Zwei Stiere in Südkorea (Copyright: Florian Aigner)

Donald Trump, Wissenschaft und koreanische Stierkämpfe: Man muss zugeben, wenn man verloren hat

Es war ein Stierkampf ganz nach meinem Geschmack. Nirgendwo gab es bunte Toreros, blutige Lanzen oder sterbenden Tiere. Es war gewissermaßen die vegane Bio-Variante eines Stierkampfs. Durch puren Zufall war ich auf meiner Urlaubsreise durch Südkorea in ein Stadion geraten und blickte aus den mittleren Rängen auf die Arena.

Die Regeln für südkoreanische Stierkämpfe sind recht einfach: Zwei Stiere kommen herein, manchmal langweilen sie sich bloß, dann werden sie wieder hinausgeführt und die Sache ist erledigt. Meistens aber beschließen sie herauszufinden, wer der stärkere ist. Wer sich nun heißblütige Bullen vorstellt, die wild durch den Sand toben und ihrem Gegner die Hörner in den Leib rammen, liegt völlig falsch: Die beiden Stiere stehen einfach nur da, Stirn an Stirn, und drücken gegeneinander. Kaum Bewegung, keine Verletzungen, nur stetiges Drücken. Irgendwann, nach einigen Minuten, hat einer der Stiere keine Lust mehr. Er macht einen Schritt zurück und gesteht damit seine Niederlage ein. Der andere ist der Sieger. Das ist alles.

Gewalt im Kapitol

Daran muss ich denken, während in Washington die Fans von Donald Trump gewaltsam ins Kapitol eindringen. Ihr Kandidat hat die Präsidentschaftswahl verloren, daran gibt es keinen Zweifel. Es gibt keine rationale Argumentation, mit der man diese Erkenntnis ernsthaft ins Wanken bringen könnte. Aber anstatt einen Schritt zurück zu treten und die Niederlage einzugestehen versuchen sie mit Gewalt, ihr Idol an der Macht zu halten. Trump selbst ruft zwar zu Gewaltverzicht auf, gießt aber gleichzeitig weiter Öl ins Feuer: Ohne Argumente dafür zu haben, betont er, die Wahl sei gestohlen worden. „We love you“ sagt der US-Präsident zu gewalttägigen Demokratiefeinden.

Man kann angesichts dessen den Kopf schütteln, man kann die Sache skurril oder gar lustig finden, aber das wäre falsch. Es handelt sich hier um eine Katastrophe. Man kann dafür kaum ausreichend scharfe Worte finden.

An diesem Punkt hat Demokratie einiges mit Wissenschaft gemeinsam – darauf wies auch der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper hin: Entscheidend ist sowohl in der Demokratie als auch in der Wissenschaft, dass man offen anerkennt, wenn man verloren hat.

Ich kann mir die wildesten, wagemutigsten Theorien ausdenken, mit mysteriösen Zusatzdimensionen, mit neuartigen Teilchen oder fremdartigen Naturkräften. Das ist in Ordnung – nichts daran ist unwissenschaftlich. Aber ich muss, so erklärte uns Popper, meine Theorien immer so formulieren, dass sie prinzipiell falsifizierbar sind. Ich muss klar sagen können, welches experimentelle Ergebnis, welche Beobachtung ich als Widerlegung meiner Theorie akzeptieren würde. Und wenn diese Beobachtung dann tatsächlich gemacht wird, wenn die Experimente andere Ergebnisse liefern, als ich vorhergesagt habe, dann muss ich zugeben, dass ich falsch lag. Kann ich das nicht, ist meine Theorie von vornherein wertlos, dann bin ich kein Wissenschaftler sondern ein Schwurbler.

Und in der Demokratie ist es genauso: Man kann unerhörte Forderungen stellen, völlig neue Gedanken aufbringen, unkonventionelle Lösungsansätze vorschlagen. Aber wenn man abgewählt wird, muss man gehen. Man muss es nicht gut finden, dass man verloren hat, aber man muss es eingestehen. Sonst ist man kein Demokrat, sondern ein Faschist.

Fortschritt als Nebeneffekt

Für Popper ist das Entscheidende an der Demokratie nicht unbedingt, dass der Mehrheitswille durchgesetzt wird, sondern dass man die Herrschenden ohne Blutvergießen austauschen kann. Politik, die für die Gesellschaft gut ist, ergibt sich dann gleichsam als Nebeneffekt. Und das Entscheidende an der Wissenschaft ist nicht unbedingt, neue Wahrheiten zu finden, sondern dass sie uns Möglichkeiten gibt, Falsches zu widerlegen. Die Annäherung an die Wahrheit ergibt sich dann ganz von selbst.

