Heute ist es bei unseren großen Brüdern von ScienceBlogs.com das Tagesthema, und das ist eine Gelegenheit hier einen kurzen Überblick zu geben.
Zuerst berichtete die Zeitung kurz darüber im Rahmen der Berichterstattung eines Vioxx-Prozesses. Dann beschäftigte sich The Scientist (kostenlose Registrierung erforderlich) weiter damit und brachte ans Tageslicht:
Im Jahre 2003 und 2004 publizierte der Zeitschriftengigant Elsevier ein Journal namens Australasian Journal of Bone and Joint Medicine, das komplett von Merck bezahlt war und nur erneut abgedruckte oder zusammenfassende Artikel zu Merck-Produkten beinhaltete, scheinbar um sich den guten Ruf des Peer Review zu Werbezwecken zunutze zu machen.

Bei The Scientist kann man zwei Exemplare des Journals ansehen, das ansonsten nicht in Journal-Indizes auftaucht und auch keine Webseite hatte.
Es sollte wohl der Anschein erweckt werden, eigenständige peer reviewtes Backup für die eigenen Produkte zu haben. In Wahrheit gab es entweder Reproduktionen echter Artikel, die vorher in anderen Elsevier-Publikationen erschienen waren (also tatsächlich früher einmal das Peer Review durchlaufen haben), oder aber zusammenfassende Artikel die aber nur ein bis zwei Referenzen enthielten, völlig unüblich für solche Artikel. In einer der beiden Ausgaben, die The Scientist vorliegen, bezogen sich beispielsweise von 29 Artikeln 12 auf das Medikament Fosamax und neun auf Vioxx – natürlich ausschließlich positive Darstellungen.

Elsevier acknowledged that Merck had sponsored the publication, but did not disclose the amount the drug company paid. In a statement emailed to The Scientist, Elsevier said that the company “does not today consider a compilation of reprinted articles a ‘Journal’.”

Elsevier betont weiterhin, dass sich seit 2003 die Standards gebessert hätten und dass Ihnen nicht bewusst war, wie weit das Journal verbreitet wäre.

Was sagen amerikanische Blogger dazu?

Orac schreibt:

First off, if there’s one thing most physicians and scientists know, it’s that there are numerous “throwaway” journals out there. “Throwaway” journals tend to be defined as journals that are provided free of charge, have a lot of advertising (a high “advertising-to-text” ratio, as it is often described), and contain no original investigations.

Er schreibt, dass diese Wegwerf-Journals nicht in offiziellen Journallisten wie PubMed geführt werden, aber oft gelesen werden, da sie einfache lesbare, kurze Artikel publizierten. Aber: diese enthielten normalerweise originäre Artikel und nicht einfach Sachen, die eh von Merck geschrieben worden seien.
Er benennt auch einige weitere Journals von Elsevier, die Sachen mit wenig oder keinem Peer Review veröffentlichen und von Homöopathen und Impfgegnern verwendet würden. So viel zu Elseviers “Code of Ethics”…
Schließlich prangert Orac auch noch die Arglosigkeit der Mitglieder des Editorial Boards an, die ihren Namen hergegeben haben, ohne offensichtliche notwendige Gedanken dran zu verschwenden. Es gibt auch ein Zitat in dem The Scientist-Artikel, der das deutlich macht.
Orac sagt dazu:

Doctors like Dr. Brooks are every bit as guilty as Merck and Elsevier for deceptive pharma marketing like this. We physicians are supposed to represent the best interests of our patients, and, as far as I’m concerned, to defend science-based medicine. Our credibility depends upon it.

In “Ethics and Science” schreibt Janet Stemwedel:

Clearly putting together something that looked like a medical journal and that contained articles (and excerpts from articles) that had only good things to say about Merck products reflects an intent to deceive. A real medical journal, one would assume, contains articles that have been scrutinized by scientists who are concerned to uphold standards of evidence and sound scientific reasoning. Peer review by experts lets the consumer of the articles in the journal regard the articles as legitimate contributions to a body of scientific knowledge. Moreover, real medical journals consider manuscripts examining the safety and efficacy of drugs from a number of competing manufacturers, and, presumably, manuscripts reporting problems with drugs, not just successes with them.

