“Der Bart ist beim Menschen ein auffallendes sexuell dimorphes Androgen-abhängiges sekundäres sexuelles Merkmal.”

Ich mag meinen Bart.

Es mag Gewöhnung sein, aber ich finde es außerdem praktisch, nicht jeden Tag das gesamte Kinn rasieren zu müssen. Darüber hinaus mache ich mir wahrscheinlich sehr selten Gedanken darüber, warum ich ihn trage … oder warum Männer überhaupt Bartwuchs haben. Eine neue Studie, dessen Abstrakt mit dieser wunderbaren Definition, die ich oben übersetzt habe, beginnt, fragt sich das aber doch.

Im Vergleich zu unseren Vorfahren, haben wir den Großteil unserer Körperbehaarung verloren. Im Gegensatz zu unserem “Cousin,” dem Gorilla, besitzen wir kein silbernes Fell auf dem Rücken. Und die Meisten von uns haben wesentlich weniger haarige Hintern als die Schimpansen. Warum aber haben wir Haare im Gesicht behalten? Einen richtigen Vollbart könnten Männer sich wachsen lassen, bis nur noch Stirn und Nase unbedeckt bleiben.

Diese Fragen sind so alt wie die Verhaltensökologie selbst. Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass Frauen bärtige Männer bevorzugen. Sexuelle Selektion durch Weibchen kann bei Vögeln für prächtige Gefieder sorgen. Warum dann nicht bei Homo sapiens für einen prächtigen Bartwuchs?! Im Biologiestudium lernte ich, dass das Gegenteil der Fall war, denn Frauen bevorzugen niedliche, kindliche Merkmale. Neotenie nennt sich das. Als direkte Konsequenz rasierte ich mir umgehend den Bart komplett ab, konnte allerdings keinerlei Bestätigung für diese Annahme finden. Es ist eh viel komplizierter, denn abgesehen davon, dass Frauen verschiedener Herkunft und verschiedenen Alters (und überhaupt: verschiedene Frauen) ganz unterschiedliche Vorlieben haben können, hängen ihre Präferenzen außerdem von der Phase im Menstruationszyklus ab.

Bart 1.png

Die Wissenschaftler Barnaby Dixson und Paul Vasey wollten es aber genauer wissen und machten ein wirklich interessantes Experiment. Sie baten 10 bärtige neuseeländische Männer europäischer Herkunft und 9 Bartträger aus Samoa, sich mit ganz genau definierten Gesichtsausdrücken fotografieren zu lassen – neutral, glücklich und wütend. Sie wurden fotografiert und rasierten sich dann alle ihre Bärte ab. Dann wurden erneut Fotos gemacht. Mit diesen Fotos führten die Forscher Umfragen in beiden Ländern durch, um zu prüfen, welchen Eindruck bärtige Männer im Vergleich zu glattrasierten auslösen würden. Dank der unterschiedlichen Herkunft konnten sie so außerdem unterscheiden, welche Einflüsse die “westliche” Kultur auf diese Eindrücke haben würde.

Sie baten Frauen, die Fotos mit glücklichen Männern nach ihrer Attraktivität zu beurteilen (mit Hilfe einer Skala von 0 bis 5). In beiden Ländern gaben die Frauen rasierten Männern durchweg die besseren Noten. Rasierte Männer waren attraktiver. (Neotenie hat anscheinend gewonnen.)

Männer wurden gebeten, die wütenden Fotos nach ihrer Aggressivität zu beurteilen. Das Ergebnis zeigte das Gegenteil der Umfrage bei den Frauen. Bärtige Männer wurden in beiden Kulturen als aggressiver eingestuft.

Zuletzt wurden einer Gruppe aus Männern und Frauen die neutralen Fotos gezeigt, an denen der soziale Status und das Alter der abgebildeten Personen geschätzt werden sollte. Hier wurden bärtige Männer älter eingestuft, und der Status in ihrer Gemeinde als höher. (Gibt es deshalb so viele bärtige Professoren?) Das galt sowohl für die Testgruppen aus Samoa sowie aus Neuseeland.

Bärtige Männer wirken also in der Regel älter, haben ein höheres Ansehen, erscheinen gefährlicher, aber sind weniger attraktiv für Frauen. Das vermittelt den Anschein, dass der Bart weniger von Frauen selektiert wurde, aber eine größere Rolle bei intrasexueller Selektion spielte, also eine Form der Kommunikation zwischen Männern war. Etwa: “Finger weg von meiner Frau!” oder vielleicht: “Ich bin hier der Boss, also leg dich nicht mit mir an!”

