Auf eine Forschungsfrage von Brighteye antwortet der ScienceBlogger und Politologe Ali Arbia:

Um es gleich vorweg zu nehmen: In die Zukunft sehen kann ich nicht (sonst würde ich wohl Lotto spielen). Trotzdem wage ich ein Voraussage und die kurze Antwort heisst: “Ziemlich sicher ja”. Die längere Antwort ist jedoch etwas komplizierter.

Der Kern der Frage ist, was man unter einem “Nationalstaat” versteht. Es gibt ganz unterschiedliche Definitionen. Einig scheint man sich zu sein, dass die Idee des Nationalstaates eng mit dem 1648 mit dem Westfälischen Frieden in Europa geschaffenen internationalen Staatensystem verbunden ist. Die Innovation war damals, dass jeder Staat für seine inneren Angelegenheiten (bedeutete vor allem die Wahl der Staats-Konfession) ohne äussere Einmischung selbst verantwortlich sein soll (Souveränität).

Um die Definition zu vervollständigen, muss dieses Staatskonzept nun noch mit der Idee einer ‘Nation’ verbunden werden. Dazu wird häufig eine gewisse Einheitlichkeit der Bevölkerung (z.B. Sprache, Ethnie, Geschichte) als Kriterium benutzt. Doch dies trifft auf die meisten Staaten kaum zu (ein Paradebeispiel wäre die Schweiz). Eine gängige Definition geht darum meist einfach vom “Wunsch, zusammen leben zu wollen” (Ernest Renan) aus.


Der Nationalstaat hat seit seines Entstehens viel von seiner ursprünglichen Macht verloren. Heute scheint alles mit allem eng zusammen zu hängen und Politik kann kaum auf das Gebiet innerhalb ziemlich willkürlicher nationaler Grenzen beschränkt werden.

Wenn Firmen die Produktion problemlos von einem Kontinent zum anderen verlegen können, wenn Entscheidungsgewalt an eine supranationale Ebene abgegeben wird (z.B. Europäische Union, Internationale Gerichtshöfe etc.) oder wenn von Amnesty International bis Al-Kaida transnationale Gruppen weltweite Kampagnen führen, dann scheint der Nationalstaat ein Auslaufmodell zu sein.

Am Besten betrachtet man den Nationalstaat aber nicht als absolutes Konstrukt, sondern als ein Konzept mit vielen Abstufungen. An einem Ende steht der ideale, zentralisierte und absolut souveräne Staat (den es in dieser Form vermutlich nie gab). Am anderen Ende des Spektrums findet man Gebiete, die viel ihrer Souveränität eingebüsst haben (z.B. die deutschen Länder oder die Schweizer Kantone).

Man kann sich auch fragen, ob denn was immer die Nationalstaaten ersetzen würde, wirklich etwas anderes ist. Schliesslich sind viele der heutigen Staaten aus einem Zusammenschluss von kleineren souveränen Einheiten entstanden (Deutschland, Italien, Schweiz…). Es stimmt zwar, dass viele Staaten sich vom Ideal des zentralisierten Nationalstaates wegbewegen. Gleichzeitig werden Souveränitätsrechte von ihnen vehement verteidigt. Die meisten Menschen identifizieren sich nach wie vor vorwiegend mit typischen nationalen Symbolen (Flaggen, Währung, Geschichte, etc.). Das ganze internationale Staatensystem baut auf dem Konzept des Nationalstaates auf. Der Nationalstaat ist die dominante Organisationseinheit im internationalen System.

All das wird sich so schnell kaum ändern. Es wird also ziemlich sicher auch 2020 noch Nationalstaaten geben, nur mit weniger Macht und mehr übergeordneten komplementären Entscheidungsinstanzen.

Weitere Antworten und Diskussionen sind erwünscht!


 » Ali Arbia ist Politologe und bloggt bei zoon politikon i-4fe56f3103b3e6a46c33e0eff3272f09-Ali_Arbia_45.jpg

Kommentare (5)

  1. #1 Jörg Friedrich
    August 13, 2009

    Die Schweiz ist kein Paradebeispiel, sondern ein Ausnahmefall. der Normalfall ist, dass die Bürger eines Nationalstaates eine gemeisame Sprache soweit beherrschen, dass sie damit (wenigstens als Publikum) am öffentlichen Diskurs teilnehmen können – und ich vermute sogar, dass das auch für die Schweiz gilt.

  2. #2 ali
    August 13, 2009

    Flamen, Deutschsprachige und Wallonen in Belgien, Korsen und Bretonen in Frankreich, Katalanen und Basken in Spanien, Gälen und Waliser in Grossbritannien, Lappen in Schweden, Schweden in Finland, etc.

    Ich halte daran fest, der Nationalstaat ist sprachlich kaum zu definieren. Oft schafft die vermeintlich gemeinsame Sprache noch mehr Bitter- und Feindseligkeit statt Einigkeit. Die Schweiz mag bestenfalls ein extremes Beispiel sein.

    P.S. Nein, eine gemeinsame Sprache gibt es hier tatsächlich nicht.

  3. #3 Jörg Friedrich
    August 14, 2009

    Genau die Beispiele markieren auch die erstarkenden Separationsbewegungen in Europa. man könnte noch die Tiroler in Italien und Östereich hinzunehmen.

    Natürlich ist der Nationalstaat nicht unmittelbar sprachlich zu definieren. Der Nationalstaat kann aber als kulturelle Identifikation begriffen werden, und die Sprache ist im allgemeinen die stärkste Kraft innerhalb dieser kulturellen Identifikation.

    Wobei natürlich immer zugegeben ist, dass der kulturell und damit vor allem sprachlich begriffene Nationalstaat eine Konstruktion ist, eine Denkhilfe, um die Realität zu ordnen und zu verstehen. Die Gefahr des Zerfalls Belgiens z.B. kann man aber auf diese Weise sehr gut verstehen

  4. #4 Webbär
    August 14, 2009

    Wobei Belgien in drei Teile zerfallen könnte. :)

  5. #5 ali
    August 14, 2009

    Natürlich ist der Nationalstaat nicht unmittelbar sprachlich zu definieren.

    Das ist genau, was ich meine in meiner Antwort geschrieben zu haben glaube.