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Die Vergabe der Nobelpreise in den naturwissenschaftlichen Disziplinen haben selten politische Tragweite, verglichen beispielsweise mit dem Friedensnobelpreis. Barak Obama erhielt diesen 2009, nachdem er erst kurz im Amt war. Wahrscheinlich hatte er dadurch noch nicht ausreichend Zeit sich als Kandidat zu disqualifizieren. Obama selbst meinte, er habe den Preis nicht verdient. Oder Yasser Arafats Friedensnobelpreis 1994. Oder der für Al Gore 2007.

Das heißt natürlich nicht, dass die Nobelpreise in den Naturwissenschaften frei jeglicher politischen Dimension wären. Häufiger als die gewürdigten Wissenschaftler selbst, sind es aber eben jene, die unverständlicherweise leer ausgehen. 2009 erhielten Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi eine Hälfte des Medizinnobelpreises für die Entdeckung des AIDS-Erregers. Die Tatsache, dass Luc Montagnier auf dem besten Weg ist zur Galionsfigur der Pseudowissenschaften zu werden, ist das eine. Wieso aber Robert Gallo, einer der Mitentdecker des HI-Virus, nicht gewürdigt wurde, bleibt das Geheimnis des Nobelkomitees des Karolinskainstituts, das den Preis für Physiologie und Medizin vergibt.

Die diesjährige Vergabe des Nobelpreises weist vermeintliche Parallelen zu dem Fall Gallo auf. Neben Shin’ya Yamanaka, dem Erfinder der Reprogrammierung von Körperzellen zu iPS Zellen, wurde John Gurdon gewürdigt. Zunächst hat Gurdon mit der Reprogrammierung von Zellen durch Transkriptionsfaktoren, wie sie Yamanaka gelungen ist, wenig zu tun. Er ist der Vater von inzwischen klassischen Experimenten, bei denen einer entkernten Eizelle der Zellkern einer Körperzelle eingesetzt wird. Wenn diese Zellchimären sich anfangen zu teilen, können die so generierten Embryonen zu lebensfähigen Tieren heranwachsen. Die gesamte Information, die zur Entwicklung notwendig ist, ist also auch in adulten Zellen noch vorhanden. Gurdon führte diese Experimente mit Froscheiern durch.

Bekannter sind jedoch die analogen Versuche an Säugetieren, die erst Jahrzehnte später gelangen: Mit dieser Technik wurde am Roslin-Insititut in Edinburgh 1996 das erste “Klonschaf Dolly” hergestellt. Warum also ist nicht auch Ian Wilmut, der “Vater von Dolly” mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden? Immerhin erlauben es die Nobelpreisstatuten, dass sich bis zu drei Wissenschaftler einen Preis teilen. Nun, der tatsächliche Beitrag von Wilmut zu den Zellkerntransferexperimenten aus denen letztlich Dolly resultierte, ist umstritten und inzwischen wird Wilmuts Kollege, der weitgehend unbekannte Keith Campbell als geistiger Vater von Dolly angesehen. Der Streit eskalierte bis hin zur öffentlichen Forderung, dass Ian Wilmut die von der Queen verliehene Ritterwürde wieder abgenommen wird.

Wäre also auch der Kerntransfer in Säugetieren nobelpreiswürdig gewesen, hätte Keith Campbell die Ehre gebührt und nicht Ian Wilmut. Ich hätte es Campbell gegönnt, sozusagen als Wiedergutmachung. Solche Argumente scheinen jedoch in Stockholm nicht zu zählen.

Kommentare (4)

  1. #2 Moritz
    9. Oktober 2012

    Warum sollten Wilmut und Campbell einen Nobelpreis für Reprogramming bekommen? die haben nur das in Schafen wiederholt, was Gurdon 30 Jahre vorher in Fröschen gemacht hat. Außerdem nutzen die Leute um Dolly nicht einmal selbst mehr die serial nuclear transfer Technologie, weil sie auf Yamanakas Methode umgestiegen sind.

    Gallo hat völlig zurecht keinen Nobelpreis bekommen, weil dass was er entdeckt hat kein HIV war und er stattdessen Daten von Barré-Sinoussi geklaut hat, um die nicht-Entdeckung zu vertuschen.

  2. #3 Tobias Maier
    12. Oktober 2012

    Keith Campbell kann auch keinen mehr bekommen, er ist diesen Monat verstorben. Er wurde 58 Jahre alt.
    http://www.nytimes.com/2012/10/12/science/keith-campbell-cloner-of-dolly-the-sheep-dies-at-58.html?_r=0

  3. #4 knaxel
    14. Oktober 2012

    “Zunächst hat Gurdon mit der Reprogrammierung von Zellen durch Transkriptionsfaktoren, wie sie Yamanaka gelungen ist, wenig zu tun.”

    Das stimmt nicht ganz. Gurdon hat den Nobelpreis vor allem dafür bekommen, dass er gegen erheblichen Widerstand als erster die Hypothese formulierte, nach der ausdifferenzierte Zellen nicht ein für allemal festgelegt, sondern tatsächlich re- und umprogrammierbar seien. Genau das konnte er letztlich durch seine Froschkerntransfers belegen. Nicht umsonst sagte Yamanaka als Reaktion auf den Preis, dass seine Arbeit ohne diejenige Gurdons niemals möglich gewesen wäre. Gurdon zeigte, DASS Reprogrammierung geht — Yamanaka, WIE sie geht.
    Wilmut, Campbell und Co. haben dazu prinzipiell nichts Neues beigetragen.