Heute kann man alle naslang lesen, dass Nahrungsergänzungsstoffe ungesund sind und lebensverkürzend wirken. Eine seltsam anmutende Theorie, die von Wissenschaftlern dennoch nicht ganz unbeachtet werden kann, da die Ergebnisse in der Cochrane Library veröffentlicht sind.


Muss man sich also Sorgen machen, wenn man Vitaminpräparate einnimmt? Immerhin berechnete der serbische Forschergruppenleiter Goran Bjelakovic mithilfe eines kleinen statistischen Tricks (20 Studien wurden einfach vom Ergebnis ausgeschlossen), dass die Einnahme von:

Vitamin A die Sterbewahrscheinlichkeit um 16% erhöhte
Betakarotin die Sterbewahrscheinlichkeit um 7% heraufsetzte und sogar das vermeintlich harmlose
Vitamin E ein verkürztes Leben um 4% wahrscheinlicher machte.

In dem Zusammenhang scheint es regelrecht erfreulich zu sein, dass Vitamin C und das Spurenelement Selen nicht krankheitsverschlimmernd wirkten (aber auch nicht lebensverlängernd).

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Also: Muss man jetzt alle Vitamintabletten wegschmeißen?

Nein, denn die Studie ist nichts als Wissenschaftspopulismus. Das sage übrigens nicht ich, sondern das sagte Hans Konrad Biesalski, Ernährungsmediziner der Universität Hohenheim.

Und zwar bereits am 07.03.2007 (!) in den Uniprotokollen. Hier nachzulesen.

Und wer den Link nicht anklicken will, für den hier kurz zusammengefasst:
Biesalski sagte:

  • Die Goran-Studie hat große statistische Mängel.
  • Ein Überschuss an Vitaminen hilft gesunden Menschen nicht, schadet aber auch nicht.
  • Kranken Menschen helfen die sogenannten Antioxidanten, das bestätigt auch die Studie.
  • Für die Allgemeinbevölkerung besteht kein Grund zu erhöhten Sicherheitsbedenken, wenn sie Antioxidanten ( Vitamin C und E, Betakarotin und das Spurenelement Selen) einnimmt.

Wenn man ganz genau ist, hat Biesalski das zwar über die Originalstudie im JAMA gesagt, die gibt es hier.

Aber in der Cochrane Library steht im Prinzip dasselbe, mit dem einzigen Unterschied, dass eine Studie ausgelassen wurde (67 statt 68 Studien).

Soll ich noch schreiben, dass wieder alle reingefallen sind:
Focus, Tagesspiegel, Bild, etc

Kommentare (6)

  1. #1 zettmann
    April 18, 2008

    Mit Verlaub, Herr Artmann,

    Ihre Belustigung über die gedruckten Medien in Ehren, aber Sie gehen kaum anders (im Sinne von kritischer, differenzierter, überlegter, kenntnisreicher) vor als die Kollegen, die Sie kritisieren. Sie sind eben nur auf den erfahrenen Vitamin-Lobbyisten Biesalski reingefallen.

    Über mögliche Risiken der Vitamin-Überdosierung (und darum geht es nämlich!) lässt sich gegenwärtig sicher trefflich streiten. Die Datenlage scheint anfällig für Ideologie und Glauben. Doch: Wer braucht das Nahrungsergänzungszeugs, wenn man sich ausgewogen ernährt? Mehr als eine bestimmte Menge vermag der Körper ja eh nicht zu verarbeiten.

    Darauf bleiben Leute wie Biesalski eine Antwort schuldig. Die Lebensmittelindustrie freut sich kringelig, dass der Verbraucher meint, viel hilft viel – und alles in seinen Einkaufskorb legt, wo draufsteht, “plus Vitamine”. Dass Vitamine einfach als Konservierungsstoffe dienen und eben noch völlig unklar ist, wie sich solchermaßen erhöhte Dosen auswirken, sagt der Lobbyist nicht. Ich halte es auf jeden Fall wissenschaftlich für sehr fragwürdig, wenn einer gegenwärtig Risiken bei Überdosierung kategorisch ausschließt.

  2. #2 Beatrice Lugger
    April 19, 2008

    @peter. Ich schließe mich den Worten von zettman an. Es gibt wirklich schon lange zahlreiche Studien, die belegen, dass Überdosierungen bestimmter Vitamine durchaus zu Schäden führen. Es ist schon eher sehr verwunderlich, dass sich bei vielen bis heute die Mär hält, man könne Vitamine schlucken ohne jede Bedenken. Was zuviel sei, werde ausgeschwemmt. Das ist mit vielen nicht der Fall. Die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Hunderte Studien ausgewertet wie ich mal hier geschrieben habe und nimmt dies auch sehr ernst. Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Du selbst nennst netter Weise auch gerade jene, von denen empfohlen wird, sie etwa als Lebensmittelzusätze zu verbieten.

  3. #3 Peter Artmann
    April 22, 2008

    Also Goran schreibt doch gar nicht explizit über Überdosierung, sondern hat relativ “normale” Studien ausgewertet und gibt in dem Sinne auch keine Empfehlung über Dosierungsgrenzen, sondern berechnet allgemeine Gefahren und das Ganze sogar dosisunabhängig.

    Deshalb finde ich den Einwand über den “Vitamin-Lobbyisten Biesalski” schwerwiegender.
    Klar ist der Mann Antioxidanten-Experte und trotzdem hat er natürlich eine private Meinung und hält gar nichts davon, wenn sein Lieblingsfeld von irgendwelchen ausländischen Forschern beschmutzt wird.

