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Neben den gläsernen Besucherlaboren, in denen hauptsächlich Schulklassen im Rahmen von außerschulischen Lernorten unter Anleitung von jungen Doktoranden und Mitarbeitern aus dem Museum in Tageskursen komplexe Experimente, etwa im Bereich Genetik, durchführen können,

erprobt das Deutsche Museum seit kurzem erstmals in einem Museum ein neues Format der direkten Vermittlung von naturwissenschaftlich-technischer Kompetenz.

Dabei geht es darum, Besucher, vor allem junge, vor der Entscheidung für eine Berufs- oder Studienrichtung mit schon in der Forschung arbeitenden Wissenschaftlern, oftmals jungen Doktoranden, direkt in Berührung zu bringen. Im gläsernen Forscherlabor arbeiten Forscherinnen und Forscher der Universität an Ihrer Doktorarbeit und lassen sich dabei zu jeder Zeit, 365 Tage im Jahr, über die Schulter blicken, indem sie Ihre Laborarbeit aus dem verborgenen Experimentierkeller in das Licht der Museumsbesucheröffentlichkeit stellen. So führen z.B. im gläsernen Nanotechnologielabor meine Doktoranden der Experimentalphysik hochauflösende, mikroskopische Unersuchungen an selbstgeordneten Molekülsystemen vor den Augen der Besucher durch. Sie lernen dabei zweierlei Dinge: zum einen, Menschen außerhalb der engen Peer-Gruppe interessieren sich tatsächlich für Ihre Forschungen, sie fragen nach, wie der Prozess der Forschung abläuft, von der Erarbeitung der Datengrundlage, der Interpretation, der Bildung von Hypothesen und Theorien bis hin zur Einordnung in das vorhandenes Wissensgebäude und der Praxis der Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Zum anderen lernen die Doktoranden aber auch, dass sie kommunizieren lernen müssen, das heißt also das Eingehen auf die Fragen, auf den Kenntnisstand und auf das Umfeld der Besucher. Die Besucher lernen dabei, was der Prozeß der Forschung ist, „The Making of Science“, und wie man eigentlich als Forscher arbeitet, was man tut, und was die Motivation für diesen Beruf ist. Bis hin zur Auskunft über die Fragen des eigenen möglichen Berufsweges, gerade der jungen Besucher. Dabei wird das Projekt Gläsernes Forscherlabor begleitet von sozialwissenschaftlichen arbeitenden Doktoranden, die der Frage nachgehen, wie kommuniziert wird, wie museumspädagogisch das Projekt begleitet werden kann und ob das Format, angesichts vieler Störungen denn für alle Wissenschaftsdisziplinen gleich geeignet ist. Also zwei Experimente in einem mit drei gleichberechtigten Partnern im Dialog, die auch die Brücke schlagen – und zwar direkt am Ort des Geschehens, also im Labor – zwischen natur- und geisteswissenschaftlich arbeitenden Wissenschaftlern.
Von diesem neuen Format der nachhaltigen Wissenschaftskommunikaton hat auch die Besucherbeteiligung an anderen Aktivitäten im Museum, z.B. den Vortrags- und Dialogforen, wie z.B. unseren Bürgerdialogen, die regelmäßig, z.B. zum Thema Nanotechnlogie im Deutschen Museum durchgeführt werden, profitiert. Es ist eine Sache, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Spitzenforschung, z. B. das nobelpreisgekrönte Rastertunnelmikroskop als Exponat hinter Vitrinen mit Erklärungstafeln an der Wand versehen bewundern zu können. Viel spannender ist es aber dazu noch direkt die junge Doktorandin bei ihrer Forschungsarbeit mit diesem Instrument beobachten und befragen zu können, sowohl über die wissenschaftlichen Details, als auch über das, was den Wissenschaftler selbst bewegt, seine Arbeitsweise, seine Motivation, seine Lebensperspektive usw. Dies schafft Vertrauen in die Akteure, eine Voraussetzung zum pro-aktiven Umgang mit neuen wissenschaftlichen Ergebnissen und deren Anwendung. So werden junge Nachwuchsforscher zu Vorbildern und Botschaftern für die Wissenschaft, sie können direkt und glaubhaft ein Rollenmodell vertreten.
