Ordnen Sie die folgenden Tiere evolutionsgemäß einer chronologischen Reihenfolge zu:

  • Fisch
  • Salamander
  • Frosch

Die Antwort ist meistens folgende: 1) Fisch, 2) Frosch, 3) Salamander. Dabei steckt da selbstverständlich ein gedanklicher Fehler drin. Bei allen handelt es sich um rezente, also heute lebende Tierarten, und keine stammt von einer der anderen ab. Richtig wäre folgende Reihenfolge:

Fisch Frosch Salamander

Oder auch:

Salamander Fisch Frosch

Die Reihenfolge ist beliebig, Hauptsache ist dass alle nebeneinander stehen. Der Grund warum eine Abfolge von Wasser zu Land aber so intuitiv erscheint, ist weil es so in der Schule, in den Medien und zuletzt in einer Zeitschrift, die ich in der Bahnhofsbuchhandlung gefunden habe, gelehrt wird: GEOkompakt, Nr. 23: Evolution. Klar, dort handelt sich dabei nicht um rezente Arten, sondern vernünftigerweise um deren Urahnen, die aus dem Wasser steigen um an Land ein neues Heim zu gestalten. Aber selbst bei vorsichtigem Umgang mit dem Thema besteht die Gefahr einer Vereinfachung bis hin zur Karikatur.

GeocoverAuf die Gefahr hin eine uralte Diskussion loszutreten: Evolution ist kein gerichteter Prozess vom Einzeller im Wasser bis hin zur Krone des Lebens, dem Mensch. Es gibt immer noch Einzeller im Wasser, und den Mensch gibt es erst seit ein paar Millionen Jahren. Diese Richtungsweisung findet sich auch in dem neuen GEO Sonderheft. Den Überschriften nach beginnt es mit „Der ersten Zelle”, und geht über das „Erfolgsmodell Skelett” und dem „Fisch mit Beinen” ans Land zum glänzenden Finale, dem „Triumph der Säuger”. Man mag den Menschen als Triumph gerne sehen, sind wir doch die ersten aller Tierarten die (unter anderem) das iPhone erfanden, aber aus evolutionsbiologischer Sicht sind die eigentlichen Herrscher der Welt … die Bakterien. Ihre Biologie erlaubte es ihnen seit ca. 4 Milliarden Jahren zu existieren. Und auch heute gibt es kaum einen Ort auf der Welt (und in unserem Körper), der nicht von Bakterien besiedelt wurde. Und nicht zuletzt: Wir alle sind Nachkommen von Bakterien. Ich denke im evolutionistischen Vergleich schneidet der Mensch hier schlecht ab.

Dieses Argument bildet den Kern des Buches „Illusion Fortschritt” von Stephen Jay Gould. Erschienen 1996 ist es immer noch höchst relevant und interessant zu lesen. Besonders wenn man Interesse an Baseball hat, denn aus diesem Bereich nutzt Gould eine faszinierende, wenngleich auch nicht in jeder Hinsicht treffende Analogie. Der kompliziertere Teil des Buches behandelt jedoch die Frage nach Komplexität und Fortschritt. Gibt es eine Tendenz zu immer fortschrittlicheren und somit komplexeren Lebewesen? Gould argumentiert, dass Komplexität ein Nebeneffekt sei. Zu Beginn war alles Leben notwendigerweise simpel. Von dort gab es nur eine Richtung: Höhere Komplexität. Und am rechten Rand der Kurve ansteigender Komplexität findet sich der Mensch. Wir sind weit vom Mittelwert entfernt, und aus statistischer Sicht sind wir noch nicht mal in der Nähe der Standardabweichung. Wir sind „ein zufälliges Ergebnis eines unvorhersehbaren Prozesses ohne Drang zur Komplexität”. Die Mehrheit des Lebens auf der Welt ist aus unserer Sicht alles andere als komplex.

Doch eben dieser Gedanke bringt uns wieder zurück zu GEO. Goulds Argument war, dass sich Lebewesen generell nicht zu komplexeren Formen hin entwickeln (er hat sogar Beispiele für einen entgegengesetzten Trend). Und dabei macht er den gleichen Fehler wie GEO – er schaut sich Evolution aus unserer Sicht an. Was ist Komplexität überhaupt? Richard Dawkins hat in seiner Kritik von Goulds Buch das Ganze wesentlich eloquenter formuliert: Komplexität ist eine „Ansammlung von Anpassungen an den jeweiligen Lebensraum”. Durch fortwährende Anhäufung von Merkmalen im Laufe der Evolution wird jedes Lebewesen zwangsläufig komplexer als seine Vorfahren. Vorausgesetzt, man betrachtet es nicht nur aus unserer Sicht.

