2017 fiel dann von US-amerikanischer Seite der Hammer. In einem ersten Sanktionspaket blockierten die USA den Zugang zu US-amerikanischen Finanzmärkten. Da Erdöl weltweit im Wesentlichen in US-Dollar gehandelt wird und die USA ein wichtiger Finanzhandelsplatz sind, dessen sich auch viele Drittstaaten bedienen, verlor Venezuela damit massiv an Möglichkeiten, Erdöl zu exportieren. Aber Händler sind ja clever und wissen, wie man Sanktionen umgeht, deswegen brach der Handel mit den USA nicht ganz zusammen, sondern lief auf kleiner Flamme noch bis 2019 weiter. In diesem Jahr wurden in einem zweiten Sanktionspaket alle Geschäftsbeziehungen US-amerikanischer Firmen zur PDVSA verboten, die Vermögenswerte in den USA wurden eingefroren, Venezuela verlor nicht nur de jure, sondern de facto den Zugang zum US-Markt. Da die USA qua souveräner Machtvollkommenheit verlangen können, dass sich auch weltweit Staaten an die von ihnen verhängten Sanktionen halten, bedeutete das für Venezuela bedeutend mehr, als nur den Verlust des Zugangs zum US-Markt.

In dieser Situation öffnete der Drache ein Auge. China, schon zuvor wichtiger Handelspartner, steigerte seine Importe und Venezuela damit den Anteil von Exporten. Bis 2025 auf etwa 50 %. Die Hälfte allen Öls auch Venezuela ging nach China. Für China war das ein goldenes Geschäft: Venezuela war in die Abhängigkeit gebracht – die 50 % Ölexporte nach China stellten ca. 40 % der venezulanischen Staatseinnahmen dar – und da der Import nur 1 % der gesamten Chinesichen Importe ausmachte, war die chinesische Wirtschaft so gut wie gar nicht exponiert.

Den USA war das ein Dorn im Auge, denn 1. wurde das Öl in chinesischen Yuan gehandelt und damit der Petrodollar weiter geschwächt, 2. Chinas Position durch günstige Importe gestärkt, 3. Maduros Macht als Diktator von Venezuela gefestigt, 4. Die Sanktionen untergraben, da auch Drittländer über China einen gewissen Zugang zu Öl aus Venezuela erhielten.

Das alles stinkt schon nach dem Vorspiel zu US-amerikanischem Interventionalismus, aber ganz so einfach ist es auch nicht, denn im Kielwasser aller Schocks und Sanktionen hatten zwischenzeitlich auch die US-amerikanischen Unternehmen sich verändert. Und die Art und Größe dieser Veränderungen machen, aus wirtschaftlicher Sicht, eine Intervention wie z.B. in den 1980er Jahren während der Bananenkriege, unattraktiv.

Zunächst ist wichtig: die weggefallenen Importe des schweren, sauren Öls aus Venezuela konnten durch das inländische leichte, süße Öl nicht aufgefangen werden. Das ist die Krux: Öl ist nicht gleich Öl.

Da trat dann Kanada auf den Plan. Von jeher ein großer Produzent, bot sich eine exzellente Gelegenheit, die Produktion aus Ölsanden, die technisch aufwändig, verhältnismäßig teuer ist und schweres, saures Öl produziert, auszuweiten und, entschuldigt mein Hochdeutsch, aus Scheiße Gold zu machen. Zwischen 2019 und 2025 stieg die Produktion Kanadas um etwa 25 % bzw. 1 Mio. Barrel pro Tag. Genug, um den Wegfall Venezuelas zu kompensieren. Praktisch alles wurde in die USA exportiert und in den Raffinieren am Golf verarbeitet.

Das machte umfangreiche Investitionen von Staat und Unternehmen notwendig. Es gibt keine akkumulierten Daten, aber Einzelprojekte wie Pipelines lassen darauf schließen, dass US-Unternehmen seit 2019 > 10 Mrd. USD in Infrastruktur investiert haben. Außerdem haben US-Unternehmen ihre Beteiligung an Kanadischen Unternehmen erhört. In 2018 hielten sie etwa 38 % aller Anteile, in 2024 waren es 59 %. Die Kanadische Ölindustrie ist in diesem Zeitraum von ca. 280 auf 320 Mrd. USD gewachsen. Das lässt darauf schließen, dass US-Unternehmen etwa 80 Mrd. USD investiert haben, um sich Rechte und Cashflow zu sichern. Insgesamt dürfte mit allem dran und drum, den Selbstverwaltungskosten, den Anbahnungskosten, etc. die Gesamtsumme nördlich von 100 Mrd. USD sein. Zinsen und Opportunitätskosten nicht mitgerechnet.

Würde von einem Tag auf den anderen wieder Öl aus Venezuela fließen, stünde der Sinn dieser Investitionen zur Disposition. Würden die US-amerikanischen Ölunternehmen durch die Regierung gedrängt oder gar gezwungen, Öl aus Venezuela abzunehmen, wären die Investitionen in Kanada buchstäblich in den Sand gesetzt. Wortspiel intendiert. Kapitalbindung schafft Pfadabhängigkeiten. Kein Unternehmen schreibt leichtfertig ein Mal gemachte Investitionen ab.

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