Photo by Janko Ferlič on Unsplash
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Heute möchte ich irgendetwas über Ethik schreiben, denke ich, als mein erster Unterrichtstag zur Mittagszeit endet. Ich gebe als Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg einen jährlichen Kurs, den ich diesmal »Ethics in Sustainable Development« nenne, und die heutige Tagesüberschrift lautete »What is ethics?«. Die Teilnehmer sind eine große, buntgemischt internationale Gruppe vorwiegend aus Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, ganz von vorne anzufangen. Mich könnte ein Blogartikel über die siebenjährige Entwicklung meines Kurses reizen, in der sich nebenbei auch mein Weg zur fachlichen und intellektuellen Eigenständigkeit spiegelt. Diese Entwicklung gilt auch für die Frage, was Ethik sei. Was für eine Antwort habe ich heute, alles zusammengenommen, eigentlich darauf gegeben?

Doch dann entdecke ich eine Email vom Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), die von der Kundgebung »Wir sind die 93 %« berichtet. Die Protestaktion fand am 14. November bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) statt. »Wir«, das sind die befristet Beschäftigten im wissenschaftlichen Mittelbau der deutschen Universitäten, also auch ich. Beim Lesen der Ansprache an die HRK geht mir das Herz auf.

Machen Sie uns nicht länger zum Kanonen­futter einer Wettbewerbsideologie, die mehr Karriereleichen produziert als Karrieristen. Hören Sie auf, uns als wissenschaftlichen Nachwuchs zu bezeichnen, wenn doch »Nachwachsen« für die meisten nichts Besseres heißt, als untergepflügt zu werden wie die schief gewachsene Kartoffel oder die Gurke mit falschem Krümmungs­grad.

Bild: mittelbau.net

Hinter den politischen Forderungen der NGAWiss stehen ethische Urteile und Argumente. Sie beziehen sich auf die deutschen Forschungsinstitutionen und einen Großteil der dort beschäftigten Forscher und Forscherinnen. Es läge nahe, hier von Problemen der Forschungsethik zu sprechen, ein Begriff, mit dem ich in letzter Zeit mehrfach in Berührung gekommen bin.

Doch unter dieser Überschrift scheint bislang nur von der Verantwortung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gegenüber der Gesellschaft die Rede zu sein (z.B. in diesem Lexikoneintrag). Welche Verantwortung hat eigentlich umgekehrt die Gesellschaft gegenüber den Forschenden und besonders für uns »93 %«? Diese Frage und die lange Spur von »Karriereleichen«, welche die wissenschaftliche Karawane am Wegrand hinterläßt, liegen bisher im toten Winkel der Forschungsethik und der ethischen Forschung insgesamt.

Die Selbstkontrolle der Edel-Praktikanten

Solche Überlegungen drängten sich mir schon vor einigen Wochen auf, als ich wieder einmal eine Tagung im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald besuchte. Es ging um sicherheitsrelevante Forschung, ihre ethischen Probleme und mögliche institutionelle Kontrollverfahren. Die Forschungsethik war gefordert, die Verbreitung waffenfähigen Wissens und Materials zu verhindern und versehentlichen Katastrophen vorzubeugen, etwa durch hochvirulente Krankheitserreger, die aus einem Labor entkommen. Da niemals alles von außen zu kontrollieren sei, brauche es ethisch geschulte Forscherinnen und Forscher, die Selbstkontrolle üben.

Ich aber wunderte mich über die Leichtigkeit, mit der hier von der Wissenschaftlergemeinde als einem geschlossenen Block mit gleichartigen Interessen gesprochen wurde, zum Beispiel in Formeln wie der »gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft«. Wann war ich dabei überhaupt mitgemeint, wenn ich mich (wie es die NGAWiss formuliert) eigentlich nur als »Edel-Praktikant« im Betrieb geduldet fühlte? Dachte eine gut vernetzte Emerita und Funktionärin bei Worten wie »Kollegen« und »Freiheit der Forschung« nicht fast ausschließlich an Professorinnen und Professoren? Hatten die ethischen Erfahrungen, die ich an der Universität machte, nicht überwältigend mit Ungleichheit, Ungerechtigkeit und persönlicher Erniedrigung zu tun, von denen hier nirgendwo die Rede war? Bei der Tischwahl in der Cafeteria des Kruppkollegs jedenfalls schieden sich die akademischen Klassen voneinander wie immer.