Sie fragt sich weiterhin, ob das Modell des Veröffentlichen von Journals zum Profit eine Zukunft hat – wo doch offensichtlich hier ein Wille vorgelegen habe, den guten Ruf den das Peer Review hat in betrügerischer Absicht zu Geld zu machen.

Bei “Bioethics” schreibt Summer Johnson u.a.

It is this attitude within companies like Merck and among doctors that allows scandals precisely like this to happen. While the scandals with Merck and Vioxx are particularly egregious, we know they are not isolated incidents. This one is just particularly so. If physicians would not lend their names or pens to these efforts, and publishers would not offer their presses, these publications could not exist.

Es herrscht also Einigkeit in der Bewertung – und da möchte auch ich mich anschließen. Peer Review ist nicht umsonst der beste Prozess zu haben, um Mist auszufiltern. Er funktioniert nicht immer, aber er ist eine verdammt hohe Hürde, die zurecht einen guten Ruf genießt. Das auszunutzen, ist schändlich und von allen beteiligten Seiten – Merck, Elsevier und den Doktoren die ihren Namen als Editor hergaben – Betrug an der Wissenschaft. Im Falle Merck und Vioxx bewerten ja gerade die Gerichte, ob hier der Profit über Menschenleben gestellt wurde.
Es sollte aber auch noch gesagt werden: Das ist keinesfalls ein Argument gegen Peer Review. Im Gegenteil: Es zeigt dass Peer Review sehr gut funktioniert und etabliert ist. Aber durch Tricks und Gewissenlosigkeit wurde hier dieser Ruf ausgenutzt.

Kommentare (27)

  1. #1 Fischer
    05/05/2009

    Inwiefern betreiben hier Merck oder die Autoren “Betrug an der Wissenschaft”? Das ist einfach Marketing, und das letzte mal als ich ins BGB geguckt hab war Werbung noch nicht verboten. Weder den Editors noch Merck würde ich da einen Vorwurf machen, so lange in diesem Heft keine Falschheiten verbreitet werden. Und ich kann mich nicht erinnern, dass jemals jemand das behauptet hat.

    Es ist der Verlag, der hier den Tarnmantel für eine Fälschung hergibt. Der schwarze Peter liegt hier bei Elsevier allein und nirgendwo sonst.

  2. #2 JörgR
    05/05/2009

    Merck nutzt genauso den guten Ruf des Peer Review aus und bezahlt für ein Journal, schreibt noch seltsame Reviewartikel dazu und verwendet es zum Marketing z.B. von Vioxx. Warum haben die keine Verantwortung? Ich rede von moralischem Betrug, juristisch kann ich das nicht bewerten.
    Und die Ärzte geben ihren Namen für das Editorial her. Das ist genauso verwerflich, wie es generell verwerflich ist wenn ein praktizierender Arzt seinen Namen für ein Marketing-Vehikel hergibt. Und hier gleich doppelt, weil er auch noch eine scheinbare Verantwortungsübernahme für die Wissenschaft übernimmt.

  3. #3 Christian W
    05/05/2009

    *seufz*

    Bei aller berechtigten Empörung, kann man denn nicht auch “gefälschtes” oder “irreführendes” schreiben? Sicher, in Sachen überflüssige Anglizismen gelte ich oft als überempfindlich, aber in diesem Fall ist die Sache in Anbetracht des (eigentlich auch nicht originär) deutschen Wortes “Fakt” sogar missverständlich.
    Übrigens sollte man mMn. Anglizismen und alle anderen migrierten Begriffe auch nicht so verunstalten (euphemistisch: “eindeutschen”). Wenn schon, dann kann man auch gleich “faked” oder wenigstens “gefaketes” schreiben.