Dabei kann Kommunikation nur dann wirklich funktionieren, wenn sich beide Seiten als gleichberechtigte Partner anerkennen, also weg vom Defizitmodell der Wissenschaftskommunikation früherer Jahre, hin zum Dialogmodell. Dabei machen wir auch vielfach die interessante Erfahrung, dass die Besucher sich ein Partizipationsmodell wünschen, wo sie noch stärker auch direkt Beteiligungsmöglichkeiten, z.B. bei der künftigen Ausrichtung oder Auswahl bestimmter Forschungsziele, bekommen. Bürgerdialoge, wie z.B. der internationale und auch im Umfeld unseres gläsernen Labors durchgeführte Nanodialog, ein Projekt gefördert im 6. Rahmenprogramm, könnten hier als neues Vorbild dienen.
Generell erhoffen wir uns durch die Einrichtung dieser neuen Wissenschaftskommunikationsplattform die Erweiterung des Oskar von Millerschen Konzepts eines Museums des Mitmachens und Begreifens von Objekten. Die direkte Interaktion mit dem Forscher quasi zu jeder Zeit, 365 Tage im Jahr, nicht mehr nur mit dem Exponat und die unmittelbare Anschauung, gewährleistet jene Nachhaltigkeit in der Wissenschaftskommunikation, die letztlich zu mehr Engagement, gerade auch der jungen Menschen für die Wissenschaft, führt. Das Engagement und das authentische Auftreten der beteiligten Wissenschaftler selbst, die die Relevanz Ihrer Forschung für die angesprochenen Menschen darstellen, stehen dabei im Mittelpunkt. Erste Vorstellungen dieses neuen Konzepts des „Begreife den Wissenschaftler, nicht nur die Wissenschaft“ im Rahmen des europaweiten Museumsnetzwerks Ecsite haben großes Interesse gefunden. Es ist geplant, im Rahmen eines europaweiten Projekts das Format des Gläsernen Wissenschaftlerlabors auf andere Museen und Science Centers auszudehnen. Die enge Verbindung zwischen Museum und Wissenschaft, wie das bei mir in Form meines Doppeldienstverhältnisses als Professor für Experimentalphysik an der LMU München und als Mitarbeiter im Deutschen Museum möglich ist, ist dabei die beste Voraussetzung, beide bisher vielfach allzu getrennte Welten der wissenschaftlichen Forschung und der Orte des Public Outreach miteinander zu verbinden. Die langjährige Tradition der Volksbildung im Museum durch herausragende Spitzenforscher aus Industrie und Akademie sollte dabei gestärkt werden. Um dies einzuüben, könnte vielleicht ganz konkret in Zukunft neben dem wissenschaftlichen Abschlußbericht für ein DFG gefördertes Projekt immer auch ein allgemeinverständlicher kurzer Bericht eingefordert werden, der dann z. B. auch in einen öffentlichen Raum wie ein Museum oder Science Center gestellt werden kann. Auch dies könnte die so wichtige Rolle der Museen als Mediator zwischen Wissenschaft und Gesellschaft stärken und zugleich Hilfe anbieten für die Menschen, die bereit sind, sich stärker in den Prozeß des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts einzubringen.
Die Vermittlung aktueller, forschungsnaher Wissenschafts- und Technik-Themen in den gläsernen Laboren soll zukünftig in der Verknüpfung mit unseren einmaligen Sammlungen den Bereich des Public Understanding of Research, also das Verständnis von Wissenschaft als Prozeß im Deutschen Museum verstärken. Nur durch den immer wieder erneuerten Dialog mit den Menschen über die Grundlagen unserer naturwissenschaftlich-technischen Welt werden wir uns auch in Zukunft den Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft stellen können. Neben der Funktion als Gedächtnis und Ort naturwissenschaftlich-technischer Kultur in Deutschland ist dieser Dialog seit der Gründung des Deutschen Museums durch Oskar von Miller vor über 100 Jahren als Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft Kernkompetenz unseres Hauses.

– Wolfgang M. Heckl

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