Da ja auch hier bei den Scienceblogs gerne und schnell mal über Wissenschaftsjournalismus und aktuelle Berichterstattung gejammert wird, (wohingegen sich kaum jemand meldet, um mal positive Beispiele vorzustellen), möchte ich das Video eines Vortrags meines Kollegen Volker Stollorz hier einbinden, in dem er das Verhältnis und die Schwierigkeiten von Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaft zueinander beleuchtet.

Ausgehend von der Berichterstattung zum Seralini-Paper (Gentechmäuse, Gentechmais und Tumoren) hinterfragt er die These, dass Wissenschaftsjournalismus lediglich der Übersetzer von Wissenschaft sein sollte, ob das überhaupt sinnvoll ist und ob wir nicht Besseres zu tun haben, als lediglich diese Vermittlerfunktion auszuüben.

Kurze Antwort: Natürlich nicht. Tatsächlich sollten wir kritische Begleiter sein, unabhängige Beobachter. Volker zitiert einen provokanten Satz englischer Kollegen, die das Verhältnis einmal so beschrieben: “Wissenschaftler sind für Journalisten, was Laborraten für Wissenschaftler sind.” Das ist schon eine etwas andere Vorstellung als die des unauffälligen, im Hintergrund agierenden “Translators” zwischen den Vertretern der Welt der Wissenschaft und den “normalen” Menschen da draußen.

Wenn das nur unsere Aufgabe sein sollte, dann braucht es ernsthafte Journalisten gar nicht, das kann die Wissenschafts-PR selbst schon ganz gut. Aber wollen wir das?

Zugleich geht Volker Stollorz auch kritisch mit der eigenen Zunft ins Gericht und benennt zum Beispiel sieben Todsünden des Wissenschaftsjournalismus, die er heutzutage wahrnimmt.

Es ist ein langer Vortrag, aber es lohnt sich, wie ich finde, zumal man etwas über Wissenschaftsjournalismus selbst lernt: Wie er tickt? Was ihn interessiert? Und warum die beiden Systeme Journalismus und Wissenschaft eigentlich so schlecht kompatibel sind (was immer wieder zu Missverständnissen führt).

 

Kommentare

  1. #1 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    23. November 2012

    Interessanter Vortrag. Die These, Wissenschaftsjournalismus sei eine Art Vertrauensagentur, wirft allerdings die Frage auf, warum im Wissenschaftsjournalismus “Vertrauen” der primäre Mechanismus zur Erzeugung von Akzeptanz sein soll und sein darf, während in der Wissenschaft Vertrauen ja eher eine Sekundärtugend ist, die daraus entsteht, dass Ergebnisse methodisch vernünftig generiert wurden und nachprüfbar sind.

    Das Anliegen mit den regionalen Versorgungsdaten, das Herr Stollorz am Ende anspricht, habe ich nicht verstanden. Vom Zentralinstitut der Kassenärztlichen Vereingung (http://www.versorgungsatlas.de/) oder von der Bertelsmann-Stiftung (https://faktencheck-gesundheit.de/) wird das schon gemacht, ganz abgesehen von den Angeboten an regionalen Versorgungsdaten in der Gesundheitsberichterstattung der Länder. Oder sieht er hier einfach nur einen neuen Gegenstand des Wissenschaftsjournalismus? Journalistisches Potential (“Nachrichtenwert”) hätte das Thema jedenfalls.

  2. #2 Ralph Ulrich
    24. November 2012

    Was ist grüne Gentechnologie?
    Gibt es blaue und gelbe?

    Ich kenne nur biologisch-evolutionäre, traditionell-züchterische und nano-wissenschaftliche Gentechnologie. Ist “grüne” Gentechnologie ein Propaganda Wort, also schlechter Journalismus?