    No hard feelings? 😉

    Grüße
    Christian W

  4. #4 Marcus Anhäuser
    05/05/2009

    @fischer
    nachdem, was ich gelesen habe, war das aber “gut getarnte Werbung”, also für Außenstehende nicht erkennbar. Elsevier hat der Wissenschaft einen Bärendienst erwiesen und Merck allen Big Pharma-Hysterikern Futter gegeben.

  5. #5 JörgR
    05/05/2009

    Naja wenn mir ein passendes Wort einfällt dann schreib ich dann. Hier hätte ich schon ein besseres finden können, das gebe ich zu. Aber “gefälscht” ist zu sehr juristisch konnotiert und “irreführend” klingt wieder zu harmlos. Faken ist genau was ich sagen will.
    Außerdem:
    http://www.canoo.net/services/Controller?dispatch=inflection&input=faken&features=(Cat+V)(Aux+haben)&country=D&lookup=caseInSensitive
    Es beugt sich zu “gefakt” nach diesem Wörterbuch 😛

  6. #6 Alexander Knoll
    05/06/2009

    Ein wichtiger Punkt macht dieses Fehlverhalten nicht mehr ganz so schlimm. Jedenfalls heute, 2003 war das noch ein wenig anders.
    Die meinsten meiner Kollegen und auch ich selbst lesen zu >99% Artikel die irgendwie online zugänglich sind. Also die entweder von PubMed gelistet werden, oder (in Ausnahmefällen) über die Journalwebsite erreichbar sind. Beides gab es hier nicht.
    Und gerade der Punkt PubMed macht eine Wiederholung dieses Falls unwahrscheinlich. Dort wird nicht jeder Journal aufgenommen, der sich bewirbt. Es gibt also eine große Hürde der Sichtbarkeit für solchen Unsinn, gelesen wird der Mist also nur von wenigen Leuten.

  7. #7 Christian W
    05/06/2009

    @Jörg
    Kein Problem. Ich kann ja (leidlich) damit leben, nur mit Genörgel geht es mir dabei noch besser. 😉

    Grüße
    Christian W

  8. #8 Marcus Anhäuser
    05/06/2009

    @Alexander Knoll
    eigentlich noch mehr ein Beleg dafür, das das Magazin ein reines Marketingding war.
    Denn für Merck reicht es, dass sie marketingtechnisch auf eine Studie in einem Magazin mit peer review verweisen können. Das hinterlässt schon seinen Eindruck bei Ärzten, schätze ich, die gar nicht die Zeit haben, sich das Originalmagazin anzusehen.

  9. #9 Fischer
    05/06/2009

    @JörgR
    Seh ich erstmal nicht so. Natürlich handelt es sich um ein Mittel zur Verkaufsförderung. Aber: offensichlich enthält die Zeitschrift ja Nachdrucke von echten Artikeln, die wo anders durch den Peer Review gegangen sind. Einen Missbrauch kann ich hier schon mal gar nicht erkennen. Und dass die enthaltenen Review-Artikel “seltsam” sind, scheint mir so klar auch nicht zu sein.

    Die beteiligten Wissenschaftler stehen mit ihren Namen erstmal nur dafür ein, dass die enthaltenen Infornationen ihrer Meinung nach zutreffend und hilfreich sind. Das ist erst dann verwerflich, wenn das nicht der Fall ist. Gibt es dafür Indizien?

    Es ist zu allererst mal der Verlag, der für eine saubere Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und PR zu sorgen hat. Das ist überall in der Publizistik so.

  10. #10 Marcus Anhäuser
    05/06/2009

    man kann natürlich auch mal anders herum fragen: Wozu gründet Merck ein solches Magazin? Wo es schon so viele gibt.

    Wenn es zu Marketingwecken gedient hat (Werbung ist ja legitim) muss es transparent sein, sonst ist es Täuschung. War es das?