Was mich nun an der neuen GEOkompakt stört ist die fehlende Objektivität bei der Behandlung des Themas Evolution. Große evolutionsgeschichtliche Epochen werden immer nach den Neuankömmlingen benannt („Die Zeit der Reptilien”, „die Zeit der Menschen” etc.), wobei vergessen wird dass andere Klassen weiterhin existieren und durchaus interessante Veränderungen durchmachen. Durch das Auftauchen der ersten Amphibien-ähnlichen Tiere haben Fische schließlich nicht plötzlich aufgehört, sich weiter zu entwickeln. Doch durch diese Darstellung gewinnt man als Leser immer den Eindruck, dass wir am Ende einer „Evolutionsleiter” stehen. Es ist schade dass Medien nicht mittlerweile davon Abstand nehmen und uns an der Stelle zeigen wo wir eigentlich sind, irgendwo inmitten vom faszinierenden Baum des Lebens, oder wie Gould es beschreibt: in der Komplexitätskurve ganz unten rechts.
Die Komplexität der Lebewesen

Kommentare (35)

  1. #1 Florian Freistetter
    Juni 29, 2010

    Hey – Willkommen! Und gleich noch ein super Artikel zum Einstieg…

  2. #2 Marcus Anhäuser
    Juni 29, 2010

    Hallo NIls,

    herzlich willkommen. Das ist ja direkt mal ein schönes Thema. Das Buch habe ich auch gelesen, tolles Buch. Mir hat der Vergleich mit dem Betrunkenen auf dem Bürgersteig sehr gut gefallen. Der Betrunkene schwankt in Richtung Straße (Komplexität), weil ihn eine Wand daran hindert in die andere Richtung zu laufen (Einfachheit). In die Richtung gehts einfach nicht weiter, es bleibt nur die Straße.

  3. #3 ZielWasserVermeider
    Juni 29, 2010

    Ich sach dann auch mal:
    Herzlich willkommen:)

    Zum Artikel:
    “If we evolved from monkeys, why are ther sitll monkeys”
    …eine beliebte Floskel der Creationisten und Gegner der Evolutionstheorie.

    Gruß
    Oli

  4. #4 Nils Cordes
    Juni 29, 2010

    Danke für die netten Kommentare. Ist ganz schön spannend wenn es dann tatsächlich hier los geht. Aber ich denke mal in ein paar Wochen bin ich dann auch schon ein alter Hase. Ich bin gespannt …

  5. #5 Jörg Friedrich
    Juni 29, 2010

    Herzlich willkommen auch von mir. Ein interessanter Artikel. Und endlich mal ein Zitat von Dawkins, dass neugierig auf den Rest seines Textes macht.

  6. #6 JensM
    Juni 29, 2010

    Danke für den guten Artikel den ich so nur unterschreiben kann (was nicht viel bedeutet, da ich Laie bin).

    Ich weiß leider nicht mehr in welchem Buch ich es gelesen habe (entweder “Darwin und die Götter der Scheibenwelt”, “Die Gelehrten der Scheibenwelt” oder “Die Philosophen der Rundwelt”) aber dort wurde von einem Konzept geschrieben, dass sich am einfachsten als “Lügen für Kinder” bezeichnen lässt.

    Dort wird erklärt, dass viele Sachverhalte zunächst bewußt falsch aber dafür einfach vermittelt werden, um dann später auf diesen Grundlagen aufzubauen. Das birgt natürlich das Risiko, dass sich falsches Wissen verbreitet.

    Daran muss ich bei deiner Kritik der GEOkompakt denken. Es wird in der GEO bewußt ein einfaches (falsches) Bild der Evolution gezeichnet um so auch die zu erreichen, die sich damit bisher noch nicht auskennen. Auf dieser Grundlage aufbauend kann dann eine Korrektur mit gleichzeitiger Vertiefung in den Stoff stattfinden (z.B. hier in deinem Blog).

  7. #7 Stefan Taube
    Juni 29, 2010

    Leute es sind die Ameisen! Wir leben im Zeitalter der Ameisen! Gibt es eine dominantere mehrzellige Lebensform als Ameisen?

    😉

  8. #8 miesepeter3
    Juni 29, 2010

    @Niels Cordes

    “Was mich nun an der neuen GEOkompakt stört ist die fehlende Objektivität bei der Behandlung des Themas Evolution.”