Und daher ist das vielleicht die wichtigste Fähigkeit, die es überhaupt gibt: Seine eigene Niederlage eingestehen zu können. Ohne diese Fähigkeit funktioniert weder Demokratie noch Wissenschaft. Wer das nicht kann, wird sich nie verbessern, wird sich nie mit jemandem einigen, wird nie Großes erreichen. Und wenn die Stiere in einer südkoreanischen Arena das hinbekommen, dann sollte uns das doch auch gelingen.

Kommentare (9)

  1. #1 Frank Wappler
    Januar 7, 2021

    Florian Aigner schrieb (6. Januar 2021):
    > Die Regeln für südkoreanische Stierkämpfe sind recht einfach: Zwei Stiere kommen herein, manchmal langweilen sie sich bloß, dann werden sie wieder hinausgeführt und die Sache ist erledigt. Meistens aber […]: Die beiden Stiere stehen einfach nur da, Stirn an Stirn, und drücken gegeneinander. […] macht [einer der beiden Stiere] einen Schritt zurück und gesteht damit seine Niederlage ein. Der andere ist der Sieger. Das ist alles.

    Dazu drei Bemerkungen “am Rande”:

    – Diese zitierten “Regeln für südkoreanische Stierkämpfe” sind mindestens insofern unvollständig dargestellt, als in der überlieferten Praxis dieser Stierkämpfe offenbar auch Schiedsrichter vorgesehen sind, deren Aufgaben sicherlich in Einzelheiten (wenn auch womöglich “in ungeschriebenen Einzelheiten”) reguliert sind.

    – Die dargestellten Regeln beinhalten bzw. unterstellen, dass die beiden kämpfenden Stiere als Individuen durchwegs unterscheidbar und erkennbar sind und bleiben; und dass, als Ergebnis eines Kampfes, höchsten genau einer dieser beiden jeweils der Sieger eines (regulären, gültigen) Kampfes sein kann.

    – Auf die Ergebnisse solcher Stierkämpfe, d.h. jeweils auf die (schiedsrichterliche) Feststellung eines bestimmten Siegers, falls überhaupt, lässt sich wetten.

    > […] ich muss, so erklärte uns Popper, meine Theorien immer so formulieren, dass sie prinzipiell falsifizierbar sind. Ich muss klar sagen können, welches experimentelle Ergebnis, welche Beobachtung ich als Widerlegung meiner Theorie akzeptieren würde. Und wenn diese Beobachtung dann tatsächlich gemacht wird, wenn die Experimente andere Ergebnisse liefern, als ich vorhergesagt habe, dann muss ich zugeben, dass ich falsch lag. Kann ich das nicht, ist meine Theorie von vornherein wertlos

    (Ich wüsste jedenfalls nicht, dass Popper einer solchen Wiedergabe dessen, “was er uns erklärt hat”, widersprochen hätte; geschweige denn wie.)

    Besteht nun etwa eine Analogie zwischen den dargelegten Regeln für südkoreanische Stierkämpfe einerseits und andererseits dem, was in der zitierten “Erklärung Poppers” als “Theorien” bezeichnet wird ?:

    – Sind die Stierkampf-Regeln so formuliert, dass sie prinzipiell falsifizierbar sind ?

    – Beinhalten die Stierkampf-Regeln eine klare Aussage, welches Ergebnis eines (regulären, gültigen) Kampfes als Widerlegung genau dieser Stierkampf-Regeln zu akzeptieren ist ?

    – Ist gewährleistet, dass das Eintreten eines solchen Ergebnisses, das ggf. als Widerlegung genau dieser Stierkampf-Regeln zu akzeptieren ist, nicht von vornherein ausgeschlossen ist ?

    Oder besteht etwa eine Analogie zwischen bestimmten verbindlich geschlossenen Wetten (im Einzelnen: “dass der eine bestimmte identifizierbare Stier seinen nächsten regulären gültigen Kampf gewinnt, und nicht sein identifizierbarer Gegner-Stier”) einerseits und andererseits dem, was in der zitierten “Erklärung Poppers” als “Theorien” bezeichnet wird ?:

    – Muss die Wette so formuliert sein, dass sie prinzipiell falsifizierbar ist ?

    – Beinhaltet die Wette eine klare Aussage, welches Ergebnis eines (regulären, gültigen) Kampfes als Widerlegung (alias: Verlust) genau dieser Wette zu akzeptieren ist ?

    – Ist gewährleistet, dass das Eintreten eines solchen Ergebnisses, das ggf. als Widerlegung genau dieser Wette zu akzeptieren ist, nicht von vornherein ausgeschlossen ist ?

    > Die wichtigste Fähigkeit von allen […] Man muss zugeben, wenn man verloren hat

    Um ggf. zugeben zu können, wenn man verloren hat, sollte man zunächst nachvollziehbare Regeln aufgestellt und festgehalten haben, »die die Methode an die Hand geben, nach welcher im jeweils vorliegenden Falle aus Experimenten entschieden werden kann, ob« man verloren hat, oder nicht.

    Diese Fähigkeit (des “Theoretisierens”) erscheint (deshalb) mindestens ebenso wichtig.