  11. #11 hockeystick
    05/06/2009

    Bei dieser merkwürdigen Diskussion sollte der Kontext nicht ganz verloren gehen. Die “gefakte” Zeitschrift war Teil einer globalen Strategie von Merck Inc., das Medikament Vioxx effektiver und weniger gesundheitsschädlich darzustellen, als es war. Intern längst bekannte Risiken wurden bewusst heruntergespielt, Daten unterdrückt. Unkritische Ärzte wurden bestochen, kritische Ärzte wurden bedroht und verleumdet. Diese Strategie hat gewirkt, hat Merck Inc. Milliardengewinne eingebracht und schätzungsweise rund 50.000 Menschen das Leben gekostet. Das entspricht etwa der Zahl der amerikanischen Todesopfer im Vietnamkrieg. Die hierfür geleisteten Milliarden-Schadenersatzsummen haben bei weitem nicht ausgereicht, um Merck Inc. ernsthaft in finanzielle Bedrängnis zu bringen, der Firma geht es nach wie vor recht gut.

    Nach normalen ethischen Maßstäben hat eine Firma wie Merck Inc. das Recht auf ihre weitere Existenz verwirkt. Natürlich steht hier auch Elsevier am Pranger, aber zu so einem Täuschungsmanöver gehört auch und zuallererst ein skrupelloser Auftraggeber.

  12. #12 JörgR
    05/07/2009

    @Fischer
    Ein Reviewartikel soll normalerweise einen Überblick über den state of art in einem Gebiet geben, und zitiert daher massenhaft Paper. Was sagt uns das, wenn dann eines nur 2-3 zitiert?
    Außerdem, die Ärzte geben ihren Namen her, um dann in ihren Lebenslauf schreiben zu können: Hey, bin Editor. Wenn Sie dann aber nichts dafür tun (steht ja ein Beispiel im Artikel), dann missachten sie grob die Verantwortung, die sie übernehmen müssten und sind natürlich anzuprangern.
    Bei Elsevier würde ich sogar am wenigsten Verantwortung suchen.

    @hockeystick
    Naja, das ist aber kein passender Kontext. Big Pharma-alle sind böse-Verschwörungstheorien braucht es nicht. Nur weil Merck ihre schwarze Seite gezeigt hat bei Vioxx, heißt nicht dass man das hier jetzt in den gleichen Sack werfen muss. Sicher spiegelt das einen Aspekt wieder, der auch für Vioxx genutzt wurde, aber das grundsätzliche Problem braucht man jetzt echt nicht mit Big Pharma-Geschrei zu überdecken.

  13. #13 hockeystick
    05/07/2009

    Meine “Geschrei” und meine “Verschwörungstheorie” ist weitgehend anerkannter Stand der Erkenntnisse in Sachen Vioxx. Und um Vioxx ging es in dem genannten “Journal” nach den mir vorliegenden Informationen in einem erheblichen Ausmaß.

    Wenn du schreibst, “Im Falle Merck und Vioxx bewerten ja gerade die Gerichte, ob hier der Profit über Menschenleben gestellt wurde.”, dann bist du nicht ganz auf dem Laufenden. Insgesamt hat Merck & Co. in der Sache allein im Jahr 2007 rund 5 Mrd. US-Dollar außergerichtlich an Schadenersatz gezahlt, um eine richterliche Klärung der Vorgänge zu vermeiden. Bereits seit November 2004 kann man die gestellte Frage dennoch aufgrund veröffentlichter interner Unterlagen eindeutig mit “ja” beantworten.

    Hierzu z.B.
    http://www.arzneitelegramm.de/html/2004_11/0411514_01.html
    und ausführlicher
    http://www.arzneitelegramm.de/html/2004_11/0411126_01.html

    Die Zahl der Todesopfer habe ich eher konservativ geschätzt. Nach Zahlen eines FDA-Mitarbeiters ist von bis zu 140.000 Herzinfarkten und fast 60.000 Todesopfern allein in den USA auszugehen.
    http://www.drugresearcher.com/Research-management/Whistleblowers-reveal-FDA-exacerbated-Vioxx-scandal

    Natürlich hat auch solcherlei Schleichwerbung für Vioxx, übrigens auch in der ARD, mit diesen Zahlen zu tun. Die schweben ja nicht im luftleeren Raum. Wenn hier über Subtilitäten gestritten wird, welches Ausmaß an Lesertäuschung bei der Medikamentenwerbung noch legitim sei, und bei Wortmeldungen wie “Die beteiligten Wissenschaftler stehen mit ihren Namen erstmal nur dafür ein, dass die enthaltenen Infornationen ihrer Meinung nach zutreffend und hilfreich sind. Das ist erst dann verwerflich, wenn das nicht der Fall ist. Gibt es dafür Indizien?”, da sträuben sich mir schlicht die Nackenhaare.