    Welche Obkektivität? Jeder der etwas schreibt, untersucht, feststellt hat ein Mindestmaß an Subjektivität. Lassen wir doch mal einen Fisch über die Evolution schreiben. Welche Lebensform ist da wohl die Krönung der Schöpfung?
    Überraschung ! ! ! Der Fisch ! !

  9. #9 kereng
    Juni 29, 2010

    Ordnen Sie die folgenden Tiere evolutionsgemäß einer chronologischen Reihenfolge zu:

    Fisch
    Salamander
    Frosch

    Die Antwort ist meistens folgende: 1) Fisch, 2) Frosch, 3) Salamander. Dabei steckt da selbstverständlich ein gedanklicher Fehler drin. Bei allen handelt es sich um rezente, also heute lebende Tierarten, und keine stammt von einer der anderen ab.

    Da es sich eben nicht um Tierarten handelt, interpretiere ich die Frage so, dass nach dem ersten Auftreten einer Tierart aus den drei Gruppen gefragt ist.

  10. #10 Ludmila
    Juni 29, 2010

    Hallo Nils, herzlich willkommen. Wie gefällt Dir diesbezüglich “Krone der Schöpfung blablablub” dieser radial tree of life? Wär das ne konkrete Alternative zur Veranschaulichung?

  11. #11 Christian
    Juni 29, 2010

    Sicher sind wir nicht das Ende der Fahnenstange. Der Entwicklungsprozess, der sich aus einem Versuch der Natur heraus entwickelte “mit Verstand zu überleben” ist niemals beendet.
    Der Mensch ist unvollkommen- Denn es ist ja auch so, das der Mensch in Anbetracht seines Verstandes doch schnell altert, und anfällig für vielerlei Krankheiten ist. Von perfekt sind wir weit entfernt, zumal uns die Tierwelt zeigt das es viele Lebewesen gibt die dem Menschen hier haushoch überlegen sind.

    Es ist eine Frage der Lebensumstände, wie wir uns weiterentwickeln. Das wir zukünftig wohl älter werden, größer und unsere Haarpracht verlieren steht außer Frage.

    Da für unsere erforderlichen Denkleistungen der Evolutionsprozess nicht ausreicht, genausowenig wie die Anpassung des Stoffwechsels an ein übergroßes Nahrungsangebot, wird der Mensch zunehmend nachhelfen.
    Wo das hinführt, ist unabsehbar. Irgendwo hin sicherlich- Aber der künstliche Mensch, der sich schlecht ernährt und von der Natur immer weiter abkapselt ist unser heutiger Weg.

    Am Ende der Evolution steht der Mensch sicher nicht. Unsere Spezies ist nur deswegen so absonderlich, da bislang keine andere diesen Weg erfolgreich beschreiten konnte.
    Wir sind also eher ein Sonderling als die Krone der Schöpfung. Da gibt es sicher noch komplexere und vor allem in unserem Sinne perfektere Lebewesen (In jeglicher Hinsicht) als den Menschen. Wenn auch bezüglich der Intelligenz nicht auf der Erde.

  12. #12 Nils Cordes
    Juni 29, 2010

    @miesepeter3:
    Genau darum geht es. Wir kennen unsere Rolle in der Geschichte der Welt/des Lebens. Und es wäre doch mal interessant darüber zu schreiben welche Rolle das ist (siehe Kommentar von Ludmilla). Wir haben uns nicht Millionen von Jahre entwickelt um die Welt zu erobern. Wir existieren bisher in nur einem klitzekleinen Teil der Erdgeschichte und sind quasi eine Randgruppe (die sich zugegebenermaßen ziemlich breit gemacht hat). Aus evolutionsbiologischer Sicht sind wir nicht das, worauf alles hingelaufen ist. Und wenn wir das doch wissen, warum schreiben wir sowas dann nicht auch in einer bekannten Zeitschrift?
    Um GEO aber auch zu verteidigen, die Ausgabe ist schön gemacht mit vielen interessanten Artikeln. Und die Einzeller und frühen Mehrzeller bekommen beide viele Seiten Platz. Ich hätte mich nur gefreut wenn die beeindruckendsten Eigenschaften der Evolution, die Prozesse die auch heute noch wirken, besser dargestellt würden. Stattdessen ist die neue GEOkompakt quasi identisch mit dem alten Buch über die Geschichte „vom Einzeller zum Mensch“, das ich schon vor 20 Jahren gelesen habe.

