Fachartikel lesen lernen

Seit der Internetrevolution ist es einfacher als zuvor, Fachliteratur einzusehen, vor allem seit durch die Open Access-Bewegung immer mehr Fachartikel für jeden frei zugänglich sind. Seitdem auch Fachartikel durch illegale Projekte von Bezahlschranken befreit werden, scheint jedes Paper für jeden erreichbar.

Nur, was nützt die ganze Freiheit, wenn man nicht gelernt hat, solche Artikel – die von Spezialisten für Spezialisten geschrieben sind – zu lesen und zu verstehen. Bei aller Begeisterung für Open Access (das auch uns Journalisten den Job erleichtert): Die neue Freiheit bedeutet auch, sich auf ein Format einzulassen, dass der Erklärung bedarf (vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist oder im Studium gelernt hat). Nur: Erklärungen, wie man mit diesen Dingern am besten umgeht, sind rar.

Ich habe daher mal einen allerersten Versuch gestartet, for the rest of us, oder für einfach alle,  die sich darauf einlassen wollen, zu erklären, was diese Paper aká Fachartikel eigentlich sind und wie man sich ihnen annähern kann. Das Ganze ist kein ellenlanger Text, sondern eine einfache interaktive Webseite geworden.

Unten findet ihr ein animiertes GIF, das einen ersten Eindruck vermittelt – und hier ist der Link zur Seite: http://anhaeuser.info/Fachartikellesenlernen.html

Paperlesenlernen

Die interaktive Seite soll ein allererster Versuch zum Verständnis solcher Artikel sein. Sie erklärt in diesem ersten Teil an einem Beispielartikel die grundlegende Strukur eines typischen Fachartikels einer medizinischen Studie.

Anstelle eines langen, erklärenden Textes fand ich die Idee reizvoll, dass jeder selbst einen solchen Fachartikel Seite für Seite durchstöbern und erkunden kann. Erklärungen poppen auf, wenn man mit dem Mauszeiger über einen bestimmten Teil des Artikels fährt („Mouse over“) (oder auf dem Tablet mit dem Finger antippt). Das ist schon alles.

Wer mag, kann mir gerne Feedback hier unten im Kommentarbereich geben, da ich auf der Seite keine Kommentarfunktion habe. Seid gnädig – das Erstellen einer solchen Seite ist echtes Neuland für mich.

Übrigens: Im Medizinbereich gibt es zwar erklärende Texte, wie man Studien lesen und verstehen kann (“How to read a paper“, “Kritisches Lesen wissenschaftlicher Artikel“), die sind aber in der Regel für Mediziner geschrieben – und natürlich auf Englisch. Im Deutschen sieht es nicht besser aus. Wie es in anderen Wissenschaftsbereichen aussieht, kann ich gar nicht sagen.

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Falls ihr das Ding  sinnvoll und hilfreich findet und es euch gefällt, könnte ihr mir mit ein paar Euro-Cent helfen, das Projekt weiter zu entwicklen, wenn ihr mögt: per Flattr hier unten oder über Paypal (siehe Button auf der Webseite oder hier rechts in der Seitenleiste). Danke dafür.

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Kommentare (17)

  1. #1 Antje
    23. Februar 2016

    Genial! Kann ich das für meine Vorlesung benutzen? Ich bin gerade dabei, mehr E-Learning-Komponenten in meine Vorlesungen einzubauen und das würde zusammen mit einem kleinen Wissensquiz (Gamification!) hervorragend ins Modul “Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben” passen.

  2. #2 Marcus Anhäuser
    23. Februar 2016

    Oh, danke :-). Bitte gerne.

  3. #3 Ben
    23. Februar 2016

    super initiative! kennst Du sense about science? insb. die sachen unter http://www.senseaboutscience.org/pages/understanding-evidence.html koennten interessant sein

  4. #4 Elke Brüser
    23. Februar 2016

    Gute Idee. Gefällt mir. Vllt kannst du noch einfügen, wo man was über Interessenkonflikte finden kann/sollte. Und warum das wichtig ist. Wenn nichts dagegen spricht, würde ich das später gerne über Gute Pillen – Schlechte Pillen verbreiten.