  14. #14 JörgR
    05/07/2009

    Dieser Beitrag dreht sich darum, dass das Peer Review von einem Verlag, einem Konzern und Ärzten ausgenutzt wurde, um jeweils Geld zu verdienen oder ihren Ruf zu polieren. Ich weiß nicht, wieso man dann dazu in den Kommentaren die offensichtlichen Verfehlungen von Merck bei Vioxx diskutieren sollte, auch wenn diese tatsächlich sehr übel sind.

  15. #15 hockeystick
    05/07/2009

    Im Raum stand zum einen der moralische Freispruch für Merck & Co. und die von Merck & Co. finanziell sicher wohlwollend honorierten “Wissenschaftler” in dieser Sache, den ich aus den Wortmeldungen von Herrn Fischer herausgelesen habe. Zum anderen die Frage, ob es Indizien gäbe, dass die in dem Elsevier-Pamphlet enthaltenen Informationen möglicherweise nicht “hilfreich” gewesen seien.
    (evtl. habe ich den Kommentar im ersten Versuch versehentlich unvollständig abgeschickt; falls ja, bitte Version 1 löschen)

  16. #16 JörgR
    05/07/2009

    Ja den “Freispruch” verstehe ich auch nicht, aber ich denke auch nicht dass die da besonders was für bekommen, sondern eher machen für den Vergleich “Wer hat mehr Zeugs in seiner Vita”.

    Es steht außer Zweifel, dass die Journals als Marketing-Vehikel genutzt wurden, aber nicht nur für Vioxx, auch wenn ich das ja extra rausgestellt habe. Man kann es als weiteres Indiz sehen für die Verantwortungslosigkeit bei Merck, aber ich weiß nach wie vor nicht wie Vioxx hier der Hauptkritikpunkt sein könnte. Das kann man tatsächlich getrennt diskutieren, und es wird auch keiner bestreiten, dass der Vioxx-Skandal abscheulich ist. Also, was sollen wir tun, uns gegenseitig zustimmen, wie schlimm doch Vioxx war oder diskutieren, wie dieser einzelne Mosaikstein zustande kam?
    Außerdem war das ganze kein Pamphlet, sondern eine vorgetäuschte wissenschaftliche Veröffentlichung. Wenn es nur ein Pamphlet gewesen wäre, müssten wir hier gar nicht drüber sprechen.

  17. #17 hockeystick
    05/07/2009

    Der Fall Vioxx zeigt eben auch sehr schön, dass die hier in der Diskussion durchschimmernde Grundannahme “peer reviewed”=”wahr und gut” im Umfeld massiver kommerzieller Interessen ausgesprochen naiv ist. Im Fall Vioxx – und nicht nur hier – wurde auf alle erdenklichen Arten manipuliert, geschönt, weggelassen und getrickst, und dann erschienen die Artikel in den renommiertesten Zeitschriften. Und unabhängige Experten haben das schon in den Jahren 2000 und 2001 erkannt und öffentlich darauf hingewiesen, z.B. das Arzneitelegramm.

    Und was die finanziellen Beziehungen der “Herausgeber” dieser Publikation zu Merck & Co. angeht: Ich schlucke eine Vioxx-Tablette, wenn nicht jede dieser Figuren mindestens eine Summe von Merck & Co. erhalten haben sollte, für die man sich einen Neuwagen kaufen kann.

  18. #18 JörgR
    05/07/2009

    Der Fall Vioxx zeigt eben auch sehr schön, dass die hier in der Diskussion durchschimmernde Grundannahme “peer reviewed”=”wahr und gut” im Umfeld massiver kommerzieller Interessen ausgesprochen naiv ist.

