Spitzenforschung in drei Minuten – oder auch in einer Viertelstunde – anschaulich präsentiert, ja zum Teil sogar unterhaltsam, dieses Prinzip der Science Slams hat die “Falling Walls”-Konferenz in Berlin auch in ihrer dritten Ausgabe sehr professionell auf und über die Bühne gebracht. Kaum eine populärwissenschaftliche Veranstaltung in Europa dürfte inzwischen näher dran sein an der inspirierenden US-amerikanischen “TED Conference“. Und doch hat die Konferenz meiner Meinung nach in mehreren Aspekten noch ungenutztes Potenzial…

  • Nur bei wenigen Sprechern sprang wirklich jener persönliche Funkte des Enthusiasmus über, den wir bei TED so schätzen. Max-Planck-Direktor Robert Schlögl zum Beispiel schaffte es, mit seiner Idee anzustecken. Er brachte sogar gleich noch ein Stück Berliner Mauer mit, das er eigenhändig in der Nacht der Wende aus dem Stein herausgebrochen habe.

  • Der Selbstanspruch, den Zusammenbruch von Mauern in den Köpfen zu dokumentieren oder diese Mauern sogar selbst aktiv mit einzureißen, ist ambitioniert. Auch beim US-Vorbild von R.S. Wurman (und später dann Chris Anderson) kann beileibe nicht jeder Vortrag als „disruptiv” eingestuft werden, aber zumindest die Quote scheint mir dort höher. Falling Walls könnte insofern noch mehr Querdenker vertragen würde ich sagen. Oft (und vor allem am Vormittag) boten die Beiträge eher anschauliche Überblicke über den aktuellen Stand der Forschung als lebhafte Berichte von Zeitzeugen einer vermeintlich umgestoßenen „Wall”. So spannend viele Teilnehmer auch die Geschichte physikalischer Theoriebildung fanden, wie sie Jean-Luc Lehners vom MPI für Gravitationsphysik in seiner “Evolution of the universe” beschrieb, so sehr fehlte für mich die Antwort auf die Frage, was nun so dermaßen neu am Disput über Multiverse und Stringtheorie sein soll, dass dies unser aller Leben paradigmatisch verändern wird. Ein anderer Sprecher wärmte Flemmings viel zitierte Petrischale wieder auf und erinnerte daran, dass damit ja der Weg für die heutigen Antibiotika bereitet worden sei – nur leider hören sich solche Wissenschafts-Anekdoten seit Jahrzehnten. Was mich zum dritten Punkt bringt:
  • Den Tag über ging es im Prinzip ausschließlich um „Day Science” – also Erfolgsgeschichten vermeintlich linearer Forschung. Dabei wären es oft sicherlich eher die Misserfolge und Sackgassen, die Widersprüche und Falsifikationen, „Night Science” sozusagen, die deutlich machen, wie viele Hammerschläge es braucht, um Mauern in den Köpfen tatsächlich einzureißen. Oder wie Isaac Asimov es angeblich einmal ausgedrückt hat: „The most exciting phrase heralding discoveries is not so much „Eureka!” but rather: „That’s funny…”. „Falling Walls” könnte meiner Meinung nach künftig noch mehr Streitkultur und Widerspruch vertragen. Dies wäre garantiert, wenn ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den (derzeit hier überwiegenden) wissenschaftlichen Antworten und den (eigentlich gar nicht direkt artikulierten) gesellschaftlichen Fragen herrschte. Denn das Format der „Vorlesung” genügt dem Anspruch des Dialogs leider nicht.

Fazit: F.W. ist zwar inhaltlich ebenso hochkarätig wie dicht, aber nach drei Jahren noch auf dem Niveau eines „Sophisticated Science Slam”. Den Sprung zur TED-ähnlichen Plattform (oder gar Quelle) gesellschaftsverändernder Fragen, Ideen und Lösungen steht noch aus. Sozusagen eine „Wall” in eigener Sache, die noch fallen muss.

Hier nochmal der Link zum Live-Stream ; vielleicht sind die Videos ja auch im Nachgang dort abrufbar.

NACHTRAG:
Die FWC 2012 ist inzwischen terminiert, und zwar für den 8.-9- November.

Kommentare (11)

  1. #1 Philipp G.
    9. November 2011

    […] so sehr fehlte für mich die Antwort auf die Frage, was nun so dermaßen neu am Disput über Multiverse und Stringtheorie sein soll, dass dies unser aller Leben paradigmatisch verändern wird.

    Mich nervt die Frage immer. Ich bin zugegebenermaßen kein Stringtheoretiker. Aber in den sogenannten “Life sciences” kommt die Frage “Und was bringt das dann?” auch sehr häufig.

    Anscheinend auch von Gutachtern in peer-review-Prozessen.
    Das führt dann dazu, das man mit prinzipiell jeder biochemischen Erkenntnis potentiell

    Krebs heilen kann.

    In einem Paper über die Oberflächenadsorption von Proteinen in dem Pferdehämoglobin als Modelprotein benutzt wurde (Pferdehämoglobin ist ziemlich billig für ein Protein, gut untersucht und robust) entblödeten die Forscher sich nicht zu schreiben das Hämoglobin ein wichtiges Protein wäre, auch weil es mit vielen Krankheiten in Bezug stünde – unter anderem massiver Blutverlust durch eine Verletzung.
    Diese ständige Sinnfrage führt nur zu so dämlichen Rechtfertigungen.

    Die Stringtheorie ist einfach komplettes physikalisches Neuland. Wenn sie jemals ihre Geburtswehen hinter sich bringt, wird sie ein komplett neues Paradigma in die Physik einführen. Wenn man die Konsequenzen dieses Paradigmenwechsels bereits vorausahnen könnte, bräuchte man wesentlich weniger Forschungsarbeit.

  2. #2 Alexander Gerber
    11. November 2011

    Da bin ich komplett bei Ihnen @Philipp G.

    Man muss hier nicht nur zwischen Grundlagen- und Angewandter Forschung unterscheiden, sondern sicherlich sogar zwischen Disziplinen.

    Ich meinte speziell den Selbstanspruch des Veranstaltungsformats, eben gerade mehr sein zu wollen als ein “Sophisticated Science Slam”, nämlich keine willkürliche Sammlung von Forschungsergebnissen abzubilden, sondern speziell jene Fortschritte auszuwählen und zu zeigen, die “Durchbrüche” darstellen, die kurz- oder zumindest mittelfristig das Leben der meisten nachhaltig verändern werden. Insofern war vielleicht die Teilchenphysik nicht gerade die geeignetste Kiste, in die man für Munition zu “einstürzenden Mauern” greifen konnte. Und selbst wenn doch: Waren denn die präsentierten Ergebnisse zur Stringtheorie (auch ich bin da ja keinesfalls Experte) wirklich so bahnbrechend NEU? Ich dachte, dieser Disput dauert schon seit den 80ern an und ist noch nicht wirklich geklärt.

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