Immer wieder diese Werbung für Formoline L112. Diesem “Nr. 1”-Abnehmdings, das Apotheker so gerne empfehlen. Man sollte gewarnt sein, wenn schon auf der Webseite steht: “Setzen Sie sich kleine Ziele”
(Weil wir gerade beim Thema Abnehmen waren) Eine der häufigsten Anzeigen, die mir so während meiner Recherchen in (Frauen)-Zeitschriften begegnet ist, ist Werbung für das Schlankheitsmittel Formoline L112.
Das ist eines dieser Mittelchen, die versprechen, Fett aus der Nahrung zu binden. Dann kann es nicht vom Körper aufgenommen werden, sondern landet im Klo. Ganz nach dem Motto: “Fett, das mein Körper nicht aufnimmt, macht mich nicht fett.” Beliebtes Stichwort ist hier: Fettmagnet. Vergleichbare Produkte heißen Liposorb 112 oder KiloControl, nur für die wird nicht so ausgiebig in Zeitschriften geworben.
Wirkstoff ist eine Substanz names Chitosan, die vor allem aus den Resten, also den Schalen, von Meereskrebsen gewonnen wird (eine lukrative Form der Abfallverwertung).
Die Aussagen, ob man damit abnehmen kann, fallen in den üblichen Foren mal so, mal so aus (und sind wie immer unbrauchbar, auch wenn sie so beliebt sind).
Zum Glück gibt es echte wissenschaftliche Studien dazu, also diese Dinger, die uns helfen, eine höhere Ebene des Wissens zu erreichen, ohne uns auf ein paar (anonyme) Anekdoten verlassen zu müssen.
Es gibt sogar die höchste Stufe dieser Studien: einen Übersichtsartikel, der die Ergebnisse verschiedener Studien zusammenfasst und bewertet (und zwar von der unabhängigen Cochrane Collaboration (was ist das denn?).
Und was sagt die jetzt?
Jaaa, es bringt was, das Zeug zu nehmen … (vernehme ich ein leises Aufatmen, oder ist das Überraschung, gar Verwunderung?)
“There is some evidence that chitosan is more effective than placebo … ”
zu Deutsch: “Es gibt einige Anhaltspunkte/Belege/Beweise (je nachdem, wie man evidence denn übersetzen will), dass Chitosan erfolgreicher/effektiver/wirksamer (dito) als ein Plazebo (Scheinpräparat) ist.”
Und bis dahin würden denn auch Befürworter, Fans und Marketingabteilungen zitieren. Nur, das bin ich ja nicht. Deswegen will ich natürlich auch niemandem den Rest ersparen. Ich spare mir die Übersetzung (uaah…) und zitiere gleich aus dem aktuellen arznei-telegramm, das dieser Produktgruppe einen kleinen Artikel gewidmet hat:
“Der Nutzen des Mittels ist unzureichend belegt: In einer Metaanalyse 15 randomisierter Studien mit 1.219 adipösen oder übergewichtigen Teilnehmern, die vier bis maximal 24 Wochen lang Chitosan oder Plazebo einnehmen, wird nur ein geringer Effekt von Chitosan auf das Gewicht (-1,7 kg; 95% Konfidenzintervall [CI] -2,1 kg bis -1,3 kg) errechnet. Bei Beschränkung auf qualitativ höherwertige und größere Studien sowie auf solche mit längerer Therapiedauer ist der Effekt noch kleiner (im Mittel -0,55 kg bis -0,81 kg).”
(
HervorhebungFETTUNG durch mich)
Wer es nicht ganz versteht: Wenn man sich alle diese 15 Studien anschaut (bei denen die Teilnehmer zwischen vier Wochen und bis zu 6 Monaten entweder ein Plazebo oder ein Chitosan-Mittel einnahmen), also wenn man sich die alle genau ansieht, haben die Teilnehmer im Durchschnitt 1,7 Kilogramm abgenommen. Die allermeisten zwischen 1,3 und 2,1 Kilogramm). Viel mehr sollte man also nur in seltenen Fällen erwarten.
ABER.
Eigentlich sollte man seine Erwartungen noch weiter herunterschrauben.
