[langer Vorspann, das Wesentliche – die Liste mit den Podcasts der Sendungen – kommt weiter unten]

Im Journalismus wurde und wird in den letzten Jahren viel über longform journalism im Netz diskutiert, analysiert, entwickelt, kuratiert. Dabei ging es vor allem um das, was früher vor allem in Printprodukten als Reportagen u.a. veröffentlicht wurde. Es gab die Sorge, dass die langen, aufwändig recherchierten und produzierten Stücke im schnelllebigen, hektischen Netz zu kurz kommen. Zugleich kam die Frage auf, wie solche langen journalistischen Stücke die multimedialen Möglichkeiten im Netz nutzen könnten.

Inzwischen kann man sich da schon weniger Sorgen machen (auch wenn das noch nicht zu Ende ist, und der Ausgang offen). Wer lange Texte im Netz sucht, dem wird geholfen, der nutzt vielleicht Kuratierdienste wie Liesmich.me (hier mein Audio-Interview mit Macher Laurence Thio) oder Reportagen.fm. Für ausgiebige Langstrecken im Englischen haben sich Dienste wie longform.org oder die Leseapp Readabillity (mit der man auch eigene Fundstücke sammeln kann) etabliert (um nur zwei zu nennen). Die Sorge, dass es im Netz nur noch für kurzatmigem, oberflächlichen, auf Klicks ausgerichteten Journalismus reicht, führte letztlich auch zu einem Projekt wie Krautreporter (hier meine Kurzvorstellung dazu) und irgendwie auch correct!v.

Die Diskussion um Snow Fall (hier meine Einführung zum Thema) war der Startpunkt für einen die Möglichkeiten des Digitalen ausschöpfenden longform Journalismus, der inzwischen auch im deutschen Sprachraum regelmäßig zu üppig produzierten und aufwändig recherchierten journalistischen Stücken führt. Letztlich ist das rein digital erscheinende Wissenschaftsmagazin Substanz (hier meine Kurzvorstellung als Video) ein Ergebnis dieser Entwicklung (und auch als Folge nach der Frage der Finanzierung von Journalismus und dessen Monetarisierung, auch hier wäre correct!v zu nennen).

Und wenn – wie gerade aktuell – ein etabliertes Medium wie die Süddeutsche Zeitung auf den Zug der long reads aufspringt (mit seinem Projekt Langstrecke), dann wird es vielleicht langsam Zeit sich auch mal um ganz andere Bereiche des ausgiebigen Journalismus’ zu kümmern.

Spot on longform Audio

Lasst uns doch mal die Scheinwerfer ein wenig in einen anderen Bereich verschieben, der bisher – so mein Eindruck – noch ein wenig ein Schattendasein führt: Longform Audio, wobei ich den Begriff sehr weit fassen möchte, damit ich all das unterbringe kann, was ich in meiner Hörliste habe ;-).

Was gibt es da eigentlich? Nach allem was ich bisher weiß,  wird man da vor allem im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sender fündig, und zwar gar nicht zu knapp, denn durch die zahlreichen Landesanstalten bietet fast jeder Sender (oder zumindest einer der Sender innerhalb einer Landesanstalt) sein Reportage-Feature-Magazin-Hördingsbums. Der Nerv mit der föderalen Struktur entwickelt sich durch Internet, Podcasts und RSS zu einem echten Vorteil, weil man plötzlich aus dem Vollen schöpfen kann.

Wer also statt lang und ausführlich lesen und schauen hören will, dem kann ich folgende Audio-Sendungen empfehlen.