    • #5 Marcus Anhäuser
      23. Februar 2016

      Danke :-), Bitte, gerne. Auf der ersten Seite des Papers gibt es einen “Zettel”, wo es dazu Infos gibt in diesem Paper. Details sind da erst mal zu viel. Das möchte ich in einem anderen Teil erklären.

  5. #6 Marcus Anhäuser
    23. Februar 2016

    Danke. :-)
    Ja, kenn ich, solche Erklärseiten gibt es einige, aber wie so oft in Englisch. Aber solche Begriffe zu erklären, das habe ich mir auch noch vorgenommen. Hilfreich in Deutsch ist zum Beispiel diese Seite: http://de.testingtreatments.org

  6. #7 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    23. Februar 2016

    Netter Einstieg ins “How to read”. Vielleicht lohnt es sich, eine kleine Serie mit unterschiedlichen Studien-/Artikelarten zu machen? Und vielleicht auch mit unterschiedlichen Kommentierungsarten, z.B. einer Variante “Häufige Probleme” mit Erklärfenstern, die typische Mängel ansprechen? Und dann in einem Seminar mit Studierenden einmal durchspielen … ausbaufähig! Aber wem sag ich das, das habt ihr euch bestimmt selbst schon überlegt.

    • #8 Marcus Anhäuser
      23. Februar 2016

      Ja, so in etwa das alles, so nach und nach. Bin jetzt erstmal froh, dass ich es online gekriegt hab. Seh das eigentlich als Teil 2 oder 3 in einer Reihe.
      Nur, wen meinst Du mit Euch? Pluralis majestatis?

  7. #9 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    23. Februar 2016

    “Euch”

    Hm. Selbst Cäsar hatte einen Koch dabei, als er die Gallier schlug, siehe Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters. Aber wenn Du keinen Koch hast, dann darfst Du es gerne als pluralis majestatis lesen, das hast Du Dir dann auch verdient ;-)

  8. #11 gweni
    24. Februar 2016

    Ich finde die Erklärungen super und wirklich gut verständlich. (Bin selbst Geisteswissenschaftlerin).
    Allerdings fände ich es noch besser, wenn der Beispieltext in Deutsch verfasst wäre, auch wenn man für die Erklärungen nicht unbedingt alle Details verstehen muss – gerade Laien haben oft nicht ausreichende Englischkenntnisse für Fachartikel.
    Ich habe den Link gleich mal an meine Mama weitergeleitet, die Krankenschwester ist, aber kein Englisch spricht – falls sie Anmerkungen dazu hat, werd ich die nochmal posten.

    • #12 Marcus Anhäuser
      24. Februar 2016

      Danke für die Blumen :-). Was die Sprache angeht: Das ist natürlich eines der grundlegenden Probleme bei der ganzen Sache. Ich habe einen englischen Artikel gewählt, weil das einfach der häufigste Fall ist, die entscheidende Forschung wird in englischer Sprache veröffentlicht. Damit sind natürlich erst einmal alle die raus, die kein Englisch können. Für diesen Personenkreis bleiben deutschsprachige Fachmagazine, die es ja gibt, und deutschsprachige Zusammenfassungen relevanter Studien. Ich glaube, wenn man solche Artikel liest, die sich alle um ein Thema drehen, kommt man langsam rein,so mühsam das am Anfang auch ist. Aber vieles wiederholt sich mit der Zeit, Fachbegriffe, Erklärungsmuster usw. Während meines Studiums (Biologie) ging das auch irgendwann los mit den englischen Fachartikeln, und mein Englisch war wenig tauglich, aber je mehr man liest, desto einfacher wird es, zumindest so lange man in einem Bereich bleibt. Bin gespannt, was deine Mutter meint.

  9. […] Das “Interaktive Web-Projekt: Fachartikel lesen lernen for the rest of us” von Marcus Anhäuser bei Plazeboalarm. […]

  10. #14 Richard Bolek
    Lüneburg
    25. Februar 2016

    Moin,

    super Seite, würde ich auch gerne meinen Studierenden weiterempfehlen.
    Was meiner Meinung nach noch wichtig wäre:
    – Qualitätsmerkmale einer Zeitschrift z.B. Peer Review, Impact Punkte o.ä. und die Grenzen derselben
    – Qualitätsmerkmale des Artikels z.B. in der Einleitung wirklich den Stand des Wissens behandelt, wenige Selbstszitierungen

    Ich habe erst dieses Semester ein Seminar zum Thema Fachinformationen gegeben und gerade für Fachfremde ist die Kultur immer sehr schwer zu begreifen.

