Das ganze ist jetzt schon kompliziert genug, aber es wird noch besser, wenn man diese Geschehnisse in den Weltmarkt einordnet. Mengenmäßig wächst er weiter und liegt nach dem Covid-bedingten Einbruch der frühen 2020er mit ca. 100 Mio. Barrel pro Tag etwas höher als das Niveau von 2019. Der Ölpreis aber liegt Anfang 2026 nominal (d.h. nicht inflationsbereinigt, sondern in absoluten Geldeinheiten) für WTI auf dem Niveau von 2021, für Brent und Murban 2022. Es gibt zurzeit keine Meldung, dass die OPEC-Staaten ihre Produktion drosseln und die kleineren Produzenten müssen produzieren, weil für sie Erdöl zu den bedeutendsten Einnahmequellen gehört. Weder die US-amerikanische Intervention in Venezuela mit ihren Ripple-Effekten noch die Unsicherheit über eine Intervention im Iran, wo gerade die jüngsten Proteste blutig niedergeschlagen wurden, hatte bisher besonders große Auswirkungen. Der Ölpreis bewegt sich im Rahmen der üblichen jahreszeitlichen und konjunkturellen Schwankungen. Öl ist zurzeit günstig und reichlich vorhanden und der Bedarf wird vorerst keine Sprünge nach oben machen.

Denn weltweit kühlt sich die wirtschaftliche Entwicklung in der klassischen Produktion ab. Das heißt nicht, dass sie sinkt, aber das Wachstum wird kleiner oder stagniert gar.

Währenddessen: China macht… Energie…

Während in Deutschland über hocheffiziente Verbrenner debattiert wird, ohne dass die Regierung genau sagen könnte, was damit gemeint ist, aber damit durchkommt, weil nur der kleinste Teil der Bevölkerung je vom Herrn Carnot gehört hat, flutet China den Weltmarkt mit günstigen PV-Modulen, der dazu nötigen Infrastrukturtechnik, günstigen Elektroautos, greift den Markt für große on- und offshore-Windenergieanlagen an und hat die Technologieführerschaft für Speichertechnologie. Das sind die Früchte konsequenter Industriepolitik und staatlicher Förderung, die laut Bundesregierung nach konservativer Schätzung für das letzte Jahr 1,73 % des BIP und damit das ca. 4-Fache des Vergleichswerts für Deutschland (0,41 %) betrug. Quelle dieser Zahl ist eine Publikation des Kiel Instituts für Wirtschaft, in der Autoren ausdrücklich darauf hinweisen, dass es nur um direkte Zahlung geht. Steuervorteile, subventionierte Energie, etc. kommen oben drauf.

Die westlichen Industrien, bisher immer mit einem Forschungs-und-Entwicklungs-Vorteil gegenüber China spielend, finden sich zum ersten Mal nicht nur kostentechnisch, sondern entwicklungstechnisch im Hintertreffen und müssen darauf reagieren. Das tun sie auch. Überall in Europa laufen Projekte zur Förderung und Raffination wichtiger Ausgangsstoffe, von Produktionsanlagen, etc. Große fossile Projekte verfolgt aber meines Wissens nach niemand mehr. Das hat Auswirkungen auf den globalen Ölmarkt.

Herman Kahn beschreibt in On Thermonuclear War eine Reihe von Szenarien, die das Gleichgewicht der Abschreckung stören können. Eins davon heißt The Americans/Soviets solve a problem. Das war’s, ganz simpel. Ohne genau zu sagen, was das Problem ist, denn das muss er gar nicht. Die Botschaft ist, dass es manchmal technologische Sprünge gibt, die ein althergebrachtes System aus der Bahn werfen können. Was für die Theorie der Abschreckung richtig ist, gilt im Wirtschaftsleben doppelt.

Ein einfaches Beispiel: 1984 war Commodore International der Weltmarktführer für Heimcomputer (die Vorläufer des PC). 1994 war die Firma so gut wie Bankrott. Was war geschehen? In einfachen Worten: Die Konkurrenz hatte Probleme gelöst, die Commodore nicht lösen konnte. Besseres Management, besserer Produktfokus, besseres Marketing, bessere Hardware-Kosten – die Gründe sind in der Wirklichkeit nie monokausal, aber sie laufen immer darauf hinaus, dass manche Akteure Probleme lösen, die andere nicht lösen können und sich dadurch Kräfteverhältnisse verschieben.

Die entscheidende Frage scheint mir nicht zu sein, ob erneuerbare Energien „besser“ sind, sondern was mit einem Markt passiert, wenn ein alternatives System schneller billiger wird, als das alte sich verteuern kann – oder ganz konkret: Wird global Erneuerbare Energie und Elektromobilität schneller Ölbedarf wegbrechen lassen als die Ölförderung gedrosselt werden kann und schwächt das nicht die ohnehin schon schwache venezuelanische Ölindustrie? Die Antwort zurzeit scheint zu sein: ja.

…und die US-Öl-Unternehmen?

Die halten sich zurück.

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