Die ÖR haben eine lange Tradition lange Formate im Radio zu präsentieren. Im privaten Podcastbereich gibt es zwar longform in Form langer Gesprächspodcasts (siehe dazu weiter unten), (aufwändiger) produzierte Sendungen habe ich bisher aber bis auf das erste Beispiel in der Liste noch keine gefunden. In USA gibt es da wesentlich mehr, die Struktur im Radiobereich ist aber auch eine andere. Ob das gut oder schlecht ist, kann man  ja mal diskutieren; zu nennen wären in den USA derzeit die Überflieger von This American Life, 99percent Invisible und andere des Radiotopia-Netzwerks, Serial, Radiolab und was sonst derzeit noch so durch die Decke geht in dem Bereich.

Hier also meine Liste mit Sachen zum langen Hören von zehn Minuten bis eine Stunde, vom monothematischem Politikmagazin, über aufwändig produzierten Geschichtsjournalismus (aká Kalenderjournalismus ) bis zur Wissenschafts- oder Kulturreportage (als besonderen Service liefere ich die URL für den RSS-Feed mit, dann könnt ihr die Sendung gleich in euren Podcatcher laden, falls Euch eine Sendung interessiert.). Für ein wenig Orientierung habe ich die Selbstbeschreibung der Sender dazu kopiert.

(Wer übrigens an Empfehlungen für einzelne längere Radiostücke interessiert ist, der sollte immer mal wieder bei der famosen Radiojournalistin Sandra Müller vorbeischauen, dort stellen Kollegen ihre Lieblingshörstücke vor: http://www.radio-machen.de/category/best-practice/)

Wer weitere Vorschläge für vergleichbare Sendungen hat, bitte in den Kommentaren posten. Da wir hier auf einer Wissenschaftsseite sind, habe ich die reinen longform-Wissenschaftssendungen bei den ÖR gleich nach vorne genommen.

Nachtrag 18.2.: Über Twitter verweist mich Henning Krause (@henningkrause) auf seine Liste zu Wissenschaftspodcasts, die zu ganz überwiegendem Teil aus Gesprächs-/Interviewpodcasts besteht: Wer in dem Bereich und in diesem Format was zum Thema Wissenschafts sucht, wird da sicher fündig: http://blogs.helmholtz.de/augenspiegel/2014/03/wissenschaft-auf-die-ohren-audiopodcasts

Wer darüber hinaus an Podcasts interessiert ist, der sollte sich z.B. Bei itunes umsehen oder eine Plattform wie Hörsuppe besuchen, die auch auf Sendetermine für Livepodcasts hinweist. Dort werden keine Podcasts der ÖR vorgestellt, sondern es geht um die Podcasts unabhängiger Produzenten.

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Kommentare (9)

  1. #1 Stefan Wagner
    https://demystifikation.wordpress.com/2015/02/10/haushaltsueberschuss/
    17. Februar 2015

    Auf der Metaebene http://metaebene.me/updates/ sind mehrere Podcasts von Tim Pritlove versammelt, unbekannt vom Chaosradio-Express. In der Regel aber länger als nur eine Stunde. :)

  2. #2 Marcus Anhäuser
    17. Februar 2015

    All die Gesprächspodcasts und Radiogesprächsrunden habe ich mal außen vor gelassen. Klar, was die Länge angeht, sind viele Gesprächspodcasts ungeschlagen. Mir ging es hier aber explizit um produzierte – oder soll man das enriched (angereichererte) Audio-Formate nennen? Das sind im einfachsten Fall gebaute Beiträge aus einem Sprechertext und Expertenzitaten, in der aufgehübschten Form aufwändig produzierte Storys mit Dramaturgie, viel O-Tönen usw.

  3. #3 Stefan Wagner
    https://demystifikation.wordpress.com/2015/02/10/januskopfe/
    17. Februar 2015

    Wahrscheinlich fast so bekannt wie fefes Blog dürfte der unregelmäßige, mit etwa 6 Sendungen im Jahr, Podcast alternativlos sein: http://alternativlos.org/

    Von fefe kann man leicht zum Thema Computer kommen. Dort gibt es eine wöchentliche Sendung die man aber vornehmlich mit Bild konsumieren wird: http://www.heise.de/ct/blog-ct-uplink-2176079.html CT uplink.

