Die Abteilung bei der Münchner Rückversicherung, die sich mit Naturkatastrophen befasst, hat einen hervorragenden Ruf auch als Forschungseinrichtung. Als ehemaliger Leiter dieses Bereichs ist Gerhard Berz wirklich umfassend gewappnet, über Ursachen und Auswirkungen von Naturkatastrophen zu berichten und möglichst umfassend auf effektive Vorsorgemaßnahmen hinzuweisen. Dies hat er in einem neuen Buch auch versucht, und es ist ihm von der Faktenbasis sehr gut gelungen. Von der Seite der Wissenschaftskommunikation aber finde ich das Buch misslungen.

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Zu jeder bekannten Art von Naturkatastrophe, also Erdbeben, Tsunamis, Vulkanen, Unwettern, Überschwemmungen, Kälte- und Hitzeereignissen gibt es ein eigenes Kapitel. Darin wird zunächst knapp die Art der Entstehung geschildert sowie die möglichen Auswirkungen. Dann gibt es ein Fallbeispiel, wie den Tsunami 2004 oder das Hagelunwetter von München, in dem die realen Auswirkungen dargestellt sind. Anschließend diskutiert Berz die Auswirkungen und die Vorsorgemaßnahmen, die man treffen kann; und darüber hinaus auch die Maßnahmen, die in Hinblick auf die Zukunft getroffen werden sollten.
Berz beschreibt die Problematik vor allem von seinem Standpunkt als Versicherer: Die Beschreibungen der Phänomene sind kompakt, aber recht umfassend. Er konzentriert sich aber vor allem auf die Darstellung der Auswirkungen. Er kritisiert, dass oft die baulichen Vorkehrungen und die Politik maßgeblich zu den steigenden Schäden durch Naturkatastrophen beitragen.

In einem Kapitel nimmt er sich dann der Auswirkungen des Klimawandels an. Während ich gut finde, dass er konsequent durch das Buch eine überzeugte argumentative Linie fährt und dies auch hier tut, wäre eine etwas bessere Darstellung der Unsicherheiten hier gut gewesen. Eigentlich ist in den vorigen Kapiteln in den Vorsorgeteilen schon jeweils auf die möglichen Verstärkungen durch den Klimawandel eingegangen worden. Ich habe den Eindruck, als hätten hier Verlag oder Editor noch ein angehängtes Zusatzkapitel verlangt, um “Klimawandel” auf den Titel schreiben zu können. Dieses Kapitel ist kein Gewinn für das Buch.

Ich könnte jetzt schließen mit den Worten, dass dieses Buch einen kompakten Einstieg in das Thema Naturkatastrophen gibt, und für alle lesenswert ist die sich gründlich mit dem Thema befassen wollen.
Aber mehrmals bemängelt Berz in seinem Buch, dass die “Halbwertszeit” der Erinnerung an Katastrophen so gering sei, dass man bauliche und politische Maßnahmen der Prävention unterschätze. Ich lese daraus, dass auch die Kommunikation dieses Themas ihm ein Anliegen ist, und da muss ich das Buch leider kritisieren, denn auf diesem Gebiet bietet es nichts. Kurz gefasst, scheint Berz zu denken, wenn man nur die Fakten auftischt, müssen alle erleuchtet werden, umkehren und Buße tun. Außerdem unterstützen die Bilder den Text nicht und umgekehrt. Es gibt fast nur Bilder von den Auswirkungen der Katastrophe, die Bilder werden aber im Text nicht erwähnt. Umgekehrt könnten Bilder die Erklärungen z.B. zum Entstehen der Ereignisse unterstützen.
Der Text übertreibt es besonders mit dem Auftürmen von Katastrophenszenarien. Das letzte Kapitel besteht darin, für verschiedene Regionen die Erde einfache alle möglichen Katastrophenszenarien bis 2050 aufzuschichten. Ich finde Angst schüren als Methode nicht gut geeignet, schon gar nicht in diesem Umfang.
Berz nutzt seine Chance nie, eine Geschichte zu erzählen. Halt, doch, am Anfang setzt er als Einleitung eine völlig überdrehte Geschichte um einen Beinahe-Kometeneinschlag und eine Situation in der sich alle rational verhalten. Aber danach kommt nichts mehr. Gerade die Fallbeispiele in jedem Kapitel hätten sich geeignet, um hier emotionalere Einzelgeschichten zu erzählen. Stattdessen zählt Berz wieder nur die Fakten auf. Wenn ich nicht schon mit dem Thema Naturkatastrophen vertraut wäre, hätten mich die Aufrufe von Berz eher abgeschreckt und schon gar nicht bewegt. Ich müsste dann nach diesem Buch sagen: So what? Berz hätte sich eine kleine Scheibe von Nichols Kristof abschneiden können, und wenigstens teilweise einen Zugang zum Leser finden sollen.
So kann ich das Buch zwar durchaus z.B. für Studenten in diesem Bereich empfehlen. In Sachen Kommunikation für den “Normalbürger” finde ich es nicht geeignet.

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Kommentare (1)

  1. #1 Webbaer
    02/16/2010

    Die Abteilung bei der Münchner Rückversicherung, die sich mit Naturkatastrophen befasst, hat einen hervorragenden Ruf auch als Forschungseinrichtung. Als ehemaliger Leiter dieses Bereichs ist Gerhard Berz wirklich umfassend gewappnet, über Ursachen und Auswirkungen von Naturkatastrophen zu berichten und möglichst umfassend auf effektive Vorsorgemaßnahmen hinzuweisen.

    Die Rückversicherer sind in ihrer Interessenlage nicht unparteiisch und produzieren dementsprechend Nachrichten, die hohe gesellschaftliche Kosten des Klimawandels prognostizieren.

    Das war übrigens schon so, als die “Eiszeit” die öffentlichen Klimadebatten bestimmte, auch hier war nach meiner Erinnerung die Rückversicherungsbranche bzgl. der öffentlichen Meinung am Werkeln.

    Was also ganz faszinierend ist, dass wir anscheinend im Moment das Klima haben, das die geringsten rückzuversichernden Schäden generiert, gell? Quel Zufall!

    MFG
    WB