    Hätten die Lebewesen im Laufe der Millarden Jahre nicht die Möglichkeit gefunden, sich beim Verdauen der Nahrung vor fremden Genen zu schützen, dann hätte es nie zu der evolutionären Ausdifferenzierung der Arten kommen können. Obwohl am Anfang des Lebens es wohl zu genetischen Verbindungen von verschiedenen Lebewesen gekommen sein mag bei Verdauversuchen. Es sind dann komplexere Einzeller entstanden. Also kann Gentechnik nicht ungesund sein in der Nahrung. Außer wenn durch Gentechnik Lebewesen zu Ansammlern ungesunder Stoffe, wie Schwermetall, mutiert werden …

  3. #3 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    24. November 2012

    @ Ralph Ulrich: Die Redeweise von der “grünen Gentechnologie” ist kein schlechter Journalismus, sondern nimmt Bezug auf eine gängige Einteilung der Anwendungsfelder der Gentechnik (grüne, rote, weiße, graue), siehe z.B.:
    http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2005/2005_04_07.pdf

  4. #4 Tobias Maier
    24. November 2012

    Interessanter Vortrag. Mir hat die Einteilung der Anlässe journalistischer Thematisierung gefallen und geholfen (ab min 16:45). Kann so auch auf Blogs angewendet werden.

    Zum “Datenjournalismus”: Da sind verschiedene Qualifikationen gefragt, die bislang nicht oft zusammen finden:
    1. Zu erkennen, welcher journalistische Wert jeweils in großen Datensätzen liegt.
    2. Die Analyse der Daten.
    3. Die Visualisierung.

    Zu Punkt zwei und drei hier ein Link mit einer Softwareliste.. Auch groß im Kommen: http://d3js.org/

    • #5 Marcus Anhäuser
      24. November 2012

      @Tobias
      Volker und ich kümmern uns schon geraume Zeit um Datenjournalismus, merken aber beide wie hart das Brot ist, zum einen weil es einfach eine Menge zu lernen gibt (nicht nur Visualisierung, sondern eben auch Daten bekommen, Daten verarbeiten usw.), Aufwand und Ertrag stehen selten in einem guten Verhältnis, vieles, was anfangs nach einer guten Story aussieht, bleibt auf halber Strecke stecken, wie man die Daten nicht so bekommt wie man dachte oder die Story kommt nicht so raus, dass man sagt: Ja, das ist eine spannnende Geschichte.

      Nichs desto trotz bin ich der Meinung, dass künftig Journalisten wissen sollten, was das ist und was man damit machen kann, für mir ein Grundhandwerk (aber es gibt eine heftige Lernkurve).

  5. #6 griesl
    25. November 2012

    was ist denn eine gute story ?
    für mich eine kontroverse.
    wie wärs mit wunder, homöopathie und placebo.

  6. #7 griesl
    25. November 2012

    das problem für wissenschaftler und journalisten ist doch das gleiche. sie benötigen geld um zu arbeiten.
    es kommt meistens von dritter seite. wie rechtfertigt man, dass diese gelder sinnvoll sind ? durch auflage und publikation. journalisten bauschen auf und wissenschaftler halten die meinung hinter der hand.

  7. #8 griesl
    25. November 2012

    “Ihr Kommentar wird moderiert.”
    mein hund wittert zensur ^^

    • #9 Marcus Anhäuser
      25. November 2012

      Pardon, ist ein reiner Selbstschutz vor Spam, beim ersten Mal wird noch moderiert, danach gehen die Kommentare sofort online.

  8. #10 Joseph Kuhn
    25. November 2012

    Noch ein Aspekt: Wissenschaftliche Publikationen beschränken sich in der Darstellung in der Regel auf den Forschungsgegenstand und den daran anknüpfenden Diskurs. Das soziale Umfeld, in dem eine Studie entsteht, wie sie finanziert ist, welche Forschungsgruppen aus welchen Gründen streiten etc. etc., d.h. all das, was für den Leser zur Einordnung einer Studie jenseits der reinen fachlichen Qualität auch sehr hilfreich ist, kann zeitnah fast nur vom Wissenschaftsjournalismus geleistet werden. Wissenschaftssoziologische oder -geschichtliche Analysen gibt es ja meist erst lange hinterher, wenn überhaupt. Schönes Beispiel: Der Artikel über Handy-Strahlen und Krebs in der aktuellen Wochenendausgabe der Süddeutschen.