    @ kereng:
    Du hast natürlich recht, es sind keine Tierarten. Mein Fehler. Vielmehr sind es die typischen Gruppen (oder in zwei der drei Fälle hier: Ordnungen), die bei solchen Umfragen immer genannt werden. Und würde so ein Fragebogen so formuliert sein, wie du es hier tust, dann wäre es auch eindeutig. Leider findet man solche Fragen oft in Fragebögen für Kinder und da sind ganz sicher rezente Tiere gemeint.

    @Ludmilla:
    Den find ich super! Ich hatte bis vor kurzem noch eine illustrierte Version davon im Büro hängen. Allerdings hatte meiner nicht so ein schönes „You are here“. 🙂

  13. #13 CCS
    Juni 29, 2010

    Schöner Artikel! Obwohl mir die erwähnten Tatsachen nichts neues waren, wird einem doch ein anderes Denken eingeprägt. Dabei ging es mir in etwa so wie kereng: Wann gab es zuerst eine Tierart dieser Gruppe? Eine chronologische Reihenfolge kann also unter diesem Gesichtspunkt durchaus erstellt werden. Aber die Aussage des Artikels bleibt richtig: Natürlich sind Menschen nicht das Ende der Evolution, es gibt sogar viele jüngere Tierarten. Und gleichzeitig sind Menschen nicht das “höchste” Glied des Stammbaumes, eher nur ein Seitenzweig. Und auch bei uns hat die Evolution natürlich nicht aufgehört! Die Selektionsfaktoren sind nur anders als früher.

  14. #14 Marcus Anhäuser
    Juni 29, 2010

    lass mich raten: Die Zeichnung ist von Dir. Sehr schön. Hoffentlich gibts mehr davon.

  15. #15 Troll
    Juni 29, 2010

    Wer war – evolutionistisch gesehen – denn der erste Mensch? Wenn man den Menschen vom Tier dadurch abgrenzt, dass er ein Selbst-Bewusstsein hat.

  16. #16 Ender
    Juni 29, 2010

    Willkommen und toller Einstieg! Freue mich darauf, noch mehr Evolvismisches zu lesen.

  17. #17 Nils Cordes
    Juni 29, 2010

    @Troll:
    Generell würde ich den Mensch nicht so einfach abgrenzen, denn andere Tiere, vor allem Primaten, haben auch eine Art “Selbst”-Bewusstsein demonstriert. Wann aber der Mensch sich von den “Menschenartigen” getrennt hat, ist immer noch sehr umstritten. Erst letztes Jahr wurde ein neuer Vorfahre entdeckt, gefolgt vom Streit ob es denn wirklich ein Vorfahre war. Soweit ich weiß, wird die Abspaltung bei ca. 5 Millionen Jahren gesetzt und der mitunter früheste konkrete “Mensch” war Australopithecus (bekannt durch “Lucy”). Unsere Gattung Homo entwickelte sich dann vor ca. 3 Millionen Jahren.

  18. #18 Georg Hoffmann
    Juni 29, 2010

    Herzlich Willkommen auch von mir!

    Bei der in der Tat sehr schoenen Komplexitaetszeichnung ist nur anzumerken, dass einige mir bekannte Exemplare der Gattung homo trotzdem ganz nach linksversetzt werden muessen.

  19. #19 GeorgII
    Juni 29, 2010

    Nur mal so als unpassender Aphorismus:
    Der Mensch ist die Dornenkrone der Schöpfung (Michael Richter)

  20. #20 nihil jie
    Juni 30, 2010

    auch von mir ein freundliches willkommen… auch wenn es gerde auch schon spät geworden ist 🙂
    und auch die wahl des themas, für den ersten auftritt, war gerade zu grandios *grins
    sehr sehr interessant.

    und nun sagt meine wenigkeit auch an dieser stelle… gute nacht 🙂

  21. #21 Ulrich Berger
    Juni 30, 2010

    Ein nachträgliches Herzlich Willkommen auch von mir! Für die nächsten Themen hätte ich schon ein paar Vorschläge, geordnet nach zu erwartender Trollfrequenz:

    1. Soziale Insekten: Verwandtenselektion oder doch Gruppenselektion?
    2. Die Gelsen machen mich wahnsinnig. Was kann ich dagegen tun?
    3. Weiß die Hummel eigentlich, dass sie den Gesetzen der Physik zufolge gar nicht fliegen kann?
    4. Gibt es Bielefeld wirklich?