    Ca. einmal im Monat gibt es eine mehrstündige Blasphemiesendung “Ketzerpodcast”: https://ketzerpodcast.wordpress.com/tag/ketzerpodcast/

    Einen feministischen Podcast habe ich auch noch zu bieten, den Lila-Podcast: http://lila-podcast.de/

  4. #4 Stefan Wagner
    https://demystifikation.wordpress.com/2015/02/13/schweine-im-karneval/
    17. Februar 2015

    @Marcus, #2:

    Achso. :)
    Insbesondere Liste 2 ist in Punkt 1, 3 und 4 nicht journalistisch, aber Pritlove und CT würde ich schon so sehen. Angereichert ist es auch. :)

  5. #5 owo
    18. Februar 2015

    (Die Links von „WDR 5/3: Zeitzeichen (ca. 15 min.)“ zeigen auf DLF.)

  6. #6 Marcus Anhäuser
    18. Februar 2015

    @owo
    Gefixt, danke.

  7. #7 pikarl
    18. Februar 2015

    Als Macher von gebauten Features für den ÖR-Rundfunk höre ich sehr viele dieser “nicht angereicherten” Interviewformate. Und ich bin der Meinung: Viele davon sind viel viel besser als die meisten im ÖR-Rundfunk ausgestrahlten Interviews. Denn es sind ruhige Gespräche ohne Unterbrechung, ohne Nachrichten, Werbeblöcke, Eigenwerbung, Uhrzeitdurchsagen, Musik. Dazu sind die guten Gesprächspodcasts *genau* so lang, wie sie sein müssen: bis das Thema erschlagen ist. Nicht in die Länge gedehnt, um die Sendung zu füllen. Nicht am Ende abgewürgt, weil die Nachrichten kamen.

    Ich empfehle da dringend auch die Sendungen aus dem Hause Pritlove. Den Resonator-Podcast von Holgi für die Helmholtz-Gemeinschaft. Speziell zwei Folgen will ich hervorheben:

    Das Gespräch mit dem Klimaforscher Hans von Storch:
    https://resonator-podcast.de/2013/res019-kuestenforscher-hans-von-storch/

    Das Gespräch mit einem Audiologen zum Ohr – vier Stunden lang und jede Sekunde hochspannend. Der Mann erschlägt dabei die Evolution der Wirbeltiere – die sich am Ohr nachvollziehen lässt:
    http://cre.fm/cre206-das-ohr

    Ich mache nebenbei auch einen Interviewpodcast (http://podcast.pikarl.de), in dem ich nicht schneide und kann sagen: Bloß weil es Interviews sind, sind die nicht schlecht oder schlecht gehört. Inhaltlich habe ich den gleichen Anspruch an mich wie bei gebauten Beiträge. Vorbereitung, Gesprächsführung, die Darbietung im Blogsystem verschlingen viel Arbeit.

    Gebaute Features gibt es aus gutem Grund nicht von freien Podcastern: Die sind wirklich *sehr* viel Arbeit. An einer halbstündigen Sendungen arbeite ich wochenlang in Vollzeit. Der einzige freie Podcaster in deiner Liste (der grandiose Systemfehlr von Christian Grasse) hat sich für seine erste Sendung selbst ziemlich verausgabt, wie er im Interviewpodcast (sic!) “Der Lautsprecher” detailreich beschreibt:
    http://der-lautsprecher.de/ls014-podcasts-und-radio

  8. #8 Marcus Anhäuser
    19. Februar 2015

    @Karl den Link zur Lautsprecher-Folge habe ich mal hoch in die Nachträge genommen, weil ich da auch schon drauf verwiesen habe an anderer Stelle, und durch einen weiteren Link ergänzt zu einem ähnlichen Interview von Holger Klein mit Tilo Jung.

  9. #9 Lars Fischer
    19. Februar 2015