Wissenschaftlicher Dialog

Auch beim gestrigen Abendessen mit einem Freiburger Kollegen dreht sich das Gespräch um die ethischen Irritationen unseres Berufslebens: Ein Vorgesetzter an der Universität verweigert es einem Familienvater, der für ihn arbeitet, über die Möglichkeiten und Absichten hinsichtlich einer Stellenverlängerung auch bloß Auskunft zu geben. Die Überarbeitung einer Studienordnung ist didaktisch dringend nötig, wird aber vielleicht um Jahre verschoben, bis die Fakultäten, die am Studiengang beteiligt sind, sich auf einen Finanzausgleich und eine Neuabsteckung institutioneller Territorien geeinigt haben. Dieselben Einrichtungen, die in der Öffentlichkeit und ihren Projektmittelanträgen zu zukunftsorientiertem Denken und nachhaltiger Entwicklung mahnen, wollen sich intern auf keine langfristige Politik festlegen und halten ihre Angehörigen im Modus des kurzfristigen Aktionismus. Und ist es nicht bedrückend, fragen der Kollege und ich einander, daß sich Gespräche mit Forscherkollegen fast immer um Stellen, Geld, Macht und das Planen unter allseitiger Zukunftsunsicherheit drehen statt um die Inhalte der Wissenschaft?

Heute früh trete ich dann vor meine Anfängergruppe und lehre: In allem, was wir tun, sind ethische Fragen angelegt, und ihr sollt lernen, sie zu erkennen.

 

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Kommentare (16)

  1. #1 Marcus Anhäuser
    http://scienceblogs.de/plazeboalarm/
    21. November 2017

    Oh, gerade erst mitbekommen, ein neuer Blog, und eine schöne Ergänzung dazu. Herzlich Willkommen bei den Sbs.

  2. #2 Hawk
    21. November 2017

    Und ein super Einstieg noch dazu.
    Gruß Hawk

  3. #3 Beobachter
    21. November 2017

    Danke für Ihre Berichte.
    Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen.
    Endlich einmal eine andere Sicht der Dinge …

  4. #4 Eric
    21. November 2017

    Hallo, sicherlich ein schöner Beitrag. Doch ich bin die vielen Texte und Tagungen unser Zunft leid. Ich ertrage einfach keine weiteren Erklärungsversuche und Einordnungen, die die prekären Beschäftigungsverhältnisse des sogenannten Mittelbaus einzuordnen versuchen. Wir sollten uns nicht länger auf die Produktion von Texten konzentrieren, sondern weitere Demonstrationen und Streiks ins Auge fassen.

  5. #5 Beobachter
    21. November 2017

    Für Leute, die nur den “Medizinbetrieb” kennen, ist es ganz aufschlussreich, aufgrund dieser Berichte feststellen zu können, dass es im “Wissenschaftsbetrieb” ganz ähnlich aussieht.
    Dort befinden sich PJler/Innen und Assistenzärzte/Innen in ähnlicher Lage wie der sog. wissenschaftliche Mittelbau.
    Und auch dort sollte viel öfter demonstriert und gestreikt werden.

  6. #6 Philipp P. Thapa
    21. November 2017

    Danke für die freundlichen Rückmeldungen! Ich versuche, bis nächste Woche jeden Tag von mir hören zu lassen.

    @Eric: Sicher reicht schreiben und diskutieren allein nicht aus. Aber es geht auch nicht ohne. Woher wissen wir, wofür wir gemeinsam kämpfen wollen, wenn wir uns vorher nicht darüber verständigt haben? Wie erfahren wir, daß es Initiativen und vielleicht eine wachsende Bewegung des Mittelbaus gibt, wenn wir es nicht weitersagen? In Greifswald zum Beispiel gibt es meines Wissens noch keine uniweite Mittelbauinitiative, aber das Netzwerk Gute Arbeit in der Wissenschaft zeigt, daß es sie geben könnte und sie in guter Gesellschaft wäre. Ich würde ungern alleine demonstrieren gehen.

    http://mittelbau.net/netzwerkpartner/

    @Beobachter: Über viele Gesellschaftsbereiche hinweg befinden sich Menschen, grob beschrieben, in einer ähnlichen Lage wie der befristet beschäftigte wissenschaftliche Mittelbau. Mir hat mit Blick auf den Medizinbetrieb noch nie eingeleuchtet, wie man einerseits den ganzen Tag über Gesundheit reden und sich und seine Kollegen durch die Art der Arbeitsorganisation usw. systematisch kaputtmachen kann. Aber da sind Sie nicht alleine. Ethiker reden ja viel vom guten Leben, von Gerechtigkeit und Tugend und exekutieren im nächsten Moment fleißig das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, ohne einen Mucks zu machen.