Bart 2.png

Spannend ist, dass die Ergebnisse beinahe identisch zwischen Samoanern/Samoanerinnen und Neuseeländern/Neuseeländerinnen waren. Im Artikel beschreiben die Autoren sehr schön die Unterschiede beider Länder. Während Neuseeland dank Werbetafeln, Zeitschriften, Fernsehen und Internet in vieler Hinsicht kaum von den meisten europäischen Ländern zu unterscheiden ist, gibt es in ganz Samoa nur ein Kino udn außerhalb der Hauptstadt keien Chance auf Internet. Es wäre interessant zu sehen, ob sich diese Ergebnisse auf andere Gruppen übertragen lassen. Insbesondere, das erwähnen die Autoren auch, sollte man diese Umfrage mal in Ländern machen, in denen die Mehrheit der Männer einen Bart trägt.

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Kommentare (18)

  1. #1 Basti
    Juni 1, 2012

    Sehr netter und interessanter Artikel :-)

  2. #2 Dr. Webbaer
    Juni 1, 2012

    Bärte dienen auch der Uniformierung, auch um Gemütsregungen unscheinbar werden zu lassen und um im Handeln die Gesichtsmuskulatur bzw. deren Regung zu unterdrücken, Bären wissen hier Bescheid, Bären haben keine derartige Muskulatur.

    HTH
    Dr. Webbaer

    PS: Leihe nie einem Toupet- oder Bartträger Geld – das war zumindest einmal Konsens unter Kreditoren, OK, die Barträger waren nicht vorrangig gemeint, eher schon die J. Schneider-Typen.

  3. #3 rolak
    Juni 1, 2012

    gaben die Frauen rasierten Männern durchweg die besseren Noten

    hmm, im abstract finde ich nur ein “do not rate bearded male faces as more attractive than clean-shaven faces”, was ja auch ‘nicht signifikanter Unterschied’ bedeuten könnte…

    das Gegenteil der Umfrage bei den Frauen

    Heißt das, auch Frauen sollten den Ausdruck ‘wütend’ bewerten? Falls ja: Wie groß war denn der Unterschied?

    Blöde paywall^^

  4. #4 Nils
    Juni 1, 2012

    @rolak:
    Ja, die Paywall ist echt ärgerlich – aber vielleicht ja nicht mehr lange.
    Die Unterschiede hier sind schon alle signifikant, meist mit einem P-Wert von unter 0,001. Wären sie das nicht, würde ich das irgendwo erwähnen. Auf der Attraktivitäts-Skala gaben Frauen den Gesichtern mit Bart im Mittel beinahe 1 Punkt weniger als denen ohne Bart.
    Zu deinem zweiten Kommentar: Nein, Frauen haben “wütend” nicht bewerten müssen. Da habe ich mich wohl gestern Abend etwas unglücklich ausgedrückt. Ich meinte lediglich, dass die Bartträger hier (im Gegensatz zur ersten Studie) die höheren Werte bekamen.

  5. #5 rolak
    Juni 1, 2012

    Danke!
    (btw: Es ging mir wniger um fehlende Signifikanzlevel als um die imho Unterschiedliches ausdrückenden Formulierungen)

  6. #6 Wolf
    Juni 1, 2012

    Beim 2. Bild fiel mir ein:”Das ist SPARTA!!” 😉

    Trage seit 20 Jahren Bart, und irgendwie hab ich den eigentlich nur, weil ich mich beim rasieren immer in die Oberlippe schneide; fragt nicht warum, ich kann es einfach nicht (trocken rasieren geht gar nicht!)

    Ob ich damit auf andere Männer gefährlich wirke? Ich hoffe doch!

  7. #7 JD
    Juni 1, 2012

    Bärte machen böse – erinnert mich an den bösen Spock aus Star Trek.

  8. #8 Mariam
    Juni 2, 2012

    Fragt sich inwieweit diese Reaktionen, einen Mann mit Bart als Aggressiv einzustufen kulturell gelernt wurden? Oder sind das noch Urinstinkte in uns, die da wirken, aus “tierischer” Zeit? Lernten wir schon von klein auf ein glattes Gesicht ist harmloser? – Ein Grund kann auch sein, das man die Gesichtszüge und die Mimik bei einem Vollbart schwerer “durchschauen” kann. Und Mensch projeziert dann auf das was er nicht erkennen kann, also auf den “Undurchschaubaren” Bärtigen, negative Aspekte. und von klein auf wird Mensch begleitet von Filmen und Geschichten in denen seit Jahrhunderten die “Bösen” mit einem Bart ausgestattet sind. – Engelchen sind glatt und wie kleine Babys….wie zB Putten und der Weise oder der Böse hat einen Bart. Klischees die wir lernen und sehen.

