Die Autophagie, das Verdauen zelleigener Organellen und Proteine ist ein Recyclingprogramm der Zelle, das bei der Wiederverwertung von beschädigten Proteinen und Zellbausteinen eingesetzt wird. Der Name bedeutet, dass innerhalb der Zelle Material in Hohlräume, die sogenannten Autophagosomen, eingeschlossen und anschließend durch Ansäuerung verdaut wird. Die Zelle sich also tatsächlich zum Teil selbst „frisst”. Besonders in Stresssituationen wie bei mangelnder Nährstoffversorgung dient dieser Mechanismus dazu, das Energiegleichgewicht der Zelle aufrechtzuerhalten und sichert ein Überleben.

i-6301819f1c70d1ff5002da3ca9b5418c-400px-Hepatocellular_carcinoma_intermed_mag.jpg

Hepatozelluläres Karzinom (Bild: Wikipedia)

Krebszellen sind erwiesenermaßen abhängig von diesen Mechanismen, da es in schnell wachsenden Tumoren typischerweise zu Nährstoffmangel kommt. Das liegt einerseits an dem beschleunigten Wachstum, das zu einer Kompetition um Nährstoffe führt und andererseits an einem zu langsamen Einwachsen neuer Blutgefäße, die die Nährstoffe zu den Krebszellen transportieren. Um die Krebszellen weiterhin mit der nötigen Energie zu versorgen ist die Autophagie in vielen Tumorarten erhöht. Ergebnisse aus Zellkulturexperimenten und diversen klinischen Studien lieferten nun vielversprechende Aussichten für eine potentielle therapeutische Anwendung eines altbekannten Malaria- und Rheumamittels, dem Hydroxychloroquin (HDC). Denn dessen Wirkung ist eben genau die Inhibition der Autophagie und damit eine mögliche therapeutische Wirkung auf das Wachstum von Krebszellen.
In Modellen von therapieresistenten Tumoren, also mit aktueller Therapie unbehandelbar, zeigte der zusätzliche Einsatz von HDC in Kombination mit der Standardtherapie einen positiven anti-Tumoreffekt. Im Moment wird das HDC in mehr als 30 klinischen Studien kombinatorisch mit Chemotherapy, Bestrahlung oder Immuntherapy eingesetzt und erste Auswertungen zeigten vielversprechende Resultate.
Vieles ist noch unbekannt im Spiel der Wechselwirkungen von Krebs und Autophagie, doch da es sich um einen ausgesprochen essentiellen zellulären Mechanismus handelt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass es bei einem derartigen Therapieansatz zu einer tolerierenden Anpassung kommen kann. Im Moment werden auch neuartige Wirkstoffe erforscht, die eine Autophagiehemmung vermitteln können und ein neuer Wirkstoff, Lys05, zeigte beispielsweise eine 10-fach potentere Wirkung bei der Hemmung der Autophagie. Möglicherweise ist dies ein ganz neuer Ast der Krebstherapie, der in Zukunft bei der Unterstützung der bekannten Standardtherapien zum Einsatz kommen wird.

Hier die Pressemitteilung.

Kommentare (5)

  1. #1 Ludger
    Februar 21, 2012

    Sehr schön. Aber die Untersuchungen sind noch in einem sehr frühen Stadium:

    (aus dem o.a. Link) Nearly 30 phase I and Phase II clinical trials involving HCQ have been launched or are in planning stages in many different malignancies, including melanoma, multiple myeloma, renal cell carcinoma, colon cancer, prostate cancer, breast cancer, and others.

    Zur Erinnerung: ( http://de.wikipedia.org/wiki/Klinische_Studie#Phasen_einer_Arzneimittelstudie )

    Phase II : ca. 50–200 Personen, Dauer: Monate, Hauptziel: Überprüfung des Therapiekonzepts (Proof of Concept, Phase IIa), Findung der geeigneten Therapiedosis (Dose Finding, Phase IIb), positive Effekte der Therapie sollten zu beobachten sein.

    Gleichwohl handelt es sich um einen interessanten Ansatz insbesonders für die wenig chemotherapiesensiblen Tumorarten (Niere, Prostata).

  2. #2 Felix Bohne
    Februar 21, 2012

    Das ist richtig! Alles sind frühe Studien! Wollte hier keine Therapieversprechen abliefern, aber vielversprechend klingt es schon (haben aber auch andere Sachen schon geklungen und sind dann wieder in der Versenkung verschwunden!). Die Autophagie ist gerade dermaßen heiß! Auch in der Virologie kommen täglich neue Aspekte ans Tageslicht.