  22. #22 Nils Cordes
    Juni 30, 2010

    @Ulrich:
    Schöne Vorschläge. 🙂 Zu Punkt 3 müsste ich mich eigentlich mal auslassen, denn mit dem Gerücht werde ich immer konfrontiert. Eine Kollegin von mir hat da einen ganz netten Text zu geschrieben. Ob es Bielefeld wirklich gibt? Das ist eine gute Frage. Ich bin hier neu und finde diese Verschwörungsgeschichte sehr wirr. Mir ist aber aufgefallen dass ich seit ich hier bin weniger Kontakt mit der Welt außerhalb von Bielefeld habe … hm.

  23. #23 Ulrich Berger
    Juni 30, 2010

    Da fällt mir ein: Punkt 3 gab’s bei Florian schon, als er noch gar nicht hier war…
    http://www.astrodicticum-simplex.de/wordpress/2008/02/08/bienen-koennen-fliegen/

  24. #24 Chris
    Juni 30, 2010

    Auch von mir ein herzliches Willkommen!

  25. #25 nihil jie
    Juni 30, 2010

    @Stefan Taube

    nana… lästere bitte nicht über ameisen…. ich bin ein absoluter amaisenfan… ehrlich 🙂 habe auch in manchen foren eine ameise als avatarbild… *grins

  26. #26 Monod
    Juli 1, 2010

    Zur Ausgangsfrage: Der Mensch steht mit Sicherheit nicht am Ende der Evolution. Wenn mit Evolution die biologische Evolution gemeint ist, also das Wechselspiel aus Mutation, Variation und Selektion, dann ist der heutige Mensch allerdings schon ein Endpunkt einer einzelnen von vielen Entwicklungslinien. Während andere Entwicklungslinien weiterlaufen und somit den Evolutionsprozess insgesamt fortführen, hat sich der Mensch infolge seiner kulturellen Errungenschaften aus dem biologischen Evolutionsprozess abgekoppelt, so dass die natürliche Selektion nicht mehr greift. Inwiefern sich später kulturell determinierte Selektion auf die Vermehrungsrate von zuvor als erstrebenswert deklarierte Menschentypen auswirkt, ist zuvorderst eine Frage der Politik, die die damit verbundenen ethischen Probleme entweder beachtet oder missachtet. Die biologische Evolution des Menschen ist jedoch spätestens seit der Erfindung der Landwirtschaft abgeschlossen.

    Das bedeutet jedoch nicht zugleich, dass wir den Zielpunkt des Evolutionsprozesses darstellen. Eine solche teleologische Sichtweise ist grundsätzlich verfehlt, da die natürliche Selektion zwar die Entwicklungslinien kanalisiert, aber stets mit dem Resultat, die jeweils gegebenen Existenzmöglichkeiten optimal zu nutzen. Einen in der Zukunft liegenden Zielpunkt bestmöglicher Anpassung bzw. einen Zustand der Höchstentwicklung kann es dabei nicht geben, da Selektion immer konkret und unmittelbar greift. Die sich ergebende Entwicklungslinie verläuft zwar faktisch hin zu immer perfekteren Organismen, ist aber nichts weiter als das übliche Nebenprodukt spontaner Selbstoptimierung dynamischer Systeme via Rückkopplung.

  27. #27 Nils Cordes
    Juli 2, 2010

    @Monod:
    Man könnte schon annehmen, dass wir auf Grund kultureller Entwicklungen (die Brille, Rollstühle, die staatliche Krankenversicherung) nicht mehr so sehr selektiert werden, wie das vor mehreren hundert Jahren noch der Fall war. Allerdings steht dieser Gedanke im Gegensatz zu meinem Blognamen: Wir evolvieren – immer noch. Denk mal an die kulturellen Unterschiede von Populationen (insbesondere in der Nahrung), den Einfluss durch die motorisierte Fortbewegung und die technische “Evolution”, und nicht zuletzt die Anzahl an Krankheiten, die wir geschaffen haben indem wir uns so sehr gegen sie wehren. Nein, wir stehen immer noch ganz stark unter Selektionsdruck. Wir merken ihn durch unseren Luxus nur einfach nicht so sehr.

  28. #28 JV
    Juli 2, 2010

    “Die biologische Evolution des Menschen ist jedoch spätestens seit der Erfindung der Landwirtschaft abgeschlossen.”

    Abgeschlossen würde ich nicht sagen. Abgeschwächt vielleicht.