  9. #9 Mariam
    Juni 2, 2012

    Fragt sich inwieweit die Reaktionen, einen Mann mit Bart als aggressiv einzustufen kulturell gelernt wurden? Oder sind das noch Urinstinkte in uns, die da wirken, aus “tierischer” Zeit? Lernten wir schon von klein auf ein glattes Gesicht ist harmloser? – Ein Grund kann auch sein, das man die Gesichtszüge und die Mimik bei einem Vollbart schwerer “durchschauen” kann. Und Mensch projeziert dann auf das, was er nicht erkennen kann, also auf den “Undurchschaubaren” Bärtigen, negative Aspekte. Auch wird Mensch von klein auf durch Filme und Geschichten beeinflusst, in denen seit Jahrhunderten die “Bösen” mit einem Bart ausgestattet sind. – Engelchen sind glatt und wie kleine Babys….wie zB Putten und der Weise hat einen weißen Bart (also wie wäre es nochmal den Test mit weißbärtigen alten Männern zu machen?!) oder der Böse hat einen Bart. Klischees die wir sehen und lernen und dann auf die Umwelt projezieren.

  10. #10 Prunebutt
    Juni 2, 2012

    Hmm… Wenn man mal darüber nachdenkt: Wer wirkt aggressiver? Bud Spencer, oder Terrence Hill? 😉

  11. #11 knackbock
    Juni 4, 2012

    Es gibt ganz interessante Untersuchungen die zeigen, dass Menschen recht gut vom Gesicht eines Mannes auf seine “Kampffähigkeit” schliessen können. Genauer gesagt konnten die Probanden ausschliesslich anhand der Gesichter auf die “upper body strength” schliessen, und das ganze hat auch in anderen Kulturen funktioniert. Leider hat man (wenn ich mich recht erinnere) das Problem der Bärte nicht mit einbezogen… gehen Dixson & Vasey da irgendwie drauf ein?

  12. #12 Nils
    Juni 4, 2012

    @knackbock:
    Du meinst bestimmt die Publikationen von Sell et al. (z.B. die hier). Ja, die erwähnen sie kurz, aber ohne wirklich die Thematik aufzugreifen. Es geht eher darum, ob Bärte ein ehrliches Signal (etwa für Körperkraft) sein könnten, wie zum Beispiel auch die Stimme oder – wie du ja schon sagst – das Gesicht. Aber dazu können sie halt an Hand dieser Studie keine Aussage machen.

  13. #13 Balanus
    Juni 4, 2012

    Aggressiv scheinen wohl nur kurzhaarige Bärte wirken zu können. So’n richtig langer Rauschebart (Gründergeneration der Grünen, Nikolaus) sendet wohl doch andere, friedlichere Signale aus.

  14. #14 Bullet
    Juni 7, 2012

    @Nils:

    […] ist […] ein […] sekundäres sexuelles Merkmal.

    (btw: ich hatte in der Schule noch das “Geschlechtsmerkmal” als Wort gelernt. Kann sein, daß das mittlerweile ungebräuchlich ist.)
    Eigentlicher Grund: ich hatte ebenfalls vor langer Zeit gelernt, daß Behaarung als tertiäres Merkmal eingestuft wurde. Ist das nur schwammig im Paper formuliert oder hat sich die Bewertung tatsächlich verschoben?

  15. #15 Nils
    Juni 7, 2012

    @Bullet:
    Ja, sexuelles Merkmal ist meine Übersetzung. “Geschlechtsmerkmal” ist meines Wissens immer noch in aller Munde. 😉
    Was die Einteilung in sekundäre und tertiäre Merkmale angeht, ich denke das Ist je nach Merkmal schwer zu bestimmen. Da der Bart im Kontext dieses Papers eine Rolle beim Paarungserfolg spielt/spielen könnte, wird er halt als sekundäres Merkmal behandelt. Aber diese Einteilung ist nie so 100%ig …

  16. #16 Bomblebee
    Oktober 24, 2012

    Ein Bart ist ein Statussymbol was man(n) am billigsten haben kann.

  17. #17 NH
    April 17, 2013

    Was ist denn mit der rechten Spalte passiert? Wieso ist da keine Info zu sehen (letzte Kommentare, Über das Blog etc.)?

  18. #18 Nils
    April 17, 2013

    Gute Frage. Die Spalte ist nach unten gerutscht. Es scheinen auch ein paar andere Seiten Probleme mit dem Layout zu haben. Mal schauen, ob wir das hinter den Kulissen beheben können. Danke für den Hinweis.