernst Ungern wurde 1894 anläßlich eines
    Anarchisten-Prozesses in Lüttich vielfach genannt, sein Name lief damals durch alle europäischen Zeitungen. Er stellte die Sache durch folgende Zuschrift an die „Gazette de Liege” endgiltig zurecht: „Ich habe soeben gelesen, daß eine Persönlichkeit, die in anarchistischen Machenschaften ver-
    wickelt ist, sich meines Namens bedient. Ich beeile mich Ihnen mitzutheilen, daß ich in Algier
    im Jahre 1893 die Bekanntschaft eines Mannes
    Jahotkowsky gemacht habe, der ungefähr 30 Jahre alt war, einen blonden Bart trug, sehr gut russisch und deutsch und leidlich französisch sprach; derselbe gab sich als Dolmetscher einer russ. Gesandtschaft oder Consulats aus, und ich glaube, daß er auch einen richtigen Paß auf seinen Namen hatte. Unmittelbar nach der Abreise dieser Persönlichkeit bemerkte ich den Verlust meines Passes, der vom Livländ. Gouverneuren im März 1890 ausgefertigt war. Der Paß trug die Visa des Russ. Gen.-Consulats in Buenos-Ayres vom Jahre1890 und von Rio de Janeiro von 1891. Auch war er in Riga und in Lübeck visirt worden.
    E. B. Ungern-Sternberg. Gibraltar, Kaiserl. Russ.
    Consulat.”

    In der That berichtete die Köln. Zeitung am
    1. Aug. 1894: „Die gerichtliche Untersuchung hat festgestellt, daß der Gesuchte (es waren vom Belgischen Justizminister 10,000 Franken aus die Ergreifung des Jagolkowsky-Sternberg resp.des falschen Baron Ernst U.-St. ausgesetzt) mit wahrem Namen
    Cyprian Jagolkowsky heißt und zu Botow in Rußland am 27. April 1865 geboren ist. Er ließ sich in die Fremdenlegion ausnehmen, und dort hat er den Baron Ernst v. Ungern-Sternberg um seinen Paß bestohlen.”

  6. #6 jan
    4. Mai 2021

    und hier noch was Wikipedia zu diesen Anschlägen weiß

    Als Protest gegen die Verurteilung von Anarchisten wurde ein Bombenanschlag auf das Ratsmitglied Dr. Renson in Lüttich verübt.[16] Renson wurde dabei schwer verletzt, seine Frau und eine weitere Person wurden leicht verwundet.[17] Bereits in den Tagen davor wurden in Lüttich einige Bombenanschläge verübt, die nur zu Sachschäden führten. 14 Personen wurden nach dem Renson-Attentat festgenommen, für das der deutsche Anarchist Michael Müller die alleinige Verantwortung übernahm.[18] Der ebenfalls deutsche Anarchist Leonhard Bach war gemeinsam mit der belgischen militant-anarchistischen Gruppe um Peter Schiebach für andere Attentate in Lüttich verantwortlich und wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.[19]

    link:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Liste_anarchistischer_Attentate

  7. #7 Thomas
    4. Mai 2021

    Hier noch eine Kurzbiographie und ein Porträt von Jagolkowski aus den Unterlagen des russischen Geheimdienstes: https://digitalcollections.hoover.org/objects/54454

    Nach russischen Quellen soll er nicht Mitglied einer unabhängigen Anarchistengruppe, sondern als Agent von Petr Iwanowitsch Ratschkowski geführt worden sein, dem Leiter der Auslandsabteilung der russischen Geheimpolizei Ochrana (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Iwanowitsch_Ratschkowski) . Dieser soll mehrere Anschläge in Westeuropa inszeniert haben.