  7. #7 Chris
    21. November 2017

    Oh, wie bestürzend:

    Ein akademischer Klassenkampf?

  8. #8 tomtoo
    21. November 2017

    Nicht falsch verstehen bitte.

    Aber dieser Abbau an sozialem Mitteinander ist ja schon lange im gange. Ein Facharbeiter geht jetzt halt in einer Zeitarbeitsfirma joben. Wer der Akademiker hat sich darüber aufgeregt ? Ich bin ja schon älter. hätte nie gedacht das es so schnell gehen kann. Aber ja , ist doch logisch.

  9. #9 Beobachter
    21. November 2017

    @ tomtoo, # 8:

    In der Regel regt man sich erst dann auf, wenn es einen selber betrifft – leider.
    Solidarität scheint immer mehr zum Fremdwort zu werden, und das fängt schon in der Familie an.
    Wer will heutzutage z. B. denn noch seine hilfs- und pflegebedürftigen Eltern zuhause pflegen oder gar zu sich nehmen?

    Die Arbeitsbedingungen werden überall schlechter, und nun trifft es auch schon die Akademiker.
    Es scheint ein ungeheures Konkurrenzdenken untereinander zu herrschen mit starrem Blick auf die eigene Karriere.
    Was man wo und wie (gut und verantwortungsbewusst) tut, scheint nicht so wichtig.

    Im medizinischen Bereich, z. B. im Krankenhaus, machen die tägliche praktische Arbeit (von “unten” nach “oben”; “Unter- und Mittelbau”) die ungelernten Hilfskräfte, die Krankenschwestern und -pfleger, PJler, Assistenzärzte, Stationsärzte.

    Frage an den Autor: Wer macht sie in Forschung und Lehre?

  10. #10 Philipp P. Thapa
    22. November 2017

    @tomtoo, @Beobachter:

    Ich bin nicht »der Akademiker«, ich spreche hier nur für mich selbst. Und ich selbst behaupte nicht, daß der wissenschaftliche Mittelbau im Vergleich zum Rest der Gesellschaft einzigartig benachteiligt sei (vgl. #6). Aber ich schreibe hier eben vorwiegend über Wissenschaft und den Weltausschnitt, den ich selbst erfahre.

    @Beobachter:

    Ein Krankenhaus und ein wissenschaftliches Institut sind nicht 1:1 zu vergleichen, und die Forschungsrichtungen unterscheiden sich stark darin, wieviel physische Infrastruktur und handwerkliche Arbeiten sie benötigen. Ich arbeite philosophisch und brauche nur Räume, Büroinfrastruktur, Bücher, Gesprächspartner. Wenn ich ein Arzt wäre, wer wäre ein Pfleger?

    Im Greifswalder Universitätsumfeld, das ich kenne, sind solche Rollen nur unscharf voneinander zu trennen, und unterstützende Verwaltungsmitarbeiter für einzelne Professuren zum Beispiel fehlen weitgehend. Deshalb kämpfen Professor*innen und Mitarbeiter*innen oft mit demselben Wust von Aufgaben in Forschung, Lehre und Management. Umso schwieriger ist es nachzuvollziehen, weshalb sie so unterschiedlich gestellt sind, was die Beschäftigungskonditionen und den institutionellen Status angeht.

    Konkurrenzdenken: Der zerstörerische Konkurrenzdrucks im Wissenschaftsbetrieb rührt nicht in erster Linie vom flächendeckend schlechten Charakter der Forschenden her, sondern von den Strukturen, in denen sie arbeiten – zum Beispiel den gesetzlichen Vorgaben für die Universitäten und den Erfolgskriterien für Wissenschaftler*innen, die Geldgeber bei der Entscheidung über Projektanträge anwenden.

  11. #11 Beobachter
    22. November 2017

    @ Philipp Thapa:

    Mein “Krankenhaus-Vergleich” hinkt, da haben Sie recht.
    Das ist mir ziemlich schnell aufgefallen, kurz nachdem ich den Kommentar schon abgeschickt hatte.

    Mir ging es eigentlich um die hierarchischen Strukturen im “Wissenschaftsbetrieb”.
    Im “Medizinbetrieb” sind die sehr ausgeprägt und starr, was auf Kosten von Teamarbeit, auch interdisziplnär, geht und letztendlich auf Kosten einer guten individuellen Patientenversorgung.
    Und der “Medizinbetrieb” unterliegt immer mehr “betriebswirtschaftlichen Zwängen und zunehmendem Kostendruck” …

    Wer oder was (Gremium, Kommission) entscheidet darüber, an wen Lehraufträge vergeben werden (Berufung) –
    wer entscheidet über Projekte und wer sie leitet bzw.dort mitarbeitet –
    welche finanziellen Mittel stehen zur Verfügung, wo kommen sie her –
    welche Rolle spielen Management und Verwaltung –
    wer entscheidet über “Beschäftigungskonditionen und den institutionellen Status” ?
    usw.