  3. #3 Susanne Paech
    März 28, 2012

    Noch einige neue molekularbiologische Erkenntnisse um Proteine für einen Ansatz wenig sensibler Tumorarten im Kontext einer interdisziplinären Krebstherapie. Es geht um ergänzende Hyperthermie oder Wärmebehandung bei Chemo- oder Strahlentherapie. Die Wirkung ist schon lange experimentell festgestellt, aber erst jetzt wurden einige der dafür verantwortlichen Wirkungsmechanismen entschlüsselt: die DNA-Reparaturmechanismen sowie die sogenannten Hitzeschock-Proteine. Siehe dazu auch die neue Reportage auf HYPERRAUM.TV http://www.hyperraum.tv/2012/03/24/hitzeschock-proteine/

  4. #4 Dr. Wilhlem Herdering
    Mai 16, 2012

    Das Prinzip Hemmung der Autophagie wurde zum ersten Mal beim Menschen umgesetzt in Mexiko City von Sotelo et al. Er kombinierte bei frisch operierten GBM Patienten (GBM = Glioblastom Multiform, bösartigster Hirntumor) Chloroquin mit Bestrahlung und dann dem altbekannten billigen Antitumormittel BCNU (Carmustin), danach gab er das Chloroquin weiter. Mit dieser Methode verlängerte er das mediane Überleben gegenüber der heutigen Standard-Methode “Bestrahlung in Kombination mit Temodal” und dann weitere Behandlung mit Temodal von 14 auf 24 Monate.
    Sotelo schrieb allerdings noch nichts über Hemmung der Autophagie sondern meinte, der Wirkmechanismus des Chloroquin sei die Stablisierung des Genoms der GBM-Zellen.
    Eine chinesische Gruppe bestätigte kürzlich im Wesentlichen Sotelos publizierte Ergebnisse.
    Die Chinesen schreiben sogar von “curative Effekts”. 96 Patienten waren im Versuch, 48 davon wurde Chloroquin zusätzlich gegeben. Die zuätzlich mit Chloroquin behandelten Patienten zeigten mehr als eine Verdoppelung des medianen Überlebens gegenüber denen, die kein Chloroquin erhielten.

    Zu finden ist das alles leicht mit medline und den Suchworten
    glioma chloroquine sotelo
    und mit google unter
    glioma china chloroquine

    In Deutschland forscht Prof. A. Giese (Chef der Neurochirurgie in Mainz) in diesem Bereich,
    google Suchworte
    Giese chloroquine glioma

  5. #5 WIHE
    November 7, 2014

    Hallo Ixxx,

    genau den unten stehenden Versuch
    hast Du gemacht, als du mehrere Wochen vor Deiner letzten Op im Januar 2013
    täglich Chloroquin genommen hast (insgesamt 30 Pillen, täglich 150 mg Chloroquine-Base)

    Rund 450 000 Dollar werden in den Versuch gesteckt. Die Meldung ist noch brandneu. vom 14. August. 2014

    Die Nachricht kommt aus Canada, Ottawa, von einem Riesen-Institut.

    Wir hatten uns damals gewundert, dass bei der Zweit-Op im Januar 2013 nicht eine einzige Brustkrebszelle (Triple negativ) mehr gefunden wurde.
    obwohl das in der Erst-Op (Nov.2012) entnommene Gewebestück an den Rändern nicht sauber von Tumorzellen war.

    Vielleicht war das ja ein Chloroquin-Effekt.

    Schön, dass die Chloroquin-Brustkrebs-Forschung von den USA auf Canada übergesprungen ist.
    Das spricht eher für den Nutzen von Chloroquine in diesem Bereich, als wenn alles versandet wäre.

    Grüße xxxx

    “If Chloroquine is found to prevent autophagy, thus resulting in the death of cancer cells and the shrinkage of tumours,
    it will provide a new and safe treatment for breast cancer patients that can immediately be used in clinics”.

    Du hast es schon probiert.

    > ———————————————————————————–
    http://www.ohri.ca/newsroom/newsstory.asp?ID=518

    Breast Cancer Foundation grant awarded for the study of a potential new drug therapy
    August 27, 2014

    Drs. Angel Arnaout, Christina Addison and Mark Clemons have been awarded a
    three year grant valued at $448,959 by the Canadian Breast Cancer Foundation to further study the drug Chloroquine, a safe and inexpensive
    medication that is commonly used to treat malaria and arthritis. In recent tests, Chloroquine has been shown to prevent autophagy (Greek for “self-eating”),
    which is the process by which cancer cells cannibalize their proteins when they are growing too quickly and unable to absorb nutrients
    and oxygen fast enough. Autophagy can keep cancer cells alive even while they are being treated with chemotherapy or radiation
    designed to kill them. Dr. Arnaout will use the grant money she received to test whether Chloroquine can prevent autophagy in patients
    with breast cancer who are awaiting surgery. Patients will take either Chloroquine or a placebo in the two to eight weeks leading up to
    surgery and the effects on breast tumours will be observed. If Chloroquine is found to prevent autophagy, thus resulting in the death of
    cancer cells and the shrinkage of tumours, it will provide a new and safe treatment for breast cancer patients that can immediately
    be used in clinics. Read details of the grant award.

    About the Ottawa Hospital Research Institute
    The Ottawa Hospital Research Institute (OHRI) is the research arm of The Ottawa Hospital and is an affiliated institute of the University of Ottawa,
    closely associated with the university’s Faculties of Medicine and Health Sciences. OHRI includes more than 1,700 scientists, clinical investigators,
    graduate students, postdoctoral fellows and staff conducting research to improve the understanding, prevention, diagnosis and treatment of human disease