Unter diesen Studien gibt es gut gemachte, aber auch viele schlecht gemachte Untersuchungen. Außerdem geht es ja um Langzeiteffekte, also sind Studien mit längerer Laufzeit wichtiger als Kurzzeitstudien. Und Untersuchungen mit vielen Teilnehmern sind besser als mit nur ein paar Probanden.
Wenn man das alles berücksichtigt, dann schmilzt einem der Gewichtsverlust unter den Händen zusammen.
Es sind dann nur noch zwischen lächerlichen 550 und 810 Gramm (in maximal 6 Monaten), die man an Gewicht verliert.
– Stille –
Spüre ich da einen Hauch von Enttäuschung?
Ist gut. Ich höre schon den Einwand. So wie diesen hier z.B. auf der FAQ-Seite für Formoline L112.
“Schnelles Abnehmen belastet den Körper und das Bindegewebe, es besteht die Gefahr von Faltenbildung. Eine dauerhafte, realistische und auch gesunde Gewichtsabnahme sollte deshalb immer langsam erfolgen.”
Nur, unter langsam versteht der Hersteller offenbar etwas anderes, wenn man diesen Hinweis aus der Antwort auf die Frage “Wie schnell kann ich mit Formoline L112 abnehmen?” in diese Richtung verstehen will:
“Bei einer täglichen Kalorieneinsparung von z. B. 500 kcal können etwa 500 g Körperfett wöchentlich abgebaut werden.”
(FETTUNG natürlich von mir)
Nachdem, was die Studien aussagen, nimmt man mit Chitosa-Produkten deutlich langsamer ab. Nicht mal ein Kilo in sechs Monaten. Ob der Hersteller das meint, wenn er auf seiner Webseite schreibt:
Setzen Sie sich kleine Ziele …
(Nein, diese Fettung ist nicht von mir.)
Bei den Cochranes heißt das so:
“Results obtained from high quality trials indicate that the effect of chitosan on body weight is minimal and unlikely to be of clinical significance.”
Auf Deutsch.
“Die Ergebnisse aus gut gemachten Studien, weisen darauf hin, dass die Auswirkung von Chitosan auf das Körpergewicht minimal ist und es ist unwahrscheinlich, dass dies einen klinische Bedeutung hat.”
Auf gut Deutsch:
“Rein rechnerisch gibt’s vielleicht einen Effekt, aber sehen tut man nichts.”
In diesem Sinne …
Ach, Moment. Diese höchste aller Studienformen, diese Übersichtsartikel, haben einen Nachteil. Sie basieren natürlich nur auf Studien, die auch veröffentlicht wurden (Das Fachwort dazu heißt: Publikationsbias). Die Erfahrung lehrt einen, dass Firmen (aber auch Wissenschaftler) gerne schon mal Studien, die zu einem negativen Ergebnis kommen, in der Schublade verschwinden lassen. In diesem Fall wären das Untersuchungen, bei denen das Chitosan-Produkt nicht besser abschneidet als das Placebo-Produkt.
Wenn man jetzt also annimmt, dass es das hier auch gibt, diesen Publikationsbias, dann würden die 500 bis 800 Gramm noch weiter schrumpfen.
Wie war das?
Setzen Sie sich kleine Ziele …
Dann wird man auch nicht so enttäuscht.
Übrigens: Wichtig ist der Hinweis, warum das arznei-telegramm überhaupt auf Chitosan kommt? Es hat nämlich vereinzelte Fälle gegeben, in denen ein Epilepsiemittel (Wirkstoff Warfarin Valproinsäure) seine Wirkung verloren hat:
“Die Autoren vermuten, dass das lipophile Antiepileptikum an Chitosan gebunden oder dass der enterohepatische Kreislauf von Valproinsäure über eine Beeinflussung der Darmflora durch das Polymer gestört wird.”
Das Problem ist:
“Die Einstufung als Medizinprodukt (…) und der Vertrieb auch in Nahrungsergänzungsmitteln können dazu beitragen, dass Patienten keine Wechselwirkungen vermuten und die Verwendung von Chitosan ihren Ärzten nicht berichten.”
Im ersten Kommentar von strappato gibt’s dazu noch ein paar Details (inklusive eines Hinweises auf eine Verwechslung, die korrigiert ist).
Screenshot: Formoline Webseite
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