Es ist nun bereits mehr als einen meinerseits post-losen Monat her, dass ich vom “Ersten Status Symposium der Initiative Evolutionsbiologie der Volkswagen Stiftung” in Münster zurückgekehrt bin.
Sehr großen Eindruck hat auf mich Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am UCL gemacht. Dies ist erstaunlich, da, ganz entgegen meinem derzeitigen Interessen, nicht Methoden oder Resultate im Mittelpunkt seiner Ausführungen standen, sondern ehre philosophische und gesellschaftliche Themen.

Sommers Kern-Aussage in einer langen Diskussion nach dem Abendessen war, dass nicht die “Wahrheit”, sondern die “Plausibilität” einer wissenschaftlichen Aussage diskutiert werden solle. Die Wahrheit sei ein philosophisch zu schwieriger [1] Begriff. Davon kann man sich schnell auch im Wikipedia-Artikel zu “Wahrheit” ein Bild machen. Man kann mit der Wahrheit daher gerade im Gespräch mit Kreationisten sehr schlecht argumentieren; jeder entscheidet selbst wie und wo er seine Wahrheit sieht.

Für Plausibilität gefällt mir außerdem auch die Wikipedia-Definition so gut, dass ich mich dem vollkommen anschließe. Von nun an erachte ich meine Sicht der Dinge -wenn ich das Gefühl habe einen kleinen Teil wissenschaftlicher Erkenntnis nachvollziehen zu können- nicht mehr als “wahr”, sondern als “plausibel”.

Es kommt laut Definition darauf an, dass man versteht und verstanden wird, dass man Standpunkte versucht nachzuvollziehen und nachvollziehbar darlegt. Eine ähnlichen Ansatz hat Jürgen Schönstein mit der Unterscheidung von Glauben (an Dogmen) und Vertrauen (in wissenschaftliche *Plausibilität*) schon dargestellt.

[1] Es zeigt bestimmt nur meine Ignoranz und Verständnisschwierigkeiten durch die ungewohnte Sprache, dass ich viele philosophische Standpunkte nicht nachvollziehen kann und daher als unplausibel erachte.

Kommentare (12)

  1. #1 Marcus Anhäuser
    Mai 5, 2009

    mhm, aber ist das nicht ein vergleichsweise schwacher Begriff. Ich habe ihn bisher immer nur dann genutzt, wenn z.B. jemand eine Annahme äußert, die noch nicht genauer überprüft ist, oder die ich gerade nicht überprüfen kann.
    “Das klingt plausibel.” (müsste ich aber erstmal noch überprüfen.)
    Wie die Wikipdia ja sagt: es geht um Annäherung, und mir scheint um eine grobe Annäherung. Von grober Annäherung würde ich aber bei vielen wissenschaftlichen ergebnissen nicht sprechen, oder?

  2. #2 Gunnar Ries
    Mai 6, 2009

    Ich kann mich dem schon anschliessen. Der Wahrheit selber können wir Wissenschaftler uns ja nur annähern, wie grob auch immer. Wahrheiten sind für mich in der Wissenschaft nicht zu finden und eher eine Sache der Religionen. Möglicherweise muss man aber in Diskussionen mit manchen Leuten darauf hinweisen, dass der Begriff volkstümlich leicht anders besetzt ist. Aber das kennen wir ja mit dem Begriff Theorie schon zur genüge.

  3. #3 adenosine
    Mai 6, 2009

    Nach meiner Meinung kann man das nicht unabhängig von der Wahrscheinlichkeit sehen. Plausibel können schon Vermutungen sein, deren Wahrscheinlichkeit bei 90% liegen. Wahrheiten beginnen nach meinem Gefühl in dem Bereich, wo die Wahrscheinlichkeit eines Irrtum im Bereich < 1E-10…1E-15 liegen. Das man nach unten fällt, wenn man aus dem Fenster springt, ist eine derartige Wahrheit. Auch die ET liegt wie viele andere Naturgesetzte in diesem Bereich. Für die Existenz schwarzer Löcher gilt das noch nicht, obwohl sie plausibel sind.