    Man redet immer über “die Forschung und Lehre” und weiß eigentlich gar nicht so genau, wie sie organisiert ist, wie die internen Strukturen sind, wer welche Entscheidungsbefugnisse hat, wie die Arbeitsbedingungen sind, wie es mit “Unabhängigkeit und Transparenz” aussieht usw.

    Wer entscheidet/bestimmt eigentlich darüber, über was “geforscht und gelehrt” wird?

  12. #12 Beobachter
    22. November 2017

    Nachtrag:

    Den letzten, später hinzugefügten Abschnitt Ihres Kommentars (“Konkurrenzdenken”) konnte ich in # 11 noch nicht miteinbeziehen.

  13. #13 Kassandra
    22. November 2017

    @Philipp Thapa und Beobachter:

    Eine Gemeinsamkeit zwischen Krankenhäusern und wissenschaftlichen Einrichtungen fällt mir spontan auf: Die Abhängigkeit von Geld, das von außen kommt und an Bedingungen geknüpft ist, die die Leute permanent unter Stress setzen, weil sie dauernd beweisen sollen, dass sie Kriterien genügen, die eigentlich für ihre Arbeit gar nicht relevant oder sogar kontraproduktiv sind.

    Konkreter, ich habe schon vor zwanzig Jahren kein gutes Gefühl dabei gehabt, wenn das Einwerben von Drittmitteln als die Lösung für die Finanzierung von Forschungsarbeit gepriesen wurde, denn das hat ja, auch wenn sich Geldgeber in Zurückhaltung übt, was Wunschergebnisse betrifft, mindestens einen großen Einfluss auf die Auswahl der Forschungsgegenstände, die dabei fast zwangsläufig in Schieflage kommen muss und von Moden abhängig wird.

    Und genauso ging es mir auch, als Kliniken in betriebswirtschaftliche Korsette gepresst wurden. Es liegt ja in der Natur der Sache, dass das einen negativen Einfluss hat, der kurioserweise auch den Geldgeber betreffen kann, etwa, wenn bestimmte Untersuchungen häufiger für medizinisch notwendig gehalten werden, weil man die Geräte ja optimal auslasten sollte. Für die Bilanz der Klinik ist das gut, für die der Krankenkassen aber weniger gut. Ob man einen Patienten noch ein paar Tage länger behalten oder möglichst schnell loswerden will, hängt unter betriebswirtschaftlichem Blickwinkel auch von der Auslastung der Betten ab, ein medizinischer Grund für beide Entscheidungen findet sich allemal.

    Sind nicht auch die leidigen Zeitverträge in Lehre und Forschung vor allem ein Problem, das aus dieser Abhängigkeit entsteht? Ich kenne eine Biologin, die sich ca. zwanzig Jahre lang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelte, was jeweils aus Drittmitteln bezahlt wurde, und dann kam die Finanzierung eines Tages einfach nicht mehr.

  14. #14 anderer Michael
    23. November 2017

    Niemand ist gezwungen dort zu arbeiten. Wie wäre es , sich einfach eine andere Stelle zu suchen., sozusagen die Abstimmung mit den Füßen.

  15. #15 Beobachter
    23. November 2017

    @ anderer Michael, # 14:

    “Einfach” stetiger Arbeitsplatzwechsel ist wohl auch keine Lösung – vor allem auch deshalb, weil adäquat bezahlte Stellen in Forschung und Lehre vermutlich dünn gesät sein werden.
    Früher konnte man jedem Aufmüpfigen, Kritiker, Gewerkschaftler oder sonstigem Verdächtigen zumindest noch sagen: Wenn`s dir hier nicht gefällt, geh doch rüber ! (Für alle Jüngeren: Damit meinte man die “rote DDR”)
    Tja, wo sind die guten, alten Zeiten mit ihrem Schubladendenken hin, anderer Michael …?

  16. #16 Philipp P. Thapa
    23. November 2017

    @Beobachter:

    Danke für Ihre Fragen in #11! Ich habe sie zum Ausgangspunkt meines aktuellen Artikels genommen.

    http://scienceblogs.de/phantasie-und-kritik/2017/11/23/die-launen-der-gotter-freiburger-tagebuch-3/