  2. #2 Frank Wappler
    Januar 7, 2021

    tl;dr (#1):
    Das Zurückweichen eines Stieres ist nicht unbedingt dessen Eingeständnis seiner Niederlage, sondern lediglich der Akt, der ihn überhaupt erst als Verlierer des Kampfes feststellbar macht.
    Im Übrigen kann man Wetten verlieren, Erwartungen, Vorhersagen und Modelle falsifizieren, aber nicht Wettkampfregeln.

  3. #3 jotemel
    Januar 7, 2021

    Long time no read 🙂 …
    “wenn die Stiere in einer südkoreanischen Arena das hinbekommen, dann sollte uns das doch auch gelingen”
    Wär’ ja schön, aber:
    DIE Stirn hat hier keiner.

  4. #4 Herb
    Heidelberg
    Januar 8, 2021

    Ist mir nicht so ganz einsichtig dieser Vergleich. Stellen Sie mal noch eine “heisse” Kuh in die Arena, dann geht das schon ganz anders ab. Schauen wir uns mal die Kämpfe von männlichen Wiederkäuern um eine Herde und ein Revier an. Da heisst die Spielregel oft Kampf bis zum bitteren Ende: also Tod oder schwere Verletzungen. Die Konsequenz für den Verlierer ist der Verlust der sicheren Lebensgrundlage und seiner Herde incl. Sexualpartnerinnen. Soweit sehe ich da schon einen Zusammenhang. Allerdings zieht sich ein Leitbulle nicht ins hohe Gras zurück, brüllt rum wie blöd und lässt seine Herde für sich kämpfen. Also passt es dann doch nicht so richtig.

  5. #5 DasKleineTeilchen
    terra
    Januar 11, 2021

    “Sonst ist man kein Demokrat, sondern ein Faschist”

    genau. its that simple.

  6. #6 Frank Wappler
    Januar 11, 2021

    demolog schrieb (#6, Januar 11, 2021):
    > […] Falsifizierung ist sowieso absurde Anforderung. […]

    Es ist absurd, Falsifizierbarkeit von Theorien (Wettkampfregeln, Definitionen von Messgrößen) zu fordern.

    Falsifizierbarkeit der Erwartungen bestimmter Ergebnisse ist dagegen insbesondere Grundlage dafür, dass Wetten überhaupt verbindlich “angeboten” und “angenommen” werden; d.h. dass einer der beiden, die eine (“ehrliche”, “vertraglich verbindliche”) Wette gegeneinander abschließen, auf die Feststellung eines bestimmten Ergebnisses wettet, und der andere auf die gegenteilige Feststellung.
    Wobei die zur Entscheidung der Wette erforderliche Feststellung des Ergebnisses jedenfalls durch Anwendung der vorab festgesetzten und unveränderlichen, nachvollziehbaren und einvernehmlich akzeptierten Regeln bzw. Definitionen erfolgen soll und muss.

  7. #7 abcde
    Januar 14, 2021

    @
    #8 Frank Wappler
    Januar 11, 2021

    wer wettet, der betrügt

  8. #8 Frank Wappler
    Januar 14, 2021

    Wer die Regeln nicht ehrt, ist die Tore nicht wert.

  9. #9 demolog
    Februar 12, 2021

    Ja, wie seltsam. Dabei ist dieses “nie aufgeben” ein typischer und demonstrativer Populismus der “freiheitlichen” Welt, die gegen die “Unfreiheit” (die nie so recht definiert wird) einen Feind eingebildet/aufgestellt hat, der sich anfühlt, wie beim Luftgitarenspielen…(oder wie heisst das dazugehörige Meme?)

    Das eigendliche Problem an der ganzen Szenerie ist, das die Hartnäckigkeit unter Menschen bei Tieren nur schwer zu finden ist. Die Geschichte der Menschheit und der Zivilisation ist eine Aneinanderreihung von “Entscheidungsfindung” durch Mord und Totschlag, während die meisten Tierarten nie bis auf den letzten Atemzug und Tot gegeneinander ihre “interressen” ausfechten.

    Es wird wohl daran liegen, das der Mensch begreift, wie wichtig (Teil)Habe ist, während das Tier in der Regel soweit wohl nicht denken kann/will.

    Eine andere Frage ist auch, das in der Tierwelt immer irgendwie ein Ausweg/Ausweichen möglich ist, weil Lebensraum und Überleben abseits der Zerstörung des gegners möglich ist (in der Hoffnung, das dies nicht zu naiv gesehen ist, weil der Lebensraum auch in überwiegend oder vollkommen ungestörten Biotopen nicht unbegrenzt ist und die Evolution eben nie von denen erzählt, die den Kampf ums Überleben verloren haben).

    —————–

    @
    #8 Frank Wappler
    Januar 14, 2021

    Wer die Regeln nicht ehrt, ist die Tore nicht wert.

    Es wapplert sich so schön…oder?