    Weil Peer Review der beste Prozess den wir haben, wurde dies in diesem Fall ausgenutzt. Schließlich sind die Artikel in dem Journal schon einmal durch ein Peer Review gegangen, sie sind nur neu zusammengepackt und mit obskuren Review-Artikeln versehen worden um den Eindruck eines neuen Journals zu erzeugen. Wenn dieses ein Peer Review gehabt hätte, wäre das ganze nicht passiert. Also ist Peer Review der beste Prozess den wir haben, und genau deswegen wurde hier so vorgegangen.

    Im Fall Vioxx – und nicht nur hier – wurde auf alle erdenklichen Arten manipuliert, geschönt, weggelassen und getrickst, und dann erschienen die Artikel in den renommiertesten Zeitschriften.

    Und darum geht es hier nicht, ich sag es jetzt zum dritten Mal.

    Und was die finanziellen Beziehungen der “Herausgeber” dieser Publikation zu Merck & Co. angeht: Ich schlucke eine Vioxx-Tablette, wenn nicht jede dieser Figuren mindestens eine Summe von Merck & Co. erhalten haben sollte, für die man sich einen Neuwagen kaufen kann.

    Joa das ist eine ziemlich starke Behauptung, da kann und werde ich nicht drauf eingehen. Mir reicht schon der intellektuelle Betrug um erschüttert zu sein.

  19. #19 madalu
    05/07/2009

    Ich verstehe nicht recht, wieso diese offensichtliche Vortäuschung einer wissenschaftlichen Publikation zu Werbezwecken eine solche Aufregung auslöst. Besonders neu ist so eine Marketingstrategie der Pharmaindustrie ja wohl nicht. Neu ist vermutlich noch nicht einmal, daß es ein als seriös geltender Verlag ist, der sich dafür hergibt.

    Was an diesen Vorfall vor allem skandalös ist seine *Normalität*! Die aber leugnet, wer sowas als Skandal abhandelt.

    Vioxx ist 1999 zugelassen und 2004 verboten worden – war also zu der Zeit, als dieses Journal verteilt wurde (2003 – 2004) schon längst ein Megaseller. Es kann allein schon deswegen nicht (mehr) allzu viel zum Erfolg beigtragen haben. Daß Vioxx trotz der erheblichen Risiken ein Blockbuster geworden ist hat trotzdem ziemlich viel mit dieser Verkaufsstrategie zu tun – da bin ich sicher.

    Allerdings braucht es ja wohl noch den ein oder anderen Arzt dazu, damit so eine Masche erfolgreich sein kann. Sie sind diejenigen, die sowas wie Vioxx möglich machen, das ja bekanntlich verschreibungspflichtig war. Ganz offensichtlich interessiert sie nicht genug, was ihre Verschreibungen bei ihren Patienten für Folgen haben können, um sich ein wenig besser als sie es getan haben kundig zu machen, was sie ihnen mit Vioxx antun.

    Dabei sollte sich an sich auch bis zu Ärzten herumgesprochen haben, daß bei neuzugelassenen Arzneimitteln eigentlich grundsätzlich Vorsicht am Platze ist – weiß man doch, daß die immer öfter relativ kurze Zeit nach der Zulassung wegen Sicherheitsmängeln wieder zurückgezogen werden. Dem aufmerksamen Arzt, der seine Patienten nicht als Meerschweinchen der Pharmaindustrie mißbraucht wissen möchte, waren die Risiken bereits seit 2000 bekannt. Dazu mußte er lediglich einen Blick in das Arzneitelegramm werfen.

    http://www.arzneitelegramm.de/html/1999_12/9912123_01.html
    http://www.arzneitelegramm.de/html/2000_05/0005046_02.html

  20. #20 hockeystick
    05/08/2009

    Lesenswert auch

    http://www.arzneitelegramm.de/html/2001_09/0109087_01.html
    (zu den schon damals aufgeflogenen Manipulationen in den Publikationen großer Studien)

    Den ehrenwerten Herren im “Honorary Editorial Board” konnten diese Vorgänge kaum entgangen sein.