    Im Zweifelsfall ist er immer pro. Bleibt trotzdem Fachmann und Experte.

    Heißt natürlich, dass es nirgendwo auf der Welt “echte Wissenschaft” geben kann, solange Menschen daran beteiligt sind.

  4. #4 Markus Look
    April 28, 2008

    Erstens heisst es nicht Goran-Studie, sondern wenn, dann Bjelakovic et al.-Meta Analyse. Goran ist der Vornahme des serbischen Autors.
    Zweitens ist das Toschlagargument des Vitamin Lobbyismus bei Biesalsky vollkommen abwegig.
    Drittens stimmt es, dass die Publukimspresse in D-Land wieder reingefallen ist und dabei tut sich die Süddeutsche Zeitung immer besonders inkompetent hervor incl. meines Kollegen Bartels.
    Dass die Cochrane Fdt. so dreist ist im März/April 2008 die neue alte Review aus 2007 einen Monat, nachdem Bjelakovc und die Gluuds ein langes Erratum im JAMA publizieren mussten, zu bringen ist erschütternd. Ich hatte im August 2008 eine Mail an den sen. Editor des JAMA geschickt und gefragt, ob die falschen Zahlen, die Bjelakovis zu Brown Studie verwandt hatte, bekannt seien.
    Erst darauf hin kam das Erratum mit Verspätung:
    Erratum in:
    JAMA. 2008 Feb 20;299(7):765-6

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17327526?ordinalpos=11&itool=EntrezSystem2.PEntrez.Pubmed.Pubmed_ResultsPanel.Pubmed_RVDocSum

    Die Studie neben diesem factual error hat derart viele methodologische Mängel, dass sie in Fachkreisen nicht ernst genommen wird. Prof. Hasford Uni München hat dies auf einem Workshop in 2007 schon einmal sehr gut dargestellt.
    http://www.vitaminforschung.org/index.php?option=com_content&task=view&id=10&Itemid=22&lang=de

    Wenn hier wieder mal das Totschlagargument (die GVF, die den Workshop veranstaltet hat erhält funding von Suplemente Herstellern) her genommen wird, i. e. dass Befürworter und Berater der “Vitamin” Industrie per se unglaubwürdig sind , sollte man einmal das Gedankenexperiment machen, was wäre wenn Bjelakovic und Gluud und auch das BfR wirklich falsch lägen und sich in eine hyperkritische Einstellung hinein gesteigert haben und auf ihrem eigenen Anti-Supplemente Kreuzzug sind. Der Unterschied ist nur, dass alle incl. die meisten med.-wiss. Journalisten einfach denken: Oh toll Cochrane BfR und JAMA das muss ja alles stimmen. Wenn sie dann noch nicht einmal wissen, was eine Meta-Anaylse ist (und wo die großen Schwächen und Manipulationsmöglichkeiten hier sind), haben wir die aktuelle Situation in der Publikumspresse erklärt. Der Leser und Verbraucher wird fehlinformiert. Was wäre also, wenn die Studie aus fachlichen Gründen wirklich wertlos ist?
    Wir brauchen mutige und kritische Med.-Wiss Journalisten, die dialektisch denken und nicht nur vom „Ich-der-Verbraucherschutz-Journalist/RobinHood-warne-die-Bevölkerung-vor-den-gierigen-Vitaminpillenverkäufern-und-fühle-mich-total-gut-dabei-Selbstverständnis leben. Insofern dem Blogbetreiber ein Lob.
    Grx.
    ML

    Disclaimer: ich berate neben einer ärztlichen Tätigkeit unabhängig und gegen Honorar Hersteller von Mikronährstoffpräparaten in wissenschaftlichen Dingen.

  5. #5 Peter Artmann
    Mai 5, 2008

    Hi Markus,
    vielen Dank für den aufschlussreichen Kommentar, die Richtigstellung und das Lob …

    Da will ich gar nichts mehr zufügen.

  6. #6 Christiane
    Mai 8, 2008

    “Der menschliche Organismus unterscheidet weder bei der Aufnahme noch im Stoffwechsel zwischen isolierten Vitaminen in Supplementen und denen aus Lebensmitteln.”
    Diesen Satz fand ich im von dir verlinkten Quellenmaterial. Er steht allem entgegen, was ich bisher aus vielen anderen Quellen lesen konnte, die regelmäßig darauf hinweisen, dass das Ganze mehr ist als die Teile und in realen Pflanzen jede Menge Spurenelemente und andere “Begleitstoffe” sind, die zur gesundheitsfördernden Wirkung des Lebensmittels beitragen. Wem soll ich glauben und warum?
    Ich bemühe also meinen gesunden Menschenverstand und sage mir: was einen ewig langen Evolutionsprozess hinter sich hat und seit Generationen von Menschen gegessen wird, ist im Zweifel unschädlicher als das, was Wissenschaftler als Einzelstoff da heraus destillieren und separat zur Einnahme empfehlen. Auch die Alte Weisheit, nach der die Wirkung immer eine Frage der DOSIS ist, hilft dabei, sich nicht mit allzuviel “Ergänzungsmitteln” zu belasten, denn damit erreicht man sehr schnell eine “zuviel”, was per normalem Essen gar nicht möglich ist.