  4. #4 fatmike182
    Mai 6, 2009

    Dass die breite Bevölkerung ein falsches Bild von der Wissenschaft hat ist ohnehin klar, deswegen Scheinbegriffe wie Wahrheit und Beweis zu verwenden macht die Sache zwar glaubwürdiger (für die BILD/Krone-Leserschaft) aber den Umgang mit der Materie schwieriger.
    Ob man durch das Substitiueren von (Relativitäts-)Theorie/Paradigma/.. durch Wahrheit/Beweis/Dogma vor Behauptungen wie “Relativitätstheorie widerlegt!!!1111einself” in oben genannten Medien gefeit ist glaube ich nicht (btw ist der Theoriebegriff mMn in der Physik positiver besetzt als in der Biologie. In der Physik können verschiedene Theorien koexistieren die gleiche Sachen erklären – zB Quantengravitation & co – ohne verfeindet zu werden; in der Biologie versucht man leider so schnell wie möglich ein quasi dogmatisches Paradigma zu schaffen, ein einziges)
    Wer Wahrheit sagt muss auch Betrug/Lüge sagen. Wer Theorie/Paradigma sagt muss nur Paradigmenwechsel sagen & gut isses!

  5. #5 Jörg Friedrich
    Mai 6, 2009

    Es ist richtig, dass der Begriff der Wahrheit, weinn man genau hinsieht, schwierig ist, aber welcher begriff ist das nicht? Plausibilität ist nicht einfacher, vor allem kann für verschiedene Menschen ganz unterschiedliches “plausibel” sein, für manche ist es plausibel, dass es nur ein Gott gewesen sein kann, der die Welt geschaffen hat, wie sie ist, für andere sind Verschwörungstheorien plausibel. Ich glaube, hier ist mit plausibel “der Erfahrung nicht widersprechend, durch Erfahrungen gestützt und rational begründbar” gemeint.

    Man muss aber nicht mit den philosophischen Wahrheitstheorien anfangen und sich da die “richtige” auszusuchen versuchen, wenn man die Frage des Verhältnisses von Wahrheit und wissenschaftlicher Theorie untersuchen will. Man kann auch von dem Alltagsverständnis des Begriffes ausgehen. Die Frage ist dann, ob man von wissenschaftlichen Theorien “Wahrheit” oder eine so verstandene “Plausibilität” verlangen sollte – und man merkt dann eben schnell, dass man die Wahrheit einer Theorie nicht endgülitig feststellen kann. Das scheitert an verschiedenen Stellen, z.B. an der endgültigen Nachweisbarkeit der Existenz der theoretischen Entitäten, die nicht unmittelbar beobachtbar sind (beliebtes Beispiel sind die Elementarteilchen) oder auch an der Frage, ob die gefundenen Gesetzmäßigkeiten nun wirlich in der Natur so wirken wie wir sie in der Theorie beschreiben. Oft wissen wir ja sogar, dass diese gesetze nur Näherungen für etwas sind, was uns nie ganz bekannt sein wird.

    Deshalb kamen Wissenschaftstheoretiker schon in den 1930ern darauf, dass die Forderung nach “Wahrheit” eigentlich sinnlos ist. Aber auch “Plausibilität” in der bedeutung des täglichen Sprachgebrauchs ist keine gute Forderung, weil Plausibilität immer eine persönliche Entscheidung ist. Wem ist schon der Welle-Teilchen-Dualismus wirklich “plausibel” oder die Tatsache, dass “Lichtstrahlen” an Mediengrenzen “gebrochen” werden?

    Entscheidend für wissenschftliche Theorien ist heute für viele Wissenschftstheoretiker (ich selbst gehöre alledings nicht dazu), dass Theorien empirisch adäquat sind. Der zentrale Satz in Baas van Fraassens “The scientific image” dazu war “Science aims to give us theories which are empirically adequate; and acceptance of a theory involves as belief only that it is empirically adequate.”

  6. #6 Ingo B.
    Mai 6, 2009

    Popper und Carnap, nur Deduktion oder auch Induktion möglich? – alte Diskussion. Jedenfalls: Wahrscheinlichkeitsurteile (bezüglich von Induktionen) sind doch auch schon ganz gut.