  21. #21 JörgR
    05/08/2009

    Ja, danke auch. Ich leugne also und bin naiv, aber statt mal irgendwie Behauptungen zu belegen (“Diese Journals gab es schon immer”) wird wieder elegisch Vioxx ausgebreitet. Hab jetzt keine Lust mehr, solange keine differenzierte Betrachtung möglich ist sondern nur Polemik, könnt ihr mir mal gestohlen bleiben.

  22. #22 madalu
    05/08/2009

    Sie schreiben einen nicht gerade kurzen Artikel darüber, wie das Peer-Review-Verfahren gezielt und mit voller Absicht für andere Zwecke genutzt wird, als es gedacht ist.

    Aber der Zweck wofür der ganze Aufwand betrieben wurde – einen renommierten Verlag finden, der mitmacht, eine Fachzeitschrift erfinden, Wissenschaftler gewinnen, die dafür ihren Namen hergeben und Ghostwriter, die für diese Wissenschaftler schreiben, das Journal verteilen und für all das einen saftigen Betrag an den Verlag zahlen – das soll damit nichts zu tun haben? Das darf hier nicht diskutieren, wer sich nicht den Vorwurf der Polemik einhandeln will?

    Wenn das Polemik ist, dann bin ich dafür.

  23. #23 JörgR
    05/08/2009

    Natürlich darf das diskutiert werden, bisher ist das nicht geschehen, es war nur Vioxx war schlimm und Merck war böse. Da das Journal eindeutig nicht nur für Vioxx gedacht war verschließt sich mir, wie das der einzige Diskussionsbeitrag sein kann. Was soll das, bißchen Merck dissen?

  24. #24 madamlu
    05/08/2009

    Nein Jörg – so einfach wie Sie hat es sich hier keiner gemacht.

    Ich habe nirgendwo gelesen “Vioxx ist schlimm” oder “Merck ist böse”. Was ich hier vor allem gelesen habe war eine knappe saubere und sachliche Darstellung, wie Merck in Sachen Vioxx vorgegangen ist, wie man sie sonst selten findet.

    Mag sein, daß es in dem Journal nicht nur um Vioxx gegangen ist. Aber machen Sie sich nichts vor – man könnte sicher Ähnliches auch für die anderen Arzneimittel vortragen, die darin vorkamen. Das ist nur nicht so bekannt wie Vioxx. Drum eignet sich das besser um die Prinzipien aufzuzeigen, die da wirken – übrigens sicher auch bei Fosamax.

    Merck hat nicht mehr und nicht weniger gemacht als ein Geschäft auf Kosten der Gesundheit – wohl wissend, daß Vioxx eine Gefahr ist für Leib und Leben. Ist Ihnen wohl nicht klar, was das für die betroffenen Menschen bedeutet? 140.000 solche Herzinfarkte sollen auf Vioxx zurückzuführen sein – darunter auch viele Todesfälle. Das sind 140.000 Schicksale. Sowas kann Existenzen vernichten und Familien kaputt machen, die Verbliebenen in Verzweiflung und Armut stürzen.

    Das auf das doppelte erhöhte Herzinfarktrisiko unter Vioxx war Merck bestens bekannt. Ungeachtet dessen hat Merck alles daran gesetzt den – wie wir wissen falschen – Eindruck zu erwecken, Vioxx sei gut verträglich, wirksam und sicher. Es verkauft sich dann einfach besser. Sie haben sogar eine Fachzeitschrift extra zu diesem Zweck erfunden.

    “Schlimm” und “böse” sind moralische Kategorien, die Sie hier ins Spiel bringen. Ich würde sagen, Merck geht über Leichen für seinen Umsatz. Nennen Sie das wie Sie wollen – meinetwegen auch böse.

  25. #25 JörgR
    05/08/2009

    Fein, dann sei also hiermit etabliert dass Merck über Leichen geht. Und? Was jetzt?

