Frauen in Führungspositionen scheinen in Deutschland immer noch zu einer exotischen Art zu gehören, die durchaus das Prädikat „schützenswert” verdient. Vielleicht geschieht es ihnen auch ganz recht, dass sie so wenige sind, im internationalen Vergleich geradezu lächerlich wenige, die in Deutschland an die Spitze vordringen. Denn, bei Lichte betrachtet, sind Frauen in Führungspositionen vor allem eines: Spielverderberinnen. Ein Beitrag von Prof. Dr. Marion Schick.
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Wie sollte man es auch sonst bezeichnen, was da vor vielen Jahren passiert ist? Die Frauen hatten gerade Ackerbau und Viehzucht erfunden und sich damit ziemlich radikal von der Abhängigkeit vom Jagdglück ihrer Männer emanzipiert. Überhaupt reduzierte sich die absolut notwendige Beteiligung der Männer an Fortpflanzung und Erhalt der eigenen Sippe auf eine zeitlich überschaubare kurze Spanne. Was tun, um der eigenen männlichen Bedeutung wieder auf die Sprünge zu helfen?

Ganz einfach und ziemlich clever. Mann gründet eigene Organisationen, in denen Frauen nicht zugelassen werden und die vor allem den Hauptzweck haben, sich gegenseitig die eigene Wichtigkeit – trotz allem – zu beweisen. Damit alles möglichst wichtig und geheimnisvoll gestaltet werden kann, entfernt man sich am besten weit vom heimischen Herd, zieht als „marodierende Jagdbanden” durch die Gegend, gibt sich eigene Regeln und Gesetze und kehrt erst abends zur Vieh züchtenden Frau nach Hause, bereit über die Unbill des Tages und die heldenhaft erledigten schwierigen Aufgaben zu berichten.

Sind marodierende männliche Jagdbanden der Ursprung unserer heutigen Institutionen?

Eine Reihe von Organisationspsychologen und anderen schlauen Menschen behaupten, dass diese marodierenden männlichen Jagdbanden exakt der Ursprung unserer heutigen Organisationen, Unternehmen und Behörden sind. Wichtigkeit kann zum Beispiel durch endlos lange unsinnige Sitzungen bewiesen werden, die einen mir-nichts, dir-nichts zum gestressten Manager machen.

Solche Sitzungen lassen sich beliebig dadurch verlängern, dass auch wirklich jeder Mann einen nicht zu kurzen Redebeitrag liefert. Sollte das zu Sagende bereits gesagt sein, verwendet Mann einfach eine elegante Einstiegsformulierung „Es wurde zwar bereits angesprochen, aber ich möchte doch noch einmal diesen Punkt ansprechen….”

Ist es nicht geradezu schrecklich, dass es einige Frauen gibt, die nicht vor dem Schlimmsten zurückschrecken und ein Spiel mitspielen wollen, das nur funktioniert, wenn Frauen eben nicht mitspielen! Ziemlich paradox, diese Situation, und für mich ein wunderbarer humorvoller Erklärungsansatz dafür, dass wir in Deutschland keine wirklich essentielle Mitwirkung von Frauen in Führungspositionen erreicht haben. Und auch nicht erreichen werden, solange unsere Organisationen und Unternehmen solch starre Gebilde mit normierten männlichen und weiblichen Rollen bleiben, wie sie es heute noch sind.

Männer und Frauen müssen ihre Rollen neu definieren und die jeweilige Bedeutung nicht daran festmachen, dass der andere aus dem eigenen Lebensbereich ausgeschlossen wird und Mann und Frau dadurch in die Lage versetzt werden, dem jeweils anderen das Blaue vom Himmel zu erzählen über die immense Bedeutung des eigenen Lebensbereiches. Denn das Ganze funktioniert natürlich auch andersherum: wenn Frauen systematisch Männer von ihrem Spiel ausschließen – dem Bereich des Kümmerns, der Familie, der Kindererziehung, des Bewahrens – dann werden diejenigen Männer zu Spielverderbern, die sich in diese Sphäre wagen und diese dadurch zwangsläufig entzaubern.

Sich selbst stabilisierende Rollenmuster: der heimkehrende Mann, der Trost und Anerkennung sucht. Die fürsorgliche, nachwuchsumsorgende Frau, die Lob und Anerkennung sucht…

Dem Mann, der abends von der Arbeit kommt und von den Kämpfen des Tages berichtet (und dabei die Anerkennung seiner Frau sucht) steht die Frau gegenüber, die abends von den pädagogischen Mühen mit den Kindern erzählt und dabei die Anerkennung ihres Mannes sucht. Beide arbeiten nach dem gleichen System: durch Ab- und Ausgrenzung den eigenen Wirkungsbereich und die eigene Rolle darin möglichst gewichtig darzustellen. So beweisen sich beide, dass sie jeweils in ihrem Bereich äußerst wichtig sind – und zementieren ihre Rollen.

Mehr Frauen in Führungspositionen erfordern also gleichzeitig mehr Männer, die in die häusliche Sphäre eingelassen werden. Es bedeutet Mut auf beiden Seiten der Geschlechtertrennlinie, die eigenen Stützkorsette der Wichtigkeit aufzugeben und sich auf ein wirkliches Miteinander mit dem anderen Geschlecht einzulassen. Als Lohn winkt Souveränität statt künstliche Autorität aufgrund aufgesetzter Symbole. Als Lohn winkt Authentizität statt Anpassung an fremde Lebensmuster. Als Lohn winkt Erweiterung der eigenen Handlungsoptionen statt Fahren auf vorgegebenen Gleisen. Als Lohn winkt ein spannendes und erfülltes Miteinander zwischen den Geschlechtern statt einem wichtigkeits-beweisenden Gegeneinander.

Prof. Dr. Marion Schick, Präsidentin der Hochschule München, wechselt zum 1. Oktober 2008 in den Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie ist außerdem Vorsitzende der Sachverständigenkommission für den Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

Kommentare (1)

  1. #1 Rainer Helbig
    September 24, 2008

    Sehr schön, nur weiter so.