  7. #7 Emanuel Heitlinger
    Mai 7, 2009

    @Marc A.: “Das sollte man weiter genau überprüfen” ist doch genau das was eine gute, plausible Hypothese ausmacht.

    @adenosine: 90%, 95%… passt! plausibel!

    Ich denke, dass die Verwendung der von “plausibel” in einer Diskussion gerade deshalb besser funktioniert, da es im allgemeinen Sprachgebrauch eine schwächere Bedeutung hat. Wer die besseren Argumente hat braucht diese nicht hinter der eigenen Bewertung verstecken. Am überzeugendsten wäre man wahrscheinlich sogar, wenn mann alle – auch die Argumente der Gegenseite – ganz objektiv darstellen könnte… kann aber niemand.

  8. #8 Ingo B.
    Mai 7, 2009

    naja, solche Dinge kann man aber auch leicht ad adsurdum führen:

    “Es ist ziemlich plausibel, daß ich mich in einer bestimmten Geschwindigkeit Richtung Erde bewege, wenn ich bei Flughöhe 1000 Meter ohne Falschirm aus dem Flugzeug springe.”

    ja: “ziemlich plausibel”.

  9. #9 Emanuel Heitlinger
    Mai 7, 2009

    ja stimmt Ingo, und besonders mein Kommentar von gestern Nacht war etwas “weichgespühlt”. Aber keine Angst ich werde weiterhin nicht mit meiner Meinung hinterm Berg halten, wenn du in meinen Augen mal wieder aus 1000 Metern ungebremst in eine Fehlinterpretation krachst :-).

  10. #10 Ingo
    Mai 7, 2009

    🙂

  11. #11 dvizard
    Mai 9, 2009

    Hierzu möchte ich nur einen Hinweis auf einen Artikel geben, der den Begriff “beweisen” diskutiert: http://www.skeptic.com/eskeptic/07-12-05#feature .

  12. #12 schrauber2
    Mai 9, 2009

    Aussage: Das weiße Einhorn hat Flügel. Daher kann es fliegen.

    Ist die Aussage plausibel? Ja. Ist sie wahr? Ja, sofern ich an die Existenz weißer Einhörner glaube.

    “Wahrheit” ist doch eng an das jeweilige Welbild geknüpft. Ohne diese Verknüpfung ist der Begriff ohne Kontext.
    Für mich als rationalen Menschen, der die Existenz der Welt nicht leugnet und die Unabhängigkeit dieser Welt vom eigenen Denken voraussetzt, ist so etwas wie Wahrheit (oder sollte man speziell hier Objektivität sagen?) mit der Wissenschaft zu finden. Oder anders ausgedrückt: Für mich ist eine mutmaßlich objektive Aussage über die Welt = Wahrheit.

    Andere Weltbilder finden andere Wahrheiten auf anderen Grundlagen. Ob diese Objektivität enthalten, steht dabei nicht zur Debatte, da diese Menschen andere Methoden zur Wahrheitsfindung benutzen.
    Die Diskussion führt ins Endlose ohne klar definierten Rahmen und weltanschauliche Bekenntnisse.

    Plausibilität hat was Logik und Kausalität zu tun, Wahrheit ist eine Aussage auf Grund einer Weltanschauung. Plausibilität ist zwar weltanschaulich neutral, führt aber nicht zwanghaft zur Objektivität – siehe die Einhörner.

    Sogar Gläubige argumentieren in ihrem Weltbild logisch (wenn auch mit Wundern) und stellen Kausalitäten her. Sie kommen damit auch zu einer wahr-Aussage. Mir erschließt sich daher nicht, was an einem Plausibilitätsbegriff eindeutiger sein soll als an einem Wahrheitsbegriff.
    Wenn man jetzt in seinem Weltbild den Begriff Wahrheit mit Plausibilität ersetzt, erkennt man nur an, daß es andere Wahrheiten (oder keine bzw. endgültige) gibt, was natürlich ein richtiger und konsequenter Schritt sein kann. Aber öffnet man damit nicht auch der Beliebigkeit Tür und Tor, in dem man nicht zu seinem Weltbild steht?