    Nachgewiesen ist zumindest ein (späterer) Brief von Jagolkowski an Ratschkowski von August 1905, in dem es heißt:

    ” Lieber und geschätzter Pjotr Iwanowitsch. Selten hat man sich so aufrichtig und von Herzen gefreut, dass Sie sich wieder bereit erklärt haben, Ihr Amt anzutreten. In der gegenwärtigen Zeit würden alle Männer der Ordnung zweifellos mit mir zusammen herzlich froh sein, daß die öffentliche Sicherheit in so geschickte Hände gelegt wird … Nachdem dies nun eingetreten ist, erlaube ich mir, mich an Sie als meinen früheren Lehrer zu wenden, einen Mann von gleicher politischer Gesinnung wie ich, der mir viel Gutes getan hat, und mich daran zu erinnern, daß Sie mir direkt gesagt haben: “Wenn ich meinen Posten antrete, werde ich Sie dort einsetzen. Und deshalb, mein lieber Pjotr Iwanowitsch, hoffe ich, dass Sie sich nicht weigern werden, Ihrem treuen Mitarbeiter einen Platz zu geben… Ich denke, es ist nicht überflüssig, hinzuzufügen, dass ich ein paar Leute im Kopf habe, die für die Sache sehr nützlich sein können…”.

  8. #8 jan
    4. Mai 2021

    Was im Text noch auffällt:
    bei manchen Buchstaben wurde eine Art “Hilfslinie” eingezeichnet. Das sieht dann so aus, als ob die Buchstaben oben oder unten “durchgestrichen” sind.
    Dann gibt es Buchstaben die mit einem x komplett durchgestrichen wurden.
    Manchmal könnte man meine dass das kyrillische und lateinische durcheinandergebracht wurde.
    Es gibt eine Mischung aus AltDeutsch/Sütterlin o.ä. und modernerer Schrift. Das Moderne liegt dem Schreiber wohl noch nicht so.
    Es gibt manchmal Schriftbögen die da nicht hingehören. Vielleicht wurde hier auch nur die Feder /Tinte getestet..

  9. #9 jan
    4. Mai 2021

    Das “r n Stg” unter der Höflichkeitsfloskel (evtl cordialment? ) und hinter der Zeichnung mit dem Teufelsschwanz (?) könnte fur Ernest Sternberg stehen. Also den fälschlicherweise angenommen Namen von Jagolkowsky.
    Da dieser das Französische wohl mehr schlecht als recht spricht (lt. Aussage des echten Barons Sternberg ; vgl. Kommentar 5) könnte der Inhalt auch mehr “nach Gehör” geschrieben sein…

  10. #10 jan
    4. Mai 2021

    Das Internet ist wirklich eine Fundgrube.. diese Zeitungsarchiv kannte ich noch nicht. ..
    Suche erfolgte nach “Lüttich”

    https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=q&r=421&results=1&e=——-de-20–401-byDA-img-txIN-L%C3%BCttich+——-0—–

    Hier stehen dann unter den Nummern 438-440 und auch auf der nächsten Seite interessante Infos, so z. B. auch dass Müller “gefoltert” wurde um das Geständnis zu bekommen. 1892 gab es übrigens schon mal Anschläge in Lüttich..

  11. #11 Esme
    4. Mai 2021

    @jan, in dem B steht
    on
    jour
    Also Bonjour, guten Tag

  12. #12 jan
    5. Mai 2021

    Zum Inhalt.
    Nach dem Dreieck gegen Ende des Textes:

    das Teichen zwischen la und de könnte für eine Brücke stehen. Der lange Strich hinter dem “de” könnte wörtlich gemeint sein…
    Am Ende der Zeile könnte man “doz” erraten.

    Zusammengefasst ergäbe das
    la Pont de Longdoz.

    Das Dreieck könnte für einen Platz oder eine Kreuzung stehen, der “Winkel” danach wo genau der Treffpunkt sein soll…

    Frei übersetzt: Triff oder trefft mich auf der rechten Seite der Longdoz-Brücke..

  13. #13 jan
    5. Mai 2021

    @esme:
    vielen Dank.

    könnte auch heißen.. “au jour” (aussprache)
    und das B könnte sich zusammensetzen aus 1 und 3, also am Tag 13…

  14. #14 jan
    7. Mai 2021

    im Februar 1895 wurde dann das Urteil gegen die Angeklagten gesprochen. Leblanc wurde übrigens freigesprochen.