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Die Autoren beginnen treffend in ihrem Vorwort “In diesem Buch geht es um Geld, Gefühle und um die Frage, wie das Gehirn mit beidem umgeht. Sowohl neurowissenschaftliche als auch ökonomische Abhandlungen gelten gemeinhin als schwere Kost. Doch wir möchten den Leser beruhigen …”

Wahrlich schwere Koste findet sich in diesem, für den Praktiker unter den Verwendern neurowissenschaftlicher Erkenntnisse geschriebenen Fachbuch nicht. Und die Erkenntnisse lassen sich auch auf das Führen des eigenen Aktionportfolios übertragen.

Der Leser erfährt aber auch, dass fundamentale Erkenntnisse der Finazpsychologie keineswegs neu sind. So wird auf Arbeiten von Gustave le Bon aus dem Jahre 1895 verwiesen (“Psychologie der Massen”) und Börsenguru Andre Kostolany findet sich an vielen Stellen mit mehr oder weniger tiefgründigen Zitaten wieder (“Die massenpsychologischen Reaktionen sind an der Börse wie im Theater: Einer gähnt, und in kürzester Zeit gähnt jeder: Hustet einer, so hustet sofort der ganze Saal”; S. 148). Für den wissenschaftlich interessierten Leser mit Vorkenntnissen zum Neuromarketing ist das Buch dann auch etwas dürftig. Der ist mittlerweile mit Belohnungsarealen im Gehirn, den Funktionen des präfrontalen Cortex und der Bedeutung von Begrifflichkeiten wie Amygdala und Nucleus accumbens und Insula zur emotionalen Steuerung des Verhaltens halbwegs vertraut und fragt sich, wo nun die fundamentalen Neuerungen der angewandten Hirnforschung für die Wirtschaftswissenschaften denn liegen.

Vermutlich nicht in der Erkenntnis, dass das Belohnungssystem nicht mit Geld umgehen kann (S. 158) oder das Angst und Panik zu Fehlern führen (S. 162). Und das Kreditkarten bei so manchem eine natürliche Kontrolle des Geldausgebens außer Kraft setzen, was zur Überschuldung führen kann, ist nicht neu. Das dies aber kein Automatismus sein muss, wissen wir aber von ganz anderer Seite: aus der Theorie zum Belohnungsaufschub kann man Menschen mit Disposition für längere Vorfreude von solchen mit Tendenz zur unmittelbaren Belohnung unterscheiden – unabhängig vom Vorhandensein einer Kreditkarte.

Das Buch mündet in sechs “neuen” Regeln der Neurofinance für den Umgang mit Geld, deren “Neuigkeit” aber durchaus in Frage gestellt werden darf, etwa bei Regel Nr. 6: “Es ist notwendig, die Bereitschaft zur Akzeptanz von Zufällen zu entwickeln und zu trainieren. Auch wenn wir gern alles vorhersagen möchten, müssen wir uns eingestehen, dass wir das nicht können” (S. 205).

Alles in allem ein leicht zu lesendes Buch für den interessierten Laien zum Thema ´neurowissenschaftliche Erkenntnisse zum Umgang mit Geld´. Für den etwas anspruchsvolleren Leser mit Vorkenntnissen bietet das Buch allerdings wenig wirklich Neues. In sofern wird es aber wiederum dem im Vorwort Angekündigtem durchaus gerecht …

Kommentare (1)

  1. #1 Stephan
    Juni 18, 2009

    Schon John Maynard Keynes sagte:

    – Successful investing is anticipating the anticipations of others.

    – Worldly wisdom teaches that it is better for the reputation to fail conventionally than to succeed unconventionally

    Einer der bekanntesten Artikel zur Psychologie der Massen auf dem Finanzmarkt:

    Scharfstein, D./Stein, J. (1990): Herd Behavior and Investment, in: American Economic Review, Vol. 80 , No. 3, pp. 465-479.

    Zu These Nr. 6: http://en.wikipedia.org/wiki/Random_walk_hypothesis

    Außerdem ist noch Daniel Kahnemann’s Prospect Theory in diesem Zusammenhang interessant: http://en.wikipedia.org/wiki/Prospect_theory