  26. #26 maja
    05/08/2009

    Es ist wichtig genau zu betrachten WIE Merck vorgegangen ist.

    Wenn wir nicht wissen, auf welche Weise dieser Konzern vorgegangen ist, kann man auch keine Möglichkeiten finden, dies in der Zukunft zu verhindern.

    Merck soll bereits in der ersten Studie, bemerkt haben, daß die Verum-Gruppe vermehrt Herz-Probleme zeigte. (entweder war es eine einfach blinde Studie, oder sie war nur scheinbar doppelt blind, das ist ein Punkt, den ich noch nicht für mich klären konnte)

    Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde daraufhin diese Studie abgebrochen, nachdem man erstmal versucht hatte, die Verum-Gruppe mit Aspirin gegen die Herz-Probleme zu “feien”.
    Da dies aber Magenprobleme verursacht, hat man dann lieber die gesamte Studie abgebrochen, da es ja das “Marktargument” für Vioxx sein sollte, daß es gerade keine Magenprobleme verursacht.

    Und – soweit ich das richtig verstanden habe, hat man dann Studienteilnehmer für die neue Studie ausgesucht, die keinerlei “Herzrisiken” zeigten.

    Alles nachzulesen im “The Australian” unter Stichwort “Merck”.

    Und soweit es bis jetzt die Anklage vorgebracht hat, hat man dann Meinungsbilder gekauft- und Kritiker eingeschüchtert.

    Ob es rechtlich möglich ist, weiß ich nicht, aber Geldstrafen scheinen da nicht mehr angemessen zu sein, bei einem Konzern, der Riesensummen verdient hat.

    Hier finde ich, wären Freiheitsstrafen zu überlegen.

    Etwa in der Preisklasse für fahrlässigen Totschlag?

    Denn wenn es stimmt, daß den Verantwortlichen von der ersten, nicht vollendeten Studie an, wußten, daß Menschen mit einem Herzrisiko das Medikament “nicht vertragen”, haben sie eben nicht nur einfach ein Medikament “Smart vermarktet”.

    Studienergebnisse nicht zu veröffentlichen, die unerwünschte Ergebnisse gezeigt haben, ist leider sehr üblich.

    Das ist ja auch keine Fälschung. Sozusagen lediglich Verschweigung. Die aber, wie in diesem Fall wohl geschehen, in der Medizin Leben kosten können.

    Nicht genau hinzuschauen ist nach meiner Meinung fahrlässig. Wir brauchen Arzneimittel, die das Vertrauen daß wir in sie setzen auch verdienen.

    Gerade im Fall Vioxx kommen gerade Vorgänge ans Licht, wie es noch selten geschehen ist. Listen von Namen der gekauften Meinungsbildner, der einzuschüchternden Ärzte. Ganze Strategieplanungen über Mailverkehr.

    Welchen Grund sollte es geben, uns dies nicht ganz genau anzuschauen, um zu verhindern, daß ein solches Vorgehen allgemein gebräuchlich wird?

    Ich bin sehr gespannt auf das Urteil. Bisher hatte Merck sehr geschickt laviert und sich mit “freiwilligen” Zahlungen vor Verurteilungen retten können.

    Hat man die Vorgänge um Voxx aufgeklärt, kann man ja dann auch mal schauen wie es mit den gleichen Taktiken jetzt steht – bei Merck.

  27. #27 madamlu
    05/08/2009

    @ Jörg

    Wenn denn wirklich Einigkeit darüber besteht, daß Vioxx kein Einzelfall war, und daß solche Praktiken alles andere als ungewöhnlich sind, wäre an sich doch klar, wie Sie weitermachen sollten.

    Wie wär’s wenn Sie mal darüber nachdenken, warum Skandale dieser Art an der Tagesordnung sind, warum sie so selbstverständlich zum Pharmageschäft dazu gehören, daß man sich fragen muß, worin denn da der Skandal eigentlich besteht?

    Damit sollten Sie eigentlich lange genug beschäftigt sein, um für eine Weile keine beleidigten Kommentare mehr abgeben zu können.