Eine kurze Geschichte aus Anlass des Todes von John Maddox, dem zweimaligen Chefredakteur von Nature. Kevin Davis beschreibt in seinem Buch “Die Sequenz” eine Szene, die jeden überrascht, der glaubt, Nature und ähnliche Magazine ginge es nur um das Veröffentlichen der besten Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung. Es gibt auch Auswahlkriterien für eine Veröffentlichung, die sich so gar nicht von denen der Boulevard-Medien wie der BILD oder der englischen Sun unterscheiden (und natürlich allen anderen journalistischen Produkten). ;-)

Auf Seite 15 schreibt Davies in seiner Einleitung:

“Eine ganze Reihe spannender Artikel ging bei der Nature-Redaktion ein, und viele ergebnisreiche Arbeiten mussten zurückgeschickt werden. Einmal schlug Maddox bei seinen Biologie-Redakteuren auf den Tisch, weil sie einen Artikel abgelehnt hatten, der über die Kartierung eines Gens für eine erbliche Form der sogenannten Lou-Gehrig-Krankheit (Amyotrophische Lateralsklerose) berichtet hatte. “Wir müssen an den ‘David-Niven-Faktor’ denken”, sagte er (der elegante britische Schauspieler war dieser Rückenmarkserkrankung zum Opfer gefallen), denn schließlich sei es das Geschäft von Nature, “Magazine zu verkaufen”.

Kommentare (5)

  1. #1 Georg Hoffmann
    15. April 2009

    Aehh. So ganz verstehe ich jetzt den Punkt nicht. Was ist denn daran erstaunlich? Dasselbe gilt genau so fuer das “International Journal of boring details nobody ever wanted to know”. Alle alle muessen verkauft werden und in den schwarzen Zahlen bleiben: Nature, Springer, Elsevier etc etc. Ein Freund von mir ist im AGU Praesidium. Die Agu gibt mehrere Zeitschriften raus, alle mit guter bis sehr guter Reputation. Und wenn auch die Assoziation in gewissen Grenzen bereit ist ein paar Zuschuesse den Zeitschriften zukommen zu lassen, alle alle muessen verkauft werden, sonst geht’s nicht.

  2. #2 Marcus Anhäuser
    15. April 2009

    @Georg
    als ich 2001 das Buch las, fand ich das eine bemerkenswerte Anekdote, und ein Aspekt, den ich mir damals eigentlich nie so bewusst gemacht hatte. Den Aspekt “Auflagensteigerung durch den Celebrityfaktor” hatte ich bei einem der wichtigsten Wissenschaftsmagazine der Welt irgendwie nicht erwartet. Bis dahin dachte ich, irgendwie automatisch, es geht nur um die hehre Wissenschaft. Qualität der Forschung sei das Kriterium. Man lernt eben immer dazu.

    Und wer weiß, vielleicht gibt es auch heute noch Leser, die sich das noch nicht so bewusst gemacht haben. Oder es manchmal auch vergessen.

  3. #3 Marcus Anhäuser
    15. April 2009

    Zusatz: Sagen wir mal so: Die Anekdote reißt so ein bisschen eine idealisierte Sicht auf den Wissenschaftsbetrieb ein, die man sich mal in einer bestimmten Phase seines Wissenschaftler/Wissenschaftsjournalismus-Dasein aufgebaut hat. Das muss man ja auch erstmal alles lernen, dass das nicht so ist. Zumindest war das bei mir so. Is nur ´ne Anekdote, ich will´s nicht überbewerten.

    Ist wahrscheinlich auch typisch für Maddox gewesen, der ja auch als Journalist beim Guardian gearbeitet hat. Er hat Nature wohl ziemlich Feuer unterm Hinter gemacht.

    In der NYT wird das so beschrieben:

    “John Maddox, who turned the British journal Nature into an internationally influential showcase for the most recent developments in scientific research (…), while bringing a sense of fun and an appetite for spirited argument to its formerly staid pages, died Sunday in Abergavenny, Wales.”

    “In 1966, Macmillan, the book publisher, asked him to take over the editorship of Nature, an esteemed but creaky journal badly in need of the kind of invigoration that Mr. Maddox was only too happy to provide.

    In short order, Mr. Maddox cut down on the backlog of submissions, accelerated the pace at which manuscripts were accepted and edited, (…) Articles were ruthlessly edited to ensure readability and clarity.

    He injected a new sense of urgency into proceedings. Nature became newsier, aquiver with the sense of exciting scientific developments just around the corner.

  4. #4 Georg Hoffmann
    15. April 2009

    @Marcus
    Sicher muessig sich darueber zu streiten, ob man darueber ueberrascht sein sollte. Ich seh das relativ desillusioniert. Der Prozess als Ganzes funktioniert, weil Wissenschaftler aufhoeren werden, Nature zu lesen, wenn zuviel Hype drin ist. Die Relation zwischen “Hey das ist Neu” und Qualitaet muss auf die Dauer stimmen, sonst geht ein Wissenschaftsjournal unter. Der einzelne Artikel aber kann beliebig aus der Reihe schlagen.
    Ich habe bei diesem Artikel nichtmals im Ansatz verstanden, warum er bei Science erschienen ist: Gut geschrieben aber absolut ALLES bereits von anderen gemacht und gesagt.http://www.scienceblogs.de/primaklima/2009/01/food-crisis.php
    Er wurde genommen, weil es nach Katastrophe roch, anders kann ich mir das nicht erklaeren.

  5. #5 Marcus Anhäuser
    15. April 2009

    @Georg
    jo, seh ich genau so. Ich glaube, es ist wichtig, dass man damit rechnet. Auch Nature und Science machen Sachen, um Publicity zu bekommen. Trivial, wenn man es weiß, aber in jungen Jahren ist der Idealismus noch größer.