    Ich wäre gerne behilflich wenn interesse besteht.

    Viele Grüße

    • #15 Marcus Anhäuser
      26. Februar 2016

      Danke auch Dir. Da freut mich und spornt an. Du hast auch nochmal gute Punkte genannt, die man in späteren Folgen einbauen kann. Das wird aber sicher noch etwas dauern. Danke für das Angebot, gut zu wissen, Kontaktdaten habe ich ja.

  11. #16 definition
    29. Februar 2016

    Also ich hab mir die interaktive Seite noch nicht angesehen. Ist sicher toll.
    Ich fand ja immer, dass Fachartikel jetzt nicht so eine vollkommen fremde Struktur besitzen und das schwierigste am Verstehen (wenn man die Sprache hinreichend gut kann) eigentlich das nicht vorhandene eigene Fachwissen ist. Das ist jetzt mal ganz allgemein für alle die meisten Fachrichtungen gesprochen. Beim zigsten Paper zu einem Thema hab ich das Gefühl die Einleitung schon hundert mal gelesen zu haben und ich finde mich ganz gut zurecht. Bei einem vollkommen neuen Spezialgebiet versuche ich mir jedoch erstmal einen Überblick zu verschaffen (mit anderen Medien wie Wikipedia usw.) bevor ich gleich zu wissenschaftlichen Artikeln greife.
    Auch finde ich, varriert es sehr stark: Manche Paper erklären alles sehr genau und machen ellenlange Herleitungen im Anhang und schreiben selbst Ergbenisse von Standardherleitungen hin, die eigentlich jeder kennt. Dann ist jede Umformung eigentlich sehr nachvollziehbar.
    Und dann gibt es manche Paper, wo hin und wieder Absätze drin sind, bei denen man auch nach dreimaligem Lesen nur eine grobe Vermutung hat, was gemeint sein könnte. Besonders mehrmalige stillschweigend hintereinander vorgenommene Reskalierungen und Umbenennungen von Variablen oder teilweise unübliche Einheiten oder kaum oder nur kryptisch beschriftete Axen machen dann Verständnis nicht gerade leicht.

    Also etwas, dass ich mir tatsächlich vorstellen kann, was das Verständnis von Fachliteratur zu einem Bestimmten Themengebiet erleichtern kann, sind Übersichtsartikel bzw in ein Thema einführende Paper. Die gibt es ja. Das sind meistens keine Paper, auf denen auf 2 bis 3 Seiten alle Ergebnisse gequetscht werden, sondern eher längere Artikel. Die haben dann vielleicht mehrere zig Seiten von denen dann die ersten 10 Seiten oder so wirklich ausführlich und verständlich in ein Thema einführen und erst danach wird es etwas komplizierter. Zum Beispiel hab ich damals das eine Paper von Chandrasekhar gelesen, in dem eine gute Einleitung zu Random Walks gegeben wird. Und neulich musste ich ein Paper über spatial networks lesen, ein Übersichtspaper, in dem dann sehr ausführlich die üblichen mathematischen Größen zu Netzwerken erklärt werden.
    Allerdings gebe ich zu, dass solche Paper nicht so leicht zu finden sind.

    • #17 Marcus Anhäuser
      1. März 2016

      Du hast ja offenbar Erfahrung mit Fachartikeln, daher sollten die Erklärung zur Struktur für sich trivial sein. Es sind aber mehr Erklärungen für menschen, die nicht so viel Erfahrungen haben. Und es ist auch nur ein allererster Versuch beschränkt auf die Struktur eines “Clinical Trias”. Dein Hinweis auf die Reviews ist gut, ich möchte gerne noch mehr Teile für dieses Projekt bauen, und darin sollen zum einen die verschiedenen Studientypen erklärt werden, zum andere aber auch die verschiedenen Artikeltypen. Die Strategie für den Einstieg ein Review zu lesen, nutze ich auch immer wieder, aber wieder Du auch schreibst, die sind nicht immer so leicht zu finden.