  9. #11 Volker Stollorz
    Köln
    25. November 2012

    Lieber Herr Kuhn,
    zwei Anmerkungen zu Ihren Kommentaren: wenn Journalisten Vertrauensvermittler sind, dann ist damit mit gemeint, dass die Unterscheidung Vertrauen/Misstrauen lautet, das heißt Wissenschaftsjournalismus entzieht Vertrauen in Wissenschaft, wo diese Misstrauen verdient, etwa bei Forschungsfälschung oder im Modus der Wahrheitsinflation, wo Werbung den Wahrheitscode der Wissenschaft ersetzt. Aber es kann auch sein, das WJ Vertrauen vermittelt, wenn eine neue Entdeckung etwa ein Problem löst. Einen Überblick zu dieser Theorie gibt´s bei Matthias Kohring, vom dem die Theorie Vertrauen in Wissenschaftsjournalismus stammt: http://www.nnv.at/sites/default/files/buch-dateien/sciencePop_3_kohring.pdf
    Was die Qualität der medizinischen Versorgung angeht, geht es m.E. um eine unabhängige Beobachtung der Versorgungssituation, nicht als Wissenschaft und Qualitätssicherung, sondern als Themenfeld für Geschichten, die regionale Auffälligkeiten anhand von Daten überprüft und nach Gründen sucht. Extremwertbetrachtung etwa. Das Problem ist weniger, das der WJ das nicht kann, sondern dass die entscheidenden Daten oft nicht verfügbar sind. Auch hier gilt: Natürlich kann Journalismus der Qualitätskontrolle der Medizin a lá Aqua-Institut vertrauen. Aber Wissenschaftsjournalisten könnten auch versuchen, Daten selber zu überprüfen, die nicht bekannt werden sollen. Das ist möglich, es braucht aber Datenjournalismus-Kompetenz, um solche Spuren zu verfolgen. Es handelt sich daher um ein neues Werkzeug im WJ, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Um es kurz machen: WJ beobachtet Wissenschaft unabhängige, damit sich das Publikum im Bezug auf Wissen besser orientieren kann. Das wäre die Idee, die immer wieder bestritten wird, Wie diese Idee umgesetzt werden kann in der Praxis, ist eine ganz andere Fragen.

  10. #12 Joseph Kuhn
    25. November 2012

    @ Volker Stollorz: Danke für den Link. Was Kohring zu Beginn mit “Wissen über die Wissenschaft” anspricht, meinte ich übrigens mit meinem letzten Kommentar und dem Beispiel aus der SZ.

    Dass die “Vertrauensagentur” in beide Richtungen arbeitet (Vertrauen hinterfragen, Vertrauen vermitteln), ist mir schon klar. Es bleibt aber die Frage, warum das nicht innerhalb des Wissenschaftssystems geleistet werden kann, so weit die Kriterien der Gewährung bzw. des Entzugs von Vertrauen wissenschaftlicher Art sind. Wissenschaftsjournalismus soll ja nicht das peer review doppeln. In den Worten Kohrings: “Journalismus richtet sich in seiner Selektion prinzipiell nicht an den Relevanzkriterien des gerade beobachteten Systems aus, sondern immer an den Relevanzkriterien der gesellschaftlichen Umwelt dieses Systems.”

    Erbringt der Journalismus an dieser Stelle also eine andere Leistung als das peer review? Oder präsentiert er die gleiche Leistung nur anders? Da scheint mir im Verhältnis von journalistischer und wissenschaftlicher Wissenschaftskritik etwas noch nicht zu Ende gedacht (ohne dass ich eine Antwort anzubieten hätte).

    Die “Gesundheitsberichterstattung” (verstanden als terminus technicus der in den Gesundheitsdienstgesetzen der Länder formulierten Datenaufbereitungsaufgabe) steht an dem einen oder anderen Punkt übrigens vor ganz ähnlichen Fragen.

  11. [...] mit Volker Stollorz (auf dessen interessanten Vortrag über Wissenschaftsjournalismus ich kürzlich hier verwies.) Da wir das Interview im Dezember geführt haben und ich die kurze Einleitung einen Tag später [...]