  29. #29 radicchio
    Juli 2, 2010

    Endpunkt einer einzelnen von vielen Entwicklungslinien.

    in der evolution gibts keine endprodukte. kann es keine geben, denn evolution bedeutet anpassung an veränderliche umwelt. und dass sich unsere umwelt verändert, steht außer frage.

  30. #30 Monod
    Juli 2, 2010

    @ Nils und radicchio:

    Biologische Evolution – und um die geht es hier ja – verläuft über Selektion als kanalisierenden Mechanismus. Die Selektionsfaktoren, die üblicherweise den Artwandel bewirken, greifen beim Menschen nicht mehr. Die Geschwindigkeit, mit der sich unsere Umwelt verändert, bewirkt zwar ein großes Artensterben – und löst zweifelsohne einen evolutionären Schub bei vielen Tier- und Pflanzenarten aus – aber der Mensch wird von diesem Artwandel nicht betroffen sein, da er kraft technischer Hilsmittel in der Lage sein wird, sich mit der gegebenen genetischen Ausstattung über ökologische Krisen hinwegzuretten. Ein mehr oder minder großer Anteil der Menschheit wird vielleicht umkommen, aber die Überlebenden überleben nicht, weil sie sich über Mutationen an neue Bedingungen angepasst hätten (der natürliche Weg), sondern weil sie es geschafft haben, der natürlichen Selektion technisches Know-how entgegenzusetzen. Folglich findet kein Artwandel im Sinne einer biologischen Evolution statt, sondern eine neue Form von Adaptation mittels geeigneter Technologien, wobei die biologische Art erhalten bleibt.

  31. #31 Jörg
    Juli 2, 2010

    Wow, super. Hab Goulds Buch vor Monaten gelesen (die englische Ausgabe die sich für den amerikanischen Sport als Beispiel entschuldigt und es mit Kricket vergleicht…) und mich irgendwie nie zum Review durchringen können. Ein sehr anregendes Buch, auch wenn ich Baseball danach immer noch langweilig finde.

  32. #32 JV
    Juli 2, 2010

    “Die Selektionsfaktoren, die üblicherweise den Artwandel bewirken, greifen beim Menschen nicht mehr.”

    Meine These ist übrigens, dass sich bei zukünftigen Generationen diejenigen durchsetzen werden, deren motorische Hirnareale stärker ausgeprägt sind – schon mal Frauen beim smsen beobachtet? ;-))

  33. #33 Mario H.
    Juli 4, 2010

    Wobei ich mich frage, ob sich der Mensch noch weiterentwickelt. Setzt sich die Evolution fort? Die Wirbelsäule ist nicht perfekt zum Sitzen, also baut der Mensch bessere Stühle. Es ist dem Menschen zu heiß, kalt, trocken, feucht – er findet eine technische Lösung. Ich befürchte, dass der Mensch ein Dino am Ende der Kreidezeit ist. Insbesondere, weil die Abhängigkeit von der Technik steigt und es keine Konzepte für ein Leben “ohne” gibt.
    Imho ist die Krone der Schöpfung die Katze: sie schafft es, dass der Mensch sie von vorn bis hinten bedient und muss sich nicht einmal dafür bedanken – Ignoranz reicht aus 😉

  34. #34 Nils Cordes
    Juli 5, 2010

    @Jörg:

    Das Buch hat mir auch gut gefallen. Stephen Jay Gould kann gut schreiben und für mich war es ein Plus dass er Baseball-Fan war. Ehrlich, Baseball ist eine tolle, spannende Sportart. Wahrscheinlich die einzige die am spannendsten ist, wenn nichts passiert. 🙂 Man muss aber die Regeln sehr gut können, sonst fragt man sich was das alles eigentlich soll.

    @Monod:

    “Natürliche Selektion” ist nicht der einzige Mechanismus durch den Evolution stattfindet. Und Evolution kann auch stattfinden ohne dass sich zwangsläufig eine neue Art bildet. Hier habe ich eine genauere Diskussion zu dem Thema geschrieben, denn das Thema finde ich echt spannend. Vielleicht können wir die Thematik da ja weiter besprechen …

  35. #35 radicchio
    Juli 5, 2010

    Biologische Evolution – und um die geht es hier ja – verläuft über Selektion als kanalisierenden Mechanismus.

    naja, das ist ein bissel volks-darwin für BILD-leser.
    hier haben wir immerhin mal einen text für focus-leser:

    http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/mensch/tid-8270/rasende-evolution_aid_228907.html